Der Vogelmann

Fragmente eines nie zu Ende erzählten Rollenspiel-Abenteuers aus dem Universum des Ctulhu-Mythos von H.P.Lovecraft


Unwillig schaut er auf. Nicht jetzt! Nicht raus in diese Hitze, die fast greifbar in den Straßenschluchten hängt und gnadenlos jeden, der sich hinauswagt, zu ihrem Opfer macht, das in der vergeblichen Hoffnung, nicht entdeckt zu werden, an die Hauswände gedrückt von Schatten zu Schatten schleicht.
Doch er weiß, dass er dieser Aufforderung nachkommen muss. Wenn die Herren vom Amtsgericht rufen, ist das keine Bitte, sondern ein Befehl.
Ohne sich zu Riegler umzudrehen brummt er deshalb nur ein „Ja, ich komme gleich!“, und wendet sich wieder seinem Präparat zu. Vorsichtig legt er es in einen Behälter mit Formalin. Der Tote wird warten, wie ja überhaupt die Toten selten ungeduldig sind. Das ist es, was er an ihnen neben ihrer Schweigsamkeit besonders schätzt. Seufzend zieht er das Tuch über den Körper. Chajm Saenger achtet immer darauf, respektvoll mit den ihm anvertrauten Leichen umzugehen; er verabscheut diese Art Mediziner, die nur noch einen Hautsack gefüllt mit Organen vor sich sehen, den es zu sezieren gilt.
Für ihn ist jeder Tote wie ein Buch, und ein guter Pathologe ist der, der geduldig Kapitel für Kapitel liest, bis er die ganze Geschichte kennt.
Er wäscht sich die Hände, hängt seinen Kittel an den dafür vorgesehenen Haken und greift zu der schwarzen Jacke, die er unnötigerweise am Morgen übergezogen hat.
Beim Hinausgehen weist er den Burschen, der ihm beim Sezieren zur Hand geht an, die Leiche zurück in den Kühlraum zu bringen. Er wird heute wohl kaum noch mit seiner Arbeit hier fortfahren können, und selbst hier unten im Keller des Spitals ist es wärmer als gewöhnlich.
Er nickt Riegler stumm zu und geht fast widerstrebend die Treppe nach oben.
Als er das Krankenhaus verlässt, empfängt ihn gleißendes Tageslicht und brütende Hitze. Er überlegt einen Moment, ob er einen der Fiaker heranwinken soll, aber dann entscheidet er sich, zu Fuß zu gehen. Das gibt ihm Zeit, sich auf die Gesellschaft des Amtsarztes einzustellen, der ihn zweifellos bereits erwartet.


Wenn man ihn die Straße entlanggehen sieht, würde man ihn für älter halten, als er ist. Sein schon stark gelichtetes, dunkles Haar, die mal ernst, mal spöttisch blickenden Augen, die hinter den in der Sonne stark reflektierenden Brillengläsern kaum zu sehen sind, sein Gesichtsausdruck, der wenig von dem preisgibt, was hinter der hohen Stirn passiert, all das zusammen mit der dunklen Kleidung, die nicht direkt ungepflegt wirkt, aber davon zeugt, dass ihr Träger nicht allzu viel Wert auf sein Äußeres legt, könnte einem zudem zu dem Schluss gelangen lassen, dass man es mit einem der unzähligen Künstler und Bohemiens zu tun hat, die die Kaffeehäuser Wiens bevölkern.
Da ihm aber der Eindruck, den er bei anderen hinterlässt völlig gleich ist, ja er ihn meistens nicht einmal bemerkt, sieht er keinen Anlass, an seinem Äußeren etwas zu ändern.
Chaim stammt aus dem ehemals österreichischen Böhmen, kam mit seinen Eltern aber bereits im Jahre 1905 nach Wien.
Als 1914 der Krieg begann, hatte er gerade seine erste Stelle als Arzt im Rothschild-Spital im 9. Bezirk angetreten. Kurz darauf wurde er einberufen und erlebte den Krieg als Stabsarzt in verschiedenen Lazaretten hinter den häufig wechselnden Fronten. Was er dort sah, hat nicht unerheblich zu seinem heutigen Charakter beigetragen. Zuerst verlor er seinen Glauben an die Menschen, dann den an seinen Gott. Eine Synagoge hat er seit Jahren nicht mehr von innen gesehen.
Das Jahr 1925 findet ihn im Allgemeinen Krankenspital im Alsergrund. Sein Reich sind die verschlungenen Gänge und Keller, die kaum ein Besucher jemals und wenn doch, dann nie ohne guten Grund betritt. Hier befindet sich die Pathologie, wo er seit 1919 arbeitet, der Ort, an dem er in Gesellschaft der Toten so etwas wie Frieden findet, ein Gefühl, das ihm in Gesellschaft der Lebenden verwehrt ist.
Die Schrecken des Krieges und eine Verletzung die er sich in den letzten Kriegstagen zugezogen hat sind verantwortlich für seine Morphinsucht. Bisher hat er es mit eisernem Willen geschafft ihr nicht vollständig zu erliegen. Nachdem der unkontrollierte Gebrauch und das Verschreiben von Opiaten allerdings 1921 verboten wurden, wurde die Beschaffung der Droge selbst für ihn als Arzt immer schwieriger und kostspieliger, weshalb er irgendwann für einen Nebenverdienst sorgen musste. Seitdem führt er in seiner Wohnung im Karmeliterviertel heimlich Abtreibungen durch, ein durchaus lukratives, wenn auch nicht risikoloses Geschäft.
Wer ihm nun vorwirft, ein gewissenloser Zyniker zu sein, tut ihm unrecht; eher ist er ein von seinen persönlichen Gespenstern gehetzter Mann, sensibel und durchaus mitfühlend, was er aber meist hinter einer Maske aus Spott oder Ironie verbirgt. Die Tatsache, dass er Frauen aus ihrer Not hilft, ruft keinerlei moralische Bedenken bei ihm hervor, ist er doch überzeugt, dass man in diese Welt voller Grauen nicht guten Gewissens neue Menschen setzen kann.


Der Professor Haberda in höchsteigener Person, interessant. Chajm hat schon einiges von ihm gehört, obwohl er noch nicht persönlich mit ihm zusammengearbeitet hat. Scheinbar kein schlechter Mann, einer, der sich nicht zu gut ist, selber Hand anzulegen obwohl er in der Hierarchie des Spitals recht weit oben steht, zumindest, was die Gerichtsmedizin betrifft. Die Tatsache, dass man ihn, Saenger, nur aus dem Grund hinzuzieht, dass in der Forensik einige Leute erkrankt oder in Urlaub sind, lässt ihn gleichgültig. Er neigt nicht zur Eitelkeit, folglich kann man diese nicht verletzen. Bis zu dem Zeitpunkt, als der Leiter der Gerichtsmedizin selbst ihn in Empfang nahm, hatte er nur einen Wunsch: möglichst schnell wieder zu seiner Arbeit im Keller zurückzukehren. Doch nun verspürt er eine gewisse, wenn auch matte Neugier. Er nickt höflich zur Begrüßung. „Habe die Ehre, Herr Professor. Natürlich bin ich gerne behilflich, wenn Not am Mann ist.“ Seit wann schleime ich so? denkt er sich, noch während er spricht. Aber ein bisschen Konversation muss wohl sein, auch wenn es dir zuwider ist. „Forensische Toxikologie, Herr Professor, ist vielleicht nicht mein Fachgebiet aber mein Steckenpferd, könnte man sagen.“
Er folgt dem anderen zur Umkleide, hängt seine Jacke in einen der Spinde, warum habe ich bei dieser Hitze nur meine Jacke mitgenommen, und greift zu einem der bereitliegenden Kittel.
„Worum geht es, wenn ich fragen darf?“ Er beginnt seine Hände zu waschen, vielleicht etwas gründlicher als nötig.

Ein fast unmerkliches Lächeln huscht über Saengers Gesicht. „Ja, ich kenne Ihr Grundlagenwerk zum Thema, tatsächlich steht es sogar in meinem Bücherregal.“ Mehr hält er nicht für nötig dazu zu sagen, er will Haberdas Intelligenz nicht mit überflüssigen Schmeicheleien beleidigen.
Stattdessen tritt er an den Seziertisch und mustert den Toten mit sachlichem Interesse. „Sie erwarten nicht, dass ich Ihnen sage, wie der Mann gestorben ist, nehme ich an.“ Im selben Moment, in dem die Bemerkung gefallen ist, schämt er sich bereits für diesen billigen Scherz, der einzig dazu diente, Distanz zwischen sich und dem Schrecken zu schaffen, den er verspürt. Man könnte annehmen, dass er nach den unzähligen Toten und Verwundeten des Krieges abgestumpft ist, aber es will ihm einfach nicht gelingen, angesichts der Brutalität des menschlichen Daseins gleichgültig zu bleiben.
„Wo wurde er gefunden?“ Er beugt sich über den Körper, nimmt einen ungewöhnlichen, unangenehmen Geruch wahr, sein Blick wandert von dem, was vom Kopf noch übrig ist, langsam hinunter bis zu den Füßen und wieder zurück. Er betrachtet eingehend den Unterkiefer. „Nach den Zähnen und dem ziemlich traurigen körperlichen Allgemeinzustand der Leiche zu urteilen handelt es sich hier um eine der vielen erbarmenswerten Kreaturen, die heutzutage ihr trostloses Dasein in dieser Stadt fristen müssen. Wann haben Sie ihn gefunden und wissen Sie schon den Todeszeitpunkt?“
Es ist anzunehmen, dass der Tote schon geraume Zeit in der Kühlkammer verbracht hat, die Leichenstarre ist bereits wieder verschwunden. Chajm hebt vorsichtig Schulter und Hüfte an. Auf der Rückseite sind reichlich Leichenflecken zu finden, ein Zeichen dafür, dass der Körper nach dem Eintritt des Todes auf dem Rücken lag.
„Haben Sie die Wundränder gesäubert? Ein sauberer Schnitt, durchaus professionell ausgeführt. Wurden die fehlenden Teile gefunden?“ Er betrachtet eingehend Hals, Hände und Füße, dann Achselhöhlen und Leistengegend.
„Mir ist nicht ganz klar, wozu ich hier bin. Todesart ist offensichtlich; wenn Sie nur eine Bestätigung brauchen, die unterschreibe ich jederzeit.“

Chajm nimmt den Tadel hin, er hat ihn sich wohl verdient. Ohne noch etwas zu erwidern, zieht er den kleinen Rolltisch mit dem medizinischen Besteck heran, greift zum Skalpell und macht sich an die Arbeit. Wie immer beginnt er mit einem sauberen Y-Schnitt, ausgehend von den Schlüsselbeinen zum Sternum, von dort zentral abwärts bis zum Schambein. Die Organe liegen nun offen vor ihm und er inspiziert sie zuerst einmal, sich im Geiste Notizen machend, nach von außen sichtbaren Veränderungen. Dann entnimmt er, beginnend mit dem Herz, vorsichtig Organ für Organ und legt jedes einzeln in eine dafür bestimmte Metallschale.
Zuletzt beginnt er, wieder mit dem Herz, mit der eigentlichen Arbeit: Organ für Organ zu sezieren.
Er will sich gerade der Lunge zuwenden, als seine Hände unkontrolliert zu zittern beginnen und kalter Schweiß auf seiner Stirn erscheint. Bitte nicht jetzt! Aber er ist da, der Affe, und Chajm zu keinem weiteren sauberen Schnitt mehr fähig. Beklommen schielt er zu Haberda hinüber, der über den Schädelrest des Toten gebeugt ist.
„Entschuldigen Sie mich bitte für einen Augenblick, Herr Professor. Die Hitze macht meinem Kreislauf leider schwer zu schaffen. Ich bin sofort wieder zurück.“ Mit diesen Worten flieht er in den Waschraum, wo er sofort den Wasserhahn aufdreht und zuerst Hände und Unterarme unter den kühlen Strahl hält. Er reinigt sie erneut und benetzt sein Gesicht mit Wasser, um die Schweißperlen auf seiner Stirn abzuwaschen. Dann wankt er zum Abort, schließt die Tür hinter sich und lehnt sich immer noch zitternd an die Wand. Nimm dich zusammen, Saenger! Ein interessanter Fall, und du machst schlapp! Wütend haut er mit den Fäusten gegen die Wand, bis es schmerzt. Das lenkt ihn von seinem Zustand ab und er wird wieder etwas ruhiger. Nur noch eine halbe Stunde, dann bist du damit durch redet er sich selbst zu, schafft es aber nicht, in den Saal zurückzukehren sondern sinkt kraftlos auf den Toilettendeckel.
Irgendwann ist er wieder so weit, aufstehen zu können. Zwar zeigen sich schon wieder Schweißperlen auf seiner Stirn, aber das kann er mit der Hitze begründen. Das Zittern hat zumindest vorläufig nachgelassen, aber er weiß, dass es wiederkommen wird, schlimmer als zuvor.
Er geht auf den Gang hinaus. Eine Ausrede, irgendetwas, er muss zurück in seinen Keller, zu seinem Spind…
Er nimmt all seine noch verbleibende Kraft zusammen und kehrt zurück zum Obduktionsraum. Sich mit einem Taschentuch die Stirn wischend, bleibt er in der Tür stehen. „Es tut mir Leid Herr Professor, ich fürchte, ich brauche einen Kaffee. Geben ´S mir bitte eine Viertelstunde.“ Er hofft, dass der Arzt nicht allzu genau hinsieht und ihm seine Geschichte abnimmt.

„Danke, sehr großzügig.“ Chajm hängt seinen Kittel an einen Haken und stürzt, die Jacke vergessend, hinaus. Draußen ist es inzwischen noch heißer geworden, der Weg zurück erscheint ihm endlos; das Zittern ist wieder da, schlimmer als zuvor.
Im Keller angekommen geht er geraden Wegs in den kleinen Raum, der ihm als Schreibzimmer dient, ihn „Büro“ zu nennen wäre übertrieben. Aufatmend schließt er die Tür hinter sich und dreht den Schlüssel im Schloss. Er geht an den schmalen Schrank, in dem er seine Sachen aufbewahrt und holt die Schatulle heraus, in der seine Rettung wartet. Mit fliegenden Fingern öffnet er sie, entnimmt ihr eine kleine Ampulle und eine Spritze. Er gestattet sich nur eine winzige Menge, gerade genug, um sich für die nächsten Stunden wie ein Mensch zu fühlen und nicht wie ein waidwundes Tier, zu wenig, um im Vergessen zu versinken. Er bindet den Arm ab, desinfiziert die Einstichstelle und findet wegen des Zitterns erst beim zweiten Versuch die Vene. Dann löst er die Schlinge um seinen Oberarm und schließt kurz die Augen, während die vertraute Wärme sich in seinem Körper ausbreitet und der Affe sich geschlagen zurückzieht. Los, du musst dich beeilen! mahnt ihn eine innere Stimme. Er verstaut alles wieder in dem Kästchen, das Reinigen der Kanüle muss ich später nachholen, und stellt es zurück in den Schrank.
Als er das Zimmer verlässt, fühlt er sich schon wieder stabil genug, um zu Haberda und der Leiche zurückzukehren. Trotzdem überlegt er, noch schnell das Kaffeehaus auf der anderen Straßenseite aufzusuchen, nur für den Fall, dass ihn jemand gesehen hat. Zuletzt entscheidet er sich dagegen, er will die Geduld des Professors nicht auf eine allzu harte Probe stellen. So geht er auf direktem Weg in die Gerichtsmedizin zurück, streift erneut seinen Kittel über und betritt ein zweites Mal den Obduktionssaal.

„Leber, Lunge, Bauchspeicheldrüse, alles kaputt oder zumindest demnächst kaputt. Da hat ihm jemand ein grausames Ende beschert und hat ihm andere üble Tode erspart, könnte man sagen. Zumindest hungrig ist er nicht gestorben, eine Henkersmahlzeit war ihm vergönnt, dem armen Kerl.“
Saenger antwortet sachlich, fast unbeteiligt; das Gift in seinen Adern gibt ihm die nötige Distanz, ohne die er den Gedanken an das Entsetzen und den Schmerz, die der Tote empfunden haben musste in seinen letzten Minuten, nicht aushalten würde.
„Ja, er wurde gefesselt“ bestätigt er Haberdas Worte. „War er bei Bewusstsein, als ihm das angetan wurde, was meinen Sie? Ein qualvoller Tod.“
Er wendet sich dem Kopf oder dem, was davon übrig ist, zu.
„Und was meinen Sie zu dieser Schweinerei?“ Unvermittelt verfällt er in den militärisch-groben Ton, der in einem Lazarett üblich ist, ein Ton, der auch in seinen Ohren falsch und unpassend klingt.
„Nein, keine Betäubungsmittel, leider, soweit ich das ohne Gewebeuntersuchung beurteilen kann. Und was den Schnitt betrifft: So präzise, wie er ausgeführt wurde, können wir wohl davon ausgehen, dass der Mörder genau wusste, was er da tat; Vielleicht wollte er nur das Gehirn, hatte aber keine geeignete Säge zur Hand? Dass die Geschwüre etwas damit zu tun haben, wie das Skalpell geführt wurde, halte ich für eher unwahrscheinlich. Sehen Sie, hier und hier,“ Chajm deutet auf verschiede Stellen am Körper des Toten, wo man ebenfalls Ekzeme sehen kann, „Hautveränderungen, die meines Erachtens auf ein Leben unter schlechten hygienischen Bedingungen und daraus folgende Erkrankungen hinweisen.
Warum er den Mann aber vor dessen Tod rasiert hat, ist mir ein Rätsel.“
Mit nun endgültig erwachtem Interesse sieht er Haberda an. „Wollen Sie mir nicht vielleicht doch verraten, wo man den Toten gefunden hat? Um so einen Mord zu begehen, braucht es einen Ort, an dem man ungestört ist, wo niemand das Schreien des Mannes gehört hat.“

„In der Karlskirche? Nein, ich habe es nicht gelesen.“
Sinnend betrachtet Chajm den Toten. „Nackt. Arme zum Kreuz ausgebreitet. Gereinigt, wenn man das Rasieren so verstehen will. Gesättigt, zum letzten Mal.“ Er fixiert Haberda durch die Gläser seiner Brille. „Geopfert. Dargebracht.“ Und nach einer Pause, „Natürlich ist der Mord nicht in der Kirche geschehen, die Kirche ist nur die Opferstätte. Aber warum entfernte man ihm drei Viertel seines Kopfes? Waren sie nur Abfall oder waren sie das, worauf es dem Mörder eigentlich ankam? Und was hat man damit gemacht? Da wird die Polizei dran zu knabbern haben. Zum Glück ist es nicht unsere Aufgabe, das herauszufinden.“
Entgegen dem, was er gerade gesagt hat, kann man fast so etwas wie Bedauern aus seiner Stimme heraushören.

Chajm ist ganz und gar anderer Meinung als Haberda, aber er verzichtet darauf, dem Professor zu widersprechen. Natürlich sind seine Folgerungen nur Ergebnis einer langen Kette von Assoziationen und damit absolut unwissenschaftlich, das weiß er selbst, aber der Fundort der Leiche und das Vorgehen des Mörders…irgendwie lässt ihm das keine Ruhe.
„Die Kerle von der Presse werden sich darauf stürzen wie ausgehungerte Wölfe, kein Wunder, dass der Herr Polizeipräsident den Fall schnell lösen will. Und dass es der Katholischen Kirche gar nicht behagt, wenn man einen Toten in einer ihrer Kirchen…“, er verkneift sich das Wort „opfert“, „…ablegt, ist wohl nachvollziehbar.“
Er macht sich wieder an die Arbeit; entnimmt noch ein paar Gewebeproben, die er später untersuchen will und schaut Haberda zuletzt fragend an. „Das wär’s wohl für´s erste, oder? Ich werde mir die Proben später genauer vornehmen, um noch einmal zu überprüfen, ob der Mann tatsächlich ohne Betäubung getötet wurde. Wann benötigen Sie den Bericht? Sicher so bald wie möglich. Vorderhand gelüstet es mich schon wieder nach einem guten Kaffee und natürlich der Lektüre der gestrigen Zeitung.“
Er geht davon aus, dass Helfer sich um die Überreste der Leiche kümmern werden; einen Toten mit Angehörigen würde man wieder zunähen und ihn, wenn er von der Gerichtsmedizin freigegeben wurde, einem Bestatter übergeben. Ob das allerdings mit diesem armen Kerl passieren würde, erscheint Chajm fraglich. Um ihm einen letzten Dienst zu erweisen, schaut er sich nach einem Tuch um, mit dem er den Leichnam bedecken kann, findet aber nichts. Er zuckt unwillkürlich leicht resigniert die Schultern und wartet darauf, von Haberda entlassen zu werden.

„Natürlich Herr Professor, rufen Sie mich, wenn Sie Hilfe brauchen. Ich werde gegen Abend hereinschauen und Ihren Bericht lesen. Die Gewebeproben nehme ich mir vor, sobald es etwas kühler ist, dann arbeitet es sich besser.“ Er zieht ebenfalls seine Handschuhe aus und erwidert Haberdas Händedruck.
Zurück im Vorraum wäscht Chajm sich erneut gründlich die Hände, hängt den Kittel, den er später noch einmal brauchen wird, an den Haken. Mit der Jacke über dem Arm verlässt er die Gerichtsmedizin.
Jetzt endlich einen Kaffee! Draußen empfängt ihn die Hitze, die in den letzten Stunden noch drückender geworden ist, die Luft flimmert über dem heißen Kopfsteinpflaster und ist geschwängert von einem üblen Geruch nach Kanalisation, der wie eine Decke über allem liegt. Er beschließt, den Weg bis zum Franz-Josefs-Kai auf sich zu nehmen; dort gibt es ein Kaffeehaus nah am Fluss, vielleicht ist es da etwas erträglicher.
Eine Viertelstunde später betritt er den Schanigarten, bestellt einen kleinen Schwarzen und fragt den Ober nach der Zeitung von gestern. Dann lehnt er sich zurück und genießt die etwas frischere Luft, die von der Donau herüberweht.

Der Mokka ist wie gewohnt hervorragend. Chajm schlürft seinen Kaffee und blättert, nachdem er den unbefriedigenden Artikel über den Mord in der Karlskirche gelesen hat, gelangweilt weiter. Seine Gedanken sind noch bei der Autopsie und den sich daraus ergebenden Fragen, die auch durch das Lesen des Zeitungsberichtes nicht beantwortet wurden.
Er verweilt nur kurz beim politischen Teil, studiert etwas ausführlicher das Feuilleton und überfliegt zuletzt wenig interessiert die Seite mit den Veranstaltungen, bis sein Blick auf die Ankündigung eines Jazzkonzerts in der Weihburggasse fällt. Eine Jazzkapelle aus Paris! Ihm gefällt diese Musik und er hat noch keine Pläne für den Abend, warum sollte er also nicht mal dort vorbeischauen? Allerdings wird er sein Arbeitsprogramm etwas straffen müssen, die Gewebeproben warten noch auf ihn und natürlich Professor Haberda mit dem Bericht. Und er muss noch einmal in seine Wohnung. Er schaut sich nach dem Obers um, doch der scheint beschäftigt zu sein. Er kramt in seinem Portemonnaie auf der Suche nach dem passenden Geldstück; er hat sich immer noch nicht an die neue Währung gewöhnt, die erst vor ein paar Monaten die Krone abgelöst hat. Zuletzt legt er ein paar Groschen auf den Tisch und verlässt das Kaffeehaus um sich auf den Weg zurück in die Gerichtsmedizin zu machen.

Geschafft, endlich, denkt sich Chajm, während er zurück in den kleinen Raum geht, um die wenigen Dinge, die er dabei hat, zusammenzupacken und sich für den Rest des Tages freizugeben. Er zögert kurz, geht dann an den Spind, holt die kleine Schatulle heraus und packt sie zu der Brotdose in seiner Ledertasche. Dann macht er sich auf den Heimweg.
Obwohl es bereits später Nachmittag ist, hat die Hitze eher noch zugenommen und es bewegt sich kein Lufthauch; als er die Tür zu seiner Wohnung in der Karmelitergasse aufschließt, ist er schweißgebadet. Er wirft seine Jacke und die Tasche in eine Ecke und lässt sich auf die alte Chaiselongue fallen, die vor einem der beiden großen Fenster steht, deren Läden er am Morgen nur leicht geöffnet hat. Müde starrt er auf einen großen Fleck an der Decke, Überbleibsel eines geborstenen Wasserrohres im letzten Winter, halluziniert ein Gesicht hinein, dann das Fragment eines Kopfes und beginnt erneut über den Toten in der Gerichtsmedizin zu grübeln.
Irgendwann muss er darüber eingeschlafen sein, denn als er aufwacht, ist das Licht, das durch die Ritzen der Läden dringt, weicher geworden. Er steht auf und merkt, dass er friert, eine vertraute Warnung seiner Nervenzellen, dass die Droge aus seinem Körper verschwindet. Der Kampf mit sich selbst dauert nicht lang, er hat ihn schon verloren, als er die Schatulle in die Tasche packte, da macht Chajm sich nichts vor. Auch die zweite Dosis des Tages hält er so niedrig wie möglich.

Ralf Melcher, wie immer leicht zerzaust aussehend, was ihm etwas Verwegenes gibt, an der Seite einer betörend schönen Frau. Einen flüchtigen Moment lang spürt Chajm so etwas wie Neid, aber im nächsten Augenblick überwiegt schon wieder die Vorfreude auf einen unterhaltsamen Abend, und schöne Frauen gibt es noch mehr auf der Welt.
Er überlegt, ob er zu Melcher und dessen Begleitung hinübergehen soll, zögert, er hat ihn schon länger nicht mehr gesehen, aber er will nicht aufdringlich erscheinen, weshalb er sich darauf beschränkt, ihm zuzunicken. Die Hände in den Hosentaschen seines Ausgehanzuges schlendert er ziellos zwischen den vor dem Klub wartenden Menschen hindurch.

„Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite.“ Chajm geht nicht weiter auf Ralfs Bemerkung ein; nach einem Austausch von Kriegserinnerungen steht ihm im Moment nicht der Sinn. Stattdessen wendet er sich an Melchers Begleiterin, deutet ihr die Hand reichend eine Verbeugung an, die so lässig ausfällt, dass man eine gewisse Ironie dahinter vermuten könnte und lächelt. „Es sieht ganz so aus, Fräulein Fox. Nicht jeder hat das Glück, in den Genuss der Gesellschaft einer schönen Frau zu kommen. Doch bevor Sie mich jetzt bemitleiden gestehe ich, dass guter Jazz durchaus ein Trost sein kann. Und den hoffe ich heute Abend noch geboten zu bekommen.“
Die ungewohnte Direktheit, mit der die Amerikanerin ihn angesprochen hat, hat ihn für einen kurzen Moment aus der Fassung gebracht. Aus der Nähe ist sie noch attraktiver und ihr Lächeln ist einfach hinreißend. Dieser Melcher hat einfach verdammten Massel, das muss man ihm lassen.
„Und Sie haben sich vorgenommen, Ihre Begleiterin in das blühende Nachtleben Wiens einzuführen? Bedeutet es denn nicht Eulen nach Athen zu tragen, mit einer Amerikanerin einen Jazzklub aufzusuchen, oder was meinen Sie, Fräulein Fox?“ wendet er sich nun an beide.

„Dann werde ich mich nicht länger bitten lassen. Und falls Ihr Bein einmal Ruhe braucht, würde ich die Aufgabe übernehmen, die Dame zum Tanz zu führen. Als Mediziner steht man ja in der Verantwortung“ nimmt Chajm Ralfs scherzhaften Ton auf. Erneut macht er eine nonchalante Verbeugung und eine einladende Bewegung in Richtung Eingang. „Dann sollten wir uns vielleicht einen Tisch suchen, bevor es zu voll wird. Nach Ihnen, die Dame, der Herr.“
Auch Chajm ist bester Stimmung; die Gespenster sind weit weg an diesem lauen Sommerabend.

Chajm folgt Melcher und dessen Begleitung an den Tisch, wartet, bis die Dame sich gesetzt hat und nimmt dann ebenfalls Platz. Er studiert erst einmal gründlich die ihm gereichte Karte und entscheidet sich schließlich für einen Grünen Veltliner aus dem südlichen Burgenland, ein trockener Weißer, der bei diesem Wetter die einzig richtige Wahl scheint.
„Da wären Sie einer der wenigen, die freiwillig in der Pathologie vorbeischauen. Denn an meiner alten Adresse im IX. Bezirk hätten Sie mich nicht mehr angetroffen. Ich wohne jetzt in der Leopoldstadt, was zwar einen weiteren Weg zu meinem Arbeitsplatz bedeutet, aber für mich das angenehmere Viertel ist. Und es ist nicht allzu weit vom Prater“ fügt er lächelnd an Anne gewandt hinzu. „Ich nehme an, dass Sie das Riesenrad schon bewundern durften, das gehört zum Lokalkolorit, wie Sie es nannten, ja unbedingt dazu.“ Hinter den Gläsern seiner Brille blitzt leichter Spott in seinen Augen. Jeder Wiener Mann wird mit einer schönen Frau, die fremd in der Stadt ist, eine Fahrt mit dem Riesenrad machen, wegen der Romantik.

Chajm wirft Ralf einen kurzen Blick zu, das volle Programm, dachte ich mir’s doch, er scheint tatsächlich verliebt zu sein in diese Frau. Na, wen wundert’s, sie ist bezaubernd.
„In der Gerichtsmedizin? Das ist eher selten der Fall, aber gerade heute hatte ich dort vertretungsweise zu tun. Leider kommen Sie zu spät, schon gestern stand etwas über einen Mord in der Karlskirche in der Zeitung, vielleicht haben Sie es gelesen?“ Fragend schaut er die junge Frau an. „Und so weit ich mich erinnere, schreibt der Herr Melcher Kolumnen, oder hat sich das geändert?“ meint er dann an Ralf gewandt, „übrigens durchaus scharfsinnige, Fräulein Fox, da hat schon mancher sein Fett abgekriegt.“
Wieder blitzen seine Augen belustigt. „Was ich mit dem Skalpell mache, das erledigt er mit seiner Zunge.“

Chajm schaut Ralf überrascht an; er weiß nicht so recht, ob dessen Bemerkung nun scherzhaft oder ernst gemeint war. So antwortet er achselzuckend „warum soll man nicht einmal das Arbeitsgebiet wechseln? Wenn Ihre Redaktion da mitmacht, kann das durchaus eine Herausforderung sein, die einer wie Sie sicher gerne annimmt. Was die Spekulationen betrifft, die über die Tat vielleicht in Umlauf sind: ich halte aus nahe liegenden Gründen nichts von diesen Wirrköpfen, die sich Nationalsozialisten nennen, aber sie für diesen Mord verantwortlich zu machen, scheint mir doch ziemlich abstrus, da gebe ich Ihnen Recht.
Wobei die Umstände dieses Falles, Fundort und Zustand der Leiche zum Beispiel, reichlich dubios sind und auch meine Phantasie angeregt haben, wie ich gestehen muss.“ Er lächelt fast entschuldigend, als er damit zugibt, dass auch er nicht frei von irrationalen Anwandlungen ist. „Aber an einen politischen Mord glaube ich nicht“ bekräftigt er abschließend.
„Was bewegte Sie zu der Reise nach Wien, wenn ich fragen darf?“ fragt er die Amerikanerin und wechselt damit abrupt das Thema, denn er möchte nicht über die Ergebnisse der Obduktion reden, schon gar nicht mit zwei von Berufs wegen neugierigen Menschen, auf deren Diskretion er sich nicht verlassen kann.

Schlaues Mädchen, aber deinem wirklich berückenden Lächeln gehe ich nicht auf den Leim, Kleine, da ist zu viel Berechnung drin.
„Ihrer Erfahrung nach,“ er unterdrückt ein Grinsen, „ist es also eine Art Ritualmord oder so ähnlich? Was meinen Sie, was die Botschaft sein könnte?“ Auch wenn ihr Eifer ihn amüsiert, meint er seine Frage wirklich ernst. Sie richtet sich auch an Melcher, den dieser Fall mehr zu interessieren scheint, als die pure Lektüre eines Zeitungsartikels es erwarten ließe. Etwas in seiner Antwort ließ Chajm trotz des vermeintlich ungezwungenen Tones aufhorchen. „Gehen Ihre Vermutungen in die gleiche Richtung, da Sie ja wie ich auch eine politische Tat für unwahrscheinlich halten?“

Erleichtert hebt auch Chajm sein Glas. Er sieht Anne kurz in die Augen, nicht zu lange, um nicht falsch verstanden zu werden, „A votre santé, Madame Fox!“, dann Ralf, dem er dankbar zulächelt. „Ja, auf einen anregenden Abend in netter Gesellschaft.“
Bevor er trinkt, atmet er das Bouquet des Weines ein, um dann den ersten Schluck zu genießen. Zufrieden nickend setzt er das Glas ab.
„Ein guter Jahrgang, es ist ein Vergnügen, diesen Wein zu trinken.“

Ernst werdend, wendet er sich wieder der jungen Frau zu, denn er hat das Gefühl, ihr doch eine Erläuterung schuldig zu sein.
„Ich verstehe, dass Sie gerne mehr über diesen Fall erfahren würden, doch haben Sie bitte Verständnis dafür, dass die Ergebnisse der Autopsie im Augenblick noch kein Thema für die Öffentlichkeit sind. Doch soviel kann ich Ihnen verraten: es ist immer noch nicht bekannt, wer der Tote ist. Alles, was ich darüber hinaus dazu sagen könnte, sind Vermutungen, nicht mehr. Natürlich hege auch ich meine eigenen Ideen zu diesem merkwürdigen Fall; sie sind allerdings ganz und gar irrational und fußen auf keinerlei wissenschaftlich begründeten Überlegungen, weshalb ich sie Ihnen lieber erspare.“ Die letzten Worte werden von einem selbstironischen Lächeln begleitet.

Resignierend hebt Chajm die Hände. „Ich ergebe mich. So viel Wissensdurst habe ich nichts entgegenzusetzen.“ Sein Lächeln zeigt, dass er seine Worte nicht verletzend meint. „Aber sprechen Sie bitte nicht von Theorie, wo es sich nur um irrationale Gedankenspiele handelt. Und verwenden Sie das, was ich jetzt sage, auch nicht für einen Artikel, ich bitte Sie darum“ fügt er an Ralf gewandt hinzu.
„Betrachten wir die äußeren Umstände, die Sie der Zeitung entnehmen konnten: eine männliche, unbekleidete Leiche ohne Kopf. Der einfachste Gedanke, der sich daraus ergibt, wäre: der Mörder wollte nicht, dass der Tote identifiziert werden kann, wollte aber, dass der Mord Aufsehen erregt. Oder er brauchte nur den Kopf, was ich aber nicht glaube, denn dann hätte er die Überreste am Ort der Tat liegen lassen und sich nicht die Mühe gemacht, ihn in die Karlskirche zu schleppen. Wie aber, wenn der Tote genau so daliegen sollte: nackt, ohne Kopf? An was erinnert das? Richtig. Ein Opferlamm, die Essenz des christlichen Glaubens. Was bewegte den Täter? Wollte er in seinem Wahn das, was die Christen Eucharistie nennen, wiederholen? Oder war es sein Ziel, dieselbe zu verhöhnen?“
Fragend schaut er Ralf und Anne an. Den Umstand, dass nicht der ganze Kopf fehlte, verschweigt er.

Chajm übergeht den Tadel, der in Annes Worten liegt; ihm war es wichtig das klarzustellen und wenn sie sich davon brüskiert fühlt, nun ja.
„Nein, ich glaube nicht, dass der Tod Jesu nachgeahmt werden sollte, vielmehr geht es um das Symbol. Als was wird Jesus bezeichnet? Als Lamm Gottes. Und wie opfert man ein Lamm? Eben. Eine archaische Tat, viel mehr als es eine Kreuzigung wäre.“
Er beugt sich vor, ein Zeichen, dass ihn die Diskussion gepackt hat. Der spöttische Gesichtsausdruck, den er sonst häufig zur Schau trägt und der Welt signalisiert, dass er nicht bereit ist, sie allzu ernst zu nehmen, ist konzentriertem Interesse gewichen.
„Und um auf Ihr Argument einzugehen, dass das Fehlen der Identität des Opfers die Botschaft zerstört: im Gegenteil, das Opfer ist nur als Symbol wichtig, nicht als Person!
Was meinen Sie dazu, Herr Melcher?“ wendet er sich an Ralf. „Warum legt jemand eine nackte, kopflose Leiche in eine Kirche?“

Chajm schaut Ralf nachdenklich an.
„Dann sind wir uns im Gegensatz zu Fräulein Fox ja darüber einig, dass die Identität des Toten selbst keine Rolle spielt. Die nächste Frage: was ist die Botschaft oder welche Symbolik steht dahinter? Ihr Gedanke, dass es eine Parallele zum Umgang mit Selbstmördern im Mittelalter geben könnte, ist eine Möglichkeit. Doch wie kommen Sie darauf, dass die Todesursache nicht die Entfernung des Kopfes war? Man konnte nichts dahin Gehendes in der Zeitung lesen. Und wenn die Todesursache die Entfernung des Kopfes war, was ich zu diesem Zeitpunkt nicht bestätigen möchte, heißt das dann im Umkehrschluss, dass Ihre Idee nicht zutrifft, oder?“
Er lehnt sich wieder zurück und trinkt einen Schluck von seinem Veltliner bevor er an Anne gewandt fortfährt. „Was die Unschuld des Toten betrifft: wer ist unschuldiger als ein zufälliges Opfer? Und ob ihm nun die Kehle durchgeschnitten oder gleich der ganze Kopf abgetrennt wird, ist meiner Meinung nach dabei kaum relevant.“ Und spielt es vielleicht eine Rolle, dass beides nicht der Fall ist, sondern dass dem armen Mann bei lebendigem Leibe nur ein Teil seines Schädels entfernt wurde? Chajm würde nur zu gerne dieses Detail mit jemandem diskutieren, aber er verbietet es sich. Stattdessen spricht er etwas anderes aus, das ihn beschäftigt. „Sie sagen, es gehört Abgebrühtheit zu so einer Tat. Ich sage, dazu braucht es Wahnsinn oder vielleicht Rausch, Exzess.“
In dem Moment, als er es ausgesprochen hat, bereut er es auch schon. Damit begibt er sich in Bereiche seines Denkens, von denen er an diesem Abend gehofft hatte, verschont zu bleiben. Verdammter Narr, was redest du da! Du sitzt mit einem flüchtigen Bekannten und einer schönen Frau in einer Bar und könntest einen wunderbaren Abend genießen. Und was machst du? Du lässt dich verlocken Gedanken auszusprechen, die hier ganz und gar nicht hergehören. Am liebsten würde er aufspringen und hinausgehen, etwas durchzuatmen um sich dann wieder an den Tisch zu setzen und so zu tun, als sei nichts gewesen. Nervös greift er erneut zu seinem Glas und kippt den Wein in einem Zug hinunter.

Er fühlt sich durchschaut und gleichzeitig erleichtert, dass es so ist. Dieser Ralf Melcher ist sehr viel scharfsinniger als man vielleicht auf den ersten Blick erwartet, das hat Chajm schon mehrmals feststellen können.
„Ja, Sie haben Recht. Nicht dass man mir einen Maulkorb verpasst hätte, aber die ärztliche Schweigepflicht gilt auch für die Toten. Und dass mich die Sache beschäftigt, kann ich nicht leugnen. Ich entschuldige mich für mein Verhalten. Erlauben Sie mir, dass ich mich einen Moment entferne, etwas frische Luft wird mir gut tun.“
Er steht auf, deutet eine kleine Verbeugung gegenüber Anne an und nickt Ralf zu.
Beim Hinausgehen bittet er den Ober darum, ihm noch ein Glas Wein an den Tisch zu bringen, er kehre gleich zurück.

Chajm hat der Moment draußen vor der Tür gut getan. Die Luft hat sich inzwischen doch etwas abgekühlt und es ist nicht mehr ganz so stickig wie tagsüber. Er ist ein wenig die immer noch belebte Straße entlang flaniert, sein Blick streift die Gesichter der Vorübergehenden und langsam beruhigt sich sein Geist. Zurück bleibt ein Gefühl des Flüchtigen, Leichten. Als die ersten Töne des Klaviers und das einsetzende Schlagzeug zu hören sind, kehrt er in die Bar zurück. Die Hände in den Taschen bleibt er einen Augenblick in der Nähe der Tür stehen und lässt die Stimmung auf sich wirken. Erste Tänzer bewegen sich im Rhythmus der Musik, auch Anne und Ralf kann er auf der Tanzfläche sehen. Sie sind beide gute Tänzer, Ralfs Bein muss sehr gut verheilt sein denkt der Arzt in Chajm, dann beginnt auch sein Fuß zu wippen, ohne dass er es bemerkt.

Seine leichte Missstimmung zu Beginn des Abends ist verflogen, Chajm lässt sich mitnehmen von der Musik, er schaut den Tanzenden zu und irgendwann fordert er eine Frau, die ihm gefällt und die ebenfalls ohne Begleitung zu sein scheint, zum Tanzen auf. Sie tanzt nicht schlecht, aber auch nicht so gut, dass ihm seine begrenzten Fähigkeiten auf diesem Feld peinlich wären. Er hat es noch nie geschafft, irgendwelche Schritte in vorgeschriebener Reihenfolge zu machen, aber bei Jazz ist das anders; man kann sich dem Rhythmus des Schlagzeuges oder der Melodie des Pianos überlassen und sich bewegen ohne nachzudenken. Manchmal trifft sein Blick den ihren und sie lächeln sich zu in dem Einverständnis, einfach nur den Moment zu genießen ohne weiterzudenken. Als sie irgendwann beide erhitzt innehalten, überlegt er kurz, sie an seinen Tisch zu bitten, entscheidet sich aber dagegen. Banale Konversation würde jetzt nur sein Gefühl der Harmonie stören, das er während des Tanzens empfunden hat. Also begleitet er sie an ihren Platz, verbeugt sich mit einem Lächeln und verabschiedet sich von ihr. Zurück am immer noch leeren Tisch setzt er sich und leert seinen Wein, der inzwischen leider nicht mehr kühl ist und bestellt sich ein weiteres Glas. Er hat nicht mitgezählt, spürt aber die leichte Beschwingtheit, die der Alkohol in ihm auslöst und die er willkommen heißt an diesem Abend.
Belustigt beobachtet er, wie Anne sich, als die Band ihren Auftritt beendet hat an die Frau im grünen Kleid wendet, etwas zu ihr sagt, sie ohne viel Federlesens an der Hand nimmt und mit ihr hinter der Bühne verschwindet, die beiden Herren auf der Tanzfläche ihrem Schicksal überlassend.

Chajm verfolgt den Wortwechsel zwischen Ralf und dem Theologen mit leichter Belustigung. Journalisten scheinen ja an der Stelle, an der bei anderen Menschen das Taktgefühl sitzt, eine Leerstelle zu haben. Doch Brandner kontert gekonnt und mit einer Eleganz, um die ihn Chajm beneidet. Das kann ja noch ein interessanter Abend werden, wenn Melcher sich nicht irgendwann völlig verabschiedet. Er hat dessen stark verengte Pupillen gesehen und hegt keinerlei Zweifel, welcher Tatsache sein Bekannter die aufgeräumte Stimmung und die scheinbare Schmerzfreiheit verdankt. Du also auch denkt er sich, wie so viele, die den Krieg überlebt haben.
Gerade, als er sich in das Gespräch einmischen will, nähert sich ihnen ein hagerer Mann, der Brandner offensichtlich bekannt ist. Er hält es nicht für nötig, sich vorzustellen, ein Deutscher, denkt Chajm, mit den diesem Volk eigenen schlechten Manieren. Aber vielleicht tut er ihm ja unrecht, und es handelt sich nur um jenes forcierte Betragen, hinter dem sich oft allein Unsicherheit verbirgt.
Statt etwas zu sagen, wartet er schweigend darauf, dass der Theologe den anderen vorstellt.

„In der Karlskirche? So waren Sie beide am Ort dieses Verbrechens? Ich hätte erwartet, dass die Gendarmerie alles absperrt.“ Chajms Neugier den Toten betreffend ist wieder erwacht. Natürlich ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Theologe und ein Tourist sich in einer Kirche begegnen, beide haben einen guten Grund, dort zu sein. Aber dass der Deutsche angehender Mediziner ist, macht die Sache für Chajm interessant. Entgegen seinem Vorsatz, an diesem Abend nicht mehr über den Fall zu reden, rutscht ihm schon die nächste Frage heraus. „Haben Sie den Toten vielleicht sogar gesehen?“

Chajm hebt ebenfalls sein Glas, um Ralf grinsend zuzuprosten.
“Semper tibi pendeat hamus! Quo minime credis gurgite, piscis erit!“ Wieder das ironische Blitzen hinter der Brille. „Doch dieses Mal gehen Sie leer aus, Herr Journalist, jeder hütet sein Halbwissen. Legen wir das Thema also ad acta und wenden wir uns den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu. Was schreibt denn die „Stunde“ über die blutigen Tränen, die die Statue des Heiligen Sankt Rochus geweint haben soll? Man spricht ja bereits über ein Wunder, wie ich dem Blatt Ihrer bürgerlichen Konkurrenz entnehmen konnte. Katholische Kirchen scheinen heuer eher ein Ort der Sensationen zu sein als einer der Andacht, wenn Sie mir diese Bemerkung verzeihen, Herr Brandner“ fügt an den Theologiestudenten gewandt hinzu.

Dankend lehnt er die angebotene Zigarette ab, betrachtet aber interessiert das edle Etui. Der Affe, der nicht sehen will. Chajm liegt schon wieder eine spöttische Bemerkung auf der Zunge, die er aber dieses Mal hinunter schluckt. Stattdessen wendet er sich an Ralf und legt ihm begütigend die Hand auf den Arm.
„Ich weiß, dass Ihnen Ihr Beruf sehr am Herzen liegt, Melcher, und dass sie keiner von denen sind, die immer nur die jeweils neueste Sau durchs Dorf jagen wollen. Und es wäre vielleicht wirklich eine gute Idee, wenn Sie das Feuilleton hinter sich ließen und sich einmal an politischen oder Sozialreportagen versuchen würden. Ihr kritischer Blick auf die herrschenden Verhältnisse ist Ihre Stärke und die Kolumne als journalistische Form mag zwar ehrenwert, aber vielleicht auf Dauer auch etwas unbefriedigend für Sie sein, wenn ich das so sagen darf.“

„Sie spielen Klavier? Oder gar Orgel? Eine Sache, um die ich Sie beneide, denn obwohl ich Musik liebe fehlte mir leider immer die nötige Disziplin, um ein Instrument zu erlernen. So bleibt es dabei, dass ich die Musik anderer genieße. Was spielen Sie? Bach?“ Ehrlich interessiert mustert Chajm den Theologiestudenten. „Beim Hören einer Fuge von Bach kann man wunderbar seine Gedanken ordnen, wissen Sie? Und mir als wahrem Laien“, er lächelt leicht, „scheint der Jazz, den wir heute Abend gehört haben, obwohl er mir gefiel, doch etwas weniger komplex zu sein als klassische Musik.“

Er scheint sehr angetan zu sein von seiner Lehrerin, vielleicht mehr, als es für einen zukünftigen Priester gut ist. Chajm denkt an den Affen, der sich die Augen zuhält. Wer Brandner dieses Etui wohl geschenkt hat? Ein besonders klarsichtiger Mensch? Kannst du es ein einziges Mal bleiben lassen, ironisch zu sein? mahnt ihn eine innere Stimme, die nicht die seine ist.
„Ihre Lehrerin scheint eine Frau mit mehr als nur musikalischem Talent zu sein, wenn sie Ihnen die Welt der Musik in so poetischen Worten nahe zu bringen versucht. Ich glaube, ich verstehe, wovon sie spricht. Vielleicht fehlt dem Jazz die mathematische Strenge unserer klassischen Musik. Aber was rede ich da, als wüsste ich Bescheid, es gibt sicher Berufenere als mich. Vielen Dank für Ihr freundliches Angebot, aber ich bin ein hoffnungsloser Fall, fürchte ich. Zum Zuhören allerdings käme ich gerne einmal.
Was meinen Sie, Herr Melcher“ wendet er sich an Ralf, „hat der Jazz das Zeug dazu, mehr als eine Modeerscheinung zu sein?“
Bevor Ralf antworten kann, kehren die Damen zurück, zuerst Marie, dann Anne und Réka, die sich hinter der Bühne offenbar blendend unterhalten haben.
Chajm begrüßt die Begleitung des Deutschen mit einem Lächeln. Als die Ungarin von einem Engagement in der Bar erzählt, den Anne ihr in ihrer ungestümen Art vermittelt hat, sieht er Brandner an. „Ihre Lehrerin ist auf dem Weg, eine Berühmtheit zu werden, scheint mir.“ Er hebt sein Champagnerglas. „Auf einen aufgehenden Stern am Pianistenhimmel! Und auf diesen schönen Abend! So wie es aussieht, werden wir uns bald wieder treffen, denn zumindest ich werde mir Ihr Konzert nicht entgehen lassen, Fräulein Réka.“ Er merkt, dass er inzwischen leicht euphorisch ist, auch der Cannabisdunst in der Luft trägt sein Teil dazu bei, aber warum nicht? Er fühlt sich so entspannt wie schon lange nicht mehr und genießt diesen Zustand des Schwebens.

Chajm verfolgt schweigend das Gespräch. In dem Zustand, in dem er sich befindet, nimmt er alles übersteigert wahr, die scheinbar leichtfertigen Wortwechsel zwischen den Anderen, die Blicke, die gewechselt werden, all das scheint ihm so greifbar als würden feine Fäden zwischen ihnen gesponnen.

Chajm schaut dem Deutschen und dessen Begleitung kurz nach und wendet sich dann wieder der Runde an der Bar zu. Die Stimmung hat sich geändert, Aufbruch liegt in der Luft. Als nächste verabschieden sich Anne und Ralf, der zum Du wechselt, als er Saenger an sich zieht und ihm auf die Schulter klopft. Für einen Moment ist Chajm leicht irritiert über diese Vertraulichkeit, wie immer kann er mit dieser Kumpelhaftigkeit, die er aus dem Militär kennt, nicht umgehen; doch dann erwidert er Ralfs Händedruck. „Natürlich. Du erreichst mich am besten in meinem Keller in der Pathologie,“ er grinst, „du weißt schon, unter meinen Patienten fühle ich mich am wohlsten.“ Auch Anne reicht er die Hand „Es war mir ein Vergnügen, Fräulein Fox.
Auch für mich wird es Zeit zu gehen.“ Mit einer leichten Verbeugung reicht er Réka die Hand. „Fräulein Szábo, seien Sie versichert, ich werde Ihr Konzert hier nicht verpassen. Herr Brandner, auch Ihnen noch einen schönen Abend. Vielleicht werde ich tatsächlich einmal die Canisiuskirche aufsuchen, um Ihrem Spiel zu lauschen, und falls Sie dann Bach spielen würden, hätten Sie einen dankbaren und glücklichen Zuhörer.“

Chajm erwacht früh aus einem unruhigen Schlaf. Er ist schweißgebadet; obwohl er beim Nachhausekommen sofort die Fenster geöffnet hat, scheint die Luft in dem Zimmer zu stehen.
In seinem Gehirn hallen noch die Träume der Nacht nach, Bilder von Toten mit aufgequollenen Leibern und Körpern, denen Gliedmaßen fehlen vermischten sich mit dem der kopflosen Leiche aus der Gerichtsmedizin.
Benommen richtet er sich auf, tastet nach seiner Brille, wankt in die Küche, wo er sich Wasser für einen Kaffee aufsetzt. Das Zittern ist schon da, er zieht die Spritze auf. Er wird sich bei Kaspar um Nachschub kümmern müssen, auch das Chloroform ist fast alle.

