Zettelkasten


Der Nachtalb

Er kauert auf dem schmalen Sims des geöffneten Fensters, ein schwarzer undeutlicher Schatten nur, in dessen Gesicht, oder dem, was ein Gesicht sein könnte, zwei riesige gelbe Augen den Schein des vollen Mondes widerzuspiegeln scheinen.
Keine Bewegung verrät seine Anwesenheit, kein Geräusch, sei es auch noch so leise, stört die Stille der Nacht.
Unverwandt blickt das Wesen auf die Schlafenden in ihren Betten, wartet mit der Geduld dessen, der keine Zeit kennt, bis seine Chance kommt. Er kennt sie genau, die Zeichen: die ausgebreiteten Arme, die verrutschte Decke, der weit geöffnete Mund, die tiefen Atemzüge, das gleichmäßige Heben und Senken der Brust.
Als der Moment da ist, gleitet der Nachtalb ins Zimmer, es ist, als werde die Dunkelheit dichter, fast greifbar, die Luft getränkt wie von schwärzester Tinte.
Er verharrt am Fußende des Bettes, reglos, und beobachtet die Schläfer.
Würden der Mann, die Frau, das Kind jetzt wach, sähen sie vielleicht eine Silhouette sich abzeichnen vor dem nur wenig helleren Quadrat des Fensters, in dem ein spinnwebdünner Vorhang sich zart im Wind bewegt. Doch noch niemals ist es passiert, dass ein Mensch den nächtlichen Besucher sah.
Langsam, unendlich langsam wächst die Schwärze, kriecht in jede Falte des Lakens, breitet sich auf der Decke aus, flutet in jede Ecke des Raumes.
Schweißtropfen perlen nun auf der Stirn der Träumenden, ihr Atem wird schneller, die Lider flattern, könnten sie doch die Augen öffnen! Könnten sie doch entfliehen! Doch es gibt kein Entkommen, schon steigen Schreckensbilder aus der Finsternis auf, der Nachtalb hat sie gerufen und sie kommen zu ihm ohne Zahl, um ihm zu dienen.


Abschied

Sie hebt die Scherben vom Boden auf, jede für sich, hält sie ins Licht der Sonne. Die Welt sieht anders aus an jenem Morgen, wie geläutert durch das zerbrochene Glas.
Schon verschwindet die Erinnerung an die Zeit mit ihm, was bleibt, ist ein verschwommenes Bild seines Gesichtes das sie glaubte zu kennen, der ferne Klang seiner Stimme die sie liebte, die Spur seines Duftes, vertraut und gut.
Tautropfen in ihren Augen, salzig wie das Meer. Sie lacht der Einsamkeit entgegen, empfängt sie mit weit ausgebreiteten Armen, nimmt sie mit sich; doch als sie sie nicht mehr tragen kann, kehrt sie ihr den Rücken zu und geht ihres Weges.


Ich höre die Cello-Suiten von Bach, gespielt von Casals. Diese Musik ist wie der Blick durch ein offenes Fenster in eine blaue Weite; sie ist klar und leidenschaftlich, sie ist äußerste Konzentration, sie lässt den Gedanken Raum.


Einst sah ich ein Wesen, das war schön und geheimnisvoll. Es huschte zwischen den grünen Blättern des verzauberten Haselbuschs in meinem Garten hindurch. Meine Augen sagten mir, dass es durchscheinend sei wie Glas, meine Ohren vernahmen Musik, silbrig und vibrierend, meine Haut spürte eine Berührung, so zart, kaum merklich, nur ein Hauch, doch die Härchen in meinem Nacken erzählten mir davon.
Die Luft trug den Duft des Frühlings.
Das Wesen entschwand meinem Blick und mein Herz wurde schwer, denn ich wusste, dass die Magie aus der Welt verschwunden war.
Seitdem gehe ich in den Garten, abends, wenn das Licht des Tages den Schatten der Nacht weicht und die Tür zum Verborgenen einen Spalt geöffnet ist. Ich setze mich auf die alte blaue Bank, die unter dem Haselbusch steht und warte auf das, was nie mehr passieren wird.


Stimmen
Töne
konservierte Zeit
konservierte Zeit?
grausam
schön
was bleibt?
Leben nur eine Aneinanderreihung von Momenten
schöne – schreckliche
Ist Leben so banal?
Ich esse aufgewärmte Nudeln und höre einem Toten zu
Erinnerung wirft Erinnerung durcheinander
wann denke ich daran,
dass der Moment den ich erlebe
der letzte sein kann?
Endlich
unendlich
nie.

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Ein Gedanke zu „Zettelkasten

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