Im Hohen Norden

Ein Abenteuer aus dem DSA-Universum


Die Protagonisten:

Desmala bint Alaila – Tulamidische Hexe aus Aranien mit adligem Hintergrund

El Sadarim Il’Iaca – Tulamidischer Magier, seines Zeichens Elementarist mit einer beunruhigenden Affinität zu Feuer

Gorio Queseda – Leibwächter aus Al’Anfa mit zwielichtiger Vergangenheit

Gero – Dieb aus Gareth mit unstillbarer Goldgier und ebenso unstillbarem Durst auf Premer Feuer

Alifa Saba Ayvar – Zahori-Gauklerin und Jahrmarktskämpferin aus Almada, Chronistin der Ereignisse

Abwesend:

Wurbusch Hügelglut – Hügelzwerg aus Kosch, Schmied  und Genießer, Adressat von Alifas Briefen

Weitere Mitreisende:

Hesidane – Hesinde-Geweihte aus Kuslik mit großem Wissen über Runenmagie

Immer anwesend, wenn auch selten sichtbar:

Die Zwölfgötter:

Praios – Der Göttervater

Rondra – Die Kriegerische

Travia – Die Hüterin des Herdes

Peraine – Die Hüterin der Felder

Rahja – Die Liebreizende

Tsa – Die Lebensspenderin

Phex – Der Listenreiche

Firun – Der Eisige

Boron – Der Hüter des Schlafes und des Todes

Hesinde – Die Kluge

Efferd – Der Herr des Meeres

Ingerimm – Der Hüter des Feuers

***

Bester Wurrbusch! (auch wenn ich Euch zürne!)

Thoran der Zwerg hat mir mitgeteilt, dass Ihr Kuslik verlassen habt und auf dem Weg nach Angbar seid. Ich weiß nicht, ob das wahr ist, denn ich finde, Ihr hättet Euch wenigstens verabschieden können; aber vielleicht hattet Ihr ja einen wichtigen Grund, Kuslik bei Nacht und Nebel zu verlassen?? Obwohl ich so etwas eher Gero zutrauen würde als Euch, aber wer weiß…
Wir haben jedenfalls unsere Siebensachen gepackt und sind jetzt auf dem Weg nach Olport im Lande der Thorwaller, stellt Euch vor: geradewegs in die Arme der Barbaren! Aber immer der Reihe nach!
Ihr wisst ja, dass die alte Frau auf dem Jahrmarkt mir eine Reise in den Norden vorhergesagt hatte, und ebenso El Sadarrim, der aber ihrer Weissagung etwas misstrauisch gegenüberstand. Er ist zwar Tulamide aber eben kein Zahori, und deshalb weiß er nicht, dass man den Worten der Alten immer Glauben schenken sollte, da sie über großes Wissen und tiefe Weisheit verfügen. Wie dem auch sei, am Abend, nachdem wir auf dem Jahrmarkt Euren Künsten im Baumwerfen zugesehen hatten, ging ich alsbald zurück zu Androschs Schenke, genehmigte mir noch einen Wein und legte mich dann schlafen. Gero war mit seinen zwei (eher käuflichen als rahjagefälligen) Dirnen verschwunden, um seine „Einnahmen“ seinem Geschmack entsprechend zu verprassen, wo die anderen waren, weiß ich nicht.

Jedenfalls, als ich am nächsten Morgen nach dem Frühstück Thoran aufsuchte und erfuhr, dass Ihr abgereist seiet, ging ich erneut auf den Markt, um das bunte Treiben um mich herum zu genießen, das ich seit so langer Zeit vermisst hatte. Außerdem wollte ich verschiedene Einkäufe tätigen, da ich mir ja sicher war, dass ich Kuslik bald den Rücken kehren würde. Ich begab mich auf die Suche nach einem Gaukler, der mir vielleicht ein paar Jonglierbälle verkaufen würde, denn meine sahen nach einem Bad im salzigen Meerwasser ziemlich mitgenommen aus, zumal sie noch nie besonders schön waren. Es dauerte auch nicht lange, bis ich einen jungen Gaukler sah, der die Bälle gar kunstfertig zu werfen wusste. Ich kam mit ihm ins Gespräch, ein Wort gab das andere, und am Ende gab ich auf dem Kusliker Jahrmarkt eine kleine Probe meines Könnens, was mir 6 Silbertaler einbrachte! Bälle bekam ich allerdings bei diesem Gaukler nicht, da er seine zu teuer verkaufen wollte, obwohl sie auch nicht viel besser als meine waren. Also zog ich weiter, und stell’ dir vor, bald stieß ich auf einen kleinen Sohn meines Volkes, der mich zu seiner Sippe führte. Nichts ist schöner als mit meinen Leuten zusammen am Feuer zu sitzen, zu singen, zu trinken und zu tanzen! Die Mutter des Jungen, eine stolze Frau, versprach mir, ein paar Bälle zu nähen und wir verabredeten uns für die nächsten Tage. Als ich zu später Stunde in unser Gasthaus zurückkehrte, war ich so glücklich wie schon lange nicht mehr.
Auch die anderen waren ihrer Wege gegangen, Gero wie immer in heimlichen Geschäften, auch Queseda und Desmala waren noch nicht zurückgekehrt, nur El Sadarim war schon da. Er hatte in der „Quelle“, dem Treffpunkt der örtlichen Magier, einen hochgelehrten Vortrag über „elementare Wesenheiten“ oder über „wesentliche Elemente“ oder so ähnlich gehalten (ich kann mir seine ausufernden Schilderungen immer nicht merken), und er hatte dort viele wichtige Persönlichkeiten getroffen. Eine von ihnen, die „Magisterin der Magister“ der Hesindekirche (das ist so etwas wie das „Schwert der Schwerter“ der Rondrakirche, also das Oberhaupt der Oberhäupter), hatte mit ihm gesprochen und ihn und uns (jawohl uns) für den nächsten Tag in den Tempel geladen, da es einen Auftrag für uns gäbe.
Anderntags zogen wir also los, wobei zu erwähnen ist, dass Desmala und Queseda sich sehr merkwürdig verhielten: sie blieben immer wieder zurück, flüsterten einander etwas ins Ohr und kicherten immerzu. Wenn ich es glauben könnte, würde ich sagen, sie turtelten regelrecht herum und beide trugen die ganze Zeit ein beseligtes Grinsen im Gesicht. Was das zu bedeuten hat, ist mir noch nicht ganz klar aber ich habe so meine Vermutungen…
Beim Tempel angekommen, wurden wir zur Hochgeweihten geführt, die uns kurz begrüßte und uns dann zu Hesidane, einer jungen Priesterin brachte. Diese weihte uns umgehend in ihre Pläne ein, nämlich ins Land der Thorwaller zu reisen und dort Runen und Runenzauber (glaube ich -es fehlte mir die Geduld, ihren Ausführungen zu folgen) zu erforschen. Hesidane ist eine Frau, die sicher in Ihrem ganzen Leben noch nie ihre Studierstube verlassen hat. Deshalb braucht sie uns als erfahrene Begleiter, damit sie nicht unterwegs von Orks, Wölfen oder Thorwallern umgebracht oder in die Sklaverei verschleppt wird. Nach langen, zähen Verhandlungen kamen wir überein, dass wir sie begleiten würden, für einen wirklich guten Sold, muss ich sagen! Es gibt allerdings einen Haken an der Sache: da Olport tausend Meilen weit im Norden liegt, werden wir wieder mit dem Schiff fahren, was mir wenig und Desmala überhaupt nicht behagt. Hesidane versprach, sich um ein Schiff und Proviant für die Reise zu kümmern, etwas, was wir, wie sich später herausstellte, besser selbst erledigt hätten, aber ich möchte hier nicht vorgreifen!

Wir verließen die Priesterin also in dem Gefühl, eine gute Übereinkunft getroffen zu haben, und jeder ging wieder seiner Wege. Mich zog es natürlich zum Jahrmarkt, aber ein Gefühl sagte mir, das ich vielleicht zuvor den Tempel der Herrin Rondra aufsuchen solle, um für unseren Erfolg im Kampf zu beten, da die Wahrsagerin ja von meinem „Säbel, der Blut trinken wird“ gesprochen hatte, und ich nehme ihre Worte als Stimme des Schicksals. Ich betete also in diesem wahrhaft beeindruckenden Tempel und opferte der Göttin mein maraskanisches Zwillingsschwert in der Hoffnung, dass sie meine Gabe mit Wohlwollen aufnehmen möge. Über meinen eigenen Säbel ließ ich von einem Geweihten einen Segen sprechen, und so gewappnet verließ ich den Tempel, um zu den Zahori zu eilen. Ich fand sie wie erwartet am selben Ort wie am Abend zuvor und zu meiner Freude waren auch die Bälle schon fertig. Sie sind wunderschön, jeder etwas anders und doch zueinander passend, und sie haben das richtige Gewicht, nicht zu leicht und nicht zu schwer und sie fliegen in die Luft und kehren in meine Hände zurück als wohne ihnen ein Zauber inne…trotzdem werde ich noch viel üben müssen, bis ich wahre Meisterschaft im Jonglieren erlangt habe. Ich blieb noch lange am Feuer sitzen, wir erzählten uns Geschichten und tanzten und sangen und wir feierten Abschied, wie es bei den Zahori Brauch ist, wenn einer von ihnen weiterzieht. Als ich sie verließ, war ich glücklich und traurig zugleich, weil es war, als verließe ich meine Heimat zum zweiten Mal.

Am nächsten Morgen brachen wir auf zum Hafen, fragten den Hafenmeister nach unserem Schiff und wurden von ihm zu einem Pier am Ende des Hafens gewiesen. Dort wartete schon der Kapitän auf uns, ein richtiger Seebär, der nur wenige Worte für uns übrig hatte, und sicher nur gegen gutes Geld bereit war, uns mitzunehmen. Wir gingen an Bord, während die Matrosen noch mit dem Beladen beschäftigt waren, und dachten, uns würde nun eine Kajüte zugewiesen. Weit gefehlt! Man führte uns in die Mannschaftsquartiere unter Deck, wo es übel nach Fisch riecht und nach ungewaschenen Matrosen-Socken, und wo jeder von uns eine Hängematte sein eigen nennt. Desmala kehrte auf dem Absatz um und war schon auf dem Weg an Land, bevor wir sie aufhalten konnten. Wir folgten ihr und es gelang uns, sie zu überreden, doch mitzufahren, allerdings war nichts mehr von dem Turteltäubchen des Vortages zu sehen. Gero fand alles, wie zu erwarten, ganz wunderbar, und wir anderen beschlossen, solange Efferd es erlaubt, auf Deck zu schlafen. Mit einiger Verspätung tauchte auch Hesidane auf, die Arme voller Pergamentrollen, die gefährlich im Wind flatterten. Sie schien allerdings wenig beeindruckt von unserer Unterkunft und akzeptierte klaglos die Hängematte. Überhaupt ist für sie alles nur Forschung und Abenteuer(das sie bis jetzt noch nie erlebt hat), und sie notiert sofort alles in einem kleinen Buch, welches sie immer mit sich führt.

Zu unserem großen Missfallen stellte sich alsbald heraus, dass wir auf einem Walfänger angeheuert haben; Gnade uns Efferd, wenn uns ein paar Thorwaller begegnen sollten! Sie beten nämlich einen Wal als Gott an und sehen es nicht gern, wenn man ihren Gott harpuniert. Allerdings werden wir mit diesem Schiff nur bis Havena fahren, und so hoffe ich, dass uns ein zweiter „Schiffbruch“ erspart bleibt. Hesidane hat sich scheinbar überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, was einmal mehr zeigt, wie weltfremd sie ist.
Jetzt muss ich meinen Brief aber schnell beenden, da wir gleich ablegen werden. Ich gebe ihn einem kleinen Jungen am Hafen, der mir für einen Heller versprochen hat, den Brief zu Thoran zu bringen, der ihn dann an Euch weiterleiten kann, sobald er von Euch hört.
Wünscht uns Glück für unsere große Fahrt in den Norden! Ich werde Euch vielleicht schon aus Havena Neuigkeiten zukommen lassen, falls wir den ersten Teil unserer Reise überleben.

Ich grüße Euch!
Alifa saba Ayvar

***

Allerbester Wurrbusch,

diese Zeilen erreichen Euch aus Salzahafen, wo wir nach abenteuerlichen Tagen auf See glücklich gelandet sind. Ich bin froh, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben und etwas anderes als Fisch zu essen zu bekommen.
Doch ich möchte mit meinem Bericht dort fortfahren, wo ich vor einer Ewigkeit (so kommt es mir vor) endete, also bei unserer Abfahrt aus Kuslik.

Ich stand an der Reling und blickte sehnsüchtig auf den Hafen, hoffte ich doch, Ihr würdet in letzter Minute noch auftauchen, um mit uns gen Norden zu fahren. Aber der Landesteg blieb leer und so musste ich mich darein schicken, dass Ihr einmal mehr spurlos verschwunden seid.
Die Mannschaft, die einen sehr erfahrenen Eindruck erweckte, hisste die Segel, die Taue wurden herübergeworfen, das Schiff löste sich von der Anlegestelle und nahm alsbald, von einem frischen Wind beflügelt, Fahrt auf und verließ die schützende Bucht. Ich schaute zum sicheren Land, bis es zuletzt meinen Augen entschwand und ich nur noch Wasser sah, wohin ich auch blickte. Ich schickte ein weiteres Stoßgebet zu Efferd und wandte mich dem offenen Meer zu. Der Wind blies mir ins Gesicht, die Sonne schien und ich suchte mir eine geschützt Ecke, in der ich meine Habseligkeiten verstaute, da ich mir geschworen hatte, so lange es das Wetter erlauben würde, meine Nächte unter freiem Himmel zu verbringen und nicht in einer stinkenden Hängematte unter Deck. Auch die anderen machten es sich bequem, Hesidane beobachtete die Seeleute bei ihrer Arbeit und notierte alles in ihrem Notizbuch. Irgendwie erinnert sie mich an unseren Magier, der ja auch immer eifrig Wissen sammelt und seine Nase in Bücher steckt.

Die ersten Tage auf See verliefen ereignislos. Jeder ging seinen eigenen Geschäften nach. Ich für mein Teil hatte beschlossen, jeden Tag zu trainieren, damit ich am Ende unserer Reise nicht völlig steif sein würde. Da das Schiff recht groß war, konnte ich sogar einige Waffenübungen machen und mich in Akrobatik und dem Jonglieren meiner vortrefflichen neuen Bälle üben, einer Kunst, die ich bisher immer ein wenig vernachlässigt habe.
Der Kapitän kümmerte sich kaum um uns, er schikanierte seine Mannschaft, ließ sie zum Beispiel das Deck schrubben, auch wenn es sauberer war als der Königspalast zu Gareth. Er wurde von Tag zu Tag immer mürrischer, bis eines Morgens neben dem Schiff ein mindestens sechs Schritt langer, schlanker Leib aus dem Wasser auftauchte. Es war ein großer Fisch, der uns nicht mehr von der Seite wich. Der Kapitän brüllte über Deck: „Wal voraus! Harpune klarmachen!“ und die Mannschaft beeilte sich, seinem Kommando nachzukommen. Offenbar hatten sie die Absicht, dieses wunderschöne Tier zu jagen, doch der Wal schien das alles als Spiel zu betrachten, tauchte mal hier und mal da auf und war dem Schiff immer weit genug voraus, dass es für ihn nicht zu gefährlich werden konnte. Dies ging eine Weile so und dann verschwand er genauso plötzlich in den Tiefen des Meeres, wie er zuvor aufgetaucht war. Der Kapitän fluchte und verschwand unter Deck und ließ sich für den Rest des Tages nicht mehr blicken. Der Bootsmann, ein recht vernünftig wirkender Mann, übernahm das Kommando. Am Abend saßen wir noch ein wenig mit den Matrosen zusammen an Deck, würfelten und tranken, aber die Stimmung war wie mir schien, etwas gedrückt und alle verschwanden früh in ihrer Hängematte.