Eine halbe Stunde später verlässt der nun erfrischte und für den Tag gewappnete Dr. Saenger das Haus und macht sich auf den Weg ins Spital. Schon jetzt ist zu spüren, dass es wieder zu heiß werden wird und er ist froh, dass ihn ein kühler Keller erwartet.
Als er die Pathologie betritt, ist es noch still in den Gängen. Es ist die Zeit, in der er sich wie der König über dieses unterirdische Reich der Toten fühlt. Sein erster Gang geht in das Labor, wo die Gewebeproben von gestern im Kühlschrank warten. Er setzt sich an das Mikroskop, das in einer Ecke des Raumes steht und legt die erste Probe auf den Objektträger, sieht durch das Okular, macht sich zwischendurch immer wieder Notizen.

„Hans? Hans!“ Keine Reaktion. Verärgert wirft Chajm seinen Stift auf den Tisch und steht auf. Irgendjemand wird seinen Schlüssel vergessen haben, denkt er sich.
Bereit, der Person die es wagt seine morgendliche Kontemplation zu stören, zu sagen was er davon hält, wenn man zu blöde ist, seinen Schlüssel einzustecken, reißt er die Tür auf.
Vor ihm steht der Theologiestudent vom Vorabend.
„Herr Brandner?“
Chajm braucht einen Moment, um den unerwarteten Besuch einzuordnen, doch dann nickt er verstehend mit dem Kopf.
„Kommen Sie herein!“

„Wenn Sie mir bitte in mein Büro folgen wollen?“
Ohne Brandners Antwort abzuwarten, geht Chajm voraus und schließt hinter dem Studenten die Tür.
„Setzen Sie sich doch!“ Er schiebt ihm einen Stuhl hin. „Es wird einen Augenblick dauern, Sie verstehen? Da wir keinerlei Kenntnis darüber haben, um wen es sich bei dem Toten handelt, sind wir natürlich dankbar, wenn Sie ihn identifizieren könnten. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass ich gerade den vorgeschriebenen bürokratischen Weg verlasse, aber angesichts der Umstände…“
Er schaut Max prüfend ins Gesicht. „Sie sind sich bewusst, dass das kein besonders schöner Anblick ist? Wenn es sich um Ihren vermissten Bekannten handelt, was wir ja noch nicht wissen, müssen wir den offiziellen Weg gehen, das heißt, Sie werden vor einer weiteren Person die Identität des Toten bestätigen.“
Er macht eine ungewisse Geste, unsicher, ob er noch etwas sagen soll. Dann entschließt er sich dagegen.
„Warten Sie bitte, ich bin gleich zurück.“

Auf dem Weg zum Kühlraum überlegt Chajm, was wohl die tadellose Fassade des Herrn Brandner eher bröckeln ließe, die Leiche eines Freundes oder ein Fauxpas während eines abendlichen Diners? Woher nimmst du bloß diesen Sarkasmus, Saenger? hört er die vertraute Stimme in seinem Kopf.

Die Leiche ist in einem, nun ja, den Umständen entsprechenden Zustand, das heißt, der Brustraum wurde mit ein paar groben Stichen wieder verschlossen und der Körper achtlos zugedeckt. Ein Sandler ohne Angehörige, ohne ein Recht auf Würde, der, da ihn wahrscheinlich niemand will, in einem namenlosen Armengrab verscharrt werden wird.
Chajm holt ein frisches Laken aus einem Schrank und tauscht es gegen das alte, nicht mehr ganz saubere. Bevor er das Gesicht des Toten bedeckt, streicht er ihm ein paar Haare, die in die Stirn hängen zurück und betrachtet es sachlich. Dann zieht er das Tuch darüber und rollt die Bahre in einen kleinen Raum am Ende des Ganges.

Als er in sein Büro zurückkehrt, hat der Student eine Zeitung, die er wie einen Schutzwall in den Händen hält, sinken lassen und mustert die gelblichen Wände und das spärliche Mobiliar.

„Sind Sie so weit?“

Ob für einen gläubigen Menschen der Tod wohl leichter ist? Weil er ihm einen Rahmen verleiht, der ein Entgleisen verhindert? Nicht für Chajm, der schon lange an nichts mehr glaubt. Er beobachtet den Studenten von der Seite mit der Neugier dessen, der eine ihm gänzlich unbekannte Lebensform studiert.

„Es tut mir Leid.“ Es ist nicht ganz klar, ob der Arzt sein Bedauern darüber ausdrückt, dass Brandner den Toten tatsächlich kannte oder darüber, dass es Zeit wird zu gehen. Er hebt kurz die Hand, wie um sie dem anderen auf die Schulter zu legen, lässt sie aber wieder sinken. So viel Vertraulichkeit ist unangebracht, er hat den Mann gestern zum ersten Mal in seinem Leben gesehen.
„Ich werde Sie informieren, sobald der Leichnam freigegeben ist. Wenn Sie mir Ihre Adresse dalassen wollen, bitte.“

Er wendet sich an den Pathologen, der immer noch in der Tür steht.
„Der Herr Brandner hier kann die Identität des Toten bestätigen. Es handelt sich um einen gewissen Robert Huntinger. Ich werde das kurz schriftlich festhalten.“
Erst jetzt dringen die Worte des Kollegen bis in sein Bewusstsein vor.
„Ist gut. Ich bin in meinem Büro.“ Und an Maximilian gewandt „Wenn Sie mir bitte folgen wollen; ich brauche noch Ihre Unterschrift.“

Damit geht er hinaus.

Chajm spürt das Zögern des jungen Mannes; als wolle er noch etwas. Woher kennt dieser Theologiestudent aus offensichtlich gutem Hause einen Sandler? Er würde gerne danach fragen, aber die Zeit drängt.
„Es tut mir Leid“ sagt er zum zweiten Mal, „ich werde gleich abgeholt. Die Pflicht ruft.“ Er ärgert sich über diesen hohlen Satz, kaum, dass er ihn ausgesprochen hat. Und du spottest über die Fassade anderer Leute, Saenger.
Er reicht Brandner die Hand zum Abschied, hat das Gefühl, noch etwas sagen zu müssen. „Eine anständige Geste von Ihnen, dem Toten ein würdiges Begräbnis zu bezahlen.“

Brandner trifft ein scharfer Seitenblick. „Was meinen Sie damit? Die Leiche an der Pestsäule?“ Oder diesen Sandler, den die Pest des Lebens dahingerafft hat?
Er erwartet keine Antwort auf seine Fragen, weder auf die ausgesprochene noch auf die stille.
„Wenn Sie möchten, können wir Sie ein Stück mitnehmen, bei der Hitze ist ja jeder Schritt zuviel. Wo wollen Sie hin?“
Aus irgendeinem Grund stellt er sich vor, wie der junge Mann in eine Kirche geht um dort Orgel zu spielen.

„Natürlich.“ Wo der Wagen wohl bleibt? Die Stille zwischen den beiden Männern dehnt sich aus, ist greifbar wie die Hitze und schickt sich an, genauso drückend zu werden. Saenger hängt stumm seinen Gedanken nach, die einen Bogen schlagen, beginnend bei dem ausgezehrten Körper auf seinem Tisch in der Pathologie, weiter zu der kopflosen Leiche eines Unbekannten in der Karlskirche bis zu dem Toten, der ihn an der Pestsäule erwartet.
„Der Tote lag unter einem Fresko, das einen Pestheiligen darstellt? Ich bin mit der christlichen Mythologie nicht vertraut, aber das ist interessant, der Zusammenhang, den Sie da herstellen. Und was hat es mit der Rochuskirche auf sich? Gibt es da auch einen Pestheiligen?“
Fragend schaut er Brandner an.

Chajm nickt Brandner dankend zu und steigt ein. Er grüßt freundlich den Chauffeur, wartet, bis der Student ebenfalls im Wagen Platz genommen hat.
„Wenn Sie so freundlich wären, am Schottentor anzuhalten, bevor wir zur Pestsäule fahren?“ Dann wendet er sich wieder an Maximilian. „An Heiligen mangelt es der katholischen Kirche nicht, wenn ich das so sagen darf.“ Aus seinem Blick spricht die ganze Skepsis eines Agnostikers. „Aber das war nicht unser Thema, verzeihen Sie die Abschweifung. Und Sie haben Recht, es kann durchaus sein, dass wir es mit ein und demselben Mörder zu tun haben.“ Die Frage nach dem Warum stellt er nicht; er hat zuviel Wahnsinn gesehen, um zu glauben, dass Menschen einen Grund für ihre Taten brauchen.

Nachdem Brandner sich verabschiedet hat, hängt Chajm seinen Gedanken nach und es ist ihm recht, dass der Mann am Steuer so beharrlich schweigt.

Als sie in der Nähe der Pestsäule anhalten, um sich zu Fuß durch die Menge der Schaulustigen zu drängen, hat er den Studenten und den Toten Sandler in der Pathologie vergessen; er hat ein ungutes Gefühl, was ihn dort vorne erwartet, das Wenige, das er bereits weiß, klingt nach einem sehr unschönen Vormittag, zumal die Hitze bereits jetzt so drückend ist, dass ihm der Schweiß auf der Stirn steht.

Die Gaffer werden von ein paar Polizisten daran gehindert, sich noch näher heranzudrängen, sodass ein kleiner Kreis entstanden ist, in dem ihm nun ein Mann entgegen kommt, der sich als Inspektor Prebichl vorstellt.

Chajm reicht dem Beamten kurz die Hand. „Dr. Saenger. Ich vertrete Professor Haberda, der leider wegen Krankheit verhindert ist.“
Er schaut hinüber zum Sockel des Monumentes und nickt Prebichl zu. „Dann werde ich sofort anfangen, damit die Leiche sobald wie möglich hier verschwindet.“
Ihm ist nicht wohl in seiner Haut, die vielen Leute, die Hitze, die ganze Situation behagt ihm nicht. Er wünscht sich zurück in die Ruhe und Kühle seines Kellers und hofft, die Sache hier so schnell wie möglich erledigt zu haben. Entschlossen geht er auf den Mann zu, der gerade das Tuch anhebt; ihm fällt ein, wo er ihn schon mal gesehen hat. Er war am Vorabend ebenfalls in der Bar, zusammen mit einer rundlichen Frau. „Dr. Saenger, ich bin der Pathologe aus dem AKH.“

„Die Gerichtsmedizin meinen Sie, dort fehlen gleich mehrere Leute und nun auch noch der Chef, deshalb müssen Sie mit mir vorlieb nehmen.“ Der Arzt lässt seinen Koffer mit dem medizinischen Besteck am Fuß der Säule liegen und steigt die Leiter hoch. Die Sonne und die Blicke der Umstehenden im Genick, hebt er das Tuch an, das die Leiche bedeckt. Selbst für ihn, der schon einiges gesehen hat, ist der Anblick, der sich ihm bietet, grauenhaft. Die Tote wurde….ausgeweidet, es fehlen verschiedene Organe, welche, kann er auf den ersten Blick noch nicht erkennen, das wird er in der Gerichtsmedizin genauer untersuchen müssen. Und es handelt sich keineswegs um ein Tier, das sich über die Innereien hergemacht hat, da wird er den Inspektor enttäuschen müssen. Ganz im Gegenteil, da hat jemand, der wusste, was er tat, sichere Schnitte mit einem äußerst scharfen Messer oder einem Skalpell gemacht. Es gibt nichts, was er hier tun kann, das Beste wird sein, die Leiche so schnell wie möglich in die Kühle der forensischen Abteilung zu bringen.
Chajm blickt der Toten ins Gesicht, es wirkt verwüstet, verwischter Lippenstift und Todesangst haben es zu einer Fratze entstellt. Doch da ist noch etwas in ihrem Gesicht, etwas Vertrautes. Eine Hitzewelle schlägt über ihm zusammen, und seine Hände beginnen zu zittern, als er unter all der Schminke eine Prostituierte erkennt, die ihn vor einiger Zeit um Hilfe gebeten hat. Ein tragischer Fall, es muss schon mindestens drei Jahre her sein, aber er erinnert sich genau. Wie hieß sie noch gleich? Martha. Sie hatte einen ungarischen Nachnamen, Laszlo…nein, Laszek. Sie war schwanger und schon damals schwer an Syphilis erkrankt, eine gläubige Frau, die ins Unglück geraten war. Eine Freundin von ihr hatte sie zu ihm geschickt. Nachdem er sie untersucht hatte, hatte er ihr sagen müssen, dass das Kind in ihrem Leib abgestorben war. Das hatte die Last der Entscheidung von ihr genommen, eine Abtreibung blieb ihr erspart. Er hatte eine Ausschabung vorgenommen, und als er sie verabschiedete, wusste er bereits, dass er eine Todgeweihte vor sich hatte.
Seine Gedanken überschlagen sich. Wie soll er erklären, dass er diese Frau kennt? Fieberhaft sucht er nach einer Begründung, während er langsam, wie in Zeitlupe, wieder das Tuch über den Körper der Frau deckt und ebenso langsam die Leiter hinuntersteigt.
Unten angekommen greift er nach seinem Koffer wie nach einem Rettungsanker, strafft sich und bemüht sich um einen sachlichen Ton mit dem er sich an Breitner wendet.
„Unschöne Sache, schon die zweite Leiche innerhalb weniger Stunden. Ich beneide Sie nicht um die Aufgabe, die Sie da vor sich haben, aber vielleicht kann ich Ihnen über den forensischen Befund hinaus etwas helfen. Ich weiß, um wen es sich bei der Toten handelt.“ Jetzt ist es heraus. Mit einem Taschentuch wischt er sich den Schweiß von der Stirn.

Chajm muss seine Verlegenheit nun gar nicht vortäuschen. Die Frage Breitners ist ihm tatsächlich unangenehm, obwohl die Meinung des Inspektors ihm herzlich egal sein könnte, die Hauptsache ist ja, dass er ihm diese Geschichte abnimmt.. Mach dir nichts vor, du selbst bist es, der Männer, die zu Prostituierten gehen, verurteilt, du hältst sie für arme Schweine. Peinlich berührt studiert er seine Schuhe, als gäbe es nichts interessanteres auf der Welt, überlegt, was er antworten soll und erwidert endlich, an Breitner vorbeischauend „Ja, so nennt man das wohl. Es ist bestimmt schon zwei, drei Jahre her. Im Keller der Pathologie trifft man nicht allzu viele Frauen, nun ja…“ Wunderbar, du glaubst dir ja schon fast selbst, Herr Doktor. Erneut wischt er sich mit dem Taschentuch über die Stirn und wünscht sich weit fort von diesem Ort seiner Demütigung. „Kann ich dann gehen? Die Hitze…Sobald die Leiche in der Gerichtsmedizin ist, werde ich sie genauer untersuchen und Ihnen dann den Bericht zukommen lassen. Und, Herr Inspektor….es wäre mir lieb, wenn Sie nicht weiter darüber reden, eigentlich hat es mit der Sache ja nichts zu tun.“

Chajm ist erleichtert, als der Inspektor sich von ihm verabschiedet und zu seinem Vorgesetzten hinübergeht. Scheinbar hat er ihm die Geschichte abgenommen, warum auch nicht? Es gibt tausende Freier in Wien, ein vereinsamter Pathologe wäre da keine Ausnahme. Wenig später taucht der Wagen auf, der die Leiche abholt um sie in die Gerichtsmedizin zu bringen. Gedankenverloren betrachtet er eine Taube mit verkrüppelten Klauen, die nach etwas auf dem Boden pickt. Der Vogel passt irgendwie in diese trostlose, blutige Szenerie denkt er, was er da wohl frisst?

Gerade überlegt er, ob er den Weg zurück nicht lieber zu Fuß gehen soll, statt sich von dem schlecht gelaunten Polizisten fahren zu lassen, als er zwischen den Schaulustigen Ralf Melcher entdeckt. Irgendwie erleichtert, hebt er grüßend die Hand und geht auf den Journalisten zu. „Das ist ja wohl kein Zufall, dass ich Sie hier antreffe. Haben Sie tatsächlich beschlossen, den Elfenbeinturm des Kolumnisten zu verlassen und sich in die Niederungen der Straße zu begeben?“

„Hier ist ganz und gar der falsche Ort, um darüber zu reden und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich Ihre Neugier befriedigen kann, aber von mir aus können Sie mich gerne zur Gerichtsmedizin fahren, damit entgehe ich nämlich einem schlecht gelaunten Polizeibeamten. Was allerdings nicht bedeutet, dass ich Ihnen allzu viel sagen werde. Was halten Sie von diesem unsicheren Angebot?“

Chajm, der mit seinen Gedanken bereits ganz woanders ist, braucht etwas, bis die Worte des Journalisten bei ihm ankommen, doch dann schaut er sich die Taube genauer an. „Sie haben Recht, das arme Tier ist wohl…“ er stutzt, bückt sich und betrachtet die Krallen des Vogels genauer. „Merkwürdig, es sieht nicht so aus, als seien die Krallen abgebissen worden.“ Vor seinem inneren Auge taucht das Bild der Toten auf, einen kurzen Augenblick nur, als habe Melcher einen Blitz ausgelöst, um die Szene festzuhalten. Ein Funke, der aufleuchtet und sogleich wieder verblasst. „Als sei sie absichtlich ihrer Zehen beraubt worden, und zwar mit einem Messer… oder Skalpell.“ murmelt er mehr zu sich selbst als zu Ralf.

Chajm schaut zu der Taube, der sich eine zweite zugesellt, offensichtlich haben die Vögel etwas gefunden, um das es sich zu streiten lohnt. Als er sieht, dass auch die Krallen dieses Tiers verstümmelt wurden, beschleicht ihn ein Unwohlsein, das mit dem Anblick zweier verletzter Tauben nicht zu erklären ist.
„Ja, wer tut so was und wieso hier“ wiederholt er Melchers Worte, während er zu erkennen versucht, um was die beiden Vögel sich balgen. „Schauen Sie, diese hier hat dieselben Verletzungen, eine ist bereits abgeheilt, eine frisch.“ Fragend blickt er über die Schulter zu Melcher hoch. „Können Sie noch ein weiteres Foto machen, aus größerer Nähe, meine ich?“

Chajm fährt ebenfalls erschrocken zurück, als die Tauben plötzlich aufflattern. Er richtet sich auf, greift zu seinem Koffer mit dem medizinischen Besteck. „Zeit zu gehen. Hier gibt es nichts mehr zu tun.“ Immer noch hält ihn ein Gefühl der Beklemmung gefangen und ein starker Wunsch nach Flucht macht sich in ihm breit.
„Nein, ein kleiner Fußmarsch macht mir nichts aus.“
Schweigend geht er eine Weile neben Melcher her und versucht, die Bilder in seinem Kopf zu sortieren. Abwesend antwortet er auf die Frage des Journalisten nach dem Opfer. „Ja, aus der Unterschicht, eine Prostituierte. Wir kommst du darauf?“ Auch er ist ohne es zu bemerken zum Du gewechselt. Vielleicht waren sie damals, im Lazarett, vertrauter, als er sich bewusst erinnert.

„Der Student von gestern Abend, Brandner, er war heute Morgen bei mir in der Gerichtsmedizin, er sprach von der Pest, man könnte sagen als übergreifendes Thema dieser Morde. Scheinbar gibt es in der Kuppel der Karlskirche ein Fresko mit einem Pestheiligen, und nun die Pestsäule. Auf bestialische Art abgeschlachtete Menschen, scheinbar zufällig ausgewählt. Aber was sollen die Vögel in diesem Szenario? Denn ohne sagen zu können, warum..“ er schaut Ralf durch die spiegelnden Gläser seiner Brille nachdenklich an, „…glaube ich, dass sie Teil eines Bildes sind, das der Täter vor uns ausbreitet.“
Gerade hatte er noch überlegt, ob er Melcher auf einen Kaffee einladen soll, aber nun hat er plötzlich das Gefühl, so schnell wie möglich an seine Arbeit zurückkehren zu müssen; vielleicht findet er bei der genaueren Untersuchung der Leiche noch einen Hinweis. Und Ralfs Gedanke, dass es noch mehr Morde geben wird, ist nicht von der Hand zu weisen und äußerst beunruhigend. Seine Schritte werden länger, und kurz darauf sieht er den auffälligen Wagen des Journalisten an der Straße stehen.

„Ja, bitte. Der Inspektor hat mir seine Überlegungen zu dem Fall nicht mitgeteilt.“ Stattdessen wird er mir Ärger machen, und ich kann es ihm nicht verdenken, ein ehemaliger Freier, eine tote Prostituierte, mit einem Skalpell aufgeschnitten, Bravo Saenger, mit der Erklärung, warum du die Frau kanntest hast du dir einen Bärendienst erwiesen. Wenn der Herr Kriminaler nichts Besseres findet, wird er sich dir an die Fersen heften, und das ist das Letzte, was du brauchst.
„Vielleicht kannst du ihm ja die eine oder andere Erkenntnis entlocken, oder diesem Prebichl, seinem Vorgesetzten.“

Ein scharfer Seitenblick trifft Melcher.
„Wer fragt da gerade? Ich nehme mal an, der Journalist? Falls du glaubst, das hatte was mit den beiden Toten zu tun, nein, hatte es nicht. Und der Rest geht dich nichts an, weder den Journalisten noch den Herrn Melcher privat. Und ja, ein sympathischer Mensch.“
Chajms Ton ist nicht unfreundlich, eher leicht amüsiert, aber ihm ist zu entnehmen, dass dem Arzt zu diesem Thema nichts zu entlocken sein wird.

„Nun, da bist du anders als ich. Zwischen mir als Pathologe und Chajm Saenger gibt es sehr wohl einen Unterschied und ich ziehe es vor, dass das so bleibt. Im Augenblick allerdings scheinen die Dinge sich vermischen zu wollen, und das behagt mir ganz und gar nicht. Es geht nicht darum, dass ich dir misstraue, ich halte dich für integer, es geht darum, dass…“
Es ist zu sehen, dass Saenger mit sich ringt. Dann scheint er einen Entschluss zu fassen.
„Gut. Brandner können wir außen vor lassen, wie ich schon sagte, hat diese Sache nichts mit den Morden zu tun. D’accord?
Und was die beiden Leichen hier an der Pestsäule und in der Karlskirche betrifft: das meiste weißt du doch bereits. Wir haben zwei Tote, dem einen, einem Sandler wurden mit, ich würde sagen, fast chirurgischer Präzision, zwei Drittel seines Schädels entfernt, der anderen, einer Prostituierten, hat man auf die gleiche Weise mehrere bis jetzt noch nicht genau bestimmte Organe aus der Bauchhöhle entfernt. Beide Male ist davon auszugehen, dass die Opfer noch lebten, als ihnen das angetan wurde.“
Angewidert stößt der Arzt die Luft aus. „Zu allem Übel war mir die Frau nicht ganz unbekannt, und aus Gründen, die ich lieber für mich behalte, habe ich dem Inspektor Grund zu der Annahme gegeben, dass ich irgendwann mal einer ihrer Kunden war. Reicht das fürs Erste?“
Als habe ihn sein eigener Wortschwall erschöpft, legt Chajm den Kopf an die Lehne des Sitzes und schließt die Augen.
„Es ist, als würden mich die Schrecken des Krieges wieder einholen, ich habe genug davon, ich fühlte mich sicher in meinem Keller, zwischen Toten, die an einer Krankheit gestorben sind und nicht durch mörderische Gewalt.“

Chajm antwortet nicht. Mit immer noch geschlossenen Augen, den Kopf zurückgelehnt, denkt er über Ralfs Vorschlag nach. Natürlich kennt er den Villon Weinkeller, er war selbst schon dort und weiß, welche Art der Entspannung er dort findet. Vergessen. Meine Arbeit tun und dann vergessen. Eine ungeheure Müdigkeit befällt ihn. „Ja, treffen wir uns dort.“

Kurz darauf hält das Auto hinter dem Leichenwagen. Saenger steigt aus, nickt dem Anderen zu. „Bis heute Abend dann.“

Zwei Männer steigen aus dem Leichenwagen, öffnen die Doppeltür und fahren die Bahre mit dem Leichnam über den Hof in die Gerichtsmedizin. Saenger geht an ihnen vorbei, grüßt und bedeutet ihnen, dass er in einer Viertelstunde so weit sei, mit der Obduktion zu beginnen. Dann rettet er sich vor der drückenden Hitze in die Pathologie. Dort angekommen geht er in sein Büro, wirft seine Jacke über eine Stuhllehne und setzt sich mit dem Gefühl, nie wieder aufstehen zu können. Minutenlang starrt er ins Leere, den Kopf in die Hände gestützt.

Verdammt! Das hat ihm gerade noch gefehlt! Der Deutsche aus der Bar gestern Abend, wie hieß er noch? Chajm zermartert sich das Hirn, während er dem Mann die Hand hinhält. „Was kann ich für Sie tun? Falls Sie einen Arzt suchen, sind Sie hier falsch, äh ich meine, nicht, dass ich kein Arzt bin, aber zu meiner Kundschaft gehören Sie ganz eindeutig nicht. Das hier ist die Gerichtsmedizin.“
Er weiß nicht, ob es die Hitze oder die Droge oder beides ist, jedenfalls kann er nicht klar denken. Er hat das Gefühl, eine Szene zu betrachten, die ihn nichts angeht, er sieht zwei Männer vor einer Tür stehen, die eine Art Gesellschaftsspiel spielen, dessen Regeln er nicht versteht. Er hat das Bedürfnis, den Anderen einfach zur Seite zu schieben und an ihm vorbei zu gehen, aber so, wie der in der Tür steht, wird er sich das wohl nicht gefallen lassen.