Und dann, am nächsten Morgen, ertönte es vom Ausguck: „Wal!“ und es erhob sich ein riesiger Körper aus dem Meer, groß wie ein Eiland, mit einer riesigen Flosse, von der das Wasser herabströmte. Dann erklang ein prustendes Geräusch, und aus einem kleinen Loch auf dem Rücken des Fisches stieg eine Fontaine in den Himmel. „Die Boote zu Wasser lassen!“ brüllte der Kapitän, und nun brach eine Hektik aus, die aber wohlgeordnet zu sein schien, da jeder wusste, was er zu tun hatte. Es dauerte nicht lange, und fünf der kleinen Boote, bestückt mit jeweils einer Harpune, bemannt mit mehreren Ruderern, im ersten aufrecht stehend unser Kapitän, verfolgten den Wal. Sie wollten tatsächlich dieses Ungeheuer jagen, und ich muss sagen, mir war nicht wohl dabei, hatte ich doch das Gefühl, dass sie Efferd selbst herausforderten! Die Fangboote, die im Vergleich zu dem Tier nur wie Nussschalen wirkten, entfernten sich rasch von unserem Schiff, doch dann konnten wir sehen, wie die Harpunen geschleudert wurden. Sie trafen den Rücken des Wales, doch dieser schien es überhaupt nicht zu bemerken und schwamm weiter, als sei nichts geschehen. Die Boote, und mit ihnen unsere Seeleute, wurden einfach mitgezogen wie Spielzeuge. Bei uns an Bord hatten sich alle an der Reling versammelt und versuchten zu erkennen, was dort draußen auf dem Meer geschah. Wir standen und starrten (nur Gero fehlte, aber das fiel uns in diesem Moment nicht auf). So ging das einige Stunden und dann, ganz plötzlich, tauchte der Wal. Es entstand ein fürchterlicher Strudel, fast wie ein Mahlstrom. Die Männer auf den Booten hieben mit ihren Entermessern auf die Seile ein, die sie an das Ungeheuer fesselten, um nicht mit in die Tiefe gerissen zu werden. Doch dann mussten wir mit ansehen, wie eines der Boote kenterte und die Matrosen vom gierigen Schlund des Meeres verschlungen wurden. Auf Deck herrschte entsetztes Schweigen, konnten wir doch den Männern da draußen nicht helfen und mussten hilflos zusehen, wie noch weitere Seeleute bei dem Versuch, ihre Kameraden zu retten, in der schäumenden Gischt verschwanden.
Der Wal war fort, und dort, wo eben noch fünf Boote gewesen waren, sahen wir nur noch drei. Wir näherten uns dem Ort des Grauens und bargen die Überlebenden, unter ihnen der Kapitän, der sich mit versteinertem Gesicht an Bord ziehen ließ. Wir hatten gerade die drei verbliebenen Fangboote wieder auf Deck befestigt, als auch schon der Ruf ertönte: „Verfolgung aufnehmen!“ Der Kapitän stand mit einem wilden Gesichtsausdruck auf der Brücke bei seinem Bootsmann, erteilte Befehle in alle Richtungen, und das Schiff nahm wieder Fahrt auf.

Wir versammelten uns an Deck und besprachen leise die Lage. Inzwischen war auch Gero wieder aufgetaucht, mit einem beseligten Grinsen im Gesicht, was uns aber nicht weiter auffiel, da wir viel zu beschäftigt damit waren, die Ereignisse zu besprechen. Uns war klar, dass wir uns immer weiter vom Festland entfernten, und Hesidane und El Sadarim beschlossen, in der Nacht an Hand der Sterne eine genaue Standortbestimmung zu errechnen. Queseda (Ihr kennt ihn ja) war dafür, den offensichtlich von seinem Wal besessenen Kapitän zu entmachten, doch das hätte offene Meuterei bedeutet, und das war nicht ohne Risiko, wussten wir doch nicht, wie die Mannschaft zu ihm stand. Wir verschoben also die Entscheidung auf den nächsten Tag und verlegten uns nur darauf, die Stimmung in der Mannschaft zu erkunden. Diese war natürlich, wie ja zu erwarten war, ziemlich gedrückt, aber nicht offen feindselig gegenüber dem Kapitän.

Der Tag brach an und fand uns weiter draußen auf See, als wir jemals gewollt hatten. Die Hesindegeweihte und unser Magier hatten unseren Standort bestimmt, und der war weit im Westen und nicht, wie wir gehofft hatten, im Norden. Und immer noch segelte das Schiff weiter hinaus auf der Suche nach einem Phantom.
Es vergingen weitere Stunden, während derer sich der Kapitän nicht zeigte, doch dann erschien er mit wutentbranntem Gesicht auf Deck, begleitet von sieben mit Entermessern bewaffneten, grimmig blickenden Seeleuten, die sich wie eine Leibwache hinter ihm aufbauten.
„Alle Mann an Deck und in einer Reihe aufbauen!“ brüllte er, „wer wagt es, mich zu bestehlen? Der Dieb trete vor und ich werde ihn nicht an der nächsten Rah aufhängen, sondern nur Kielholen!“ Keiner regte sich, alle schauten ängstlich zu Boden. Nun begann er, die Reihen abzugehen, schaute dabei jedem drohend ins Gesicht. Plötzlich blieb er vor einem der Männer stehen und stieß ihm mit einer schnellen Bewegung sein Messer in die Brust. Der Mann schrie auf und sank dann wimmernd zu Boden.
„Er war es nicht, aber wenn sich der Dieb nicht meldet, wird es euch anderen auch nicht besser ergehen als ihm!“ Die Matrosen standen wie erstarrt, keiner bewegte sich. Da trat mit wenigen schnellen Schritten Hesidane vor, baute sich vor dem Unhold auf und sagte: „Wie könnt Ihr es wagen? Dieser Mann hat nichts getan!“

Und da geschah das Entsetzliche: der Kapitän schlug die Geweihte derart heftig ins Gesicht, dass sie zu Boden stürzte. Ohne nachzudenken, stürmte ich los. Ich hatte zuvor an der Reling gestanden und drängte mich nun durch die Reihen der Matrosen im Bestreben, Hesidane aufzuhelfen. Die Leibwächter des Kapitäns standen drohend um ihn herum und keiner der Seeleute wagte sich zu bewegen. Auch Gero stürzte los, Queseda zog seine Schwerter, aber bevor wir alle im Zentrum des Geschehens anlangten, zog innerhalb weniger Augenblicke ein unheimlicher, dichter Nebel über dem Schiff herauf. Ich konnte mich nur noch vorwärts tasten, spürte neben mir Menschen und stieß sie zur Seite. Und dann hörte ich eine Stimme von oben, die Unheil verkündend über das Deck hallte: „Du Frevler wagst es, deine Hand wider eine Geweihte der Zwölfe zu erheben!“ Das war die Stimme Hesindes! Ich hörte das Klirren fallender Schwerter und kurz darauf verschwand auch der Nebel und ich konnte wieder sehen, was an Bord geschah: drei der Leibwächter hatten ihre Waffe fallen gelassen, die restlichen allerdings versuchten den Kapitän zu schützen. Dieser lag auf dem Rücken, an der Kehle hing ihm Desmalas Parder, der den Mann mit einem Satz erreicht und zu Boden geworfen hatte. Gero half gerade Hesidane auf die Füße, auf der Brücke stand El Sadarim und schaute von oben auf das Geschehen. Der anschließende Kampf war kurz, da keiner der Matrosen sich auf die Seite der Leibwächter schlug. Nur wenige Augenblicke, und die verbliebenen Kämpfer lagen erschlagen auf dem Deck. Wir fesselten den Kapitän und sperrten ihn in seine Kajüte. Der Bootsmann, der auf unserer Seite gekämpft hatte, übernahm das Kommando und erteilte den Befehl: „Kurs auf Havena!“.

Am nächsten Morgen hielt Hesidane in Anwesenheit aller Gericht über den Kapitän, der angeklagt wurde, sich wider die Zwölfe vergangen zu haben. Das Urteil war hart, aber gerecht: er sollte in einem Boot ohne Ruder ausgesetzt und der Gnade Efferds überlassen werden. Erstaunlicherweise war es ausgerechnet Queseda, der sich dafür einsetzte, dem Verurteilten wenigstens etwas Wasser mitzugeben, was Hesidane dann auch gestattete. Ob ihm dies allerdings zum Vorteil gereichen würde, wagte ich zu bezweifeln, eher würde es sein Leiden noch verlängern. Das Boot wurde zu Wasser gelassen, wir hissten die Segel mit Kurs nach Norden und bald entschwand der Unselige unseren Augen. Keiner an Bord weinte ihm eine Träne nach, das kann ich Euch versichern!
Nach nur wenigen Tagen, die ruhig verliefen, erreichten wir Havena. Wir verabschiedeten uns vom Bootsmann und der Mannschaft, die sich nun in einer wenig beneidenswerten Lage befand: ohne Kapitän, ohne Fang und ohne die Heuer, die sie am Ende der Reise erhalten hätten und die tatsächlich aus der Schatulle des Kapitäns verschwunden war, war ihre Zukunft mehr als ungewiss. Ich schlug den Anderen vor, für die Mannschaft zu sammeln, da sie ja an dem Unglück keine Schuld trugen, aber alle verweigerten eine Spende, da der Kapitän ja schon sehr viel Geld von uns bekommen hatte. So gab also nur ich dem Bootsmann ein paar wenige Dukaten und verließ mit einem traurigen Gefühl das Schiff (zumal, je länger ich über das Ganze nachdachte, ich mich des Verdachtes nicht erwehren konnte, dass Gero nicht ganz unbeteiligt am Verschwinden des Geldes war; diese auffällig gute Laune in den letzten Tagen schien mir nicht von ungefähr zu kommen).
Wieder festen Boden unter den Füßen fühlte ich mich aber alsbald besser und beschloss, die Dinge auf sich beruhen zu lassen.

Im Hafen suchten wir die Hafenmeisterei auf und fanden auch alsbald ein schnelles Schiff, dessen Kapitän bereit war, uns bis Salzahafen mitzunehmen. In der Hoffnung, dass wir dieses Mal mehr Glück hätten in der Wahl unseres Kapitäns, schlugen wir ein und verabredeten uns für den nächsten Morgen. Wir verbrachten die Nacht in Havena, das uns ja schon etwas vertraut ist, machten eine Kneipentour (bei der Gero und Queseda irgendwo auf der Strecke blieben; sie tauchten erst am nächsten Morgen etwas übernächtigt wieder auf) und kehrten dann in unser Gasthaus zurück.
In aller Frühe eilten wir dann zum Hafen, wo unser neues Schiff schon auf uns wartete. Es war ein schöner schlanker Segler, dem man ansah, dass er uns schneller befördern würde als unser Walfänger. Wir brauchten dann auch tatsächlich nur zwei Tage bis zu unserem Ziel und diese verstrichen so ereignislos, dass es schon fast langweilig war.

Salzahafen ist eine mittelgroße Stadt, in der man Menschen aus allen Gegenden Aventuriens antrifft, und wir ließen uns den Weg zeigen zu einer Siedlung von Thorwallern, von der es hieß, dass wir dort vielleicht jemanden finden würden, der bereit wäre, uns bis Olport mitzunehmen. Wir gingen also zu diesem Stadtviertel, das durch eine Palisade vom Rest der Stadt getrennt war. Um das Viertel zu betreten, mussten wir allerdings an zwei Hünen vorbei, die das Tor in das Viertel bewachten, und diese Beiden wollten Hesidane nicht hineinlassen, da sie das Zeichen der Hesinde, eine Schlange, um den Hals trägt. „Böse Schlange, du nicht dürfen hinein!“ sagte der eine der beiden mit grimmiger Miene. Nach einigem Hin und Her ließen sie sich aber doch überreden, und wir konnten passieren. Wir wurden zum Haus eines gewissen Olof Sigurdsson oder hieß er Sigurd Olofsson oder vielleicht auch Magnusson gebracht, der dort inmitten einer Horde Kinder, die um ihn herumhüpften, saß, und, obwohl er von beeindruckender Statur ist, überaus gutmütig mit den Kleinen scherzte. Wir nannten unsere Namen und unser Begehr und nun lernten wir die beeindruckende Gastfreundschaft der Thorwaller kennen. Es ist so ein bisschen wie bei uns Zahori: Der Reisende wird ohne viel Federlesens aufgefordert, sich ans Feuer zu setzen, es wird Met herumgereicht (reichlich) und Essen, die Menschen singen und erzählen, und obwohl ich nur wenig von dem verstand, was gesprochen wurde, fühlte ich mich bald wie zuhause. Ich zeigte den Kindern meine neu erworbenen Jonglierkünste und lief zu ihrem großen Vergnügen auf den Händen herum (was die erwachsenen Thorwaller versuchten, nachzuahmen) und tanzte ein wenig mit meinem Säbel, was mir sofort respektvolle Blicke der anwesenden Kämpfer bescherte. Später am Abend wurden uns warme Felle gereicht und wir schliefen an Ort und Stelle einfach ein.

Am nächsten Tag wurden Ringkämpfe veranstaltet, das scheint so eine Art Lieblingsbeschäftigung der Thorwaller zu sein, wobei, wie auch in allen anderen Dingen, kein Unterschied zwischen Mann und Frau gemacht wird. Als Erster wurde Queseda von einem Hünen herausgefordert und ließ sich natürlich nicht lange bitten. Jeder Kampf dauert drei Runden, wobei eine Runde beendet ist, wenn einer der Kämpfer den anderen zu Boden geworfen hat. Wer die meisten der drei Runden gewonnen hat, ist der Sieger. Queseda gelang es nur in einer Runde seinen Gegner zu besiegen, ebenso erging es mir (allerdings war mein Widerpart auch mindestens einen Kopf größer als ich), aber allen ging es vor allem um den Spaß und so mussten wir keinen Spott ertragen. Sogar die beiden finsteren Kerle vom Tor tauchten auf und zeigten sich als wirklich gemütvolle Männer, die am Vortag wohl nur ein wenig ihre Scherze mit uns getrieben hatten.

So verging die Zeit wie im Fluge und nun bin ich voller Hoffnung, dass wir unsere Weiterfahrt ins Land der Thorwaller bald antreten werden bevor es noch kälter und stürmischer auf See wird.
Das ist also mein Bericht von der Reise von Kuslik nach Salzahafen, und ich sende ihn wieder an Thoran, in der Hoffnung, dass er Euch dort erreichen wird.

Ich grüße Euch, wo immer Ihr auch seid!
Alifa Saba Ayvar

Was ich ganz vergessen habe, Euch zu erzählen, ist, dass Gero lernen möchte, wie man schreibt und sich dazu ausgerechnet mich ausgesucht hat. Immerhin kann er jetzt schon seinen Namen und die Buchstaben A,B,C und D. Jetzt findet man überall seinen Namen eingeritzt, mal sehen, wie lange es dauert, bis er deswegen Ärger bekommt!
A.