Der Arzt hebt resigniert die Arme. „Das bin dann wohl ich, da der Professor Haberda sich krank gemeldet hat.“ Der Breitner scheint ihm nicht über den Weg zu trauen, kein Wunder, bei dem, was ich ihm erzählt habe. „So, als Hilfskraft.“ Er mustert den Deutschen mit müdem Blick. „Haben Sie schon einmal eine Obduktion durchgeführt? Das ist nämlich das, was ich als nächstes tun werde, die Frau von der Pestsäule; sie müsste schon auf dem Tisch liegen. Ich nehme mal an, dass der Herr Inspektor meint, ich könne Unterstützung gebrauchen.“ Der Sarkasmus in Chajms Stimme ist nicht zu überhören. „Dann kommen Sie mal mit, Herr…“ Er lässt das letzte Wort in der Luft hängen und geht an dem Studenten vorbei, verzichtet darauf, ihm die Tür aufzuhalten, nach Höflichkeiten ist ihm gerade gar nicht zumute.
Unten angekommen, zeigt er auf die Reihe Kittel, die im Vorraum hängen. „Nehmen Sie sich einen, hier ist das Waschbecken, hier sind Handschuhe.“ Ohne auf den anderen zu warten, geht er hinüber zum Obduktionstisch, auf dem die Leiche aufgebahrt liegt. Er sieht nach, ob alle Instrumente, die er braucht, da sind, streift sich die Handschuhe über und entfernt mit dem blutbefleckten Tuch das Letzte, was der Toten noch einen Rest Würde gelassen hat. Armes Mädchen, ein Scheißleben hast du gehabt und ein noch beschisseneres Ende.

Chajm steht vor der Frau, starrt auf das angstverzerrte Gesicht. Bilder ziehen vor seinem inneren Auge vorbei, dieselbe Frau, weinend, verängstigt, schuldbeladen stand sie damals vor seiner Tür. Die Erinnerung daran lähmt ihn, die Vergangenheit mischt sich mit der Gegenwart und nimmt ihm die Distanz, die nötig ist um sich ein professionelles Urteil zu bilden. Ohne darüber nachzudenken, schließt er mit einer beinah zärtlichen Geste die Augen der Toten, als könne er damit im Nachhinein den Schrecken und den Schmerz ungeschehen machen, den sie in den letzten Augenblicken ihres Lebens empfunden haben muss. Als Fichtmann an den Tisch herantritt, geht er, plötzlich erleichtert über dessen Anwesenheit, ein wenig zur Seite, um dem Studenten Platz zu machen.
„Dann legen Sie mal los. Einiges können Sie ja schon dem puren Augenschein nach sagen. Was fällt Ihnen auf?“

Chajm starrt auf die Tote. Ihm ist schwindlig und leicht übel, etwas, das ihm seit seiner ersten Obduktion als Student nicht mehr passiert ist, ob es die Hitze oder die Droge ist oder doch der Schrecken, der ihn angesichts des geschändeten Körpers befällt, er weiß es selbst nicht. Er fühlt sich völlig hilflos. Was soll er da untersuchen? Er notiert, welche Organe fehlen, eine lange, trockene Aneinanderreihung, die nicht im Entferntesten das zunehmende Grauen widerspiegelt, das er empfindet.
Fichtmann hält sich erstaunlich gut, er benimmt sich, als sei es sein täglich Brot, ausgeweidete Leichen zu obduzieren. Als sie fertig sind, nickt er dem Studenten zu. „Danke, das war’s. Mir wäre nach einem Kaffee. Nicht weit von hier gibt es ein Kaffeehaus, kommen Sie mit?“

Wenig später verlassen sie das Gebäude. Die Hitze draußen ist mörderisch und Chajm läuft in Gedanken versunken schweigend neben dem Studenten her. „In der Lazarettgasse, gleich da vorne um die Ecke gibt es ein Kaffeehaus.“
Wieder verstummt er.
Als sie das Café betreten, schaut er sich kurz um, stellt erleichtert fest, dass er keinen der Gäste kennt und wählt einen Platz fern der Tür und damit weit von der stickigen Luft, die mit jedem neuen Gast von draußen hereinströmt.
„Sie waren mir wirklich eine Hilfe, Herr Fichtmann, und ich möchte Ihnen danken. Darf ich Sie einladen?“

„Ich bestehe darauf.“
Chajm wundert sich über sich selbst. Vor ein paar Stunden noch wollte er den Mann so schnell wie möglich loswerden, aber dessen trockene, sachliche Herangehensweise während der Obduktion hatte ihm tatsächlich geholfen, wieder etwas ruhiger zu werden.
„Was denken Sie über den Fall?“ fragt er Fichtmann, nachdem sie beide etwas bestellt haben. „Wenn ich das richtig verstanden habe, waren Sie in der Karlskirche, als die erste Leiche gefunden wurde? Haben Sie den Eindruck, dass es sich in beiden Fällen um denselben Täter handelt? Was hat das Ganze mit der Pest zu tun? Und ist die Tatsache, dass es sich bei den beiden Toten um Menschen vom Rande der Gesellschaft handelt, von Bedeutung oder ist es Zufall?“
Er überlegt einen Moment und fährt dann fort „am Ort des zweiten Leichenfundes gab es merkwürdig verstümmelte Tauben, jemand hatte ihnen offensichtlich die Krallen abgeschnitten.“
Er lehnt sich zurück, schlürft seinen Mokka, den der Obers inzwischen vor ihn hingestellt hat und mustert über den Rand der Tasse hinweg aufmerksam sein Gegenüber.

„Was das Ganze mit der Pest zu tun hat? Nun, ich wusste es auch nicht, ich bin Jude und mit der christlichen Bildsprache nicht vertraut,“ ein schneller, prüfender Blick streift Fichtmann, „aber der Herr Brandner, der Theologiestudent, hat darauf hingewiesen, dass der Fundort der ersten Leiche in der Karlskirche ebenfalls ein Ort war, den man mit der Pest in Verbindung bringen kann, irgendein Heiliger, ich habe seinen Namen vergessen, schaute sozusagen von der Kuppel aus auf das Geschehen herunter. Ich gebe zu, dass das Zufall sein kann, muss aber nicht.“

Ein leises Klirren, als er die Tasse auf den Tisch stellt.

„Sie haben Recht, es wäre einfacher gewesen, den ganzen Kopf zu entfernen, weshalb man sicher sein kann, dass die Art, wie der Mörder vorging, eine Bedeutung hat. Zudem wurden die Opfer erst nach ihrem Tod zu diesen exponierten Orten gebracht, was natürlich ganz praktische Gründe hat, jemanden auf diese Weise abzuschlachten braucht seine Zeit, weshalb es an einem abgelegenen Ort passieren muss, doch dann wollte der Täter sein Werk sichtbar machen. Was Ihre restlichen Überlegungen betrifft, bin ich einer Meinung mit Ihnen, der Tod eines Sandlers und einer Prostituierten erregen nicht so viel Aufsehen.“

Nachdenklich schaut er den Studenten an, beschließt dann aber, dass sie an einem Punkt angelangt sind, an dem sie nicht weiterkommen werden und wechselt das Thema.
„Wie kam eigentlich der Inspektor darauf, Sie um Hilfe zu bitten? Das scheint mir doch ein wenig ungewöhnlich, einen Studenten, zudem aus dem Ausland, mit so einer Sache zu betrauen. Sie müssen ihn mit irgendetwas ziemlich beeindruckt haben oder der Mann wollte mir einen unbeteiligten Aufpasser zur Seite stellen, warum auch immer.“
Wieder ein schneller, dieses Mal leicht ironischer Blick.

Irgendwo in der Ferne schlägt eine Kirchturmuhr erst vier-, dann dreimal, und erinnert ihn daran, dass er heute noch etwas zu erledigen hat.
„Nein, ich für mein Teil glaube das nicht, aber wer weiß schon, was im Hirn eines Polizisten vorgeht.“ Chajm setzt das harmloseste Gesicht auf, das ihm zur Verfügung steht, was ihm nach seinem Gefühl auch ganz gut gelingt, und ruft nach dem Obers, um zu zahlen. Dann wendet er sich wieder Fichtmann zu.
„Tut mir Leid, aber ich muss jetzt gehen. Der Autopsie-Bericht ist noch zu schreiben und auch sonst habe ich noch so einiges vor. Ich brauche später noch Ihre Unterschrift, wäre es Ihnen möglich, gegen Abend noch einmal in der Gerichtsmedizin vorbei zu kommen? Falls ich nicht da sein sollte, werde ich einen der Pfleger von Ihrem Kommen unterrichten. Ich fürchte, das ist nicht das, was Sie sich von einem Urlaub in dieser Stadt versprochen haben, aber wahrscheinlich ist die Sache für Sie damit auch erledigt.“
Mit diesen Worten steht er auf und streckt dem Studenten lächelnd die Hand hin. „Falls wir uns nicht mehr sehen, wünsche ich Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt in Wien.“

Chajm verlässt das Kaffeehaus und macht sich auf den Weg in die Beingasse. Es ist nicht allzu weit dorthin, weshalb er zu Fuß geht. Die Sonne brütet unbarmherzig über der Stadt, das Pflaster zu seinen Füßen scheint zu kochen. Als er nach einer Zeit, die ihm ewig erscheint, endlich das heruntergekommene Haus in der schmalen Gasse betritt, ist er schon wieder schweißgebadet. Der unangenehme, aber ihm inzwischen vertraute Geruch, eine Mischung aus Kohlsuppe, Urin und Moder, schlägt ihm entgegen. Er hasst sich dafür, dass er immer wieder diesen Ort aufsucht, der ein Symbol des Versagens und der Demütigung für ihn ist. Langsam, als trage er ein schweres Gewicht auf seinen Schultern, schleppt er sich die schmale Stiege hinauf, bleibt vor der Tür in der zweiten Etage stehen und dreht nach einem kurzen Zögern entschlossen an der Klingel, über der ein handgeschriebenes Schild mit dem Namen K. Pastewka befestigt ist.

Chajm ist ganz und gar nicht in der Stimmung für dieses enervierende Spielchen, das er zu gut kennt, um darauf hereinzufallen.
„Saenger. Machen Sie schon auf, Pastewka.“

Chajm dankt dem Mann vor sich und bleibt stehen. Er will sich hier nicht lange aufhalten, nicht länger als unbedingt nötig wenigstens. Allerdings ist er auf Pastewka angewiesen, das wissen sie beide. Er mag ihn nicht besonders, mochte ihn noch nie, schon damals im Lazarett nicht; er war einer, der nach oben buckelte und nach unten trat, trotzdem nur ein armer Kerl, bekam nach dem Krieg die Füße nicht mehr auf den Boden, wie so viele. Und wenn man sieht, unter welchen Bedingungen er hier haust, können auch seine Geschäfte nicht allzu gut laufen. Meinst du, du bist ein Deut besser als er, Herr Doktor? Du hattest Glück, er nicht. So einfach ist das. Saenger setzt sich nun doch, sein Selbstekel und damit sein Wunsch nach Bestrafung ist größer als sein Abscheu vor dem dreckigen Sofa.
„Ja, Chloroform und Morphium, wie immer.“

„200 Schilling? Ich habe nur 150, und das ist schon sehr viel, das wissen Sie selbst.“ Chajm unterdrückt die aufkeimende Wut in sich, den Kerl zu beleidigen würde alles nur schlimmer machen. Der Mann sitzt am längeren Hebel; einen anderen zu finden, der so zuverlässig liefert, ist schier unmöglich. „Geben Sie mir dieses Mal das Zeug noch zum alten Preis, das nächste Mal werde ich dann 200 mitbringen, versprochen“ fügt er nach einer Pause hinzu, und bemüht sich Pastewka nicht sehen zu lassen, was er von ihm hält.

Dieser kleine Scheißkerl meint nun auch noch, ihn duzen zu können. Chajm würde ihm am liebsten den Hals umdrehen. Er steht auf, geht einen Schritt auf den Mann zu und hört sich sagen „Einverstanden, machen wir es so.“ Wie weit bist du schon gesunken, Saenger, dass du dir so etwas gefallen lässt. Als nächstes wirst du ihm die Schuhe lecken, wenn er es verlangt, nur um an deine Droge zu kommen.

Die Tür schlägt mit der Endgültigkeit eines Fallbeils hinter ihm zu, und Chajm beeilt sich, diesen verhassten Ort zu verlassen. Selbst die stickige Luft in der schmalen Gasse erscheint ihm nach dem Gestank im Treppenhaus erträglich. Er atmet tief durch und macht sich, einerseits immer noch wütend, andererseits auch erleichtert, auf den Heimweg. Jetzt, wo er genug Morphium in der Tasche hat, nimmt er sich vor, so sparsam damit umzugehen, dass es die nächsten zwei Wochen reichen wird. Mach dir nichts vor, Mann. Du weißt doch, dass der Weg in die Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist. Du wirst dich ruinieren, sowohl deinen Körper als auch deinen Geist, von deinen Finanzen gar nicht zu reden. Er beschließt, die verächtliche Stimme in seinem Kopf zu ignorieren und beginnt sich auszurechnen, wie viel er verbrauchen darf, damit der Stoff vierzehn Tage reicht.

Am Zimmermannplatz kauft er an einem Kiosk die Nachmittagsausgabe der Stunde, vielleicht ist Melchers Artikel schon drin.
Zurück im Krankenhaus lässt er die Gerichtsmedizin erst einmal links liegen und geht in sein Büro, wo er die beiden Fläschchen in seiner Aktentasche verstaut, um sich nach einem Blick auf die Uhr an der Wand mit der Zeitung an seinen Schreibtisch zu setzen. Er hat genug Zeit, noch eine halbe Stunde Pause zu machen, bevor er sich an den Bericht setzt.

Gleich auf der ersten Seite entdeckt Chajm Ralfs Artikel. Der Arzt ist beeindruckt, sowohl von Melchers Stil als auch von der gedanklichen Klarheit, mit der der Journalist die wesentlichen Aspekte des Falles zusammengefasst hat und es dann auch noch schaffte, einen der Stunde angemessenen gesellschaftskritischen Aspekt darin unterzubringen. All das natürlich in dem leicht reißerischen Stil dieses Blattes, aber das gehört wohl dazu. Ein genialer Schachzug, dem Mörder gleich auch noch einen Namen zu verpassen, der sich dem Publikum sogleich einprägen wird: „Der Vogelmann“, und dazu noch das Bild eines mittelalterlichen Pestarztes. Insgesamt wenig Neues für ihn, aber gut aufbereitet.
Was Saenger weniger gefällt ist der deutliche Hinweis auf ein „ärztliches Urteil“, aber das hat er sich selbst und seiner miesen morgendlichen Verfassung zuzuschreiben. Wenn da einer die richtigen Schlüsse zieht, kann das Ärger sowohl mit Haberda als auch mit diesem Breitner bedeuten.
Er grübelt noch eine Weile über dem Zusammenhang, der zwischen den beiden Toten, den Fundorten und der Pest hergestellt wird, kommt aber zu dem Ergebnis, dass das, was ihm die Obduktionen verraten haben, das Einzige ist, was einigermaßen verlässlich ist und legt die Zeitung zur Seite, um sich endlich an seinen zweiten Bericht zu machen.

Chajm fährt erschrocken von seiner Arbeit auf, als Riegler hereinstürzt. „Guten Tag Herr Riegler! Ich habe Sie nicht klopfen hören. Was ich hier mache? Meinen Bericht schreiben. In der Gerichtsmedizin habe ich keinen eigenen Raum, wie Sie ja wissen.“ Er bemüht sich um eine möglichst neutrale Miene um das in ihm aufkeimende Schuldbewusstsein zu verbergen. „Nach der Autopsie schien es mir angebracht, mit dem Studenten der mir geholfen hat, einen Kaffee trinken zu gehen; ich weiß nicht, ob der Mann überhaupt für seine Hilfe entlohnt wird. Danach hatte ich noch etwas Wichtiges zu erledigen, aber nun bin ich ja hier und der Obduktionsbefund ist in einer halben Stunde fertig. Tut mir Leid, wenn ich Ihnen Verdruss bereitet habe. Herr Fichtmann wird sicher bald vorbeikommen, den Bericht zu unterzeichnen, so ist es mit ihm abgesprochen. Ich kann Haberda gerne anrufen, um mich für die Verzögerung zu entschuldigen, falls Sie es für angebracht halten, ihn trotz seines Fiebers zu stören.“

Chajm zögert einen Moment, unschlüssig, ob er die Rüge seines Vorgesetzten einfach hinnehmen soll oder nicht. Klar hat er sich den Ärger selbst zuzuschreiben, aber das Verhalten Rieglers ist absolut inakzeptabel. Nicht, dass er sich darum reißen würde, in der Gerichtsmedizin zu arbeiten, aber abgekanzelt zu werden wie ein Schüler, der zu spät in den Unterricht gekommen ist und sich nun ganz von dem Fall ausgeschlossen zu sehen, das, findet er, geht entschieden zu weit. Wütend auf sich und auf Riegler schleudert er ein herumliegendes Anatomiebuch an die Wand, dann setzt er sich wieder hin und haut erbittert die nächsten Sätze in die Tasten der Schreibmaschine.
Nach zwanzig Minuten ist der Bericht fertig. Er unterzeichnet ihn, greift zu seiner Tasche und schließt den Raum hinter sich ab. Auf dem Gang ist keiner zu sehen; er geht in Rieglers Büro, wo ebenfalls niemand ist, knallt seinen Bericht auf dessen Schreibtisch und geht, immer zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe nach oben, wo ihm beim Verlassen des Gebäudes die vertraute Hitze entgegen schlägt. Vor der Tür bleibt er kurz stehen, überlegt, ob er doch noch einmal Riegler aufsuchen soll, aber seine Frustration ist immer noch zu groß, um ruhig mit seinem Vorgesetzten zu sprechen. Vielleicht morgen.
Immer noch mit sich und der Welt hadernd macht er sich auf den Heimweg.

Zurück in seiner Wohnung lässt Saenger sich auf das Sofa fallen und starrt, den Kopf in die Hände gestützt vor sich hin. Irgendwann schleppt er sich in die Küche um dort ein Glas Wasser zu trinken. Eigentlich sollte er etwas essen, aber er verspürt keinen Hunger. Er geht zum Fenster und sieht auf die Straße hinaus. Vom Turm der Karmeliterkirche schlägt es siebenmal und Chajm fällt siedendheiß ein, dass er sich um diese Zeit mit Melcher im Villon Weinkeller verabredet hat.
Er geht ins Bad um sich frisch zu machen; der Spiegel über dem Waschbecken zeigt ihm ein eingefallenes, müdes Gesicht. Das Gesicht eines drogensüchtigen heruntergekommenen Arztes flüstert ihm hämisch die Stimme zu, der es bestens versteht, sich allseits unmöglich zu machen. Er wendet sich ab, geht in sein Schlafzimmer um sich ein sauberes Hemd und eine leichte Hose anzuziehen und ist kurz darauf so weit zu gehen. An der Tür dreht er noch einmal um, öffnet die Aktentasche, die er beim Hereinkommen achtlos hat fallen lassen, nimmt die beiden Fläschchen heraus und legt sie in die Schatulle zu den Spritzen, die er am Morgen noch ausgekocht hatte. Er räumt alles ordentlich weg und verlässt die Wohnung.
Nur eine halbe Stunde später, der Weg ist nicht sehr weit, weshalb er zu Fuß geht, betritt er das Haus; für die Schönheit seiner Architektur hat er keinen Blick.
Er weiß, wo der Journalist auf ihn warten wird und nickt dem Mann an der Tür, der ihm den Weg weisen möchte nur kurz dankend zu.
Mit jeder Stufe, die er tiefer in den Bauch des Hauses gelangt, wird es etwas kühler, und als er den vierten Keller erreicht hat, sind die Temperaturen angenehmer als in der Pathologie. Am Fuß der Treppe schaut er sich um, erblickt Melcher, der es sich bereits auf einer Sitzgruppe ganz in der Nähe bequem gemacht hat und geht auf ihn zu, um ihm die Hand zu schütteln.
„Guten Abend, tut mir Leid wegen der Verspätung, ich hoffe, die Zeit ist dir nicht allzu lang geworden.“

Chajm schaut dem Chinesen interessiert beim Vorbereiten der Pfeife zu. Er spürt, wie gierig er auf den ersten Zug wartet, denn alleine der Geruch des Opiumrauches in der Luft weckt angenehme Erinnerungen in ihm. Zu Ralf gewandt meint er, „Glückwunsch zu deinem Artikel; er ist wirklich gut, aber falls du auf Neuigkeiten den Fall betreffend gehofft hat, muss ich dich enttäuschen. Seit zwei Stunden bin ich beurlaubt.“

Chajm nimmt die Pfeife entgegen, hält sie über die Lampe und inhaliert genüsslich. Er schließt die Augen und behält den Rauch so lange wie möglich bei sich, um dann langsam auszuatmen. Er liebt dieses Ritual, weniger wegen der Wirkung, die bei der ersten Pfeife minimal ist, sondern einfach nur wegen des Akts der Hingabe an den Moment.
„Ich habe den Dingen nicht die richtige Priorität eingeräumt, würde ich sagen. Mein Bericht lag nicht zur richtigen Zeit auf dem richtigen Schreibtisch. Und wenn Haberda oder Breitner deinen Artikel lesen, werde ich wohl endgültig in Ungnade fallen, du ahnst sicher, warum.“

„Das war kein Vorwurf. Breitner ist der Inspektor, der für die Aufklärung des Falles zuständig ist, und Professor Haberda ist der Leiter der Gerichtsmedizin; da sowohl er als auch einige der Pathologen krank sind, hat er mich gebeten, die Leiche zu obduzieren. Wenn nun also in deinem Artikel steht, dass, ich zitiere, nach ärztlichem Urteil, beiden Opfern bei lebendigem Leibe das angetan wurde, was glaubst du, wen die beiden Herren da als ersten fragen werden, woher der Herr Melcher diese Information hat? Kein Vorwurf, wie gesagt, nur eine Feststellung.“
Chajm nimmt abermals einen tiefen Zug aus der Pfeife, legt sie dann zurück auf das Tablett und trinkt einen Schluck von seinem Tee. Er schweigt, man könnte meinen, das Opium wirke schon, doch dann murmelt er plötzlich „’Lange schon wütete der ›Rote Tod‹ im Lande; nie war eine Pest verheerender, nie eine Krankheit gräßlicher gewesen. Blut war der Anfang, Blut das Ende – überall das Rot und der Schrecken des Blutes.’ Kennst du diese Sätze? Es ist aus einer Erzählung von Poe, und sie endet: ‚Und unbeschränkt herrschte über alles mit Finsternis und Verwesung der Rote Tod.’ Daran muss ich gerade denken.“

„Danke, aber ich bin erstmal für zwei Tage beurlaubt. Zeit genug, um mich heute Abend schönen Träumen zu überlassen und die Folgen morgen nicht bereuen zu müssen.“ Chajm nimmt die Pfeife, hält sie nachdenklich in der Hand um ihren Kopf dann erneut über der Lampe zu erwärmen. Wieder nimmt er einen tiefen Zug, spürt dem angenehmen Kribbeln in seinen Händen nach, das sich von dort langsam in seinem Körper ausbreitet und lässt sich tiefer in die Kissen sinken.
„Es ist nicht so, dass mich die Sache nicht interessieren würde, nur wie denkst du, kann ich dich in dieser Situation unterstützen?“
Wieder versinkt er in Schweigen.
Seine Gedanken sind völlig klar und gleichzeitig fühlt er endlich die Distanz, die ihm den ganzen Tag über gefehlt hat; er kann die Ereignisse des Vormittags, die Bilder an der Pestsäule nun an sich vorbeiziehen lassen wie ein unbeteiligter Zuschauer.
„Vielleicht sollten wir noch einmal dorthin gehen, an die Pestsäule meine ich, und in die Karlskirche. Dort und in den Körpern der beiden Toten ist die Botschaft, und wir haben sie bis jetzt nicht verstanden.“
Er dreht den Kopf zur Seite und schaut Ralf unter schweren Lidern an. „Glaubst du wirklich, dass es sich um einen Geisteskranken handelt? Und warum hast du ihn ‚Vogelmann’ genannt, nur wegen der Tatsache, dass ein irrer Mörder sich noch besser verkauft, wenn er einen Namen hat oder weil du tatsächlich denkst, dass er sich als eine Art Arzt versteht, der eine Pest ausrotten will?“

Chajm schaut bei den Worten des Journalisten sinnend auf seine Pfeife. Der kleine Harzklumpen ist fast verschwunden; es wird nicht bei dieser einen bleiben, noch hat er nicht den Zustand erreicht, den er herbeisehnt.
Sein Blick scheint wie nach innen gerichtet als er endlich antwortet, so als führe er ein Selbstgespräch.
„Fassen wir also noch mal zusammen. Der Sandler. Warum nur die obere Hälfte des Schädels? Weil er nur das Gehirn brauchte? Natürlich hätte er auch die Schädeldecke aufsägen können, aber dabei hätte es zu Beschädigungen des Gehirns kommen können. Warum hat er dann aber auch die Hirnschale mitgenommen?“
Er trinkt erneut einen Schluck Tee und sieht sich suchend nach dem Chinesen um, bevor er fortfährt.
„Der Frau fehlten Luft- und Speiseröhre, Lunge, Magen, Leber, die Genitalien, verschiedene Muskeln aus Bauch und Rücken, mehrere Rippen und einige der großen Gefäße….was ich nicht verstehe ist, worauf es dem Mörder ankommt: auf das, was er zurückgelassen hat oder auf das, was er entfernt hat? Die Fundorte sprechen für das erste. Sicher ist hingegen, dass es für ihn entscheidend war, dass seine Opfer noch lebten, aber warum?
Wie ist es bei dir, konntest du über das, was in deinem Artikel steht hinaus noch etwas herausfinden?“

„Eine Prostituierte, nein, eigentlich keine Prostituierte, eine Frau, die Pech gehabt hat im Leben. Ich konnte ihr vor ein paar Jahren mal helfen, aber schon damals war sie dem Tode geweiht, Syphilis, zuletzt im Endstadium. Genau wie der Sandler wäre sie sowieso bald gestorben.“

Die Worte des Journalisten dringen in Chajms Gehirn ein, das nun, nach der dritten Pfeife, auf Hochtouren läuft, als habe jemand einen grauen Schleier zur Seite geschoben, der normalerweise sein Bewusstsein von dem, was offen zutage liegt trennt. Gleichzeitig schwindet in seinem Körper das Bedürfnis, sich zu bewegen; vielmehr scheint er einen fast vegetativen Zustand anzunehmen, in dem die Sinne geschärft, gleichzeitig aber seltsam beziehungslos sind. Er liebt dieses Schweben, in dem nichts mehr ihn bedrückt und die Nerven Funken sprühen, ein Gewitter unzähliger Gedanken.