***

Werter Wurrbusch,

vor zwei Tagen sind wir endlich in Olport angekommen. Wenn Ihr meinen Brief erhaltet, werden wir diesen trostlosen Ort allerdings bereits wieder verlassen haben, da wir, kaum hier angekommen, erfuhren, dass unsere Reise noch fünfhundert Meilen weiter gen Nordosten führt.

Aber immer der Reihe nach! Mein Bericht endete mit unserer glücklichen Ankunft in Salzahafen und der freundlichen Aufnahme bei den Thorwallern dieses Ortes.
Vor lauter Begeisterung für die Sitten und Gebräuche unserer Gastgeber habe ich ganz vergessen zu schreiben, dass der Clanchef uns auch einen Mann genannt hatte, der bereit sei, uns auf seinem Schiff bis Prem mitzunehmen, und Hesidane wurde sich mit diesem auch schnell einig über den Preis und so vereinbarten wir, am nächsten Tag in See zu stechen. Um die Großzügigkeit der Thorwaller nicht auf eine allzu harte Probe zu stellen, verließen wir das Viertel nach den Ringkämpfen, und jeder von uns ging seiner Wege. Hesidane zog es zum Hafen, wo die schönen Schiffe der Nordmänner liegen: sie sind mit wunderschönen Schnitzereien verziert, die alle eine Bedeutung haben sollen, worüber El Sadarim und die Hesindegeweihte sogleich in eine hitzige Diskussion gerieten, da Hesidane behauptete, es handele sich bei den Ornamenten um Schutzzauber, und unser Zauberer, der das gleich überprüfte (ich weiß nicht, wie er das macht, aber er sagt, er könne die Magie spüren), meinte, da sei ganz und gar nichts Magisches festzustellen. Darüber vergaßen die beiden alles andere, und wir ergriffen die Flucht, da solche gelehrten Auseinandersetzungen für den Unbeteiligten doch sehr ermüdend sein können. Queseda schlenderte am Hafen entlang, Desmala suchte wie immer ein Badehaus (glaube ich), Gero verschwand Richtung Ortsmitte, um seinen „Geschäften“ nachzugehen, und ich ging zum Markt, in der Hoffnung, noch etwas warme Kleidung zu finden. (Der Gedanke an den Norden lässt mich immer wieder erschauern).

Außer Salzahafen gibt es auch noch den Ort Salza, der etwas weiter oben gelegen ist. Hier wie dort wohnen fleißige, arbeitsame aber ein wenig langweilige Bürger, die vor allem vom Holzhandel leben. Über der Stadt liegt ein andauernder Duft nach Holz, der sich mit dem Geruch des Meeres und des Windes auf das angenehmste vermischt.

Ich erreichte schon bald den Markt, musste aber feststellen, dass auch hier vor allem Holz gehandelt wird, und warme Kleidung wurde nicht angeboten. Also erstand ich nur etwas Proviant für die nächsten Tage auf See und wollte eigentlich schon wieder gehen, als ich mir überlegte, dass diese armen Leute ja wenig Vergnügungen kannten und deshalb bestimmt äußerst dankbar für eine kleine Vorstellung meinerseits wären. Ich suchte mir also einen Platz, der mir geeignet erschien und begann, mit meinen neuen Bällen zu jonglieren. Bald standen einige der braven Bürger um mich herum, und auch viele Kinder, die sicher nur wenige Gaukler in ihrem Leben gesehen hatten und mich mit großen Augen anstarrten. Nun begann ich mit einigen Saltos, vorwärts und rückwärts, schlug Räder und was dergleichen Kunststückchen mehr sind. Dann deutete ich mir einen kräftigen Mann aus dem Publikum heraus, auf dessen Schultern ich kletterte, und begann dort zu jonglieren. Der arme Kerl war ganz verlegen, wahrscheinlich hatte er noch nie so im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden. Jedenfalls wackelte er ein bisschen, und ich verlor zu meinem Ärger einen meiner Bälle. Trotzdem klatschte das Publikum eifrig Beifall, und ich wollte gerade anfangen, meinen verdienten Lohn einzusammeln, als ein Aufruhr am Rand des Geschehens entstand. Ein großer, wütend aussehender Tulamide, der gerade, hochrot im Gesicht, seinen Säbel gezogen hatte, schrie: „du Dieb, du entkommst mir nicht, Sohn einer räudigen Hündin!“ Ihr könnt Euch sicher schon denken, wer diesen Zorn hervorgerufen hatte: mit seiner Linken hielt er- na, wen wohl? – Gero am Schlafittchen gepackt. Dieser, gar nicht faul, trat nach seinem Widersacher und versuchte sich zu befreien, aber da wurden schon die ersten Rufe nach der Garde laut. Kurzum, Gero hatte keine Chance! Kurz darauf tauchte tatsächlich die Garde auf, und nahm den sich heftig sträubenden und lautstark seine Unschuld beteuernden Streuner mit in die Garnison. El Sadarim, der auch gerade aufgetaucht war, versuchte zwar ein gutes Wort für ihn einzulegen, aber erfolglos! Ich beeilte mich, meinen verlorenen Ball einzusammeln und tat so, als kenne ich Gero nicht, da ich auf keinen Fall wollte, dass mich die Obrigkeit mit einem Dieb in Zusammenhang brächte, denn Zahori werden schnell beschuldigt und verurteilt, diese Erfahrung musste ich leider immer wieder machen. Das mag Euch feige erscheinen, aber gegen die Garde hätte ich sowieso nichts ausrichten können.
Nachdem die Menge sich aufgelöst hatte, kehrten auch wir ins Viertel der Thorwaller zurück und trafen dort auf die anderen. Wir überlegten, was zu tun sei, da wir Gero ja nicht in Salzahafen zurücklassen wollten. Wir beschlossen, dass El Sadarim und Hesidane ein gutes Wort bei der Garde für ihn einlegen sollten, was bei beider Beredsamkeit die größte Aussicht auf Erfolg versprach. Ihr kennt ja unseren Zauberer: wenn er einmal anfängt zu reden, hört er so schnell nicht mehr auf! Allerdings war er nicht besonders begeistert davon, Gero aus der Klemme zu holen, in die er sich ja selbst gebracht hatte, aber am Ende stimmten er und die Geweihte unserem Plan zu.

Die beiden machten sich also auf den Weg zur Garnison, um Gero aus der Patsche zu ziehen. Es gelang ihnen tatsächlich, ihn frei zu bekommen, wie genau, kann ich nicht sagen, da ich nicht dabei war, aber als sie zurückkehrten mit Gero, der mit düsterer Miene hinter ihnen herschlurfte, stellte sich heraus, dass auch eine gewisse Summe Dukaten im Spiel gewesen war, um die der Ärmste jetzt leichter ist. ( ich bin mir sicher, dass er bei nächster Gelegenheit seinen Beutel wieder füllen wird, hoffentlich stellt er sich dann nicht wieder so tollpatschig an) Genau genommen schuldet er mir ja meinen ehrlichen Lohn für meinen Auftritt auf dem Markt, um den er mich ja gebracht hat, aber ich fürchte, wenn ich den von ihm fordere, wird er mir an die Kehle gehen, so schlecht gelaunt, wie er seitdem ist!

Jetzt stand unserer Abreise nichts mehr im Wege, und am nächsten Morgen stachen wir mal wieder in See. Hatte ich erwähnt, dass Olaf Magnusson oder wie er hieß, uns ein Schiff nach Prem vermittelt hatte? Ich weiß es nicht mehr, da seit meinem letzten Brief schon so viel Zeit vergangen ist.

Die Reise mit unserem neuen Schiff verlief ziemlich ereignislos; jeder vertrieb sich die Langeweile mit etwas anderem, ich zum Beispiel lehrte Gero ein paar neue Buchstaben, da er sich die ersten fünf recht gut gemerkt hatte. Allerdings war er nicht so recht bei der Sache (er haderte immer noch mit seinem Schicksal) und ich werde ihm womöglich alles noch mal erklären müssen.

Jedenfalls sahen wir schon nach wenigen Tagen Prem in der Ferne auftauchen. Froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, suchten wir sofort das nächste Gasthaus auf, zusammen mit den thorwallischen Matrosen und ihrem Kapitän. Das war’s dann mit dem festen Boden! Die Thorwaller wurden endlich ihrem Ruf als wahrlich großartige Säufer gerecht, das Bier und das Premer Feuer flossen in Strömen und die Stimmung wurde immer ausgelassener. Einigen reichte das aber noch nicht, und so zogen wir nach einiger Zeit in die nächste Kaschemme, denn um eine solche handelte es sich! Schon von draußen hörte man das Grölen vieler betrunkener Seeleute, und wir mussten uns mit Gewalt einen Weg durch die Menge bahnen. Auch hier flossen Bier und Schnaps ohne Unterbrechung, nur dass alle noch viel betrunkener waren als in der Kneipe, die wir verlassen hatten. Ständig kam es zu Prügeleien und kurz darauf wieder zu trunkenen Verbrüderungen zwischen den Matrosen, aber keiner störte sich daran. Nun hatte Queseda einen Blick (oder zwei) auf eine hübsche junge Frau geworfen, und als einer der sie umstehenden Männer ihr das wohlgerundete Hinterteil tätschelte, kam es zu einer deftigen Schlägerei, die allerdings draußen im Freien ausgetragen wurde. Queseda schickte den Trunkenbold unter den begeisterten Anfeuerungsrufen unserer Begleiter mit wenigen Faustschlägen zu Boden und kehrte dann unter dem Jubel aller in die Kneipe zurück, um seinen Sieg zu begießen und sich von der hübschen Kleinen ordentlich bewundern zu lassen. (was er dann noch so alles in dieser Nacht getrieben hat, weiß ich nicht, aber ich habe so meine Vermutungen). Wir anderen kehrten dann in die erste Kneipe zurück, wo Hesidane, El Sadarim und der Kapitän, die uns nicht begleitet hatten, dabei waren, neue Kontakte zu knüpfen, da wir ja immer noch nicht am Ende unserer Reise angelangt waren! Irgendwann gingen wir dann zu Bett (außer Gero; ich glaube, der schlief mal wieder am Tisch ein).

Am nächsten Morgen fragte ich mich zum Markt durch, immer noch getrieben von dem Wunsch nach guten, warmen Kleidern. In Prem gibt es eine Art Markthalle, in der so allerhand angeboten wird, und diese Mal wurde ich endlich fündig: mitten im Gedränge stand ein seltsam aussehender Mann, nicht sehr groß, mit mandelförmigen, dunklen Augen und gekleidet in fremdartige Kleidung. Vor ihm ausgebreitet lagen verschiedene Häute und Fellkleidung der unterschiedlichsten Tiere, von Karenen (das sind Tiere, die wie eine Mischung aus Hirsch und Kuh sind und die die Menschen im Norden als Haustier halten, aber dazu später mehr), von Wölfen und dazwischen sah ich eine wunderschöne, warme Weste aus Dachsfell, mit schwarzen und weißen Streifen. Die musste ich haben! Ich sprach den Mann an, was er für die Weste verlange, und er antwortete in schwer verständlichem Garethi, was ich ihm zum Tausch anbiete, denn Dukaten brauche er nicht. Zuerst bot ich ihm meinen Dolch an, der mir nicht allzu viel wert ist, aber der Nivese (denn um einen Nivesen handelte es sich, wie ich später erfuhr) meinte, er habe bereits ein besseres Messer. Also bot ich ihm nach langem Überlegen mein Seil an, und das nahm er dann auch und gab mir dafür die Dachsweste und eine schön gearbeitete Kette. Ich glaube, wir hatten beide das Gefühl, einen guten Handel getätigt zu haben, und was kann es Besseres geben? Ein paar Stände weiter fand ich dann auch ein gutes Seil (dieses Mal für echtes Geld), und machte mich dann zufrieden auf den Weg zurück in unser Gasthaus.

Ich will Eure Geduld nicht mit der Beschreibung einer weiteren kleinen Stadt auf die Probe stellen, deshalb nur soviel: auch hier fanden wir bald einen weiteren Thorwaller (ich glaube, er war irgendwie mit unserem Kapitän verwandt), der bereit war, uns bis Olport mitzunehmen, und wir richteten uns auf eine erneute längere Seefahrt ein, versorgten uns also mit Proviant und packten unsere Habseligkeiten zusammen, um am nächsten Tag an Bord zu gehen.

Der letzte große Abschnitt unserer Reise lag vor uns! Die Thorwaller sind die besten Seeleute in Aventurien, jedenfalls nach meiner unmaßgeblichen Meinung, und inzwischen fühlten wir uns alle recht sicher auf einem Schiff, um nicht zu sagen, wir konnten es schon fast genießen! Abgesehen davon, dass es immer kälter wurde (aber ich habe jetzt ja meine Dachsweste), verging die Reise überwiegend ereignislos, jeder langweilte sich auf seine Weise. Wir waren schon mehrere Wochen unterwegs, als wir einen Aufruhr unter den Seeleuten bemerkten. Alle hörten auf, ihren Verrichtungen nachzugehen und stürzten an die Reling. Wir natürlich auch, weil wir wissen wollten, was diese Aufregung verursacht hatte, und da sahen wir sie: Hunderte riesige Wale (ja, schon gut, ich übertreibe! Aber es waren sehr viele!), die unser Schiff begleiteten! Wie anders war die Stimmung an Deck als Wochen zuvor auf dem Walfängerschiff! Die Thorwaller empfinden eine heilige Scheu vor den Walen und verehren sie, für sie sind sie göttliche Wesen, wenn nicht gar die Verkörperung ihres Gottes Swafnir selbst. Die riesigen Tiere begleiteten uns eine ganze Weile, als ob sie wüssten, dass ihnen keine Gefahr drohte, und als sie dann so plötzlich, wie sie aufgetaucht waren, wieder verschwanden, war es fast traurig.
Das blieb aber das einzige Ereignis während der ganzen Zeit, weshalb wir froh waren, als nach langer Zeit endlich Olport auftauchte.

Wie hatten wir unser Ziel herbeigesehnt! Unser Schiff glitt langsam und vorsichtig in den engen Fjord, an dem Olport liegt, und bald schon konnten wir an Land gehen. Wenn Ihr jetzt aber erwartet habt, dass vor uns eine wunderschöne Stadt auftauchte, so werdet Ihr genauso enttäuscht sein wie wir! Vor uns sahen wir ein paar armselige Hütten, die sich eng an den steilen Hang schmiegten. Kaum eine Menschenseele zeigte sich auf dem, was ich nicht als Straße bezeichnen möchte. Wir gingen weiter auf der Suche nach einem Gasthaus, aber wieder wurden wir enttäuscht: es gab nichts derartiges, nur einen kleinen Hof, geschützt durch hölzerne Palisaden, wo uns nach mehrmaligem Rufen endlich jemand öffnete. Vor uns stand ein Kind, das, als es uns erblickte, nach seiner Mutter rief, die auch alsbald erschien und uns freundlich begrüßte. Hesidane fragte die Frau nach der Akademie, die ja das eigentliche Ziel unserer Reise war, und die Frau zeigte den Berg hinauf: „dort findet Ihr die Akademie, allerdings solltet Ihr bis zum morgigen Tag warten, da der Weg nach dort oben im Dunkeln recht gefährlich ist.“ Wir nahmen uns diesen Rat zu Herzen und freuten uns über ihr Angebot, in ihrem Haus zu übernachten.

Am nächsten Morgen begaben wir uns auf den steilen Weg zur Akademie hinauf. Oben angekommen, erwartete uns ein ähnliches Bild wie unten: ein paar Häuser, umgeben von einer Palisade, deren Tor geschlossen war und nur das Bellen von Hunden war zu hören. Wir klopften also wieder, und bald darauf wurde uns das Tor geöffnet. Hesidane erklärte wieder unser Woher und Wohin, nannte ihren Namen und ihr Begehr. Vielleicht hatte sie ja erwartet, dass sie sogleich zum Vorsteher der Akademie geführt werde, aber uns wurde gesagt, dass er Besuch habe und uns deshalb nicht sofort begrüßen könne. Man führte uns aber in die Halle des Hauses (ein Ort, wo sich scheinbar das gesamte Leben abspielt, das heißt, es wird dort gegessen und geschlafen, und keiner hat einen Raum für sich). Wir machten es uns gemütlich und warteten. Nach geraumer Zeit wurden wir dann doch zum Vorsteher geführt, den Hesidane sogleich überschwänglich begrüßte, überzeugt, dass sie sofort mit ihren Studien beginnen könne. Weit gefehlt! Schon nach kürzester Zeit wurde ihr klargemacht, dass die Akademie von Olport nicht jedem ihr Wissen weitergäbe, sondern dass zuvor von uns eine Gegenleistung erwartet würde. Und bald rückte der Gelehrte mit seinem Ansinnen heraus: Es ging um irgendwelche politischen Verwicklungen (Phex schütze mich davor!) in einer Stadt weit im Norden (ich habe schon wieder den Namen vergessen, aber ich bin sicher, El Sadarim und Hesidane erinnern sich), und wir seien die Richtigen, um dort das Eine oder Andere in Erfahrung zu bringen, da uns ja keiner kenne und wir deshalb von niemandem verdächtigt würden. Hesidane war zutiefst enttäuscht, und wir beschlossen, erst einmal die Lage zu besprechen und dann unsere Entscheidung zu treffen.

Ihr habt sicher nicht erwartet, dass wir an diesem Punkt noch umkehren würden, wir kehrten also an den „Verhandlungstisch“ zurück, um noch einige Fragen zu klären, zum Beispiel, ob die Akademie Olport bereit wäre, uns für unseren Dienst zu entlohnen. Nun, das ging so hin und her, und nachdem wir befriedigende Bedingungen ausgehandelt hatten, fingen wir an, unsere Vorbereitungen zu treffen. Diesmal sollte die Reise auf dem Landweg weitergehen, weshalb wir einen ortskundigen Führer brauchten, außerdem ein Transportmittel und vieles mehr. Man verwies uns an einen Mann, der schon öfter Reisende begleitet habe, und der uns alles Benötigte besorgen könne.

Auch hier fasse ich mich kurz: wir fanden den Mann (ein Nivese?), der uns wie versprochen mit allem versorgte, was wir brauchten, sogar einen Begleiter, der Fährtensucher, Jäger und Ortskundiger in einem sei (bei den Zwölfen, ich hoffe, das stimmt!) und Karene, die unsere Wagen ziehen werden (ich soll einen davon führen, da wir Zahori ja im Wagen groß werden und ich deshalb etwas Erfahrung damit habe, allerdings nicht mit diesen Karenen, ich hoffe, sie lassen sich lenken wie Pferde). Falls wir allerdings irgendwann, womit zu rechnen ist, Schnee bekommen werden, dann müssen wir wohl zu Fuß weiter, ein Gedanke, der mir nicht besonders gefällt.

Ich weiß nicht, ob wir Euch jemals wieder sehen werden, bester Wurrbusch! Unser Auftrag scheint so harmlos, aber das Land, in das wir ziehen, liegt so weit von meiner Heimat entfernt, dass ich mir kaum vorstellen kann, jemals wieder die grünen Hügel Almadas zu erblicken!
Betet für unser Wohlergehen zu den Göttern, besonders zu Ingerimm (Eurem Angrosch), dessen Wärme wir hier bitter brauchen werden!

Falls wir uns auf Dere nicht mehr wieder sehen, möchte ich Euch sagen: Ihr wart ein guter Freund und (fast immer) treuer Begleiter, möge es Euch wohl ergehen auf Euren Wegen!

Es grüßt Euch
Alifa Saba Ayvar

***

1. Tag unserer Reise in den Norden, abends

Guter Wurrbusch,

ich weiß nicht, ob Ihr diese Zeilen jemals lesen werdet. Ich habe beschlossen, Tagebuch zu führen, da es hier in dieser Einöde niemanden gibt, dem ich einen Brief übergeben könnte. Ich werde meine Aufzeichnungen weiter an Euch richten, in der Hoffnung, dass sie Euch eines Tages erreichen werden.

Es ist Nacht, die anderen schlafen dicht gedrängt am Feuer und ich habe die erste Wache übernommen. In der Ferne höre ich das Heulen der Wölfe, ein einsamer und klagender Laut, bis jetzt haben sie sich noch nicht näher herangewagt, doch wir müssen wachsam bleiben.

Heute Morgen, es war nur dämmrig, brachen wir von Olport auf. Nikku Rangulsson, der Besitzer der Karene, und seine Familie verabschiedeten uns. Sie hatten bis in die Nacht an warmer Fellkleidung für uns genäht, die wir jetzt tragen, außerdem gaben sie uns feste und warme Stiefel, Proviant und vieles mehr. Am Vorabend hatte ich mich bereits mit den Karenen ein wenig vertraut gemacht, sie scheinen fügsame und friedliche Tiere zu sein, obwohl sie halb wild leben. Ich ließ mir von Anuk, unserem Begleiter, zeigen, wie man sie vor den Wagen spannt, was bei ihm sehr schnell geht, während ich eine Weile mit den vielen Gurten und Strängen zu kämpfen hatte. Dank seiner Hilfe und der Geduld der Tiere waren auch meine beiden Karene endlich vor den Wagen gespannt, unter dem Ihr Euch keine bequeme Kutsche vorstellen dürft! Es handelt sich eher um zwei längliche Karren, die keinerlei Schutz vor dem Wetter bieten und wenig Platz. Anuk saß auf dem Kutschbock (einem Brett) des vorderen Wagens, hinter ihm hatten es sich Hesidane, Desmala und El Sadarim „bequem“ gemacht. Ich lenkte den zweiten, neben mir Gero, der es sich nicht nehmen ließ, auch auf dem Bock zu sitzen (obwohl er sich zu meinem Leidwesen schon wieder tagelang nicht gewaschen hat, sicher der Grund, weshalb außer Queseda niemand sonst auf meinem Gefährt Platz nehmen wollte). Queseda setzte sich hinten zwischen unser Gepäck. Wir fuhren also los, und es stellte sich heraus, dass meine Karene brav hinter den anderen herliefen. Bald nachdem wir Olport verlassen hatten, sahen wir einen Wald vor uns auftauchen, der Weg wurde schmaler und war bald kaum noch als solcher zu erkennen. Da unser Führer aber keinerlei Zögern zeigte und genau zu wissen schien, in welche Richtung wir fahren müssten, machten wir uns keine allzu großen Sorgen.
Es gibt nicht allzu viel von diesem ersten Tag zu erzählen, der Pfad war eintönig und führte die ganze Zeit durch den Wald. Wenn es bergauf ging, liefen wir von Zeit zu Zeit neben den Karenen her, da wir die armen Tiere nicht schon am ersten Tag erschöpfen wollten. Die Luft war kalt, aber dank unserer Nivesen-Kleidung erträglich (obwohl ich schon jetzt große Sehnsucht nach der Sonne und den grünen Hügeln meiner Heimat habe).

Ich werde jetzt noch eine letzte Runde machen, nach den Tieren schauen, die mir schon am ersten Tag ans Herz gewachsen sind, und dann Gero wecken, der die nächste Wache übernehmen muss. (Da er sich in Olport mit einer Riesenmenge Schnaps eingedeckt hat, schnarcht er vernehmlich, aber ich werde ihn schon wach kriegen, zur Not mit einem kräftigen Tritt in seinen Allerwertesten.)

3. Tag, nachts

Wir brachen am nächsten Morgen früh auf (die Kälte in der Nacht ist trotz unserer Felle äußerst unangenehm), außerdem hatte es zu allem Übel leise zu schneien begonnen. Jetzt schon! Ich hatte ja gehofft, dass der Winter uns noch eine Weile verschonen möge, aber in dieser unwirtlichen Gegend scheint es immer kalt zu sein! Ich denke an Almada, wo zu dieser Jahreszeit die köstlichen süßen Trauben reifen, und ich kann kaum verstehen, dass es Menschen gibt, die dieses Land hier lieben!
Aber genug, es hat keinen Sinn, von etwas zu träumen, das so fern ist, und so fahre ich in meinem Bericht fort.

Ich sah, dass der Magier auf dem vorderen Wagen ganz vertieft merkwürdige Zeichen auf den Boden des Gefährtes malte, aber ich kümmerte mich nicht weiter darum, weil ich viel zu beschäftigt damit war, mit meinem Schicksal zu hadern. Der Weg war sehr holprig und wir kamen nur langsam vorwärts. Ich musste mich darauf konzentrieren, dass mein Gespann in der Spur blieb, die Anuks Tiere gebahnt hatten, aber plötzlich schien es mir, als ob es merklich wärmer würde. Schon nach kurzer Zeit schwitzten wir alle in unseren warmen Kleidern, obwohl es immer noch schneite! Bald war es so heiß, dass wir uns unserer Felle entledigten. Es stellte sich heraus, dass die merkwürdigen Zeichen, die unser Magier, der ja auch die Wärme liebt, auf den Boden des Karrens gezeichnet hatte, dazu dienten , uns vor der Kälte zu schützen! Und zwar nicht nur auf dem Karren, sondern auch in einem Umkreis von einigen Schritt! Wenn er nicht sowieso schon so eitel wäre, wäre ich ihm dafür glatt um den Hals gefallen, aber das wäre zuviel des Guten, bestimmt würde er uns seine Großtat immer wieder unter die Nase reiben, deshalb hielt ich mich zurück. Aber die Stimmung wurde allgemein besser und wir zogen jetzt mit neuem Mut weiter.

Der Tag verlief ereignislos und am Abend suchten wir uns einen Platz zum Rasten, was in diesem nicht enden wollenden Wald gar nicht so einfach ist, weil die Bäume die meiste Zeit zu eng stehen, um zwei Wagen, vier Karene und uns um eine Feuer zu versammeln (das Feuer brauchen wir jetzt, da uns der Zauber schützt, nur noch, um unsere Mahlzeiten zuzubereiten und um feindliche Wesen fern zu halten). Während wir also das Lager einrichteten, Holz sammelten und Feuer machten, war Anuk im Wald verschwunden und kehrte gerade rechtzeitig mit einem Reh über der Schulter zurück. Er zerlegte es sachkundig (und schneller, als man glauben kann) und Desmala erklärte sich bereit, das Fleisch zuzubereiten, welches Angebot alle dankbar annahmen, da am ersten Abend Gero und ich gekocht hatten und keiner scharf auf unsere Kochkünste war (ich muss zugeben, das Essen war fürchterlich versalzen, außerdem außen schwarz und innen roh). Selbst Euer feiner Gaumen, bester Wurrbusch, wäre mit Desmalas Speise zufrieden gewesen, wenn unserer Hexe auch nicht ganz so viele Gewürze zur Verfügung standen wie Euch! Satt und zufrieden streckten wir uns am Feuer aus, und auch das ferne Geheul der Wölfe hielt uns nicht vom Schlafen ab. Die erste Wache (meine) verstrich ereignislos, ebenso die zweite, doch dann wurden wir von einem Alarmruf (war es Quesedas? Ich weiß es nicht mehr) aus dem Schlaf gerissen. Zwei Wölfe waren nah herangekommen und hatten sich in eines der Karene verbissen, welches sich tapfer wehrte. Wir griffen zu unseren Waffen und wollten uns auf die Bestien stürzen, aber da tauchte das ganze Rudel auf, sieben Wölfe! Ohne, dass wir es bemerkt hätten, hatten sie uns eingekreist und griffen nun von allen Seiten an. Wir durften unsere Tiere nicht verlieren! Doch bald mussten wir feststellen, dass es nicht nur um das Leben unserer Tiere ging, sondern auch um unser eigenes. Wir kämpften lange, bis wir alle Wölfe getötet oder vertrieben hatten, und einige von uns steckten Bisse ein. Besonders den armen Gero hatte es böse erwischt, er hatte seine Waffe verloren und war von zwei Wölfen bedrängt worden. Auch zwei der Karene waren verwundet, aber dank El Sadarim und den Heilkünsten Anuks werden wir sie nicht verlieren. Da es schon hell wurde und an Schlaf kaum noch zu denken war, brachen wir bald auf. Es schneite immer noch, und auch der Wald nahm kein Ende. Da der Zauber unseres Magiers immer noch wirkt, mussten wir wenigstens nicht frieren, aber die Eintönigkeit des Weges nagte an uns. Auch das Aufschlagen des Lagers am Abend brachte keine Abwechslung, nur dass wir jetzt einen erneuten Angriff der Wölfe fürchteten. Anuk ging wieder auf die Jagd und brachte diesmal zwei fette Kaninchen mit. Er setzte sich neben Gero, der mürrisch etwas abseits saß, und bot ihm an, ihm das Zerlegen eines Hasen zu zeigen, aber Gero knurrte den Nivesen, der gar nicht verstand was los war, nur an, er solle ihn gefälligst in Ruhe lassen und was er überhaupt von ihm wolle. Anuk zog sich ratlos zurück; auch mit uns wollte Gero, der ja sonst immer gerne und viel dummes Zeug redet, nicht sprechen. Wir ließen ihn also in Ruhe.
Nach dem Essen (das wieder Desmala zubereitet hatte) teilten wir die Wachen ein und krochen unter unsere Decken.

Ich habe dieses Mal die dritte Wache. Queseda hat mich gerade geweckt. Es ist kein Wolfsgeheul zu hören, und deshalb sitze ich, nachdem er sich schlafen gelegt hat, alleine am Feuer und schreibe. Ein paar Schritte weiter wälzt sich Gero im Schlaf. Er scheint immer noch mit jemandem zu streiten, sagt immer wieder“ lasst mich in Ruhe, ihr Schweine! Was wollt ihr von mir!“
Ich weiß nicht, was mit ihm los ist und hoffe, dass er Morgen wieder bessere Laune hat.

4. Tag, abends

Alles ist unverändert, wir sind den ganzen Tag durch diesen schrecklichen Wald, der kein Ende nimmt, gelaufen. Die Stimmung ist nicht besonders, obwohl (oder weil?) nichts passiert ist. Gero ist immer noch äußerst aggressiv, wir wagen es kaum, ihn anzusehen, geschweige denn anzusprechen, weil er jeden, der sich ihm nähert, sofort wüst beschimpft.