„Warst du in München zur Zeit der Räterepublik? Dort gab es freie Geister, Mühsam, Landauer, Toller. Aber diese Revolution in der Revolution war zu viel für die Herren in Berlin. Sie wurde niederkartätscht von Noskes Reichswehr und nationalistischen Freikorps. Ich fürchte, so wird es immer sein, wenn das Volk meint, es könne die Dinge selbst in die Hand nehmen.“
Wieder springen seine Gedanken.
„Bist du noch manchmal in Prag? Auch dort versuchen sie ja eine Demokratie auf die Beine zu stellen und Masaryk scheint ein integrer Mann zu sein. Und was haben wir hier? Das ‚Rote Wien’, mit einem fortschrittlichen Gesundheitswesen, wo dennoch Menschen wie dieser Sandler oder eine Prostituierte vor die Hunde hätten gehen können ohne dass es jemanden gestört hätte, wären sie nicht vorher von einem die Phantasie der Menschen beflügelnden grausamen Tod ereilt worden.“
Und als habe er gerade einen Entschluss gefasst fügt er abschließend hinzu
„Und verdammt will ich sein, wenn ich das einfach auf sich beruhen lasse.“

Chajm sieht das Grinsen nicht und Ralfs Stimme scheint von der anderen Seite des Raumes zu kommen. Er öffnet die Augen und sieht den Journalisten unverändert entspannt in die Kissen gelehnt. „Nein, das ist nicht, was ich damit sagen wollte; politisches Engagement liegt mir fern, ich traue den Menschen nicht genug, fürchte ich.“
Seine Lider senken sich schon wieder, sie sind so schwer, dass es eine große Anstrengung bedeuten würde, die Augen offen zu halten.
„Dieser Breitner, hältst du ihn für einen fähigen Mann? Wird er unvoreingenommen ermitteln? Oder wird er nur dort suchen, wo seine Vorgesetzten ihn suchen lassen? Unter Menschen vom Rande der Gesellschaft, Kupplern oder Sandlern zum Beispiel. Oder er kommt nur auf das Naheliegende, jemanden, der mit dem Skalpell umgehen kann, einen Arzt zum Beispiel, wie wär’s mit einem Pathologen, der sogar zugegeben hat, die Prostituierte zu kennen?“
Der Gedanke, am Vormittag noch bedrohlich, belustigt ihn jetzt in all seiner Absurdität.
„Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich morgen früh Besuch bekommen werde und du wahrscheinlich auch, wegen deines Artikels.“

„Vielen Dank, dann muss ich mir ja keine Sorgen machen. Darauf noch die letzte Pfeife dieses Abends, bevor ich mich verabschiede, wohin auch immer“
antwortet Chajm und zieht in einer Mischung aus Sarkasmus und Belustigung die Augenbrauen hoch, während er erneut dem Chinesen ein Zeichen macht.

„Tut mir Leid. Manchmal ist das die einzige Art, die Welt zu ertragen. Und die letzten beiden Tage waren….wie ein Déjà Vu, verstehst du? Diese zerstörten, ausgeweideten Körper….nein, verlange keinen Idealismus von mir, obwohl es dich ehrt, wenn du dir noch etwas davon bewahrt hast. Aber mein Dank ist ernst gemeint, wenn es sich auch nicht danach anhörte. Und wer weiß, vielleicht brauche ich deine Hilfe wirklich.“
Jeder Spott ist aus der Miene des Arztes verschwunden, und zurück bleibt nur eine ungeheure Müdigkeit.

Chajm nimmt die Pfeife von dem Chinesen entgegen und hält sie über die Lampe. Nach seinem letzten Zug versinkt er in Schweigen.

Chajm überfällt eine plötzliche Panik, das sanfte Schweben, das er gerade noch empfunden hat, scheint mit dem Rauch in der Lüftung verschwunden zu sein. Er kneift angestrengt die Augen zusammen, versucht die Decke über sich zu fixieren, aber er kann nichts erkennen. Und dann dieser Geruch…vertraut und trotzdem bedrohlich. Sein Herz rast.
Mit einem Ruck richtet er sich auf.
„Riechst du das?“

Paranoia steigt in ihm auf, er fühlt sich beobachtet, und die Tatsache, dass Ralf seine Wahrnehmung bestätigt, steigert dieses Gefühl noch. Wieder schaut er nach oben, ist sich sicher, dass sich da etwas bewegt hat, sieht Augen, meint, ein Rascheln zu hören.
„Eine Ratte, es ist sicher nur eine Ratte in der Lüftung“ versucht er sich zu beruhigen, aber seine überreizten Nerven sagen ihm etwas anderes.
„Es riecht nach Tod, glaub mir, da kenne ich mich aus.“
Die Bilder vor seinem inneren Auge wechseln nun mit rasender Geschwindigkeit, eine Leiche ohne Kopf, Vogelkrallen, eine Heiligenfigur die blutige Tränen weint, eine geschändete tote Frau, verstümmelte Tauben, schreiende Soldaten, unzählige Ratten, ein Einarmiger…., eine endlose Abfolge des Grauens, die er unfähig ist zu unterbrechen.
Flucht, er muss hier raus.
Er weiß nicht, ob er diesen Gedanken laut ausgesprochen hat oder nicht und wiederholt „ich muss hier raus!“, während er bereits aufspringt

Chajm ist die Treppen hochgejagt als sei der Teufel hinter ihm her. Erst draußen auf der Straße bleibt er schwer atmend stehen. Sein Herz pocht immer noch rasend schnell in seiner Brust. Er greift sich an die Schläfen, drückt, als könne er damit den Film stoppen, der in seinem Gehirn abläuft. Als Melcher kurz darauf mit leicht unsicheren Schritten aus dem Haus tritt und ihn anruft, dreht Chajm sich zu ihm um und breitet entschuldigend die Arme aus. „Es ist…ich weiß nicht…dort unten…war etwas….Ungutes…“ In seinen Augen steht eine unausgesprochene Frage. „Was war das? Hat mir der Drache einen Streich gespielt oder werde ich wahnsinnig? Dann schüttelt er den Kopf, als habe er sich die Frage bereits selbst beantwortet.
„Ich gehe nicht mehr dort hinunter.“

Chajm grinst den Freund etwas verlegen an, kramt in seiner Jackentasche und befördert ein paar Scheine daraus hervor. „Sicher hast du Recht. Verzeih, ich benehme mich unmöglich, aber ich wäre dir dankbar, wenn du das für mich tätest. Ich warte hier solange.“ Er drückt Melcher das Geld in die Hand und wendet sich ab; der Andere muss nicht sehen, dass er immer noch nicht ganz Herr seiner selbst ist und dass er, im Gegensatz zu dem, was er sagt, keineswegs sicher ist, dass er sich alles nur eingebildet hat.

Er sieht Ralf kurz nach, der im Gebäude verschwindet und schaut sich, während er rastlos die Straße auf und ab geht, immer wieder unruhig um.

Das Katzengeschrei war erbärmlich, die Stille danach ist kaum zu ertragen.
Die Zeit dehnt sich ins Endlose, es scheint schon eine Ewigkeit her, dass Ralf im Weinkeller verschwunden ist. Chajm lehnt sich an die Hauswand, verweilt einen kurzen Augenblick reglos und nimmt dann seine ruhelose Wanderung wieder auf. Seine Sinne spielen verrückt, er meint, den widerlichen Geruch auch hier draußen wahrzunehmen, seine Augen huschen hinüber zu den Schatten der Hauseingänge, zu der kleinen Nebenstraße, aus der er neben dem Fauchen der Katze ein Klappern gehört zu haben meint.

Chajm ist erleichtert, als Ralf endlich auftaucht. „Ja, gehen wir.“
Er stürmt einfach los, nur weg hier. Nach einer Weile des schweigsamen nebeneinander Hergehens spürt er, wie er ruhiger wird. Die Wirkung des Opiums in seinem Körper allerdings scheint fast verschwunden zu sein, zuviel Adrenalin im Blut. Er mustert den Freund nachdenklich von der Seite. „Danke.“ Und nach einer weiteren langen Pause „den Abend habe ich dir gründlich versaut, fürchte ich und es tut mir Leid. Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist; mein Nervenkostüm ist manchmal etwas dünn. Falls du noch immer nicht genug von mir hast, können wir gerne noch irgendwo etwas trinken gehen, oder wir springen in die Donau, ein bisschen Abkühlung wäre auch nicht schlecht, was meinst du?“
Er schickt ein dünnes Lächeln zu seinem Begleiter hinüber.

Er folgt Melcher, beobachtet den unsicheren Gang des Journalisten. Jetzt noch Alkohol und wir werden morgen früh beide zu keinem anständigen Gedanken fähig sein, geschweige denn zu irgendeiner vernünftigen Handlung. Er kennt die Übelkeit, die dem Opiumrausch am nächsten Tag folgt nur zu gut und merkwürdigerweise ist es ihm plötzlich nicht mehr gleich, wie es ihm morgen gehen wird, im Gegenteil, Chajm hat das Gefühl, einen klaren Kopf behalten zu wollen für das, was vielleicht auf ihn zukommt. Nicht die vermeintlich kristallklaren Eingebungen, die das Opium ihm schenkt, und die ihn gerade eben auf die schrecklichsten Abwege geführt haben, sondern die Einsichten eines ausgeruhten Gehirns, dessen Synapsen nicht von irgendeiner Droge beeinflusst werden. Ungeduldig schiebt er den Gedanken an die Schatulle in seinem Schrank beiseite; damit wird er sich morgen beschäftigen.
Als sie das Lokal betreten, das Ralf vorgeschlagen hat, bestellt Saenger ohne den anderen zu fragen für beide einen starken Kaffee.
„Danach werde ich nachhause gehen, für heute ist es genug.“

Chajm blinzelt, das Licht, das durch die Läden scheint ist viel zu hell. Schnell schließt er die Augen wieder. Er fühlt sich wie zerschlagen, obwohl ihn in dieser Nacht keine Träume gequält haben. Das Opium hat zuletzt doch seine Wirkung getan und ihm Vergessen geschenkt. Langsam, vorsichtig, um seinem Kopf nicht allzu viel zuzumuten, setzt er sich auf, verharrt minutenlang auf der Bettkante. Die Luft im Zimmer ist stickig, er hat in der Nacht nicht gewagt die Fenster zu öffnen, eine irrationale Entscheidung, seine Wohnung liegt im ersten Stock.
Er taumelt zum Fenster und öffnet es weit, helles Tageslicht strömt herein und mit ihm die alltäglichen Geräusche der Straße, Rufe, Autos, die über das Kopfsteinpflaster holpern, das Schlagen der Turmuhr, das ihm sagt, dass er ziemlich lang geschlafen hat. Er wendet sich ab, flüchtet in das angenehme Zwielicht des Flurs. Sein Blick fällt auf einen Papierfetzen am Boden, der bei seiner Rückkehr heute Nacht noch nicht dagelegen hat, oder vielleicht doch? Er ist sich nicht sicher. Er bückt sich, um ihn aufzuheben, sofort setzt der Schwindel ein, gefolgt von einem heftigen Pochen in seinem Schädel. Noch bevor sein Verstand aufnimmt, was auf dem Blatt steht sendet sein Gehirn schon Alarm. Der Geruch, der von dem Papier ausgeht, widerlich vertraut, Kloakengestank. Chajm lässt den Zettel fallen, als habe er sich daran verbrannt. Er stürzt in sein Schlafzimmer wo die Brille noch auf dem Tisch liegt und kehrt in den Flur zurück. Er bückt sich und liest die wenigen Worte, die in ungelenker Handschrift dastehen, ohne die Nachricht vom Boden aufzuheben, wankt ins Bad und hält seinen Kopf unter den kalten Wasserhahn, stellt fest, dass das nicht genügt und dreht die Dusche auf. Während er unter dem eiskalten Strahl steht, laufen seine Gedanken Amok. Wer hat diesen Brief unter seiner Tür durchgeschoben? Stellt ihm da jemand eine Falle? Eine Zeitung, er braucht die Morgenzeitung, vielleicht gibt es schon wieder einen Toten! Mit fliegenden Händen sammelt er seine Kleider ein, die er am Abend achtlos hat fallen lassen, zieht sich an, greift in die Hosentasche, ja, da sind noch ein paar Groschen, schnappt sich den Schlüssel und verlässt die Wohnung. Der Zettel bleibt unbeachtet liegen.

Auf der Straße entscheidet Chajm sich für das Kaffeehaus gegenüber um die Zeitung zu lesen und einen großen Schwarzen zu trinken. Beim Reingehen werfen die vielen Spiegel an den Wänden das Bild eines dunkelhaarigen Mannes mit schwarzen Stoppeln am Kinn und tiefen Augenringen hinter einer Brille zurück, das er erst nach kurzer Irritation als das seine erkennt. Er setzt sich in dieselbe Ecke wie immer, sein Blick schweift durch den Raum bevor er sich der Lektüre der Morgenzeitung widmet.

Nichts Neues, die Polizei tappt im Dunkeln, man ist selbstverständlich bemüht, die Morde schnell aufzuklären, es gibt keine Unterschiede zwischen Arm und Reich, bedeutend oder unbedeutend, alle Bürger liegen der Polizei gleich am Herzen, na wunderbar.
Er vertieft sich in den Artikel über die Kundgebung der Pazifisten, stolpert über den Namen Pierre Ramus, Teresa bewundert diesen Mann, ihn zur Ikone zu machen verbietet sich für eine überzeugte Anarchistin natürlich. Bei dem Gedanken muss er lächeln. Teresa – plötzlich überkommt ihn großes Verlangen nach ihr, nach ihrem Lachen, ihrem Koboldgesicht, ihren immer zerzausten schwarzen Haaren. Warum sollte er nicht schauen, ob sie zuhause ist? Er hat nichts vor, Riegler hat deutlich gemacht, dass er ihn heute nicht zu sehen wünscht. 14.00, Riesenrad. Du hast eine Verabredung mit einem Unbekannten flüstert eine melodramatische Stimme in seinem Kopf. Aber es ist erst elf, Zeit genug. Seine Stimmung hebt sich beträchtlich. Er bestellt einen zweiten Kaffee, zahlt sofort und betritt kurz darauf wieder seine Wohnung, wo er sich frische Kleider anzieht und nach einem Zögern die kleine Ampulle und die Spritze in seine Jackentasche steckt. Nach zwei großen Schwarzen geht es seinem Kopf leidlich gut und er wird versuchen, so lange wie möglich durchzuhalten.

Zehn Minuten später macht er sich auf den Weg in die Kleine Mohrengasse.
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Der Weg ist nicht weit und bald steht Chajm vor dem schmalen Haus, in dem Teresa Goldstein ein kleines Zimmer unter dem Dach bewohnt.
Die Vorfreude beflügelt ihn und er nimmt immer zwei Stufen auf einmal, kann es plötzlich kaum erwarten, Teresa zu sehen. Ab dem letzten Absatz wird die Holztreppe noch schmäler, durch ein kleines Fenster fällt Sonnenlicht und lässt Trilliarden feiner Staubkörner golden in der Luft tanzen.
Oben angekommen bleibt er vor der Tür stehen, an der es kein Namenschild und keine Klingel gibt. Sein Herz pocht im immer gleichen Rhythmus Lass sie da sein, lass sie Nachtwache gehabt haben, sie wird öffnen und diesen betörenden Duft nach Schlaf in den Haaren haben.
Er wartet, bis sein Atem sich beruhigt hat und klopft.

(Er lehnt im Türrahmen, eine Hand in der Tasche, ein schiefes kleines Lächeln hängt zwischen den Bartstoppeln und lässt ihn jünger aussehen.
„Als ich heute Morgen erwachte, gelüstete es mich nach dir, Snĕhurka.“
Das entspricht zwar nicht ganz den Tatsachen, aber in dem Moment, in dem er es ausspricht, wird es wahr. Seine Augen hinter der Brille streicheln ihr Gesicht, ihren Körper, wieder ihr Gesicht.
„Darf ich hereinkommen?“)

Scheiße. SCHEISSE! Was will der Typ hier? Bevor der kultivierte Dr. Saenger dem ganz und gar unkultivierten Impuls nachgibt, dem Kerl in die Eier zu treten, ist der auch schon weg und vor Chajm steht Teresa, wie immer mit strubbeligen Haaren als sei sie gerade aufgestanden höhnt es in seinem Kopf, und lächelt ihn an mit diesem Lächeln, das nur sie besitzt. Der Mensch ist frei geboren antwortet eine andere Stimme, dieses Mal die von Rousseau. Ist mir doch scheißegal! Wenn der mit Teresa ins Bett steigt, ist er dran. Mach dich nicht lächerlich, willst du ihn vor die Tür setzen, diese Verkörperung eines Helden der Arbeiterklasse? Nur weil es dich gerade nach derselben Frau gelüstet? Im Hintergrund ist ihr Debattierclub zu hören, wie immer aufgeregt, künstlich überhitzt durcheinander redend.
Das breite Grinsen, das die Vorfreude eben noch zwischen seine Bartstoppeln gehängt hatte, weicht einem kleinen schiefen Lächeln, das aber gegen die Wut in seinem Innern keine Chance hat und zuletzt kapituliert.
Chajm zuckt hilflos mit den Schultern. „Nein, waren wir nicht. Ich dachte nur…“ Was dachtest du, Idiot? Dass sie auf dich wartet, bis du geruhst, mal wieder aufzutauchen? „Ich las den Artikel in der Zeitung….“ Nimmt er erneut Anlauf, aber auch dieser Versuch scheitert wie jede Unaufrichtigkeit schon im Ansatz und die Worte versickern.

Dieser oberlehrerhafte Ton, in dem sie ihm andeutet, dass er eben kein Mann der Tat ist wie der Held der Arbeiterklasse, den er im Hintergrund reden hört, steigert seine Wut noch mehr. „Nein, ich muss heute nicht arbeiten und nein, ich will nicht reinkommen. Ich sehe, hier wird an der Revolution gearbeitet, da stört ein Bourgeois wie ich nur.“ Er ahnt, dass er mit seinem Sarkasmus auf Granit beißen wird; was ihre politischen Überzeugungen betrifft, hat sie keinerlei Humor. Warum sieht sie nur so verdammt schön aus in ihrem Eifer! Er möchte in ihre Haare greifen, möchte sie an sich ziehen, über sie herfallen wie ein Verdurstender über eine Quelle. Stattdessen fügt er nur trocken hinzu „vielleicht ein andermal.“ Und bleibt auf der Schwelle stehen wie ein Hornochse, anstatt zu gehen.

„Ja, vielleicht…am Wochenende…“ Warum macht es ihm nur so viel aus, dass sie nicht alleine ist? Weil du völlig aus dem Gleichgewicht bist, deshalb, und das nicht erst seit eben. Mach dich nicht zum Trottel und geh jetzt.
Seine linke Hand in der Tasche greift nach der kleinen Ampulle wie nach einem Strohhalm, die Rechte scheint ein Eigenleben zu führen, sie zeichnet leicht, ganz leicht die feine Linie von Teresas Kinn nach, mehr in der Luft als auf ihrer Haut, dann zieht die Hand sich zurück, erschrocken über so viel Dreistigkeit.
Ohne noch etwas zu sagen, dreht Chajm sich herum und flieht.
Wieder auf der Straße schlägt ihm unbarmherzig die Hitze entgegen, er geht wie ein Blinder, stößt einen Passanten an, der ihm entgegen kommt, murmelt ohne aufzusehen eine Entschuldigung. Die Wut ist verraucht, war es schon, als er Teresas Gesicht berührte.
Als er eine halbe Stunde oder Stunde später die Wohnungstür aufschließt, fällt sein Blick auf den vermaledeiten Zettel, der immer noch auf dem Boden liegt. Er lässt ihn da, übersieht ihn demonstrativ, macht einen viel zu großen Schritt darüber hinweg, wirft sich auf die Chaiselongue im Wohnzimmer und schaut an die Decke, wo ihn der Wasserfleck wie ein alter Bekannter begrüßt. Jetzt allerdings kann er beim besten Willen kein Frauengesicht mehr darin entdecken. Wann fingen die Dinge eigentlich an, so schief zu laufen? Mit der Leiche aus der Karlskirche oder schon früher? Auf jeden Fall kannst du das jetzt nicht gebrauchen, diese irrationalen Gefühlsausbrüche, tu was dagegen.
Die Nadel durchbohrt den Gummistopfen der Ampulle, die Spritze füllt sich mit klarer Flüssigkeit, allein dieses Ritual hilft Chajm schon, ruhiger zu werden. Er injiziert, lehnt sich zurück und wartet auf die wohltuende Wirkung des Morphins in seinem Gehirn.
Bevor er die Wohnung verlässt, verstaut er außer der Ampulle und einer frischen Spritze noch ein Skalpell in seiner Tasche, hebt den Papierfetzen vom Boden auf und wirft ihn in den Müll.

Er hat nicht auf die Uhr gesehen, als er die Wohnung verließ, mit der großzügigen Dosis Morphium, die er sich gegönnt hat, hat er eine zuverlässige Brandmauer zwischen sich und der Welt errichtet und so ist es ihm gleich, ob er vielleicht zu früh oder zu spät kommen wird. Wenn da einer ist, der etwas von ihm will, wird der schon warten. Zum Prater ist es nicht weit, aber er beschließt, erst noch einmal an die Donau zu gehen, was den Weg zwar doppelt so lang werden lässt, Chajm aber Zeit gibt, seinen Gedanken nachzuhängen.
In der Mittagshitze ist der Duft der blühenden Linden, die die Uferpromenade säumen, betäubend. Er setzt sich auf eine der Bänke die dort stehen und schaut auf das Wasser, das grün und träge seinen Weg zum Meer nimmt. Ein paar Enten und Schwäne nähern sich, offensichtlich in der Hoffnung gefüttert zu werden. Die Ruhe, die von diesem Bild ausgeht, zusammen mit der Mittagshitze verstärkt seine drogengesättigte Trägheit und für einen Augenblick zieht er in Erwägung, einfach für immer hier sitzen zu bleiben und Gott einen guten Mann sein zu lassen. Du hast eine Verabredung, und auch wenn du nicht weißt, mit wem oder warum, kann es dir nicht ganz gleichgültig sein. Vielleicht braucht da wirklich jemand Hilfe. Vielleicht jemand wie Martha oder der Sandler, jemand, der allen gleichgültig ist. Ist das gerade die Stimme von Teresa? Oder ist es seine eigene, die des jungen Arztes von vor dem Krieg, der an solche Dinge wie Verantwortung für seine Mitmenschen glaubte. Wer auch immer es ist, der da spricht, zuletzt gibt Chajm ihm nach und macht sich auf den Weg zum Prater.
Schon von weitem sieht er das Riesenrad, die Buden, den Zirkus. Er geht wie immer, wenn er hier ist, zuerst zu dem alten, räudigen Tanzbären, der sich mit leerem Blick hinter den Gittern seines Käfigs hin und her wiegt, eine Sensation für eine Horde Kinder, die ein Spiel daraus machen zu beweisen wer der Mutigste ist und sich am nächsten heranwagt. Bei jeder Bewegung der riesigen Pranken stieben sie schreiend auseinander, doch kurz darauf beginnt das Spiel wieder von vorne. Es kommt ihm vor, als sei das arme Vieh schon immer hier gewesen, seit er das erste Mal hier war.
Langsam schlendert er weiter, am Eingang des Panoptikums vorbei, mustert die Bilder, die schreiend von Ungeheuerlichkeiten künden. Ein morbides Verlangen hineinzugehen überkommt ihn und er bleibt vor einem der Plakate, das eine Frau mit zwei Köpfen darstellt, stehen.

Chajm dreht sich um, als er von hinten angesprochen wird. Er braucht etwas, bis er das Gesicht des Mannes eingeordnet hat…der Medizinstudent, wie hieß er noch gleich? Ein Baum…ein Nadelbaum…Fichtmann, ja das war’s.
„So könnte man es auch nennen.“ Der Blick hinter der Brille ist unergründlich. „Und der angehende Herr Doktor Fichtmann absolviert heute das Pflichtprogramm jedes Wienbesuchers, Prater, mit Schaubudenbesuch und Riesenrad und anschließend einem Heurigen. Oder irre ich mich?“ Spott blitzt in Saengers Augen auf. „Sind Sie vielleicht im Auftrag des Inspektors hier? Schauen, was der unberechenbare Pathologe aus der Gerichtsmedizin so treibt, wenn er nicht arbeitet?“
Er schüttelt den Kopf. „Nichts für ungut, war nur ein Scherz. Was halten Sie von ein paar anatomischen Studien im hiesigen Kuriositätenkabinett? Ich habe zwar um vierzehn Uhr eine Verabredung, aber ich weiß noch nicht so recht, ob ich sie einhalten werde und vielleicht ist es sowieso schon zu spät“ setzt er etwas zweideutig hinzu..“

„So so, in die Mangel genommen hat er Sie. Was wollte er denn wissen?“ Chajms Frage hört sich eher rhetorisch an, sein in Watte gepacktes Gemüt interessiert sich nur sehr am Rande für die Aufwallungen seines Vorgesetzten; der wird sich schon wieder beruhigen, spätestens wenn der Nachwuchs da ist.
Was ihn hingegen sehr wohl bewegt ist die Überlegung, ob es wirklich ein Zufall ist, dass der deutsche Student just zur selben Zeit auftaucht wie er. Könnte es sein, dass er heute Morgen auch einen Zettel unter der Tür fand wie Saenger selbst? Aber warum sagt er es dann nicht? Immerhin hat Chajm selbst seine „Verabredung“ um vierzehn Uhr erwähnt.
„Es gibt Termine, die man nicht allzu gerne einhält, verstehen Sie?“ antwortet er vage auf Fichtmanns Bemerkung. „Nun, was meinen Sie? Panoptikum der Scheußlichkeiten oder einen Heurigen oder Riesenrad?“ Letzteres fügt er beiläufig an, als logischen Schluss einer Aufzählung touristischer Attraktionen. Mal sehen, wie der Andere reagiert.