5. Tag, abends

Gero geht es schlechter. Er scheint manchmal nicht ganz bei sich zu sein, isst nichts mehr und will nicht einmal mehr etwas von seinem Schnaps. Wir sind ratlos! Wenn er wach ist, schlägt er wild um sich und beschimpft uns alle. Er hat regelrechte Tobsuchtsanfälle und verfügt dann über schier unglaubliche Kräfte. Ein Seil, mit dem wir ihn zu seinem und unserem Schutz gefesselt haben, hat er während eines Anfalls einfach zerrissen, um sich dann auf den Nächsten zu stürzen, der ihm unter die Augen kam. Genauso plötzlich, wie seine Raserei beginnt, endet sie auch wieder und er fällt in einen Dämmerzustand, aus dem er ebenso plötzlich wieder erwacht.

6.Tag, abends

In der Nacht wurden wir erneut von Wölfen angegriffen, aber dieses Mal haben wir mit ihnen dank unserer Wut darüber, was sie Gero angetan haben (denn dass der Wolfsbiss für die Krankheit verantwortlich ist, davon sind wir inzwischen überzeugt), kurzen Prozess gemacht. Zum Glück ist Gero während des Angriffs nicht aufgewacht, sodass wir uns nicht auch noch um ihn kümmern mussten.

Wir haben für den Kranken eine Trage gebaut, auf die wir ihn gelegt haben und die an den letzten Wagen gebunden ist. Wir haben es aufgegeben, ihn zu fesseln, da er jedes Seil mühelos zerreißt. Wenn er jetzt aufwacht, sieht er uns nicht, sondern tobt seine Wut an irgendeinem Baum aus, den er für einen Feind zu halten scheint. Er sieht erbärmlich aus, weil wir, als wir ihn überwältigen wollten, nicht gerade sanft mit ihm umgegangen sind. Sein eines Auge ist zugeschwollen und er hat eine Wunde am Kopf. Wir haben ihm einen Heiltrank eingeflößt und etwas Nahrung. Außerdem haben wir seine Hände bandagiert, damit er sich nicht verletzt, wenn er auf die Bäume einschlägt. Wir müssen Hilfe finden!

7. Tag

Heute sind wir endlich auf eine Ansiedlung gestoßen. Wir haben den Wald verlassen, die Landschaft ist jetzt offener, in der Ferne sehen wir auf beiden Seiten hohe Gebirge.

Die Praiosscheibe stand im Zenit, als wir ein paar armselige Hütten entdeckten, die sich in eine Senke duckten. Voller Hoffnung, Menschen und Hilfe zu finden, gingen wir darauf zu, aber die Bewohner flohen, als sie uns erblickten, in ihre Häuser. Hier würden wir keinen Heiler finden! Trotzdem klopften wir an eine Tür, doch wir ernteten nur böse Worte. Entmutigt zogen wir weiter. Anuk erzählte uns, auf unserem Weg läge noch der Ort Jurga, doch die Hoffnung, dort mehr Gastfreundschaft zu finden, sei nicht allzu groß. Die Menschen hier sind hart und misstrauisch, jeder sorgt sich nur um sein eigenes Wohl. Ich hasse dieses Land!

8. Tag

Gero wird immer schwächer; wir fürchten, dass er an seiner geheimnisvollen Krankheit sterben wird, wenn wir nicht bald Hilfe bekommen. Auch der Heiltrank brachte nur vorübergehend Besserung. Morgen werden wir Jurga erreichen.

9. Tag

Als Jurga vor uns auftauchte, schöpften wir neue Hoffnung, aber wir sind bitter enttäuscht worden!
Nachdem wir lange überlegt hatten, ob wir es riskieren können, Gero mitzunehmen, entschieden wir, dass wir ihn nicht einfach alleine in der Wildnis lassen konnten. Wir betraten das Dorf, das von einer Palisade geschützt ist, und fragten gleich den ersten Menschen, den wir sahen, eine alte Frau, nach einem Heiler. Sie sagte, es gäbe keinen Heiler hier, und was wir überhaupt wollten. Als wir ihr sagten, dass wir einen Kranken bei uns hätten, meinte sie, wir sollten Jurga wieder verlassen, hier gäbe es keine Hilfe für Kranke. Auch unsere Frage nach einem Tempel wurde nur mürrisch beantwortet. Es gäbe nur ein Heiligtum des Firun hier, und das sei in der Mitte des Ortes. Wir gingen also weiter, begleitet von den schiefen Blicken der Bewohner. Die Straße erweiterte sich zu einem Platz, auf dem ein Bildnis Firuns stand. Gelobt sei die liebliche Rahja, der schlaue Phex und Tsa, die Lebensbringerin! Firun ist ein kalter Gott, wie das Land, in dem er verehrt wird! Sein Blick fiel auf uns kleine Menschlein, die Gnade bei ihm suchten. Weiß dieser Gott überhaupt, was Gnade ist? Wir legten ihm Gero zu Füßen und Hesidane fiel vor ihm auf die Knie, um für unseren Kranken zu beten. Die Gaffer, die um uns herumstanden, blickten ebenso gleichgültig auf uns und fingen erst leise, dann immer lauter an zu murren, wir sollten verschwinden, und dann flogen die ersten Wurfgeschosse auf uns. Hesidane, die in tiefer Versenkung vor dem Bildnis kniete, schien es nicht zu bemerken, aber als die Leute immer wütender wurden, zerrten wir sie fort und verließen fluchtartig den ungastlichen Ort.
Ohne Hoffnung zogen wir weiter. Morgen werden wir einen großen Fluss überqueren, denn es gibt kein Zurück, nur ein Vorwärts, Richtung Enqui, unserem Ziel. Ob Gero dann noch leben wird, ist fraglich.

11. Tag

Schlimmes ist geschehen! Wir haben Anuk verloren!
Doch eins nach dem anderen.

Am Morgen des 10. Tages tauchte der Fluss vor uns auf. Anuk wusste um eine Furt, durch die wir gefahrlos auf die andere Seite gelangen würden. Wir legten den bewusstlosen Gero auf den Karren und trieben die Karene ins Wasser. Die Tiere zeigten zum Glück keinerlei Furcht, obwohl sie bis über den Bauch in der Strömung standen, und brachten uns sicher ans andere Ufer. Wir zogen weiter, immer zwischen den beiden Gebirgen entlang. Anuk erzählte uns, dass wir nun bald die Sümpfe erreichen würden, deren Durchquerung, das hatte uns schon der Geweihte Haldrundir in Olport erzählt, höchst gefährlich sei. Der Nivese beruhigte uns aber, er kenne die Sümpfe und wisse einen Weg durch sie hindurch. Gegen Abend verschwand er dann mit der Bemerkung, er gehe jagen und wir bereiteten unser Lager wie wir das jeden Abend seit unserer Abreise getan hatten. Als der Jäger länger ausblieb, als wir das von ihm gewohnt waren, fingen wir an, uns Sorgen zu machen und suchten ihn, bis es dunkel wurde, doch er blieb verschwunden. Am nächsten Morgen erhob sich auch unsere Hexe noch einmal in die Lüfte, in der Hoffnung, Anuk von oben zu erblicken, aber ohne Erfolg. Bedrückt entschieden wir, weiter zu ziehen und darauf zu hoffen, dass unser Führer uns finden würde. Uns wurde bewusst, wie sehr wir auf ihn angewiesen sind, er ist der Einzige, der sich in dieser Einöde zurechtfindet.

12. Tag

Gero ist aufgewacht!!! Ich meine, richtig aufgewacht! Er schlug die Augen auf und brabbelte irgendetwas. Er tobt nicht mehr und konnte auch etwas essen und trinken. Er erkennt uns und weiß auch, wer er selber ist, mehr allerdings nicht.

Anuk ist nicht wieder aufgetaucht. Ob er uns verraten hat? Ich kann es mir nicht vorstellen und an wen sollte er uns auch verraten? Wir fürchten, dass ihm Schlimmes zugestoßen ist.

13. Tag

Gero geht es besser. Er kann reden und er wusste sogar noch, wie er seinen Namen schreiben muss, außer dem O am Ende, das verwechselte er mit einem I. Wir sind erleichtert und hoffen, dass er bald wieder der Alte ist (auch wenn er uns mit seiner Art oft nervt), aber lieber ein stinkender als ein toter Gero!

Keine Spur von Anuk

14. Tag, 5. Tag von Anuks Verschwinden

Wir haben einen fürchterlichen Fund gemacht! Unter dem Schnee der inzwischen alles bedeckt stieß Queseda auf die Überreste eines Kriegers und bald darauf auf weitere Leichen, alle bestialisch ermordet. Ihre Leiber sind zerfetzt, etwas scheint sie aus purer Mordlust getötet zu haben. Erinnert Ihr Euch an Ragnar, den Gjalskerländer? Die Toten, die wir unter dem Schnee ausgruben, sind gekleidet wie er; wahrscheinlich waren es Jäger, ihre Bewaffnung spricht dafür. Wir trugen sie zusammen und verbrannten sie. Hesidane sprach für sie ein Gebet, damit sie sicher in Borons Hallen gelangen würden (wobei ich mir nicht sicher bin, dass ein Gjalskerländer überhaupt Wert darauf legt).
Dann flohen wir diesen Ort des Gemetzels, weiter auf unserem Weg, der uns hoffentlich nach Enqui führt.

Anuk bleibt verschwunden, und wir haben nach diesem grässlichen Fund keine Hoffnung mehr, ihn noch einmal lebend wieder zu sehen.

15. Tag, mittags während einer Rast

Wir haben in der Nacht grauenvolle Schreie gehört, von denen wir nicht wissen, ob sie menschlichen Ursprungs sind. Wir hatten schlechte Träume, in denen Bilder zerfetzter Menschen uns quälten. Wir sind übernächtigt und wissen doch, dass wir weiterziehen müssen. Aber es gibt auch etwas Gutes zu berichten: Gero geht es schon viel besser, und auch sein Verstand (soweit er über solchen verfügt) ist wieder zurückgekehrt. Wir wissen nicht, warum er wieder geheilt ist, aber wir sind froh darüber.
Das Gebirge rechts von uns wird flacher, vor uns werden bald die Sümpfe auftauchen.
Wir haben einen kurzen Halt gemacht, da wir riesige Spuren im Schnee gesehen haben, die unseren Weg kreuzen. El Sadarim und Queseda meinen, dass es sich um Spuren von Mammuts handelt, was auch die Jäger erkläre, die sicher auf Mammutjagd waren, als sie das Unheil ereilte.
Wir werden aber weiterziehen, die anderen drängen schon zum Aufbruch.

***

In Paavi

Es ist kalt, immer kalt! Wir sitzen in einer ärmlichen Hütte in einem trostlosen Viertel der Stadt Paavi, wo wir vorübergehend Zuflucht gefunden haben bei zwei verschreckten Menschen, die uns nur hier dulden, weil unser Zauberer den Mann von einer Krankheit heilen konnte, die ihn schon seit langem auf sein Lager geworfen hatte. Wir, das sind El Sadarim, Gero, Queseda und ich. Desmala und Hesidane sind fort, verschleppt von Wesen, an die ich lieber nicht denken möchte und die mich doch bis in meine Träume begleiten, wenn ich es denn einmal schaffe, Schlaf zu finden. Fürchterliche Bilder quälen mich, und eine Stimme in meinem Kopf lässt mir auch am Tag keine Ruhe, eine Stimme, die mich auffordert zu töten, die lacht, wenn ich Blut vergieße.
Paavi – die Hauptstadt Gloraniens, dieses dunklen Landes, das von den Zwölfen verlassen ist und das von Glorana beherrscht wird, dieser grausamen Hexe, die hier ein fürchterliches Regiment errichtet hat, unter dessen Knute ihr Volk ächzt. Und doch mussten wir hierher kommen, und wir werden noch weiter gehen müssen: wir müssen ins Zentrum ihrer Macht eindringen, in ihren Palast, um Desmala und Hesidane zu befreien!

Aber, ferner Wurrbusch, ich habe versprochen, die Chronistin dieser verfluchten Reise zu sein, und deshalb werde ich versuchen, die Ereignisse aufzuschreiben, obwohl meine Erinnerung an die vergangenen Tage (oder waren es Wochen, Monate?) verschwommen ist.

Stunde um Stunde zogen wir also weiter, unsere Karene kämpften sich tapfer durch den immer tiefer werdenden Schnee. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, als wir plötzlich in der Ferne eine dunkle Wand erblickten, die sich uns mit rasender Geschwindigkeit näherte und bald zu bedrohlicher Größe anwuchs. Irgendjemand stieß einen Warnruf aus, und wir versuchten noch, hinter ein paar großen Findlingen Deckung zu suchen, als das Unheil auch schon über uns hereinbrach. El Sadarims Zauber hatte uns bisher vor den Unbillen des Wetters geschützt, aber nun fegte ein plötzlicher Sturm über uns hinweg, eisiger als alles, was ich jemals hatte ertragen müssen, und mit diesem Sturm kam ein Schrecken über uns, ein Kreischen und Heulen, und aus der Schwärze tauchten Reiter auf und Hunde, die nicht natürlichen Ursprungs sein konnten, mit zwei Köpfen und fürchterlichen Reißzähnen. Ich wandte mich um, und rannte! Ich konnte an nichts anderes mehr denken, als: nur weg hier! Ich vergaß die anderen, die Karene, alles, ich rannte! Doch es war vergebens! Ein Dämon stürzte sich auf mich, warf mich zu Boden und dann wurde alles schwarz um mich und ich versank in der Dunkelheit.-

Das nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich eine Schale in den Händen hielt, gefüllt mit einer bläulichen, gallertartigen Masse, aus der ich kleine Steine fischte. Um mich herum waren andere Menschen, auch Gero, Queseda und El Sadarim waren da. Wir alle saßen nackt im Schnee, aber wir froren nicht. Meine Gefährten, alle anderen, sie waren mir gleichgültig. Ich wusste nur, was meine Aufgabe hier war: die Steine sorgfältig aus dieser Schale zu suchen, damit dieser blaue Stoff eine wunderbare Reinheit erhielte! Es gab auch andere Aufgaben: einige saßen an riesigen, schimmernden Bohrern, die den blauen Schatz aus dem Boden holten. Oft kam es dabei zu Verletzungen, da die Bohrer scharfe Kanten hatten, aber die Wunden schlossen sich, wie ich später feststellen konnte, immer wieder, sobald sie mit der schimmernden Masse in Berührung kamen. In Pelz vermummte Wächter achteten darauf, dass jeder an seinem Platz blieb, was aber völlig unnötig schien, da jeder wusste, wie wichtig seine ihm zugewiesene Arbeit war. Wir waren Sklaven, aber wir merkten es nicht! Man gab uns zu essen, wir schliefen, wenn man es uns befahl, in einer Hütte aus Eis, wir machten uns an die Arbeit, ohne jemals aufzubegehren. Die Zeit verging, ohne dass wir es bemerkten, wir lebten in einem endlosen Rhythmus des Arbeitens und Schlafens.
Eines Tages tauchte ein Eissegler auf, das ist ein Gefährt mit Kufen und einem großen Segel, das in wahrlich atemberaubender Geschwindigkeit über das Eis gleiten kann. Doch davon wusste ich nichts. In Pelze gehüllte Gestalten, angeführt von einem Mann, dessen Gesicht von einer Kapuze verdeckt war, fingen an, das in Flaschen abgefüllte und in Kisten verpackte Elixier, das sie „Theriak“ nannten, aufzuladen. Und dann verschwanden sie wieder und wir setzten unsere Arbeit fort, ohne zu klagen.

Ich weiß nicht, ob wir eines Tages gestorben wären, oder ob wir immer weiter gemacht hätten, bis in alle Ewigkeit. Aber dieses Schicksal war uns nicht vorherbestimmt, den Göttern sei Dank! Denn Ifirn selbst sandte uns Hilfe in Gestalt ihrer Tochter Iloinen.

Wir arbeiteten wie immer, als ich plötzlich die Kälte spürte. Ich fror erbärmlich, der Schnee biss in meine Füße und ich wusste plötzlich wieder, wer ich war! Alifa Saba Ayvar, nicht eine namenlose Sklavin! Ich schaute mich um und erblickte meine Gefährten, die ebenso wie ich aus einem langen, kalten Traum zu erwachen schienen. In der Nähe sah ich einen der Wächter fallen, tödlich getroffen von einem Pfeil. Ich wusste, dass das meine Chance war und rannte los, packte seinen Säbel und griff den nächsten unserer Peiniger an. Auch Gero war losgestürmt und so trafen wir uns bei dem Wächter, der bald ebenso tot war wie der Andere. Um uns herum herrschte Aufruhr, von überallher schienen Pfeile zu fliegen und wir hörten das Heulen von Wölfen, die unseren Bewachern an die Kehle fuhren. Ihr Kampf war aussichtslos! Bald lagen alle getötet am Boden. Wir beeilten uns, ihnen die Pelze vom Leib zu reißen und uns darin einzuhüllen, da die Kälte uns sonst innerhalb kurzer Zeit getötet hätte. Dann erst wandten wir uns unseren Rettern zu. Ein junges Mädchen trat auf uns zu, klein, mit zerzausten roten und weißen Haaren. Ihre Augen waren verschiedenfarbig, eines bernsteinfarben und das andere blau. Sie stellte sich uns als Iloinen vor, Tochter der Ifirn. Sie wurde begleitet von einem Nivesen-Zwillingspaar und einer Tulamidin mit Namen Yasil, auf deren Schulter eine Eule saß. Ein finster dreinblickender Kämpfer wich ihr nie von der Seite, er schien ihr Leibwächter zu sein. Und da waren noch die Wölfe, unter ihnen ein außerordentlich großes Tier, wie ich noch nie eines erblickt hatte. Sie schienen ihre Gefährten zu sein, und sie kümmerten sich nicht um uns, was mich einigermaßen beruhigte, hatte ich bisher Wölfe doch immer nur als gefährliche Bestien erlebt.

Was mir in all dem Aufruhr bisher nicht aufgefallen war, bemerkte ich jetzt: unsere Leidensgenossen verrichteten weiterhin ihre Arbeit als sei nichts geschehen. Auch die riesigen Bohrer drehten sich weiter, ohne dass ich erkennen konnte, warum. Irgendein böser Zauber schien sie in Bewegung zu halten, ebenso, wie etwas die Sklaven bewog, weiter zu schuften. Auch wenn man sie ansprach, reagierten sie nicht. Mich schaudert noch jetzt bei dem Gedanken, dass wir genauso zu seelenlosen Wesen gemacht worden waren wie sie! Doch etwas hatte sich verändert: der regelmäßige Wechsel zwischen arbeiten und schlafen war außer Kraft gesetzt, die Sklaven taten das, was die Wächter ihnen zuletzt befohlen hatten, und wir konnten sie nicht daran hindern. Wie lange sie das durchhalten würden, wussten wir nicht, aber wir konnten ihnen nicht helfen.

Und nun bemerkten wir auch mit Schrecken das Fehlen Desmalas und Hesidanes Natürlich fragten wir Iloinen, ob sie etwas darüber wisse, was mit den beiden geschehen sei. Unsere Erleichterung darüber, dass sie noch am Leben seien, wie Iloinen uns versicherte, wich dem Entsetzen, als sie uns sagte, dass man die Geweihte und die Hexe nach Paavi verschleppt habe. Wir beschrieben unserer Retterin den Überfall und sie erzählte uns von Belshirash, auch Nagrach genannt, einem Dämon, der mit seinen Karmanthis (das waren diese schrecklichen Hundeartigen Wesen, die über uns hergefallen waren) Jagd auf Menschen macht. Und sie sprach von Theriak als dem „Blut Sumus“, der Lebenskraft, die hier der Erde gestohlen wurde um Gloranien damit zu beliefern.
Iloinen hatte uns, wie sie sagte, schon länger beobachtet, und sie hatte auch Anuks Verschwinden bemerkt, aber darüber wollte sie uns nichts berichten, außer dem kryptischen Hinweis, wir hätten seine Spur verloren, weil wir die Fährten nicht richtig gelesen hätten.

Wir wussten jetzt, was unser nächstes Ziel war: Paavi! Wir konnten unsere Gefährten nicht im Stich lassen! Wir fragten Iloinen, ob sie bereit sei, uns zu begleiten, aber sie sagte, sie und ihr Rudel hätten eine andere Aufgabe, nämlich, Nagrach zu jagen.

Über alldem war es Abend geworden, und wir zogen uns in die Hütte der Aufseher zurück. Dort fanden wir zu unserer großen Freude auch unsere Waffen (und ich meine Jonglierbälle – warum sie jemand aufgehoben hatte, werde ich nie verstehen).
Die Kälte, vor der uns jetzt kein Zauber mehr schützte, kroch in unsere Glieder, trotz unserer dicken Pelze. (meine schöne Dachsweste habe ich nicht wieder gefunden, doch die Kleidung, die wir jetzt trugen, schien mir noch wärmer zu sein, allerdings konnten wir uns damit nur schwerfällig bewegen. (eine Gauklerin und Schaukämpferin, die sich vor Kälte und Kleidern kaum rühren kann! Was hat dieses Land aus mir gemacht!) Wir machten uns ein Feuer, das uns ein wenig wärmte und berieten, was wir jetzt weiter tun sollten. Wir wussten, dass wir ohne Schlitten keine Chance hatten, jemals nach Paavi zu gelangen und beschlossen, den Eissegler abzuwarten, der ja irgendwann wieder auftauchen musste, um das Theriak abzuholen. Wir planten, in die Rolle der Wächter zu schlüpfen und dann die Besatzung des Eisseglers zu überwältigen. Es schien so einfach!

Am nächsten Morgen verabschiedete sich Iloinen. Sie wollte mit ihrem Rudel zurückkehren, sobald wir den Eissegler in unsere Gewalt gebracht hätten, um dann das Lager zu zerstören. Uns erschien das schrecklich, sie meinte jedoch, das Schicksal der Sklaven sei besiegelt, ihnen könne keiner mehr helfen.
Wir übernahmen also unsere Rolle als Wachen, lösten uns in regelmäßigen Abständen ab, um uns aufzuwärmen und warteten auf die Ankunft des Eisseglers. Ein Tag verging, eine Nacht und wieder ein Tag. Gero und ich schoben gerade Wache und ich muss gestehen, meine Aufmerksamkeit ließ etwas nach. Es waren nun schon zwei ereignislose Tage vergangen, und ich versuchte gerade, mit den Schneeschuhen, die wir in der Hütte gefunden hatten, meine Bälle zu jonglieren, was allerdings nicht besonders gut klappte. Zu meinem Ärger flogen sie immer wieder in alle Richtungen davon, und ich war gerade dabei, sie mal wieder vom Boden aufzuheben, als mich eine barsche Stimme ansprach. „Was tut Ihr da?“ Ich ließ meine Bälle unauffällig in der Tiefe meiner Taschen verschwinden und richtete mich auf. „Nun, Wache halten“. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass zwei Eissegler angekommen waren, und der Kerl mit der Kapuze gerade abstieg, gefolgt von mehreren Bewaffneten.

Scheinbar war ich nicht besonders überzeugend, ebenso wenig wie Gero, jedenfalls stieß einer der Männer einen Alarmruf aus und zog sein Schwert. Unser Täuschungsmanöver war gründlich misslungen! Gero und ich hatten jeder nur einen Gegner, aber Queseda und El Sadarim waren umringt von drei oder vier Bewaffneten, und dann befahl der finstere Kapuzenmann, der sicherlich ein großer Magier war, den Sklaven, uns anzugreifen! Die bis dahin teilnahmslosen Elendsgestalten stürmten nun auf uns zu, nackt und unbewaffnet, wie sie waren! Unser Zauberer schleuderte einen Feuerball auf seine Gegner, doch die Spießgesellen des Finsterlings drangen auf ihn und Queseda, der sich schützend vor ihn gestellt hatte, ein. In der Zwischenzeit war es einem der Eissegler gelungen zu wenden, und bevor wir nur irgendetwas tun konnten, nahm er Fahrt auf. Mit ihm verschwand der Kapuzenmann, der sich in dem Getümmel irgendwie auf das Gefährt gerettet hatte. Ich schaffte es bald, meinen Gegner zu besiegen, aber ich wurde von allen Seiten von Sklaven bedrängt, die auf mich eindroschen. Ich wollte keinen von ihnen töten, war ich doch noch vor kurzem einer der ihren gewesen! Nach mehreren Versuchen gelang es mir, mich von ihnen zu befreien, um Queseda und El Sadarim zu Hilfe zu eilen, die in arger Bedrängnis waren. Unser Al Anfaner war übel zugerichtet, und dann sah ich ihn blutüberströmt zu Boden sinken. Der Zauberer wehrte sich mit seinen Mitteln, versteinerte zwei Gegner und blendete einen weiteren. Trotzdem sah es schlecht aus für die beiden, schien doch auch der Magier mit seiner Kraft am Ende. Zwischen mir und Queseda stand einer der Sklaven, er kehrte mir den Rücken zu und ich hatte nur den einen Gedanken: ich muss meinen Freunden helfen, und dieser da ist mir im Weg! Ohne zu zögern erschlug ich ihn mit einem Hieb meines Säbels, nackt und wehrlos, wie er war. Und im gleichen Moment hörte ich in meinem Kopf ein zufriedenes Kichern! „Gut gemacht!“, doch ich stürmte weiter. Ich schickte auch Quesedas Gegner, der schon übel zugerichtet war, zu Boron. El Sadarim war es nun gelungen, dem Verwundeten einen Heiltrank einzuflößen, und der hatte es in sich! Queseda wurde wach und kurz darauf stand er wieder auf den Beinen, als sei nichts geschehen!

Es war ein langer Kampf! Wir erschlugen alle bis auf einen, den Geblendeten, den wir fesselten. Doch die Sklaven hörten nicht auf, uns anzugreifen. Ich wollte keinen mehr töten, obwohl mich die Stimme in meinem Kopf immer wieder dazu aufforderte. Das Gemetzel schien ihr Freude zu bereiten, sie spornte mich an, doch ich wollte nicht mehr auf Wehrlose einschlagen. Meine Gefährten jedoch ließen keinen am Leben.

Als alles zu Ende war, war der Schnee rot. Überall lagen Leichen herum, es war entsetzlich! Ich wollte nur fort von diesem schrecklichen Ort des Todes, wo man nur noch das nervenaufreibende Geräusch der großen Bohrer hörte, die sich immer noch weiterdrehten, bewegt von einer dämonischen Macht. Doch die Dunkelheit würde schon bald hereinbrechen und wir mussten bleiben. Wir schleppten unseren Gefangenen in die Hütte der Aufseher. Dann teilten wir Wachen ein und versuchten in der Sklavenbehausung etwas Schlaf zu finden. Doch die Stimme in meinem Kopf ließ mir keine Ruhe. Ich weiß nicht, ob ich doch etwas eingenickt war, aber ich hörte, wie jemand zu mir sagte „töte ihn!“ und ich sah mich, wie ich dem Gefangenen meinen Dolch in die Brust stieß, sah meine blutigen Hände und schreckte auf. War das echt? Oder war es nur ein Traum? Ich überredete Queseda, nach dem Gefangenen zu sehen, ob er noch lebe. Dann schaute ich meinen Dolch an. Kein Blut! Queseda kehrte zurück und sagte, es sei alles in Ordnung. Da ich sowieso nicht schlafen konnte, übernahm ich die nächste Wache. Kaum war es wieder still, ging ich zur anderen Hütte hinüber, um mich zu überzeugen, dass der Gefangene wirklich noch lebte. Er schlief und ich kehrte zurück zu den anderen.

Nach einer Nacht, die mir keinen Schlaf gebracht hatte, graute der Morgen. Ich weckte die Anderen, beseelt nur von dem Wunsch, bald aufzubrechen. Der Schnee hatte die Leichen zugedeckt, das Blut war verschwunden. Gero und ich sprachen ein Gebet, damit die Sklaven den Weg in Borons Hallen finden mögen. Dann begann ich zusammen mit El Sadarim, den Eissegler zu beladen. Wir hatten eine Menge Vorräte gefunden, außerdem hatten wir beschlossen, zwei Kisten Theriak mitzunehmen, da wir seine wundersamen Heilkräfte zu schätzen gelernt hatten. Den Rest würden Iloinen und ihr Rudel vernichten, damit es nicht den Schergen Gloranas in die Hände fiele. Queseda und Gero waren in der Hütte verschwunden, um den Gefangenen zu „überreden“, uns den Weg nach Paavi zu zeigen. Doch sie kehrten unverrichteter Dinge zurück, er hatte sich schlichtweg geweigert, uns zu helfen, lieber wolle er sterben. Ich saß auf dem Eissegler und wartete. Und dann überkam mich plötzlich eine unbändige Wut! Wie konnte es dieser Dreckskerl wagen, uns seine Hilfe zu versagen? Ohne ihn würden wir den Weg nach Paavi vielleicht niemals finden! Ich stürzte in die Hütte. Der Kerl lag am Boden, seine Nase blutete, es fehlten ihm zwei Finger an der einen Hand, aber er lachte! Er lachte uns aus! Ein roter Nebel stieg vor meinen Augen auf. Ich schlug auf ihn ein, trat ihn, und er lachte weiter! Die Stimme in meinem Kopf sagte wieder: “tu es!“ Und dann, voller Zorn, zog ich meinen Dolch und stach zu! Und es war so befreiend! Sein Lachen ging in ein Röcheln über und dann war nichts mehr. Ich ging hinaus, befreit, merkte, dass Gero mich merkwürdig anschaute und es war mir egal.

Es wurde nicht viel gesprochen. Wir lösten die Anker des Eisseglers und Queseda stellte sich an das Ruder. El Sadarim war bald, in dicke Pelze gehüllt, eingeschlafen. Er war immer noch erschöpft von dem Kampf am Vortag. Ich weiß nicht, ob er überhaupt viel von dem Geschehen mitgekriegt hatte. Nach mehreren Versuchen setzte sich das Gefährt in Bewegung. Ich beobachtete Queseda mehrere Stunden lang, wie er das Steuer hielt. Und wieder hatte ich die Stimme im Kopf, die mir sagte.“ Du kannst das viel besser als er! Und du weißt, in welche Richtung wir müssen!“ Es war schon Nachmittag, als Queseda das Ruder an mich abgab. Ich setzte das Segel in den Wind, als hätte ich nie etwas anderes getan, und der Segler nahm Fahrt auf. Niemand musste mir sagen, wie man das Steuerrad hielt oder wo Paavi lag! Ich wusste es einfach! Keiner machte mir mehr das Ruder streitig; ich blieb dort, bis die Stadt vor uns auftauchte.
Wir ließen den Eissegler zurück und gingen auf die Stadt zu, vor deren Toren zwielichtige Kerle herumlungerten. Gero, der ja mit Leuten dieser Art stets auf vertrautem Fuße steht, ging auf sie zu, um mit ihnen zu reden. Es waren richtige Halsabschneider, die Dukaten sehen wollten, bevor sie uns einen unauffälligen Weg in die Stadt zeigen würden. Nach langem Hin und Her einigten wir uns und sie führten uns zwischen ärmlichen Hütten immer tiefer in ein Labyrinth vor Schmutz starrender Gassen, die nur deshalb nicht stanken, weil es einfach zu kalt war. Gero, dessen Instinkt für derlei Gefahren sehr ausgeprägt ist, beschloss, unseren Führern nicht länger zu trauen, und wir verdrückten uns um eine dunkle Ecke, bevor es zu brenzlig wurde.
Wir beschlossen, es doch mit dem „offiziellen“ Weg durch das Tor zu versuchen. Und siehe da, als wir den Wächtern nach langem Zögern sagten, wir brächten Theriak, ließen sie uns anstandslos die Stadt betreten.