Der Arzt schaut den Medizinstudenten vor sich erstaunt an. „Die Todesursache soll Syphilis sein? Da müssen Sie irgendetwas falsch verstanden haben. Nein, meine Diagnose ist klar und deutlich: die Frau hatte Syphilis im Endstadium und wäre daran gestorben, wenn,“ er betont das wenn unnötig stark, „wenn nicht jemand gemeint hätte, er müsse sie vorher einer grausamen, unmenschlichen Folter unterziehen, in dem er sie bei lebendigem Leibe ausweidet. War das jetzt deutlich genug? Immerhin waren Sie bei der Obduktion anwesend, und die Symptome der Syphilis waren nicht zu übersehen, auch nicht für einen Studenten im ersten Semester.“
Er macht eine Pause, in der er sein Gegenüber mit schmalen, plötzlich harten Augen fixiert. „Und wenn Sie mit der Bemerkung, in meiner ‚momentanen Verfassung’ andeuten wollen, dass ich meine Arbeit nicht gut gemacht habe – Sie können sicher sein, dass ich meinen Beruf lange genug ausübe, um eine einwandfreie Autopsie noch unter ganz anderen Umständen durchführen zu können als wir sie gestern hatten.“
Er verstummt, er wollte sich nicht in Rage reden, aber Fichtmann hat eine empfindliche Stelle getroffen, und Chajms Reaktion darauf war reflexartig. Schweigend starrt er über die Schulter des Anderen ins Leere und fügt erst nach einer Weile, nun wieder ruhig, hinzu: „Streichen wir also den Heurigen. Wann und wo haben Sie denn Ihre Verabredung? Und vielleicht können Sie mich noch über die Uhrzeit aufklären?“

Hoppla, der Welpe kann beißen stellt Chajm leicht amüsiert fest. „Gaumen, ja, Lymphknoten, Haut , Gehirn, Lues breitet sich im ganzen Körper aus, hinterlässt überall eine breite Spur der Zerstörung, doch das wissen Sie selbst. Aber sei’s drum, warum soll ich es Ihnen nicht sagen: ich kannte die Frau, ich begegnete ihr schon einmal vor ein paar Jahren.“ In welchem Zusammenhang das geschah, lässt er offen; soll Fichtmann sich seine eigene Geschichte dazu zusammenreimen.
Die Ironie an der Sache ist, dass außer Teresa niemand die wahren Umstände kennt, und er wird dafür sorgen, dass das auch so bleibt, selbst auf Kosten seines bis vor zwei Tagen noch untadeligen Rufes.
Er fühlt sich sicher, dieser Breitner hat seine Erklärung geschluckt, warum soll der Student daran zweifeln, liegt sie doch so nahe.

Doch dann zieht Fichtmann den Papierfetzen aus der Tasche und hält ihn Saenger unter die Nase. Die Schrift, der Text, der Gestank gleicht dem, den er in seinem Müll begraben hat und ein Schauer läuft Chajm über den Rücken.
„Sie also auch. Ich fand genauso einen Zettel heute Morgen unter meiner Tür.“ Er fährt sich über die Stirn, nimmt die Brille ab und poliert gedankenverloren die Gläser mit einem Zipfel seines Hemdes, bevor er sie wieder aufsetzt.
Den aufmerksamen Blick seines Gegenübers bemerkt er nicht.

Souveräne Reaktion, das muss er dem Mann lassen, keine moralische Empörung, keine Verunsicherung, einfach nur dieses ‚so was ähnliches dachte ich mir schon’. Fichtmann steigt in Chajms Ansehen erheblich.

Doch etwas ganz anderes beschäftigt ihn im Augenblick viel mehr, ein Gedanke, der, während er noch das Ergebnis der Autopsie rekapitulierte, unvermittelt in ihm aufgestiegen ist. „Der Mörder hat versucht, alle Spuren der Krankheit zu tilgen, ist Ihnen das aufgefallen? Warum? Haben wir es mit einem Irren zu tun, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Seuchen unserer Zeit auszurotten, sieht er in der Syphilis die Pest unserer Zeit? Doch was hat es dann mit dem Kopf des Sandlers auf sich?“ Was war an dem Toten in der Karlskirche…Sein Gehirn arbeitet auf Hochtouren, und plötzlich hört er wie ein fernes Echo Haberdas Stimme sagen ‚An manchen Wundrändern kann man noch Spuren von abnormem Gewebe erkennen. Geschwüre vielleicht. Das muss ziemlich auffällig gewesen sein. Ein Mann mit so einem Großen Geschwür im Gesicht. Eine Form von Syphilis möglicherweise.’ Ja, das ist es, die Gemeinsamkeit! Nicht die Herkunft beider Opfer, nein, ihr für alle Welt sichtbares Stigma war ihr Todesurteil! Eine Art Jagdfieber überkommt ihn, als er zum ersten Mal seit er mit diesem Fall befasst ist, eine innere Logik der Taten zu erkennen meint und verdrängt die unbestimmte Angst, die ihn in den vergangenen Tagen gelähmt hat.
„Lassen Sie uns zum Riesenrad gehen, ich bin sicher, dass wir dort mehr erfahren werden.“

Er stutzt, als er die drei Männer erkennt, und stößt ein „verdammt, warum ist dieser Kiberer hier?“ zwischen den Zähnen hervor. Der hat ihm gerade noch gefehlt, mit seinen Verdächtigungen, die jetzt sicher wieder üppig ins Kraut schießen werden. Ob der auch einen Zettel unter seiner Tür gefunden hat? Selbst geschrieben hat er ihn wohl kaum. Bei diesem absurden Gedanken muss Chajm grinsen, er stellt sich den Inspektor vor, wie er mit Verschwörermiene an seinem Schreibtisch sitzend klandestine Nachrichten verfasst.
Immer noch lächelnd tritt er auf die drei ungleichen Männer zu, begrüßt sie mit kurzem, festem Händedruck, wobei er vor allem Breitner gerade in die Augen schaut, das signalisiert Seriosität, der Typ hat dich auf dem Kieker, drückt seine Verwunderung über dieses Zusammentreffen aus, als ein kleiner Junge auftaucht und mit heller Stimme seine Botschaft überbringt.
Der Theologe entlockt ihm mit Hilfe einer Münze noch die unnütze Information, dass der Kutscher ihm diese Worte aufgetragen habe, dann dreht sich der Kleine auch schon um, um sich aus dem Staub zu machen.
Chajm überlegt kurz, den Jungen aufzuhalten, entscheidet aber, dass der den wahren Auftraggeber mit Sicherheit nicht kennt und lässt ihn ziehen.

Die ganze Szene erscheint Chajm völlig abstrus, erheiternd und bedrohlich zugleich. Er steht hier in seinem vertrauten Wien und schickt sich an, wegen eines nach Kloake riechenden Fetzen Papiers, geschrieben von einem Unbekannten, in Begleitung ihm bis auf Melcher bis zum Vortag noch fremden Menschen in diesen Fiaker zu steigen, was sich als großer Fehler erweisen könnte.
Erfolglos versucht er einen Blick auf das Gesicht des Kutschers zu erhaschen; vielleicht ist es auch entstellt? Er erwartet nicht, dass Ralf eine Antwort auf seine Frage bekommen wird, aber Journalist ist Journalist, die müssen einfach fragen.

„Nun komm schon, Ralf, steig ein! Dein Zaudern wird dir nichts nützen, der Mann kann oder will nicht sagen, wohin er uns bringen soll.“
Chajm macht eine einladende Geste, die sich auch an Fichtmann und Brandner richtet, als ginge es zu einem Sonntagsnachmittagsausflug in den Wiener Wald mit einer hübschen Bürgertochter an seiner Seite. Dass er sich angesichts des hünenhaften Kutschers, dessen Ausdünstungen ihn fatal an den vorigen Abend in Villons Weinkeller erinnern, nicht besonders wohl in seiner Haut fühlt, ist dem Arzt nicht anzumerken.

Die Enge in der Kutsche ist bei der Schwüle kaum zu ertragen und Chajm ist froh, als die Fahrt vor dem Dom endet und sie endlich aussteigen können. Schon wieder eine Kirche. Er schaut nachdenklich zu Brandner, sicher weiß der Theologe, welche Heiligen man hier findet, ob es wieder einen Bezug zur Pest gibt. Aber warum sollte es immer ein Heiliger sein? Der Arzt weiß, dass es in Wien wie wohl in fast jeder Stadt Europas Friedhöfe aus der Zeit der Pest gibt, in der man die unzähligen Toten der großen Seuchen verscharrt hat, warum nicht auch hier um den Stephansdom herum? Oder eine Krypta, in der man die, deren gesellschaftliche Stellung ein besseres als ein Massenbegräbnis verlangte, bestattet hat? Der Geruch nach Verwesung, der ihren schweigsamen Führer umweht, legt solcherlei Gedanken nah, genauso wie dessen Kleidung oder die Rappen, die den Fiaker ziehen.
Aber wer ist der Verfasser der Nachricht, die sie alle erhalten haben, der Mann, der weiß, dass jeder von ihnen in irgendeiner Form mit den Toten zu tun hat?
Als der Hüne die Tür öffnet, kann Chajm den typischen, ein wenig modrigen, weihrauchgesättigten Duft alter Kirchen wahrnehmen, der ihnen entgegenströmt. Entschlossen und ohne sich nach den anderen umzuschauen, folgt er dem Kutscher ins Halbdunkel des Domes.

Als er aus dem Zwielicht des Mittelschiffs in das lichtdurchflutete Seitenschiff tritt bleibt Chajm einen Augenblick stehen, wie immer überwältigt von der Schönheit dieser Architektur. Er, der an keinen Gott mehr glaubt, sei es der seiner Väter oder irgendein anderer, fühlt große Demut angesichts der Kunst der mittelalterlichen Baumeister.
Er vergisst sekundenlang den eigentlichen Grund seiner Anwesenheit hier, verharrt einen Atemzug bewegungslos, doch sofort gemahnt ihn der Hall der Schritte seiner Begleiter, weiter zu gehen, dorthin, wo der Unbekannte bereits eine Gittertür öffnet und ihnen bedeutet, ihm zu folgen.
Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren! echot es in seinem Kopf, bevor er langsam die ausgetretenen Stufen hinuntergeht.

Stufe um Stufe geht es hinab. Während Chajm dem Unbekannten in die Tiefe folgt, spürt er ein wachsendes Gefühl der Beklemmung. Du wirst dich doch nicht von ein paar Särgen aus der Fassung bringen lassen! Nein, die Anwesenheit der Toten hat ihn noch nie bedrückt, es sind die Lebenden, die Schrecken verbreiten, das hat er erfahren und wird es nicht vergessen. Doch als sie das vertraute elektrische Licht hinter sich lassen und sie dem ungewissen Flackern der Grubenlampe folgen, fühlt er die Enge wie eine Faust, die sich mit unbarmherzigem Griff um sein Herz ballt. Ihm ist, als könne er nicht weiter ins Dunkel gehen; er bleibt stehen und sieht, wie sich die schemenhaften Gestalten Melchers und Brandners von ihm entfernen, ihre Schatten, die gespenstisch an den Wänden irrlichtern, werden länger. Dann geht hinter ihm die Lampe aus und er steht im Dunkel. Die Angst, die in ihm aufsteigt, ist die des Kindes, das in den Schatten Augen entdeckt, die es beobachten, Hände, die nach ihm greifen, eine unsichtbare Bedrohung, die dennoch real erscheint. Nicht stehen bleiben! Wenn du sie verlierst….Was ist, wenn er sie verliert? Er verflucht sich, dass er sich auf das alles eingelassen hat, sehnt sich zurück ins Tageslicht und tastet sich doch weiter, es gibt kein Zurück, das ist ihm klar, nur ein Vorwärts.
Und dann fühlt er unter seinen Schuhen eine Unebenheit, er hört ein Geräusch, als breche trockenes Holz, er stolpert, sein Fuß bleibt an irgendetwas hängen, er schaut nach unten, sieht nichts und läuft geradewegs in seinen Vordermann hinein, der abrupt stehen geblieben ist und etwas von all den Leichen ruft und schlagartig geht Saenger auf, woran er gerade hängen geblieben ist. Es sind nur Tote, Chajm, hierher gebracht und vergessen. Doch da vorne, das Licht, du darfst es nicht aus den Augen verlieren. Wie von fern sagt Brandner etwas von einem sicheren Weg, ein Hohn in Chajms Ohren, doch dann hört er sich selbst sagen “Los, weiter!“ Seine Stimme ist heiser, er erkennt sie kaum.

Weiter geht es durch ihm endlos erscheinende Gänge, Raum folgt auf Raum, er verliert jedes Gefühl für Zeit und Richtung. Jetzt, da Melcher eine der Lampen in der Hand hält, fühlt Saenger sich nicht mehr auf Gedeih und Verderb dem Unbekannten ausgeliefert. Vielmehr stolpert er dem Journalisten und Brandner hinterher, versucht, das widerliche Geräusch, das entsteht, wenn er auf eine der ausgetrockneten Hüllen die einmal Menschen waren, tritt, zu ignorieren. Das Licht der Lampe in Ralfs Hand reicht bei weitem nicht, um jeden Winkel zu erhellen, doch es genügt, um Chajm eine Vorstellung davon zu geben, was ihren Blicken verborgen bleibt. Hinter sich hört er Fichtmann und Breitner, zumindest hofft er, dass es der Student und der Inspektor sind, er dreht sich nicht um, er will es nicht so genau wissen. Wer, verdammt noch mal, löscht das Licht hinter uns? Instinktiv tastet er nach dem Skalpell in seiner Tasche, versichert sich, dass es noch da ist, eingehüllt in etwas Mull, ebenso die Ampulle und die Spritze. Er weiß nicht, warum ihn das beruhigt, aber es ist so. Kurz darauf bleibt er wieder an irgendetwas hängen, gerät aus dem Gleichgewicht und strauchelt bevor er sich fangen kann und weiter geht, vom Licht besessen wie eine Motte die um eine Kerze taumelt.

Stille, nur ab und zu ein Knacken oder ein Rascheln und das schnelle Atmen der Lebenden. Irgendwann drängt Breitner sich an ihm vorbei, mit der Entschiedenheit eines Mannes der meint, es gebe hier unten so etwas wie Recht und Ordnung.

Nun trennt ihn nur noch Fichtmanns schlaksiger Körper von der Dunkelheit, die hinter ihnen gähnt.

Chajm hört hinter sich ein lautes Geräusch und fährt herum, seine Sinne sind aufs Äußerste gespannt. Es ist der Medizinstudent, dessen Nerven versagt und ihn in eine gnädige Ohnmacht haben sinken lassen.
Saenger reagiert mit der Routine des Arztes. Er wendet sich dem Bewusstlosen zu, hockt sich neben ihn, ignoriert, dass der Mann auf den sterblichen Überresten eines oder mehrer Menschen liegt, wieder landen Buch und Zeitung auf dem Boden. Chajm gibt dem leichenblassen Fichtmann ein paar kräftige Klapse auf die Wangen. „Mann, machen Sie jetzt nicht schlapp, das sind weder Zeit noch Ort für so etwas!“ Er tastet nach dem Puls, der rast und zwischendurch immer wieder unruhig flattert. „Hat jemand etwas stark riechendes dabei, Parfüm, Alkohol?“ Hilfesuchend blickt er über die Schulter, hoffend, dass die anderen überhaupt bemerkt haben, was geschehen ist.

„Ich nehme an, seine Nerven haben versagt“ Chajm sieht zu Ralf hoch, der neben ihm steht und fragend auf den Studenten hinunter blickt. „Er wird hoffentlich gleich wieder aufwachen, mit etwas starkem Alkohol ginge es vielleicht schneller.“

Er spürt, wie Panik in ihm hochkriecht, als die Stimme ihres Führers durch die Unterwelt sie leise und bedrohlich mahnt, ihren Weg fortzusetzen und kurz darauf trotz der Lampe in Melchers Hand das Licht schwächer zu werden scheint.

„Hilf mir, ihn zu stützen, wir können hier nicht bleiben.“
Angestrengt lauscht er in die Dunkelheit der Gänge hinter ihnen.

Ohne Kommentar nimmt der Arzt den Flachmann von Breitner entgegen, schüttet sich etwas davon auf die Handfläche und verreibt den intensiv riechenden Branntwein auf Fichtmanns Schläfen, dann hebt er dessen Kopf leicht an und flößt ihm etwas von dem Schnaps ein, mit Erfolg, kurz darauf flattern die Augenlider des Studenten, es sieht aus, als tauche er wieder aus seiner Ohnmacht auf.
Chajm reicht dem Inspektor mit einem leichten Nicken des Dankes die Flasche und meint dann zu Ralf „Ich denke, jetzt können wir versuchen, ihn wieder auf die Beine zu stellen, wenn wir ihn links und rechts stützen, wird es irgendwie gehen.“

Mit Fichtmann zwischen sich, der nur halb bei Bewusstsein zu sein scheint und dessen Beine immer wieder wegknicken und über am Boden liegende Hindernisse stolpern, die im ungewissen Licht der Lampe in Brandners Händen kaum zu erkennen sind, arbeiten Melcher und Saenger sich voran, und bald steht Chajm trotz der Kühle hier unten der Schweiß auf der Stirn. Irgendwann hört er auf zu denken, macht nur einen Schritt vor den andern, nur nicht den Anschluss an die vor ihnen Gehenden verlieren!
Was ist Zeit? Für die Toten bedeutet sie nichts, und bald auch nichts mehr für die Lebenden, die in dieses Zwischenreich eingedrungen sind, das ihnen nicht gehört und das sie verschlingt ohne Aussicht auf einen Ausweg.

Der Geruch des Todes, vertraut und für den Arzt ohne Schrecken, wird stärker und dann fühlt er die Anwesenheit von…etwas. Wo die Toten sind, hat es still zu sein, niemand stört ihren Schlaf. Doch hier ist es anders, Saenger spürt es fast körperlich, dass sie nicht alleine sind. Der kalte Schweiß läuft ihm über die Stirn und brennt in seinen Augen, unwillig wischt er ihn mit dem Ärmel weg und als er die Hand sinken lässt, ist es hell und vor ihnen öffnet sich ein großer Raum. Das zuckende Licht der Fackeln an den Wänden beleuchtet eine gespenstische Szenerie, und Chajm werden für einen Moment die Beine schwach, als sein Blick auf die…Körper? fällt, die in der Mitte des Raumes liegen.
Doch der Wissenschaftler in ihm gewinnt die Oberhand, das alles hat eine natürliche Erklärung, muss es haben. Er nickt Ralf zu.
„Kannst du ihn alleine stützen? Ich muss mir das genauer ansehen, ich fürchte, wir finden hier, was den Opfern genommen wurde.“

Chajm schaut auf, als die Stimme ertönt, dieses raschelnde, papierene Flüstern, das ihm einen erneuten Schweißausbruch beschert, als er versteht, dass er derjenige ist, dem geantwortet wird. Er blickt in dieses Gesicht, das aus einem Kurs für Anatomie über den Aufbau der Gesichtsmuskulatur und der Gefäße stammen könnte, und die feinen Haare in seinem Nacken stellen sich auf.
Das ist nicht richtig, so etwas kann es nicht geben, sein Verstand rebelliert gegen das, was seine Augen sehen. Eben noch entschlossen, sich die Toten anzusehen, erstarrt er nun in der Bewegung, seine Hände sinken schlaff herunter. Das Einzige, was er denken kann, als dieses Wesen weiter spricht ist, das ist nicht wahr, das ist das Morphium, Saenger, dieses Mal hast du zuviel gespritzt und die prompte Antwort in seinem Kopf so beginnt der Wahnsinn, du kannst nicht mehr Realität von Vorstellung trennen.
Wie gelähmt sieht er zu, wie der Mann ist das ein Mann? Oder ist es vielmehr ein Trugbild? Auf Breitner zugeht und ihm etwas in die Hand drückt, das Chajm nicht erkennen kann.

Das was folgt, läuft vor Saengers Augen ab wie die Bilder in einem Opiumrausch, real und unwirklich zugleich. Er sieht Breitner die Pistole ziehen und damit wild herumfuchteln, hört den Hünen, der wie ein Arzt auf einen ängstlichen Patienten einredet, was durch das grausige Flüstern in seiner Wirkung allerdings die gegenteilige Wirkung hat.
Dann drängt sich der Theologe vor, er scheint völlig die Nerven verloren zu haben, und versucht, die Kreatur, die ihn um einiges überragt, einzuschüchtern, was ihm aber offensichtlich nicht gelingt.
Die Absurdität der ganzen Situation bewirkt paradoxerweise, dass Chajm wieder in seine Rolle als Arzt schlüpft.
„Nicht“ er geht einen Schritt vor und hebt beruhigend die Hände, „wenn er uns etwas hätte antun wollen, hätte er schon längst die Gelegenheit dazu gehabt.“ Vorsichtig tritt er noch weiter vor, vermeidet, der Gestalt ins Gesicht zu sehen, das könnte sein inneres Gleichgewicht auf eine zu harte Probe stellen; stattdessen wirft er einen Blick auf die Körper am Boden.
„Was sollen wir sehen, und wessen Aufmerksamkeit?“

„Erlauben Sie?“ Chajm bückt sich zuerst, geht dann in die Hocke und betrachtet die menschlichen Überreste vor sich nun genauer. Die Fackeln an den Wänden werfen unruhige Schatten, was es nicht leicht macht, die Behauptung des Fremden zu überprüfen. Er merkt, dass seine Hände zittern; ob es die Anspannung ist oder ob die Wirkung der Droge in seinem Blut nachlässt, kann er nicht beurteilen.
In seinem Gehirn kreist wie in einer Endlosschleife die Frage: WER IST WIR?

Das ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein, so etwas gibt es nicht. Chajm schließt die Augen, sekundenlang, versucht die Wahrheit, die da vor ihm liegt, zu leugnen. Wie von weit her hört er Breitner sagen „…Körperteile entfernt…“ und den Riesen antworten „…er sammelt…“ Und was verdammt noch mal meint Brandner mit…“heute Nacht in der Kirche“? Hinter seiner Stirn pocht es, seine Gedanken wollen sich nicht in die richtige Ordnung bringen lassen, ein Turm aus Bauklötzen, mutwillig zum Einsturz gebracht.
Was ist das für ein Geräusch? Im gleichen Moment wird ihm bewusst, dass seine Zähne klappern, ein rasendes Stakkato wie Knochen, die zum Totentanz trommeln. Er versucht, tief durchzuatmen, nur nicht wieder in Panik geraten wie gestern Abend im Villon Weinkeller, und es gelingt ihm. Er richtet sich langsam, mit den Bewegungen eines alten Mannes wieder auf, nimmt die Brille ab und sieht dem Riesen gerade in die Augen oder vielmehr tut er so als ob, denn alles um ihn herum ist nun in gnädige Unschärfe getaucht, und nickt.
„Ja, er sammelt….und die Frage ist, was wird daraus, wenn er genug gesammelt hat, und wie viel ist genug? Und wer ist er? Und wer sind Sie und Ihr so genanntes Volk? Und was ist das da?“ Er deutet auf die Körper der….Wesen. Seine Stimme klingt beherrscht und nur ein sehr aufmerksamer Mensch würde das leichte Zittern in ihr wahrnehmen.

Chajm schüttelt den Kopf. „Ralf….hör zu, Ralf, … das ist… anders…“ Seine Stimme bekommt erste feine Risse, wird brüchig. Das Eis, auf dem sein Verstand sich bewegt, ist verdammt dünn, und darunter ist….ja was eigentlich? Chaos, Wahnsinn? Seine Linke fährt in die Tasche, umklammert die kleine Ampulle, vergessen …vergessen lockt es in seinem Kopf.
„Es ist…real, wir können es nicht leugnen, so sehr wir es uns auch wünschen. Und es verbreitet die Pest. Doch wieso? Soll das eine Strafe für vermeintliche Sünden sein, hier unten und auch oben begangenen?“ Zögernd setzt er die Brille wieder auf und sieht nachdenklich den Theologen an, der für so etwas wohl zuständig wäre.
„Oder bereitet es ihm einfach ein perverses Vergnügen, Angst und Schrecken zu säen?“
Erneut wendet er sich an Rogasch, den er nun leider wieder scharf sieht. Er ist dankbar für den hochgeklappten Mantelkragen, der einen Schatten auf dessen Gesicht wirft. „Was meinen Sie, wo sollen wir anfangen zu suchen? Und warum meinen Sie überhaupt, dass ausgerechnet wir dafür prädestiniert sind?“ Ein letzter hilfloser Versuch, die Forderung des Unbekannten zurückzuweisen, von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

Ralfs völlig unbeeindruckter, fast schnoddriger Tonfall, in dem er ihren unheimlichen Gesprächspartner regelrecht in die Zange zu nehmen versucht, hat eine beruhigende Wirkung auf Chajm, auch wenn er weiß, dass dieser auf einem Irrtum beruht, nämlich dem, dass dies alles nur ein Trick sei. Aufmerksam verfolgt er den Wortwechsel, versucht Ordnung in das Gesagte und in seine Gedanken zu bringen.
Du hast dich schon ergeben, bist bereit, das, was du hier siehst, als wahr zu akzeptieren und beginnst darüber nachzudenken, wo man mit der Suche nach dem „Vogelmann“ beginnen könnte. Zurück zur Pestsäule, dort hast du die verkrüppelten Tauben gesehen. Ralf hat Fotos davon gemacht. Vielleicht zeigen sie etwas, was wir übersehen haben. Wozu braucht ein Mann Vogelkrallen? Was weiß der Inspektor? Wird er bereit sein mit uns zusammenarbeiten? Welches „uns“? Gibt es das überhaupt?
Er mustert Breitner abschätzend. Der hat die Pistole sinken lassen, scheint aber immer noch um Fassung zu ringen. Der Flachmann, den er mir gereicht hat vorhin, in den Gängen. Haben Polizisten immer einen Flachmann bei sich? Wohl kaum. Ob der Mann eine große Hilfe wäre? Fast beginnt er zu kichern. Schöne Ansammlung von Versagern, spöttelt eine vertraute Stimme, zwei Opiatabhängige und ein Alkoholiker, ein Theologe, der seinem Gott nicht treu sein kann und ein Deutscher mit zarten Nerven, ganz und gar untypisch für dieses Volk.