Und nun sind wir hier. Unsere Gastgeber haben uns, obwohl sie vor Angst kaum reden wollen, erzählt, dass es hier vor ein paar Jahren einen Goldrausch gab, der allerhand Gesindel in die Stadt gelockt hat. Der Goldrausch ist vorbei, das Gesindel ist geblieben. Außerdem werden die Bewohner der Stadt bis aufs Blut von Gloranas Steuereintreibern ausgepresst, und wer versucht, etwas von seinen Gütern zu retten, der verschwindet in den Verliesen. So ging es auch dem Sohn der beiden Alten, und wir haben ihnen erzählt, dass auch wir Freunde verloren haben, die wir in den Kerkern Paavis vermuten. Die beiden haben uns erlaubt, hier zu bleiben, und vielleicht können wir unsere Theriakvorräte hier irgendwo verstecken, auch wenn das für alle Beteiligten sehr gefährlich werden kann, doch es ist immer noch besser, als sie mit uns herum zu tragen.

Bald wird die Nacht hereinbrechen, und ich habe Angst vor dem Schlaf und den Träumen und der Stimme, die böse kichert und die mich verleitet, üble Dinge zu tun.

***

Am nächsten Morgen erwachten wir in der Hütte Rangulfs und dessen Frau Mathilda. In der Nacht hatten mich zum Glück keine dunklen Träume heimgesucht, sodass ich einigermaßen ausgeschlafen und voller Tatendrang war. Es galt, unsere Gefährten zu befreien! Als erstes suchten wir ein Versteck für unsere Theriakvorräte. Wir schoben das schmale Bett unserer Gastgeber zur Seite und gruben ein Loch in den gestampften Lehmboden, groß genug, die beiden Kisten zu verstecken. Dann tarnten wir die Stelle mit allerlei Gerümpel und stellten das Bett wieder an seine alte Stelle. Die beiden Alten hatten wir vor die Tür geschickt, zum einen, um uns zu warnen, falls einer von Gloranas Söldnern auftauchte, zum anderen, damit sie das Versteck nicht kannten. Nicht, dass wir ihnen nicht getraut hätten, aber wir wollten sie nicht mehr als nötig in Gefahr bringen.

Als wir endlich fertig waren, ging es schon auf den Mittag zu und wir brachen auf zu unserer Erkundungstour durch Paavi.

Unser erster Eindruck bestätigte sich bald: Paavi ist die trostloseste Stadt, die ich jemals gesehen habe! Ärmliche Hütten drängen sich dicht aneinander, die Gassen sind schmal und unglaublich schmutzig, und nur die immerwährende Kälte verhinderte, dass der Gestank des allgegenwärtigen Unrats uns quälte. Überall drängen sich Menschen, das Volk ist verschüchtert und geduckt, außerdem gibt es eine Menge zwielichtiger Gestalten und Söldner Gloranas, die jeden zur Seite stoßen, der zufällig ihren Weg kreuzt. Wenn der Ärmste nicht schnell genug ist, kann es ihm passieren, dass er Schläge bezieht. Es gibt keine regulären Garden, sondern nur diese üble Soldateska, die sich scheinbar alles erlauben kann, ohne dass sich jemals irgendjemand dagegen wehren würde.

Wir gingen weiter, auf der Suche nach einem Gasthaus, wo wir wohnen könnten, denn die Gastfreundschaft der alten Leute wollten wir nicht für eine zweite Nacht in Anspruch nehmen. Irgendwann kamen wir in ein anderes Viertel, das etwas besser aussah (wenn auch nicht viel). Von hier aus konnten wir auch die Garnison sehen, die über der Stadt thront und von Söldnern bewacht wird. Niemand außer diesen darf sie betreten, es sei denn unfreiwillig als Gefangener. Doch die Garnison ist nicht der Palast Gloranas! Dieser steht weit außerhalb der Stadt und ist ganz aus Eis, aber das erfuhren wir alles erst später. Nach mehreren erfolglosen Versuchen nannte uns endlich einer den Namen einer Kneipe, „Goldgrund“, dort gäbe es vielleicht außer etwas zu essen und zu trinken auch die Möglichkeit, zu übernachten. Nach längerer Suche fanden wir endlich diesen wenig einladenden Ort, vor dessen Tür sich schon eine Horde mehr oder weniger widerlicher Gestalten drängte. Aber was blieb uns übrig? Queseda ging voran, dicht gefolgt von Gero, mir und zuletzt El Sadarim, der auch nicht gerade begeistert schien von dieser Spelunke. Wir schoben uns mit Hilfe unserer Ellenbogen durch das Gedränge, bis wir an der Theke ankamen, wo Gero, ganz gewitzt, gleich zwei Bier für jeden von uns orderte. Erfolglos, wie sich zeigte, denn die Krüge wurden uns vor der Nase weggeschnappt. Beim zweiten Versuch waren wir aber schnell genug und suchten dann mit unserer „Beute“ nach einer etwas ruhigeren Ecke, was sich als ebenso schwierig erwies wie das Ergattern eines Bieres. Wir schauten uns um, und tatsächlich, unter einer Treppe, die nach oben führte, saß ein Mann ganz alleine an einem Tisch! Um ihn herum drängten sich die Menschen, aber alle hielten einen respektvollen Abstand zu ihm. Na, das wollten wir mal sehen, ob er nicht doch einen Stuhl für uns hätte! Als wir uns ihm näherten, schaute er unter seiner Kapuze hervor auf, und ein durchdringender Blick aus blauen Augen traf uns. Der Mann war sicher ein Thorwaller, obwohl er sich irgendwie von denen unterschied, die ich bisher getroffen hatte, ohne dass ich genau hätte sagen können, woran das lag.
Wir fragten ihn, ob noch Platz an seinem Tisch sei (eine blöde Frage, denn da standen ja leere Stühle herum, aber so ist das eben mit der mittelreichischen Höflichkeit!), und er nickte. Nachdem wir uns gesetzt hatten, schaute er jeden von uns prüfend an und wechselte einen langen Blick mit unserem Magier. Nachdem unser Gegenüber uns seinen Namen genannt hatte, Bjarnir Ingalsson hieß er, sprach er uns mit unseren Namen an! Er sagte, er habe auf uns gewartet, man habe ihm unser Kommen angekündigt. Und El Sadarim wurde plötzlich redselig! Er schien Vertrauen in den Fremden zu haben, warum weiß ich nicht, aber er erzählte ihm, was uns passiert war und warum wir hier waren. Ich für mein Teil fand das ziemlich leichtsinnig, wir kannten den Mann ja gar nicht, aber unser Zauberer schien da anderer Meinung zu sein. Und anscheinend hatte er recht: schon nach kurzer Zeit standen vor uns ein leckeres Essen und ein Krug mit Wein und wir stürzten uns ausgehungert darauf. Nachdem wir gesättigt und unser Durst gestillt waren, begannen wir, Pläne zur Befreiung unserer Freunde zu schmieden. Bjarnir hatte uns inzwischen einiges über die Verhältnisse in Paavi erzählt. Er scheint hier, obwohl er ein Gegner Gloranas ist, einige Verbündete zu haben. Auch jetzt standen in der Nähe des Tisches, an dem wir saßen, unauffällig einige Bewaffnete, die dafür sorgten, dass niemand ihm oder uns zu nahe kam. Fast niemand, muss ich sagen, denn an Queseda hatte sich eine stattliche, und trotz einer Augenklappe, die ihr etwas sehr Verwegenes gab, gut aussehende Thorwallerin gehängt, die ihn ganz in Anspruch nahm. Irgendwann verschwand er mit ihr in einer mehr oder weniger dunklen Ecke, um sich ihr ganz und gar zu widmen.

Bjarnir berichtete uns von den Palastwachen Gloranas, riesigen Eisbarbaren, an denen niemand vorbeikommt. Sie sind es auch, die von Zeit zu Zeit hinunter nach Paavi gehen, um dort Vorräte zu besorgen. Unsere Idee war nun folgende: wir könnten uns ja heimlich auf einem der Wagen, die dem Transport von Nahrung dienen, in den Palast hineinschmuggeln. Ich hielt das für eine ausgezeichnete Idee (und muss an dieser Stelle bescheiden anmerken, dass sie von mir stammte), aber El Sadarim war mehr dafür, die Lagerhallen am Hafen (der übrigens völlig zugefroren ist und deshalb nicht mehr dem Handel dient) anzuzünden, um dadurch Gloranas und ihrer Schergen Aufmerksamkeit von ihrem Palast abzulenken, sodass wir dann leichter hineinkämen. Nun ja, Feuer ist immer eine schöne Sache, zumindest für unseren Magier, aber ob der Plan so aufgehen würde, bezweifelte ich. Also überredete ich Gero, mit mir zu den Feldern vor der Stadt zu gehen, wo die Wagen für den Palast beladen werden, um zu sehen, ob wir meinen Plan überhaupt in die Tat umsetzen könnten.

Wir zogen sofort los, und da wir die Stadt ja inzwischen ein bisschen kannten, fanden wir auch schnell das Tor hinaus. Wir hatten es schon vorher von oben sehen können: trotz der unnatürlichen verfluchten Kälte gab es nicht weit entfernt einige große Felder, die völlig frei von Schnee waren! Auch das konnte nicht natürlich sein, und mir war durchaus nicht wohl in meiner Haut, als wir darauf zu stapften. Da wir beide, eingehüllt in unsere dicken Fellkleider und bewaffnet, uns kaum von den Söldnern unterschieden, die die bemitleidenswerten Menschen, die auf den Feldern schufteten, bewachten, beschlossen wir, uns unauffällig zu nähern. Am Rand der Felder gab es mehrere Schuppen, auch eine Mühle für das Getreide war da und in einer Remise standen die Wagen zum Transport der Säcke. Überall wurde gearbeitet, und die Wächter achteten sorgfältig darauf, dass keiner der armen Bauern eine Pause einlegte. Plötzlich sprach uns einer der Söldner an, was wir denn da täten. Jetzt galt es, Ruhe zu bewahren! Wir sagten, wir seien neu oben in der Garnison und wollten uns alles einmal anschauen. Der Mann glaubte uns unsere Geschichte und er lud uns ein, mit in die Wachhütte zu kommen, da er jetzt abgelöst würde. Was blieb uns übrig? Wir folgten ihm.

Drinnen saßen an einem langen Tisch einige Kerle, denen es offenbar ziemlich gut ging: hier war es warm, vor ihnen stand etwas zu essen und ein Krug, und die Stimmung war recht ausgelassen. Wir machten gute Miene zum bösen Spiel und setzten uns dazu, um sie noch etwas auszufragen. Alles ging gut, bis Gero, der mal wieder eine geniale Idee gehabt hatte, nämlich, ein Gerücht in die Welt zu setzen, um Unruhe in der Bevölkerung zu schaffen, erzählte: „Man munkelt ja, ein großes Heer sei auf dem Weg nach Paavi, um Glorana zu entmachten!“ Seine Worte fielen wie ein Funke auf trockenes Stroh! Alle wollten mehr wissen und es wurde ziemlich laut in der Stube. Da ging eine Tür am hinteren Ende des Raumes auf, die bisher geschlossen war, und eine große dunkle Gestalt kam herein. Sie war in einen schwarzen Umhang gehüllt und trug eine Kapuze, die sie tief ins Gesicht gezogen hatte.

Schlagartig wurde es still und die Gestalt trat an den Tisch, legte ihre langen, knochigen Hände auf die Schultern eines der Männer und fragte mit einer unangenehm hellen, schneidenden Stimme: „Was ist los? Worüber erregt ihr euch so?“
Der Mann, der ganz bleich geworden war und jetzt vor Angst schlotterte, brachte stockend hervor: „ Paavi wird bedroht von einem großen Heer, das sich aus Gareth auf den Weg gemacht hat!“
„So, so, sagt man das?“ Die Hände auf den Schultern des Söldners gruben sich wie Krallen in sein Fleisch. „Ihr werdet mir sagen, wo Ihr das gehört habt!“ „Ich…“ „Schweigt!“

Und damit wurde der Ärmste von seinem Stuhl gezerrt und verschwand mit seinem Peiniger hinter der Tür. Gero und ich wechselten einen Blick. Es war höchste Zeit, hier zu verschwinden, bevor jemand sich darauf besann, dass Gero der Urheber des Gerüchtes war. „Unser Dienst fängt bald an, wir müssen los!“ Und da die anderen am Tisch immer noch wie vor Schreck gelähmt schienen, hielt uns keiner auf, als wir so plötzlich aufbrachen.

Wir verließen die Unterkunft und waren schon einige Meter gegangen, als wir hinter uns einen schrecklichen, fast unmenschlichen Schrei hörten, der uns unsere Schritte noch mehr beschleunigen ließ. Zum Glück schienen wir niemandem aufzufallen, und wir strebten ungehindert der Stadt zu. Einige Schritte vor uns rollte einer der schweren Planwagen, der offensichtlich Güter nach Paavi bringen sollte. Da die Karene, die ihn zogen, sehr langsam gingen, näherten wir uns immer mehr. Nebenher gingen ein etwa vierzehn Jahre alter, schmaler Junge und ein alter Mann, gekleidet wie die Bauern auf den Feldern hinter uns. Die stellten keine Gefahr für uns dar, und so wollten wir gerade an ihnen vorbeigehen, als mit einem bösartigen Knirschen die Achse des Wagens brach. Die beiden fingen an zu jammern, was sie denn nun tun sollten, da sie den Schaden nicht so ohne weiteres beheben konnten, als sich von vorne drei Söldner näherten, die gerade aus der Stadt zurückkehrten. Sie beschimpften die beiden Unglücksraben auf das übelste und dann fing einer der drei an, auf den Jungen einzuschlagen und zu treten, bis dieser am Boden lag. Dann wandte er sich dem Alten zu, und auch dieser bekam die Fäuste des Widerlings zu spüren.