Sofort ist die Panik wieder da.
„Halt….nein…Sie können nicht einfach gehen und uns hier unten stehen lassen!“
„Tun Sie doch was!!!“ schreit Chajm Breitner an. „Halten Sie ihn auf!“

Na endlich, der Inspektor tut seine Pflicht, setzt seine Autorität als Mann des Gesetzes ein.
Chajm entspannt sich ein wenig und folgt schweigend dem kurzen Wortwechsel, während seine Hand in der Tasche unablässig die Ampulle hin und herdreht.
„Sie sind ihm so nah gekommen?“ mischt er sich zuletzt doch ein, obwohl Breitner um Ruhe gebeten hat. „Ich denke er zeigt sich nur verhüllt?“ Und fügt nach einer Pause hinzu „Können Sie mir in die Augen sehen?“ Auch wenn ich darauf verzichten kann, den Blick dieser gelben Glaskugeln zu erwidern. „Oder sind die auch eiskalt?“

Er erträgt diese Augen nicht und sein Blick geht zum Boden, wo er auf die …Kreaturen fällt, hetzt weiter zu den anderen, die Rogaschs Worten lauschen und kehrt wie unter Zwang zurück zu diesem Mann, der nun von der Pest spricht als habe er sie selbst gesehen. Wann war die letzte Pest in Wien? Das muss zu Beginn des 18. Jahrhunderts gewesen sein, kein Mensch lebt so lange. Kein Mensch, aber ist er ein Mensch? Doch was soll er sonst sein?
Und dann ist der Riese fort und mit ihm das Licht.
Dunkelheit.
Chajm ballt die Faust um die Ampulle, sein Atem geht flach und sein Herz rast.
Ratten. Pest. Tod.
Dann scheint von dort wo sie hergekommen sind ein Licht auf. Chajm stürzt darauf zu, stolpert, es ist eines der hundeköpfigen Wesen, egal, fort, nur fort von hier.

Fichtmann dreht durch. Kein Wunder, seine Nerven liegen genauso blank wie deine. Chajm bleibt stehen, versucht im Dunkel zu erkennen was hinter ihm passiert. Das Gebrüll klingt nach echter Paranoia und seltsamerweise gleichzeitig nach rasender Wut, der Mann muss den Eindruck haben, diese Wesen seien schon länger hinter ihm her.
Als von hinten ein „Alles in Ordnung“ kommt, stolpert der Arzt weiter hinter Breitner her, der, die Waffe in der Hand, voraus geht.

In seinem Bestreben möglichst schnell diesen Ort zu verlassen, läuft Saenger beinahe in die massige Gestalt des Inspektors hinein, der stehen geblieben ist und nun freigiebig ein Päckchen Zigaretten herumreicht.
Da die Ampulle in seiner Tasche in diesem Moment nur eine schöne Versuchung darstellt, die so fern ist wie der Mond, greift Chajm mit immer noch zittrigen Händen zu der Zigarette, entzündet sie an dem hingehaltenen Feuerzeug Breitners und zieht heftig daran. Es ist schon eine Weile her, dass er das letzte Mal eine geraucht hat; er erinnert sich genau daran, es war bei Teresa, die immer schwärzesten russischen Tabak bei sich zuhause liegen hat, den sie mit ihren zierlichen Fingern ohne hinzusehen in atemberaubender Geschwindigkeit in perfekte Selbstgedrehte verwandelt, während sie ununterbrochen dabei redet.
Die Erinnerung an diesen Nachmittag, an ihr gemeinsames Lachen, wirkt wie ein warmes Licht, das sich in Chajm ausbreitet und zum ersten Mal seit er hier unten ist, ist er völlig ohne Angst.
„Danke.“

Erleichtert betritt Chajm wieder die Oberwelt und folgt Ralf hinaus auf die Straße, zurück in das milde Licht des Sommerabends. Dieses Mal hat er keinen Blick für die Schönheit des Domes, seine Gedanken kreisen um das, was sie da unten gesehen haben.
Nachdenklich setzt er die Brille ab, dreht und wendet sie, als wisse er nicht, wozu sie da ist, setzt sie wieder auf und sieht den Journalisten, in die Sonne blinzelnd zweifelnd an.
„Du hältst das Ganze für eine Täuschung? Ich wünschte, es wäre so doch ich fürchte, da irrst du dich. Ich weiß nicht, was das war, was da auf dem Boden lag, aber nach einer Inszenierung sah mir das nicht aus, leider. Ebenso wenig wie unser Begleiter mir wie ein Betrüger erschien. Und ich habe keinerlei Erklärung dafür, wie die Lampen an den Wänden entzündet und wieder gelöscht wurden.“
Trotz der immer noch andauernden Hitze ist ihm kalt bis ins Mark, eine Kälte, die bis in seine Seele zu reichen scheint und sich dort ausbreitet, um ihr zerstörerisches Werk zu tun.

Chajm seufzt. „Deine Skepsis und die des Herrn Brandner in allen Ehren, bis vor ein paar Stunden hätte ich das Ganze auch als schlechten Scherz abgetan und ich bin nur zu gerne bereit, mir das alles erklären zu lassen. Nur ich für mein Teil finde – leider – keine Erklärung.“
Sinnend schaut der Arzt von einem zum anderen.
„Gut. Nehmen wir also das ‚Volk’, von dem der Mann sprach. Wer stirbt zuerst an der Pest? Ratten. Wir alle haben das Quieken gehört, als Rogasch angegriffen wurde. Das könnten Ratten gewesen sein. Aber die Kadaver…“ er schüttelt den Kopf, runzelt die Stirn, „…die hatten etwas….hündisches.“ Er mustert den Journalisten mit einem Blick, in dem Hilflosigkeit sowie eine gewisse Gereiztheit zu erkennen sind. „Ralf, gib es zu, da bringt jemand dein schönes, materialistisches Weltbild ins Wanken und dir fällt nichts dazu ein, als zu leugnen, was du da unten gesehen hast und mir Unwissenschaftlichkeit vorzuwerfen? Das ist mir zu einfach! Und wenn wir schon mal dabei sind,“ damit wendet er sich an Brandner, „was Sie damit zu tun haben? Sie hatten einfach das Pech, da zu sein, als das erste Opfer aufgetaucht ist, mehr nicht. Das scheint unserem geheimnisvollen Auftraggeber aber zu genügen um zu beschließen, dass Sie sehr wohl involviert sind, auch wenn Ihnen das nicht passt.“
Chajm greift sich an die Schläfen, ein pochender Kopfschmerz macht sich dort bemerkbar. „Natürlich haben Sie Recht. Er wollte uns beeindrucken oder vielmehr überzeugen von der Notwendigkeit, der Sache auf den Grund zu gehen“ endet er matt.

Chajm folgt dem Wortwechsel zwischen dem Journalisten und Fichtmann nur mit halbem Ohr. Es fällt ihm schwer, sich auf das Gesagte zu konzentrieren, stattdessen schiebt sich immer wieder der Gedanke an die Ampulle in seiner Tasche dazwischen. Die Kopfschmerzen werden schlimmer werden, wenn er nichts dagegen tut, und nicht nur das; demnächst werden sich Zittern und Schweißausbrüche hinzugesellen. Erst Ralfs letzte Bemerkung zerrt ihn wieder zu dem Gespräch zurück. Natürlich hat er Recht – einerseits. Andererseits wünscht Chajm sich nichts mehr, als in die Ruhe und Sicherheit seiner Wohnung zurückzukehren. Leider sieht es nicht so aus, als bestehe in nächster Zeit die Aussicht, von hier weg zu kommen, zumindest nicht alleine.
„Da wohl noch Gesprächsbedarf besteht und ein Kaffeehaus oder ein anderer öffentlicher Ort vielleicht nicht das richtige ist, um solche Dinge zu besprechen, und ich auch nicht länger auf diesem Platz verweilen möchte, würde ich die Herren einladen, mit zu mir zu kommen. Dort sind wir ungestört, und einen Klaren für den Herrn Fichtmann habe ich auch zuhause“ unterbricht er die beiden. Wie selbstlos von dir! Spottet die Stimme in seinem Kopf.

„Mit einem Telefon kann ich dienen, mit einer freien Leitung hoffentlich auch.“ Wenn die Laurenti aus der zweiten Etage nicht wieder Dauergespräche führt.

Irgendetwas in Brandners Ton stimmt nicht. Der Mann sagt nicht alles. Ein mäßig interessierter Blick unter müden Lidern trifft den Theologiestudenten, wandert weiter zu Melcher. Was soll Fräulein Fox mit der Sache zu tun haben? Habe ich da irgendetwas nicht mitgekriegt? Und er hat einen von Rogaschs ‚Volk’ in der Kirche gesehen und sagt das erst jetzt? Woher weiß er das überhaupt, dass es einer von dessen Leuten war? Dass der Breitner mitgeht, war ja zu erwarten, na ja, ein paar Schnäpse werden seine Aufmerksamkeit ablenken..
„Nun, wenn soweit Einigkeit herrscht, können wir uns ja auf den Weg machen; wir nehmen eine Kraftdroschke, das geht schneller als mit der Tram. Und offene Fragen klären wir dann später, einverstanden?“ Verdammte Kopfschmerzen, lange kann ich hier nicht mehr rumstehen.

Erleichtert, endlich von hier weg zu kommen, winkt Chajm zwei der vorbeifahrenden Taxen heran.
Er dreht sich kurz zu den anderen um und macht eine auffordernde Geste. „Nach Ihnen!“
Als alle eingestiegen sind, setzt er sich neben den Chauffeur „Karmelitergasse, bitte“, dann lehnt er sich zurück und hängt während der kurzen Fahrt seinen Gedanken nach.

Wenig später hält der Wagen vor der angegebenen Hausnummer, Chajm begleicht die Rechnung und steigt aus.
„Wenn Sie mir bitte folgen wollen.“ Ohne länger zu warten, geht er voraus, schließt die Tür auf und geht mit schnellen Schritten die Treppe hoch.
Die Wohnung empfängt sie mit dämmriger, angenehmer Kühle. Er deutet auf die geöffnete Tür gegenüber des Eingangs. „Hier entlang, machen Sie es sich schon einmal bequem.“ Und zu Brandner gewandt „das Telefon finden Sie am Ende des Ganges, drücken Sie einfach den Knopf, dann sehen Sie, ob die Leitung frei ist.“
Er eilt in die Küche, greift zu der Flasche mit Branntwein, die auf der Anrichte steht, holt ein paar Gläser aus dem Schrank und kehrt in den Salon zurück. „Wenn Sie mich bitte für einen Moment entschuldigen, ich bin sofort wieder bei Ihnen. Bedienen Sie sich, bitte, solange selbst.“

Als Chajm nach einer Weile zurückkehrt, sieht er deutlich besser aus als noch vor ein paar Minuten, er wirkt fast gut gelaunt, als er da in der Tür steht und die Anwesenden kurz mustert.
Seine Augenbrauen schnellen nach oben, die Augen glitzern ironisch und sein Gesicht nimmt wieder diesen gewissen spöttischen Ausdruck an, den man so häufig an ihm beobachten kann, als er den Inspektor und Brandner einträchtig vor dem Bücherregal stehen sieht. Was wird das jetzt? Der Versuch, den Doktor Saenger in ein Schublädchen zu stecken? Da werden beide ihre Freude haben. In dem Regal stehen kaum Klassiker, dafür viel Modernes, Kafka, Joseph Roth, Leo Perutz, daneben verträgt sich Bakunin (ein Geschenk Teresas) mit Freud und Bertha von Suttners Die Waffen nieder!, die wiederum zwischen ein paar französischen Freigeistern des 18. Jahrhunderts ihren Platz gefunden hat, de Sade und Voltaire. Alle Bücher sind offensichtlich viel gelesen und in keiner nachvollziehbaren Ordnung einsortiert.
Die Herren haben sich am Branntwein bedient und hören dem Deutschen zu, der gerade endet ‚…Schweinehunden gibt; habe mich wohl geirrt.’

Chajm geht zu einem Sessel und setzt sich; den Schnaps rührt er nicht an.

Überrascht sieht Chajm zu Fichtmann herüber. „Sie haben so etwas schon mal gesehen? Wo? Und Sie wurden damals angegriffen von diesen…? Gab es damals auch ausgeweidete Leichen? Zusammenhänge mit der Pest?“
Erregt springt der Arzt auf, läuft ein paar Mal hin und her und setzt sich dann wieder.
„Ich konnte dort unten nicht genug sehen und ich war in etwas…derangiertem Zustand, muss ich zugeben, die Umgebung, Rogasch, all das war etwas viel. Trotzdem, ich wiederhole mich, ich weiß,“ er sieht um Verständnis heischend zu Ralf hinüber, „trotzdem muss ich Ihnen sagen,“ sein Blick trifft Brandner, „wenn das, was wir da unten gesehen haben, eine Missbildung war, dann wäre das sehr seltsam, denn körperliche Anomalien tauchen in der Regel nur an einzelnen Menschen auf, aber hier hatten wir es mit mehreren…Individuen…gleichartigen Aussehens zu tun.“ Nachdenklich trommelt er mit den Fingern auf der Sessellehne.

Chajm taucht aus seiner Grübelei auf und verzieht spöttisch das Gesicht. „’Einer für alle und alle für Einen.’ Ein Pakt. Wie schön. Und so romantisch.“ Er sieht auf seine leeren Hände, auf die erhobenen Gläser in den Händen der Anderen und nickt. „Mein Einverständnis haben Sie – auch ohne Branntwein. Diskretion nach außen und Informationsaustausch nach innen.“ Dabei fixiert er Breitner und wieder glitzern seine Augen sarkastisch. „Sie dürfen also gerne meine Beziehungen zu Fräulein Laszek offen legen, Herr Inspektor. Wir sind hier ja unter Freunden.“ Ein wacher Blick streift jeden der Anwesenden, ruht kurz auf Fichtmann, wobei man eine Mischung aus Skepsis und Neugier feststellen könnte, geht zu Ralf, ein unmerkliches, warmes Lächeln, dann weiter zu Brandner, nachdenklich.

Zuletzt lehnt er sich entspannt zurück, ganz der souveräne Hausherr, der es seinen Gästen überlässt, welche Richtung das Gespräch nehmen wird. Kein Finger trommelt, kein Knie wippt auf und ab.

Chajm nickt zustimmend. „Wenzler, ja, von dem habe ich gehört. Der Mann ist eine Koryphäe auf dem Gebiet ansteckender Krankheiten. Aber das ist wohl eine Sackgasse. Ich nehme an, Sie haben ihn bereits aufgesucht?“
Nachdenklich sieht er Breitner an. „Hat er vielleicht erwähnt, ob er noch mehr Patienten in Behandlung hat, die, sagen wir mal, den unteren Schichten angehören, und deren Tod keiner groß bedauern würde?“
Bei den letzten Worten verdüstert sich sein Gesicht, ein Schatten der Trauer vielleicht, der rasch wieder verschwindet.
„Was ich meine, ist, auf solche Leute sollten wir unser Augenmerk lenken, sollten ihnen folgen, denn einer von ihnen könnte das nächste Opfer sein. Und eine weitere Frage, die sich mir stellt: wer hat Zugang zu den Krankenakten des Doktors?“

„Vielleicht wäre das doch ein Ansatzpunkt. Ich könnte den Dr. Wenzler ja mal aufsuchen, mir als dem Pathologen, der seine Patienten zuletzt auf dem Tisch hatte,“ ein leichtes Hochziehen der Augenbrauen, ihm ist bewusst, wie das klingt, „und von Arzt zu Arzt ist er vielleicht bereit, etwas darüber zu sagen, das liegt ja auch im Interesse seiner Patienten, dass der Mörder gefasst wird.“ Ein ironischer Blick zu Breitner. „Mit Ihrer Erlaubnis, natürlich. Und, da wir ja beschlossen haben, nichts alleine zu unternehmen – wer würde mitgehen? Außer Ihnen, Herr Inspektor, Sie wären da, vermute ich mal, eher hinderlich.“
Chajm ist froh, wieder über Alltägliches, Greifbares sprechen zu können. Der Gedanke an das, was sie da unten gesehen haben, tritt dadurch ein wenig in den Hintergrund.
„Noch jemand eine Idee, wie wir weiter vorgehen?“

Ihm entgeht die Anspielung nicht, doch er beschließt sie zu ignorieren. Wenn das den Herrn Inspektor glücklich macht, soll er doch; besser so, als er wüsste, warum die unglückliche Frau tatsächlich bei Chajm war.
„Um was für einen Arzt handelt es sich bei Dr. Schmelzer?“

Er tappt im Dunkeln und hält sich dabei an seiner Flasche fest. Ob er wohl wirklich jemanden damit beauftragt hat, diesen Arzt aufzusuchen? Natürlich, ein Neurologe. Lues venerea im Endstadium, da nimmt das Gehirn Schaden. Oder ein Gynäkologe. Prostituierte brauchen eine Gesundheitsbescheinigung. Die hätte sie aber nur von einem sehr bestechlichen Kollegen bekommen, bei dem Vollbild ihrer Erkrankung. Und mit einer erneuten Schwangerschaft wäre sie zu mir gekommen, aber dafür war ihr Organismus wahrscheinlich schon zu geschädigt, dem Himmel sei Dank für diesen Schutz der Natur vor sich selbst. Und dann ist da noch das andere Opfer, der Sandler.
„War der auch bei Dr. Schmelzer?“ spricht er das Ende seines Gedankenganges laut aus, merkt, dass da die Hälfte fehlt und setzt hinzu „Der Sandler, meine ich.“

„…der also auch aufzusuchen wäre….wenn das nicht einer Ihrer Kollegen bereits erledigt hat, Herr Inspektor.“
Leichtes Zucken der Mundwinkel.

Der Gesichtausdruck des Arztes lässt wenig Begeisterung erkennen bei Breitners Idee, Schmelzer aufzusuchen. Ob so ein vierschrötiger Kriminaler ein Türöffner ist, wage ich ja zu bezweifeln. Er sieht zwischen Ralf und Breitner hin und her und meint dann achselzuckend in keine bestimmte Richtung „Welchen der Ärzte zuerst? Schmelzer? Oder Wenzler? Haben Sie von Dr. Schmelzer schon eine Adresse?“ fragt er wenig hoffnungsvoll den Inspektor.

Die Sache mit den so genannten ‚Jüngern der Apokalypse’ ist sicherlich bei einem Theologen besser aufgehoben. Chajm kann zwar nicht so recht einen Zusammenhang erkennen, aber sei’s drum, religiöse Fanatiker könnten vielleicht irre genug sein, Menschen umzubringen, das haben sie ja schon oft genug bewiesen.
Viel versprechender hört sich Brandners Verbindung zu den Sandlern an, aus irgendeinem Grund scheint der Student aus den besseren Kreisen Wiens ein Faible für die Obdachlosen der Stadt zu haben. Caritas, nennt man das nicht so?

Verdammt, das war es! Er hatte den Namen dieser irren Apokalyptiker in Verbindung mit der Anarchistenkundgebung gelesen und sofort wieder vergessen. Er könnte Teresa danach fragen, das wäre ein wunderbarer Vorwand, sie doch noch einmal aufzusuchen, vielleicht heute Abend…

„Ich kann Dr. Wenzler übernehmen.“ Dann muss ich nicht in Begleitung Breitners losziehen und überhaupt scheint der Inspektor ja große Stücke auf den Deutschen zu halten. „Sie könnten dann diesen Dr. Schmelzer aufsuchen – natürlich können Sie auch mit mir kommen und wir überlassen den Schmelzer dem Herrn Breitner.“ Auch wenn der Gute allein kaum Erfolg haben wird, es sei denn, er hat einen richterlichen Beschluss in der Tasche, was ich aber bezweifle.

Chajm bemüht sich, seine Erleichterung nicht zu zeigen, als der Deutsche sich bereit erklärt, den Kriminaler zu begleiten.
„Gut, also Sie, Herr Brandner, und du, Ralf, übernehmen die Apokalyptiker, Breitner und Sie, Herr Fichtmann, den Dr. Schmelzer, vorausgesetzt, dass der Herr Inspektor damit einverstanden ist, natürlich, und die Adresse des Arztes herausgefunden hat, meine Wenigkeit sucht den Dr. Wenzler auf. Soweit einverstanden? Bleibt noch der so genannte ‚Vogelmann’. Wer übernimmt den?“
Ein fragender Blick zu den Anwesenden.
„Und wann und wo treffen wir uns, um unsere Ergebnisse auszutauschen?“
Und bei Rieger muss ich mich auch blicken lassen, so kann man das nicht stehen lassen, was da gestern war.
Mit leichter Ungeduld sieht der Arzt zur Tür, hinter der Breitner verschwunden ist, um zu telefonieren.

Chajm nickt Ralf zu, bei dessen letzter Bemerkung verkneift er sich ein Lachen.
„Also dann, morgen Abend wieder hier, vorausgesetzt, dass vorher nichts passiert, was es nötig machen würde, dass wir schon eher wieder zusammen kommen.“ Bei diesen Worten verspürt er ein deutliches Unbehagen, eine Vorahnung kommenden Unheils, jedoch lässt er sich nichts anmerken.
„Wo ich zu erreichen bin, wissen ja nun alle, und meine Nummer schreibe ich Ihnen gerne auf.“
Damit geht der Arzt zu einem Sekretär aus dunklem Holz, der zwischen der Tür und einem der hohen Fenster an der Wand steht und kramt in einer der Schubladen, befördert nach einigem Suchen ein Blatt Papier zu Tage, greift zu einem Füllfederhalter und notiert in seiner großzügigen, etwas nachlässigen Schrift mehrmals seinen Namen und zwei Telefonnummern, einmal seine eigene und einmal die der Pathologie.
„Mit einer Visitenkarte kann ich nicht dienen, das hier muss genügen.“ Er grinst, holt das Skalpell, das er immer noch in seiner Tasche hat, hervor und zerteilt das Blatt sorgfältig in mehrere gleich große Zettel, von denen er jedem der Anwesenden einen reicht.
„Wenn Sie so freundlich wären, mir die Anschrift Dr. Wenzlers zu geben?“ Kurze Pause, „…und die von Dr. Schmelzer vielleicht auch?“ wendet er sich an Breitner, wobei er ein harmloses Lächeln aufsetzt.

Der Arzt begleitet die Herren bis zum Wohnungseingang, verabschiedet sich mit einem kurzen „Wir sehen uns morgen Abend“ und schließt die Tür hinter ihnen. dann wendet er sich Breitner zu, der ihm die Adresse Dr. Wenzlers reicht. „Danke. Das mit Schmelzer war nur so ein Gedanke, sollte er sich der Polizei gegenüber genauso wenig kooperativ zeigen wie sein Kollege. Nichts für ungut.“ Er hält Breitner mit einer endgültigen Geste die Hand hin. „Auf Wiedersehen, Herr Inspektor, Herr Fichtmann.“

Als er endlich die Tür hinter dem letzten seiner Besucher schließen kann, fühlt Chajm sich plötzlich wie zerschlagen. Er kehrt ins Wohnzimmer zurück, öffnet Läden und Fenster und lässt sich mit einem erleichterten Aufatmen auf die Chaiselongue fallen.
Er schließt die Augen und lässt die Bilder dieses langen Tages an sich vorbeiziehen. Der Morgen, Teresa, der Arbeiterheld, das Kuriositätenkabinett im Prater, Fichtmann, die Gesichter der anderen, dann ihre absurde Droschkenfahrt durch Wien, der Dom, die Katakomben. Er schlägt die Augen auf. Es reicht! Aber sein Gehirn lässt sich nicht aufhalten. Jetzt sind es Schreckensbilder, die aus einem Gemälde Goyas stammen könnten. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.
Pestbeulen, Apokalypse, Tauben ohne Füße, der einarmige Obdachlose und immer wieder das Gesicht Martha Laszeks, verschmierter Lippenstift, Schrecken in den Augen. Er hatte diese Frau längst vergessen, eines dieser Schicksale, wie sie einem allzu häufig begegnen, trauriger Alltag im Nachkriegswien. Und nun ist es, als nähme all das, was falsch ist in diesem Leben, plötzlich Gestalt an, hundsköpfige Gestalt, Ungeheuer eben, und dränge an die Oberfläche.
Er steht auf, geht in die Küche und kippt ein Glas Wasser, dann ein zweites hinunter. Zurück im Wohnzimmer setzt er sich, springt erneut auf und geht zum Fenster.
Die Turmuhr schlägt viertel vor acht, als er es nicht mehr aushält. Er greift zu seiner Jacke, sieht sie an und wirft sie dann kopfschüttelnd auf den nächsten Sessel, steckt den Zettel Breitners in die Hosentasche und verlässt die Wohnung.

Draußen auf der Straße bleibt er einen Moment stehen, überlegt und beschließt, noch einmal ins Spital zu gehen. Er weiß nicht warum, aber vielleicht kann ihm die tote Martha etwas sagen, was er übersehen hat. Der Gedanke ist vollkommen irrational, er hat die Leiche untersucht und alles festgehalten, was festzuhalten war, aber dennoch… Er nimmt nicht den direkten Weg, sondern den an Stephansdom und Pestsäule vorbei. Als endlich die Gebäude des AKH vor ihm auftauchen ist es bereits dunkel.

Freundlich nickt er dem alten Pospischil zu, der wie gewöhnlich in seiner Portiersloge sitzt. „Wissen’S, Herr Doktor,“ hat der Alte zu Chajm einmal gesagt, „seit mei Katharina ned mehr is, halt’s mi nimma daham. Die lahre Harpfn neben mia auf d’Nacht, na, dann bin i liaba doder iam Spitoal.“ Und so sitzt er hier, Nacht für Nacht, und keiner kann sich daran erinnern, dass er jemals fehlte.
„Ich habe da einen Fall, der mich beschäftigt; ich möchte gerne noch einmal etwas überprüfen.“
Der Pförtner nickt verständnisinnig; dass man in der Nacht am besten denken und arbeiten kann, findet er nur richtig. Ohne weiter zu fragen, reicht er dem Pathologen den Schlüssel.

Der Hof liegt wie ausgestorben da, in einigen Fenstern brennt noch Licht, aber die Gerichtsmedizin ist dunkel, wie Chajm zufrieden feststellt.
Er öffnet die Tür und macht das Licht an. An einem Haken im Gang hängt noch ein Kittel, den er gewohnheitsmäßig überstreift, dann geht er zum Kühlraum.
Er hat die Tote schnell gefunden, ein Zettel an ihrer Fußzehe verrät: Martha Laszek, geb. 12.Mai 1894, gest. 22.Juli 1925.
Er nimmt das Tuch und hebt es vorsichtig an, legt es um, bis er ihr Gesicht sieht, zieht einen Stuhl heran, setzt sich und verharrt minutenlang bewegungslos, während er sie unverwandt anschaut. Sag mir, welchen Schrecken du gesehen hast. Wer hat dir das angetan?
Es mag eine Viertelstunde oder auch eine halbe vergangen sein, als er aufsteht, das Tuch ganz zur Seite legt und sich noch einmal, Zentimeter für Zentimeter, die Verletzungen ansieht. Er weiß, dass er noch mehr Ärger bekommen wird, als er schon hat, wenn ihn einer hier erwischt, wie er alleine ein Verbrechensopfer untersucht. Aber es ist ihm egal.

Er versucht sich in Erinnerung zu rufen, wie die Wunden der Kreaturen aussahen, die Rogasch ihnen in den Katakomben gezeigt hat; aber es war zu dunkel dort, um sie genauer begutachten zu können. Und du warst das, was du so schön ‚dérangiert’ genannt hast, was vornehmer klingt als ‚mit den Nerven runter, ein Wrack’.

Wieder sieht er die Frau an, und es überkommt ihn das Bedürfnis, den verwischten Lippenstift zu entfernen, der ihr Gesicht zu dieser grausigen Fratze entstellt, ihr die Haare zu kämmen und Augen und Mund zu schließen. Es ist diese Zärtlichkeit, die er oft für die Toten empfindet, die in diesem Fall aber einhergeht mit einem unbestimmten Schuldbewusstsein. Er hatte sie vergessen, solange sie lebte, und nun kann er ihr nur noch helfen, indem er ihren Mörder findet. Du bist ein sentimentaler Idiot, Saenger, und du handelst dir nur noch mehr Ärger ein.
Er hört nicht auf die Stimme, sondern geht zum Waschbecken, nimmt eine Schale und ein sauberes Tuch und kehrt zu Martha Laszek zurück.

Er beginnt sanft, die Spuren aus ihrem Gesicht zu wischen, legt eine wirre Strähne an ihren Platz, schließt der Toten die Augen und bindet zuletzt das Kinn hoch. Er würde ihr gerne die Hände auf der Brust zusammenlegen, aber das ist nicht möglich. Als er fertig ist, bedeckt er sie wieder mit dem Tuch und fährt die Bahre zurück in den Kühlraum.
Während der ganzen Zeit ist er nur konzentriert auf sein Tun, kein Gedanke lenkt ihn davon ab, das ist er Martha Laszek schuldig.

Zuletzt löscht er das Licht im Autopsieraum und geht zu Riegers Zimmer. Auf dem Schreibtisch liegen Papier und ein Füllfederhalter. Er schreibt eine kurze Notiz, die er gut sichtbar liegen lässt. Ich konnte nicht anders. Es tut mir Leid.
Dann verlässt er die Gerichtsmedizin, gibt an der Pförtnerloge Pospischil den Schlüssel zurück und geht hinaus in die Dunkelheit.

Die Luft ist immer noch lau. Auf der Straße ist es ruhig und Chajm kann, während er ziellos durch die Nacht läuft, endlich nachdenken.
Warum raubt er jedem Opfer etwas anderes? Ist es Zufall, weil er nur die von der Krankheit befallenen Körperteile entnimmt? Oder sucht er die Opfer danach aus, dass sie sich in dieser Hinsicht unterscheiden? Abrupt bleibt er stehen, bemerkt kaum, dass ein Mann beinahe in ihn hineinläuft und mit einem geknurrten „Passen’S doch auf, Deppata!“ einen Bogen um ihn macht.
Kann es sein, dass der Mörder in einem abnormen Ritual aus den Teilen ein neues Wesen schaffen möchte, eines, das nur aus Siechtum besteht? Aber was für ein krankes Gehirn denkt sich so etwas aus?
Als er mit seinen Überlegungen so weit gekommen ist, spürt er, wie sein Herz klopft. Er müsste sich die hundsköpfigen Kreaturen noch mal ansehen. Aber wie kommt er jetzt in die Kirche hinein? Sind Kirchen nachts geöffnet? Oder gibt es einen anderen Weg in die Katakomben? Einen Weg durch die Kanalisation. Hat Brandner nicht so etwas erwähnt? Du willst ja wohl nicht jetzt alleine noch mal da runter gehen. Nein, er braucht jemanden, der mitgeht, der eine Lampe hält, während er diese Körper untersucht. Fieberhaft denkt er darüber nach, welchen der Männer er um diese Uhrzeit wohl für ein solches Unternehmen begeistern könnte. Immerhin war es bereits halb zwölf, als er die Pathologie verlassen hat. Ralf.
Entschlossen setzt er nun seinen Weg fort, während er Ausschau nach einem Münzfernsprecher hält.

Er ist schon fast am Heldenplatz, als er einen Fernsprecher entdeckt. Er kramt in der Hosentasche nach Melchers Telefonnummer und einem Groschen und hebt den Hörer ab. Sofort meldet sich am anderen Ende eine gelangweilte weibliche Stimme und er lässt sich verbinden. Kurz darauf ertönt der Rufton. „Geh schon ran“ murmelt er beschwörend.

„Ralf? Bist du das? Zum Glück erwische ich dich! Hör zu, ich habe noch einmal nachgedacht, über das, was wir da unten gesehen haben, beziehungsweise vor allem über das, was wir nicht gesehen haben. Ich muss noch mal da runter, ich muss mir die Leichen dort genauer ansehen. Und ich kann das nicht alleine tun, ich brauche jemanden, der, na ja, mich unterstützt. Vielleicht könnten wir sogar eine dieser Kreaturen da rausholen. Ralf, hörst du mich? Ich rede von dir. Was hältst du davon? Wir gehen noch mal in die Katakomben, und zwar heute Nacht.“
Chajms Stimme klingt gepresst, aber wild entschlossen.

‚Schwildiefädnsehn…Chauberdriggs…Verdammt, er klingt, als sei er schon ziemlich weggetreten. „Was ist los? Bist du in Ordnung?“ Blöde Frage, man kann hören, dass er das nicht ist. „Siehst du dich in der Lage mitzugehen, oder wie soll ich deine Antwort deuten?“
Im selben Augenblick, in dem er fragt, weiß er schon, dass sein Vorhaben für heute gestorben ist, es sei denn, ich gehe alleine. „Lass gut sein, Ralf, vielleicht morgen. Ist besser, du gehst ins Bett. Wir hören voneinander.“
Er zögert, lehnt die Stirn an das Glas der Telefonzelle und schließt die Augen. Besser, du legst auf. Er tut es nicht, hält den Hörer in der Hand, wartet.

„Vielleicht ist es sowieso eine abwegige Idee. Lass uns morgen drüber reden. Nachdem ich bei Wenzler war. Oder…“ Der Satz bleibt in der Luft hängen, löst sich auf.
„Mach’s gut, Ralf, bis morgen.“
Chajm legt auf. Plötzlich hat ihn alle Kraft verlassen. Wieder draußen schlägt er den Weg Richtung Leopoldstadt ein. Es ist dunkel und nur wenige Passanten begegnen ihm. Auf der Schwedenbrücke bleibt er stehen, lehnt sich an das schmiedeeiserne Geländer und schaut in das schwarze Wasser der Donau. Plötzlich sieht er, dass sich am Uferrand, kurz über dem Wasserspiegel etwas bewegt. Eine Ratte, nein mehrere. Mit einem Gefühl des Unbehagens wendet er sich ab und geht weiter. An der Ecke Kleine Mohrengasse zögert er, überlegt, ob er um diese Zeit noch bei Teresa vorbeigehen kann, aber die Vorstellung, dort dem Arbeiterhelden zu begegnen ist zuviel für ihn. Morgen. Vielleicht.

Wenig später schließt er die Tür seiner Wohnung auf. Als erstes holt er die Schatulle aus dem Schrank und legt sie auf den Nachttisch. Er öffnet das Fenster, kleidet sich aus und lässt sich aufs Bett fallen. Mit dem letzten Rest Energie, den er noch aufbringen kann, zieht er die Spritze auf, injiziert und löscht das Licht.

Etwas hat ihn geweckt. Ein Geräusch, leise, raschelnd. Er öffnet die Augen. Im Zimmer ist es dunkel, nur das kalte Licht des Mondes scheint auf eine Gestalt, die reglos auf Chajms Bettkante sitzt. Teresa! durchzuckt ihn eine kurze Hoffnung, bis er erkennt, dass es nicht seine schöne Geliebte ist. Es ist Martha Laszek, die ihn unverwandt ansieht und nun lautlos einen Finger an ihre Lippen legt. Aber etwas stimmt nicht mit ihr. Ihr Gesicht…so spitz. Er hatte ihr doch nur den Lippenstift abgewischt, sie wieder zu einem Menschen machen wollen! Aber jetzt…eine Ratte! Sie hat einen Rattenkopf! Sein Herz pocht laut, dadamm, dadamm, er hat Angst, dass die Gestalt es hört und ihn straft dafür, dass er die Totenstille stört. Langsam greift Martha nun in ihren noch immer weit offenen Brustkorb, holt etwas heraus und hält es ihm hin. Das Glas der Spritze schimmert im Mondlicht, umklammert von einer Vogelklaue.

Er erwacht von seinem eigenen Schrei.

Die Nacht scheint nicht enden zu wollen. Er wälzt sich in seinem Bett hin und her, er ist schweißgebadet, das offene Fenster hilft kein bisschen. Er verfolgt die Schläge der Turmuhr, einmal für jede Viertelstunde, viermal für jede volle Stunde, und, damit jeder Schlaflose weiß, wie viel Uhr es ist, auch noch die Uhrzeit. Zwei Schläge, drei, vier. Um fünf beginnt es endlich zu dämmern und Chajm quält sich aus dem Bett, schlurft ins Bad. Der Spiegel ist noch gnadenloser als am Tag zuvor: übernächtigt, dunkle Augenringe, der schwarze Bartschatten betont eingefallene Wangen. Guten Morgen Herr Doktor. Schlecht geschlafen? Albträume? Vielleicht hätten Sie doch den Dr. Schmelzer aufsuchen sollen, der kümmert sich um solche wie Sie, und nicht den Wenzler.
Angewidert wendet er sich ab und dreht die Dusche auf. Kaltes Wasser strömt über seinen Körper, hilft ein bisschen, nicht viel. Vielleicht hilft Kaffee und eine kleine Spritze. Denke jetzt nicht an das Morphium, deinen Vorrat musst du dir einteilen, du hast in den letzten beiden Tagen zuviel verbraucht, das tut weder dir noch deinem Portemonnaie gut.
In der Küche muss er feststellen, dass der Kaffee leer ist. Verdammt. Kriegst du denn gar nichts mehr hin, Saenger? Er beschließt, erstmal eine Zeitung kaufen zu gehen, die Trafiken öffnen um sechs.

Als er das Haus verlässt, ist es hell, Menschen auf dem Weg zur Arbeit hasten an ihm vorbei. Er fühlt sich fremd; irgendwann in den letzten achtundvierzig Stunden ist er rausgefallen aus dieser Normalität, er gehört nicht mehr dazu. Stattdessen beschäftigen ihn hundeköpfige Kreaturen und Tauben ohne Klauen. Er nimmt sich vor, gleich nach der Zeitungslektüre und einem Kaffee, den er irgendwo unterwegs trinken kann, den Dr. Wenzler aufzusuchen, ein Gespräch unter Kollegen, das täuscht zumindest so etwas wie Alltag vor.

An der nächsten Trafik ersteht er die Morgenzeitung und setzt sich damit auf eine der Bänke in der Nähe, für das Kaffeehaus ist es immer noch zu früh.
Aufmerksam studiert er den Artikel über die, wie der Verfasser sie nennt, ‚Vogelmann-Morde’. Kein weiterer Mord, stellt er mit Erleichterung fest. Der Polizeipräsident wird inzwischen, wie zu erwarten war, von der Opposition als unfähig gebrandmarkt, ein durchsichtiges politisches Manöver. Auch wenn Chajm der Polizei im Allgemeinen und Breitner im Besonderen nicht allzu viel Sympathie entgegenbringt und auch von dessen Fähigkeiten nicht restlos überzeugt ist, langweilen ihn diese Spielchen, die nichts als Störfeuer darstellen.
Auch nicht viel interessanter findet der Arzt den Artikel über einen Gärtner, der sich selbst beschuldigte, seine geschiedene Frau getötet zu haben, was anscheinend gar nicht der Fall war. Drehten jetzt alle durch? War das die außergewöhnliche Hitze, die die Leute verrückt machte?

Er schlägt die Zeitung zu und macht sich auf den Weg zu Dr. Wenzler. Unterwegs findet er ein schon geöffnetes Kaffeehaus und bestellt einen großen Schwarzen, dem er gleich einen zweiten hinterherschickt. Obwohl die Hitze schon wieder merklich zunimmt, fühlt Chajm sich jetzt wesentlich besser als noch vor zwei Stunden und dem Gespräch mit dem Kollegen gewachsen.

Eine Stunde später steht er vor dem Haus, in dem Wenzler seine Praxis hat, und läutet an der Tür.

„Guten Morgen. Mein Name ist Dr. Chajm Saenger. Ist Dr.Wenzler im Hause? Ich wünsche ihn in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen.“

„Nein, es geht um eine medizinische Sache. Ich bin Pathologe am AKH, wenn Sie ihm das bitte ausrichten würden, ich bin sicher, dass er ein paar Minuten Zeit aufbringen wird, wenn er hört, worum es geht.“
Sein Tonfall macht deutlich, dass er nicht bereit ist, mehr dazu zu ihr zu sagen.

Er nickt. „Vielen Dank, das ist sehr freundlich von Ihnen. Schon jetzt ist zu spüren, dass es wieder ein heißer Tag wird. Sicher haben Sie mehr Arbeit als gewöhnlich, die Hitze setzt den Menschen zu, besonders den Alten und den chronisch Kranken.“ Er setzt sein charmantestes Lächeln auf und sieht ihr ein wenig länger in die Augen als nötig. „Und da komme ich und bringe den Terminplan in Unordnung. Ich bitte dafür höflichst um Entschuldigung, Schwester…“

„Bedeutet das, dass Herr Dr. Wenzler auch Hausbesuche macht? Ich habe gehört, dass er auch mittellose Erkrankte, die vielleicht nicht einmal eine Wohnung ihr eigen nennen, behandelt. Das wäre ein gehöriger Aufwand für ihn, auch diese Leute aufzusuchen.“

Chajm nickt beifällig. „Ein sehr engagierter Mann, Ihr Chef. Begleiten Sie ihn manchmal zu seiner ehrenamtlichen Arbeit, Schwester Sophie? Sicher braucht er Ihre Hilfe?“

„Sie schätzen ihn wohl sehr, den Herrn Dr. Wenzler. Zurecht, sein Ruf eilt ihm voraus, seine Kompetenz besonders auf dem Gebiet der Seuchen ist allgemein bekannt.
Aber bitte entschuldigen Sie, Schwester Sophie, meine Redseligkeit, ich möchte Sie nicht aufhalten, sicher haben Sie viel zu tun. Ich verfüge mich also ins Wartezimmer.“

Ein erneutes, diesmal verständnisvolles Lächeln.

„Nur eines noch: behandelt er zurzeit viele an Syphilis erkrankte Patienten?“

Eine nette Frau, diese Schwester Sophie, und so viel sanfter als Teresa…
Einen Augenblick denkt er darüber nach, ob er sie auf einen Kaffee einladen soll, wenn sie Feierabend hat, sein verletztes Ego könnte die Gesellschaft einer hübschen jungen Frau gut gebrauchen, doch dann fällt ihm ein, wie sein letzter Blick in den Spiegel ausgefallen ist und er lässt es bleiben.
„Ich danke Ihnen, Schwester Sophie. Sie sind sehr freundlich.“
Damit geht er nun endlich ins Wartezimmer, wo bereits einige Patienten sitzen, grüßt die Anwesenden mit einem höflichen „Guten Morgen“ und nimmt auf einem der Stühle Platz.

Es behagt ihm nicht besonders, sozusagen die Seiten zu wechseln, sich in der Rolle des auf den Arzt Wartenden wieder zu finden, zudem hasst er es, mit vielen Menschen in einem stickigen Raum eingepfercht zu sein.

Er lehnt sich zurück, verschränkt die Arme und schlägt die Beine übereinander, ich gehöre nicht zu euch, den Kranken, kann es aber nicht lassen, die Patienten zu mustern, mit diesem Blick, mit dem man in der Tram sein Gegenüber streift, zufällig, flüchtig, desinteressiert.

Chajm schüttelt Wenzler die Hand.
„Ich danke Ihnen, dass sie etwas von ihrer knapp bemessenen Zeit opfern und werde diese auch nicht über Gebühr in Anspruch nehmen, Herr Dr. Wenzler. Kommen wir also gleich zur Sache. Ich bin Pathologe am AKH und wurde wegen Engpässen in der Gerichtsmedizin von Professor Haberda, deren Leiter, angefordert, eine Obduktion bei einem Verbrechensopfer vorzunehmen. Es handelte sich dabei um einen Obdachlosen, Parlya ist der Name.“
Chajm legt eine kurze Pause ein und wartet auf eine Reaktion seines Gegenübers. Als diese ausbleibt, spricht er weiter.
„Vielleicht haben Sie davon in der Zeitung gelesen, Ort und Umstände des Verbrechens waren recht spektakulär. Nur einen Tag später lag das zweite Mordopfer auf meinem Tisch, Martha Laszek, eine…Prostituierte.“
Wieder eine Pause, ein aufmerksamer Blick zu Wenzler.
„Die Obduktion ergab, dass beide Opfer schwer an Syphilis im letzten Stadium litten, außerdem, und das sage ich Ihnen im Vertrauen, fehlten beiden verschiedene Körperteile. Nun fragen Sie sich sicher, warum ich Sie mit dieser Sache behellige. Ich bin, gelinde gesagt, etwas beunruhigt. Da läuft ein Irrer herum, der Schwerkranke bestialisch ermordet, und es muss nicht bei diesen beiden Opfern bleiben. Deshalb frage ich Sie: kannten Sie Parlya und Laszek vielleicht? Immerhin gelten Sie als Kapazität in der Behandlung von Seuchen, zudem eilt Ihnen der Ruf voraus, dass sie auch bedürftige Kranke betreuen. Es könnte also sein, dass noch andere Ihrer Patienten bedroht sind. Und, als letztes, um Ihre Frage vorwegzunehmen, was mich das alles angeht: Ich bin Pathologe, nicht Gerichtsmediziner und die Grausamkeit, mit der diese Taten verübt wurden lassen mich nicht schlafen. Ich möchte, dass der Mörder gefasst wird.“

Er will es nicht wahrhaben, aber er weiß es: das hier ist eine Sackgasse, Saenger. In seinem Kopf arbeitet es. Vielleicht stellt er dem Mann nicht die richtigen Fragen. Du hast verloren, seh es ein und verabschiede dich, alles andere wäre peinlich und unangenehm für ihn und für dich.
Chajms Schultern sinken als laste ein Bleigewicht auf ihnen, und er nickt resigniert.
„Danke, dass Sie mir etwas von Ihrer kostbaren Zeit gewidmet haben“, meint er ohne jede Ironie. „Dann verabschiede ich mich jetzt. Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen.“
Er wendet sich zur Tür, ohne die Antwort des Arztes abzuwarten und verlässt fluchtartig das Ordinationszimmer. Draußen lächelt er müde Schwester Sophie zu.
„Ich hoffe, er weiß, was er an Ihnen hat“, meint er zusammenhanglos und geht hinaus.

Draußen auf der Straße schlägt ihm die Hitze entgegen, aber ihm ist plötzlich kalt. Die Hände in den Hosentaschen bleibt er unentschlossen stehen. Alles, was er bisher unternommen hat seit er den toten Sandler auf dem Seziertisch hatte, erscheint ihm sinnlos. Eigentlich müsste er sich Rieger stellen, aber dazu fehlt ihm die Kraft. Sein Kopf ist leer, ein Vakuum, in dem sich nur ein Wunsch breitmacht: Morphin.

Irgendwann schafft er es, weiterzugehen. Schweiß steht ihm auf der Stirn und trotzdem ist es ihm bis in die Knochen kalt. An der nächsten Straßenecke beschließt er, eine Kraftdroschke zu nehmen, die Gesellschaft verschwitzter Mitmenschen in der Tram würde er nicht ertragen. Er winkt eines der Automobile herbei, nennt dem Taxler seine Adresse und lässt sich in die Polster zurücksinken.
Vor dem Haus gibt er dem Mann zwei Schilling und verzichtet auf das Rückgeld; er hat es viel zu eilig, in seine Wohnung zu kommen.
Im Haus ist es kühl, fröstelnd schließt er die Tür hinter sich und stürzt ins Schlafzimmer, wo die ersehnte Spritze wartet….

Eine halbe Stunde später fühlt sich Chajm schon wesentlich besser. Er geht in die Küche und füllt sich ein Glas mit Leitungswasser, dann setzt er sich in den Salon und denkt nach. Ob er doch den Rieger aufsuchen soll? Nein, auf keinen Fall, der wird ihm nur Bescheid stoßen, mindestens.
Er holt sich einen Stift und ein Blatt Papier und beginnt, seine Gedanken zu ordnen. Stück für Stück entsteht eine Zusammenfassung der Ereignisse, angefangen bei dem Sandler, über die arme Martha Laszek zu Rogasch. Als er fertig ist, springt er auf, holt sich noch ein Glas Wasser, kippt es hinunter und geht dann ins Bad. Geduscht, rasiert und sauber gekleidet setzt er sich und studiert die Liste.
Sein Blick fällt auf den Namen der Zeugin in der Karlskirche. Brandner hat etwas dazu gesagt, aber was? Er kramt die Visitenkarte hervor, de der Theologiestudent ihm in die Hand gedrückt hat und geht ans Telefon. Er hat Glück, die Leitung ist frei. Er gibt der Frau von der Vermittlung die Nummer und wartet.

Wütend donnert Chajm den Hörer auf die Gabel. Es gibt verdammt unhöfliche Zeitgenossen, die Stimme am anderen Ende der Leitung hätte sich wenigstens mal verabschieden können. Dann fällt ihm ein, dass der Theologiestudent in so einer Art Wohnheim wohnt, falls er sich recht erinnert. Das erklärt so manches.
Dann muss es anders gehen. Vielleicht erinnert sich der Pfarrer, diese Frau war ja sicher eines seiner Schäfchen. Dieses Mal wird er sich eine bessere Geschichte zurechtlegen, scheinbar kommt er mit der Wahrheit ja nicht weiter. Er geht zurück in seine Wohnung und packt seine Arzttasche zusammen, vergiss das Morphium nicht, Saenger!, steckt außerdem die verschiedenen Zettel mit den Adressen und Telefonnummern seiner ‚Mitstreiter‘, wie kommst du darauf, sie so zu nennen? Du hältst dich nicht an die Vereinbarung! Weißt du noch? Keiner geht alleine los?, in die Hosentasche und verlässt das Haus.
Draußen überlegt er, erneut eine Kraftdroschke zu nehmen, entscheidet sich dann aber dagegen und macht sich auf den Weg in den vierten Bezirk.

Chajm bleibt abseits der Menschenansammlung stehen, elektrisiert vom Anblick dieser fast mittelalterlich anmutenden Szenerie, und trotz der Hitze läuft ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Hat man nicht damals den Juden die Schuld an der Pest gegeben? Er widersteht dem Impuls zu fliehen und nähert sich vorsichtig, als könne er sich mit einer üblen Krankheit infizieren, dem grotesken, anachronistisch wirkenden Schauspiel. Zögernd streckt er die Hand nach einem der Pamphlete aus, das ihm von einem der Kuttenträger entgegengestreckt wird.

Chajm packt den, der ihm das Flugblatt in die Hand gedrückt hat, am Ärmel, bevor der Mann wieder in der Menge verschwinden kann.
„Warten Sie! Bitte!“

Als habe er sich verbrannt, lässt Chajm den Ärmel des Mannes fahren, als dieser ihm seine von Fanatismus entstellte Fratze zuwendet. Sei nicht so zimperlich, Saenger! Du hast die Apokalyptiker gesucht, hier sind sie, nun versuche, ob du etwas aus diesem Wahnsinnigen rausbekommst!
Angst und Abscheu überwindend, packt er den Kerl an beiden Oberarmen und schüttelt ihn.
„Wer bringt uns die Pest, Mann, sag es mir!“, presst er zwischen seinen Lippen hervor.
Und plötzlich überkommt ihn eine ungeheure Wut. Alles, was sich in den letzten Tagen in ihm aufgestaut hat, entlädt sich nun über diesem armen Irren. Chajms Augen sind dunkel vor Zorn, über den Mörder, über Rieger, über Teresa und am meisten über sich selbst. Er wird diesen Mann nicht loslassen, bevor der nicht ausgespuckt hat, was er weiß.
„Der Vogelmann! Hast du ihn gesehen? Wo kann ich ihn finden?“

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