Da platzte Gero der Kragen. Während ich noch versuchte, den Kerl im Guten davon zu überzeugen, dass er von den Beiden ablassen solle, da sie auf diese Weise ja niemals die Sache würden in Ordnung bringen können, holte Gero zum Schlag aus und landete einen Treffer mitten in die Visage seines Gegners. Dieser sah einen neuen Feind, drehte sich diesem zu und nun, ich muss es leider sagen, bezog unser Dieb Prügel. Er schlug sich wacker, aber am Ende ging auch er zu Boden. Ich war in der Zwischenzeit zu dem Jungen gestürzt, um ihn wieder aufzurichten, aber er lag zusammen gekrümmt auf der Seite und sah unnatürlich blass aus. Ich zog einen Heiltrank aus meiner Tasche und flößte ihm diesen ein, was ihn wieder zu Bewusstsein brachte. Unbeachtet von den Kumpanen des Söldners, die begeistert dem Kampf zuschauten, half ich ihm auf die Beine und flüsterte ihm zu, er und der Alte sollten so schnell wie möglich verschwinden. Ich wusste, ein zweites Mal würden sie solche Schläge nicht überleben. Sie humpelten davon, ohne dass einer der anderen etwas bemerkte.

Als ich mich wieder umwandte, lag Gero auf der Erde. Sein Widersacher wollte ihn gerade treten, aber ich konnte ihn davon abhalten, und auch die beiden anderen meinten, nun sei es genug, er habe seinen Spaß gehabt. Es interessierte sie auch nicht mehr, dass die beiden Bauern verschwunden waren, sondern sie machten sich auf zum Lager, um einen neuen Wagen zu schicken. Ich half Gero auf eines der Karene, da er ziemlich mitgenommen aussah und sich kaum aus eigener Kraft bewegen konnte, und dann sah auch ich zu, dass wir Land gewannen.

Wir passierten ungefragt das Stadttor und suchten so schnell wie möglich den „Goldgrund“ auf. Gero hatte sich unterwegs etwas Theriak in sein misshandeltes Gesicht geschmiert, was sofort Wunder bewirkte, sodass wir diesen Teil unserer Geschichte für uns behalten konnten. Wir erzählten den anderen nur das was wir im Lager gesehen und gehört hatten, und von dem schwarz gekleideten Mann, der alle in Angst und Schrecken versetzt hatte. Es war uns bewusst, dass wir nicht wirklich viel weiter gekommen waren, und außerdem waren wir müde. Bjarnir nannte uns einen sicheren Ort bei einem Freund, an dem wir die Nacht verbringen könnten. Froh darüber, einen Unterschlupf in dieser feindseligen Stadt gefunden zu haben, folgten wir ihm durch die Gassen und gelangten bald an ein Haus, dessen Tür auf ein Klopfzeichen Bjarnirs hin geöffnet wurde. Der Besitzer des Hauses ließ uns, als er den Thorwaller erblickte, ohne zu zögern hinein. Zum ersten Mal, seit wir in dieser schrecklichen Stadt waren, fühlte ich mich sicher.

Wir hatten uns kaum niedergelassen, als es an der Tür klopfte. Sofort war angespannte Stille im Raum und die Leibwächter Bjarnirs zogen ihre Waffen, um dann unserem Gastgeber zu bedeuten, dass er nun öffnen könne. Ein nicht sehr großer Mann schlüpfte herein, dessen Gesicht im Schatten einer großen Kapuze kaum zu erkennen war. „Ich hatte Euch bereits erwartet!“ sagte Bjarnir und stellte uns den Fremden als „Thalas“ vor, einen Tulamiden, der schon seit langem in Paavi lebe und über beste Verbindungen verfüge. Er könne uns vielleicht helfen. Der Kerl sah nicht besonders Vertrauen erweckend aus! Er achtete stets darauf, dass man nie seine Augen sah und hatte auch sonst etwas heimtückisches an sich, wie eine Spinne, die jederzeit bereit ist, aus ihrem Versteck hervor zu schießen, um sich auf ihr Opfer zu stürzen. Und so einem sollten wir unser Leben anvertrauen? Es stellte sich bald heraus, dass Thalas ein Mann war, der demjenigen seine Dienste anbot, der am meisten bezahlte. Bjarnir schilderte ihm unseren Plan und fragte ihn unumwunden nach seinem Preis.
Der Tulamide wiegte seinen Kopf hin und her: „Ihr wollt, dass ich Euch in den Palast Gloranas hineinbringe? Das wird schwer, sehr schwer! Aber es gibt einen Weg, und ich kenne ihn. Aber das wird Euch eine hübsche Summe kosten, denn ich riskiere mein Leben und Schlimmeres dabei. Gnade dem, der den Häschern Gloranas in die Hände fällt!“
Und dann nannte er seine Forderung: sein Gewicht in Dukaten! Wie sollten wir ihm soviel bezahlen? Wir hatten ja (außer Gero, der immer etwas in der Tasche hat) alles verloren! Wir versuchten, mit ihm zu handeln, aber selbst Desmala, El Sadarim und ich als seine Landsleute konnten ihn nicht bewegen, seinen Preis zu senken. Im Gegenteil: er forderte sogar noch, dass wir ihn, wenn uns unser Plan gelänge, aus Paavi mitnehmen sollten, da es dann nicht mehr sicher für ihn sei und er sowieso aus diesem Gefängnis herauswolle. Am Ende erklärte Bjarnir sich bereit, ihm das Gold zu geben. Er wuchtete eine große Truhe aus einem Versteck hervor und forderte Thalas auf, sich zu bedienen. Dieser ließ sich das nicht zweimal sagen, und griff in die Kiste, aber obwohl er mehrere Beutel füllte, wurden die Dukaten zwar weniger, aber die Truhe nicht leer. Irgendwann schien es ihm genug zu sein, und er verschwand, um „die nötigen Vorbereitungen zu treffen“. Wir rollten uns bald darauf in unsere Decken, da wir von den Ereignissen des Tages rechtschaffen müde waren.

Ich schlief tief und traumlos und erwachte früh am nächsten Morgen. Wir saßen noch nicht lange beim Frühstück, als das vertraute Klopfen an der Tür zu hören war. Bjarnir hatte uns inzwischen einiges über unseren Helfer erzählt. Thalas beherrsche das ganze Viertel unterhalb der Stadttore, und niemand mische sich in seine dunklen Geschäfte. Jeder wisse, dass er bereit sei, selbst seine eigene Großmutter zu verkaufen, wenn nur der Preis stimme, und er habe seine Späher überall. Das habe ihm zu beträchtlicher Macht verholfen, die niemand wage, ihm streitig zu machen.

Nun trat er also ein und setzte sich zu uns. „Ich habe alles vorbereitet. Wir sollten bald aufbrechen. In der Stadt ist es unruhig. Es gehen Gerüchte um, dass es Krieg geben soll. Die Söldner Gloranas versuchen diese Reden zu unterdrücken und gehen mit ganzer Härte dagegen vor.“ Gero und ich wechselten einen Blick; wir kannten ja den Urheber der Gerüchte, aber wir zogen es vor, zu schweigen! Auch Bjarnir hatte sich entschieden, mit uns in den Palast einzudringen. Thalas nannte uns Ort und Zeit, zu der wir ihn treffen sollten und verschwand genauso schnell, wie er gekommen war. Wir beschlossen, bei Rangulf und Mathilda noch etwas von unseren Theriak-Vorräten zu holen und uns von ihnen zu verabschieden. Dann kehrten wir zu unserem sicheren Hort zurück und nun warten wir auf die vereinbarte Stunde, zu der wir aufbrechen werden, um das Unmögliche zu wagen.

Vielleicht sind das die letzten Worte, die ich jemals schreiben werde. Ich bete zu den Göttern, dass sie uns helfen, unsere Freunde zu befreien. Sollte es uns nicht gelingen, werden wir mit ihnen untergehen und dieses Tagebuch wird Euch, Wurrbusch, niemals erreichen.

***

Gloranas Palast

Wie soll ich die Schrecken im Palast der Hexe schildern? Am liebsten würde ich sie vergessen, aber das wird mir niemals gelingen! Ich habe in die Tiefen der Niederhöllen geblickt und habe darüber beinahe den Verstand verloren. Aber vielleicht hilft es, alles aufzuschreiben und die Bilder des Grauens damit zu bannen.

Wo soll ich beginnen? Soll ich den Weg durch das Eis beschreiben, den Kampf mit den Eisbarbaren, die den Palast bewachen? Nur soviel: wir schafften es, Gloranas Palast zu betreten, ohne dass sie Alarm schlagen konnten. Thalas hatte nicht gelogen, er kannte einen Zugang und wir betraten die eisigen Hallen unbemerkt. Nichts entsprang hier dem Wirken Firuns: selbst das Eis schien widernatürlich in seinen Formen, bösartig und darauf bedacht, den Fuß, der es betrat, zu verletzen. In den endlosen Gängen tauchten Türen auf und verschwanden, trügerisch wie alles an diesem Ort. Einmal hörten wir das fürchterliche Heulen der Bestien Halman von Gareths, die den Palast durchstreiften, aber wir konnten uns im letzten Augenblick noch verstecken und sie entdeckten uns nicht. Je tiefer wir eindrangen, umso mehr verirrten wir uns in diesem Labyrinth. Doch plötzlich öffnete sich der Gang, den wir gerade beschritten, und wir erblickten einen riesigen Saal. Von den Eisbildern Gloranas hatten wir schon gehört, aber ich hätte mir niemals vorstellen können, was ich nun sah: Es gab Statuen aus Eis, Menschen, Elfen, Zwerge, für immer erstarrt in der Pose, zu der dunkle Magie sie zwang. In die Wände waren lebendig wirkende Bilder eingelassen. Sie schienen sich manches Mal sogar zu bewegen! Ich sah einen Ritter der Rondra, das Schwert zum Kampf erhoben, ich sah eine wunderschöne Elfe, vertieft in ihr ewiges Lautenspiel, ich sah einen Magier, der mit ausgebreiteten Armen dastand, als habe er für immer die Zeit angehalten.

Voller Entsetzen gingen wir von Halle zu Halle. Ich habe die Bemitleidenswerten nicht gezählt, denn es waren unzählige, dazu verdammt, dem unheiligen Ergötzen Gloranas zu dienen. Und dann erblickten wir Desmala! Sie hatte sich gerade Alrek zugewandt, als ihr Schicksal sie ereilte. Verzweifelt schlugen wir auf das Eis ein, doch ihr leerer Blick ging durch uns hindurch. Was sollten wir tun? Wir konnten sie nicht ihrem Schicksal überlassen! Wir waren gekommen, sie zu befreien! Wir versuchten, mit unseren Fackeln das Eis zu schmelzen, aber auch damit hatten wir keinen Erfolg. Am Ende war es Bjarnir, der einen mächtigen Zauber sprach und damit das Eis besiegte und Desmala und den Parder aus ihrer Gefangenschaft erlöste. Desmala erwachte wie aus einem langen, bösen Traum. Sie war sehr geschwächt und wir gaben ihr einen unserer Heiltränke und rieben sie mit Theriak ein. Dann hüllten wir sie in die warmen Kleider, die wir mitgenommen hatten. Bald ging es ihr schon besser, aber sie hatte keine Erinnerung an das Geschehene. Auch Alrek erholte sich schnell, und wir verließen die Halle, da wir befürchten mussten, von den Häschern Gloranas entdeckt zu werden. Wo war Hesidane? Desmala konnte es uns nicht sagen, und so irrten wir weiter durch dieses endlose Labyrinth.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit verstrichen war, als wir am Ende eines schmalen Ganges auf einen runden Raum stießen, von dem sternförmig elf weitere Gänge abzweigten. Wir verfolgten jeden einzelnen der Wege, die nur von einem bläulich schimmernden Zwielicht erhellt wurden. Als wir schon glaubten, dieses riesige Rad werde uns niemals irgendwohin führen, öffnete sich uns der Blick auf eine weitere Halle, an deren anderem Ende eine riesige Tür aus Eis zu sehen war, verziert mit geheimnisvollen Zeichen, die wir nicht deuten konnten, aber ohne sichtbares Schloss oder eine andere Möglichkeit, sie zu öffnen. Wir untersuchten sie von oben bis unten, doch nirgends konnten wir auch nur einen Spalt entdecken. El Sadarim versuchte es mit Zaubersprüchen, auch mit Feuer, aber das Eis widerstand. Auch Gero, der sich sicher war, dass es einen geheimen Mechanismus geben müsse, suchte vergeblich.
Ich hörte einen Schrei von der anderen Seite der Tür, schmerzerfüllt und fast nicht menschlich. Das musste Hesidane sein! Mich überkam eine Verzweiflung, wie ich sie noch nie empfunden hatte. Hilflos trat ich mit aller Kraft gegen das Tor und plötzlich war sie wieder da, die Stimme in meinem Kopf! „Siehst du, was mit ihr geschieht?“ Und ich konnte sehen! Als sei das Eis durchsichtig geworden, erblickte ich auf der anderen Seite einen riesigen Raum. Hesidane war dort, eiserne Klammern fesselten ihre Hände und Füße an die eisige Wand. Ich hörte sie zu ihrer Göttin beten und ich hörte die Stimme in meinem Kopf, die sagte: „Du kannst ihr helfen!“

Und ich sah eine wunderschöne Frau vor die Geweihte treten, mit langem schwarzem Haar und einem makellosen, fast puppenhaften Gesicht, die zu Hesidane sprach: „Du musst keine Schmerzen mehr ertragen, wenn du dein Wissen mit mir teilst“, doch die Geweihte rief nur noch lauter ihre Göttin an. Sie schien fast entrückt zu sein, an einem Ort, wo niemand sie erreichen konnte.

„Meinst du, deine Göttin wird dir hier helfen? Närrin! Ich kann dich noch viele Male sterben und wieder leben lassen, und niemand wird dir helfen!“
Und mit diesen Worten streckte Glorana, denn nur sie konnte es sein, ihre Hand aus und schien ihrer Gefangenen in die Brust zu greifen. Hesidane stieß einen markerschütternden Schrei aus und dann sah ich sie sterben! Glorana sprach ein Wort der Macht und ich sah unsere Gefährtin wieder aus dem Tod zurückkehren. Die Hexe verließ verächtlich lachend den Raum.

Ich schrie und schrie „sie bringt sie um! Sie foltert sie, könnt ihr das nicht sehen?“ Und dann weiß ich nicht mehr, was mit mir geschah, ich war gefangen von Entsetzen und von dieser Stimme in meinem Kopf, die mich nicht in Ruhe ließ, und die mir verführerische Worte von großer Macht einflüsterte. Und ich sank zu Boden, und fing ebenfalls an zu beten, erst zu Hesinde und dann, aus der Tiefe meines Herzens zu Tsa, der Lebensspenderin. Ich weiß nicht mehr, was ich ihr sagte, aber ich wusste, dass nur die Götter hier helfen konnten. Alles um mich herum war verschwunden, ich sah nicht meine Gefährten, ich sah auch nicht die Tür vor mir, ich versank in meiner Zwiesprache mit der Alles-Gebärenden, ewig Jungen und Friedfertigen. Die Stimme in meinem Kopf wurde leiser, und bevor sie ganz verschwand, lachte sie noch einmal hämisch und flüsterte: „Glaube nicht, dass ich dich verlasse! Ich werde kommen, wenn du mich rufst!“

Als ich wie aus einer Trance auftauchte, standen Bjarnir und El Sadarim vor dem immer noch verschlossenen Tor, die Hände erhoben und vereint in großer Konzentration. Ich sah die Anstrengung in den Gesichtern der beiden Magier, als das Eis für einen Moment zu zerfließen begann und sich ein Spalt auftat, doch dann war es auch schon vorbei, die Öffnung verschwand wieder und die Zauberer sanken bleich und erschöpft zusammen. „Wir müssen es schaffen, sie tötet Hesidane und erweckt sie dann wieder zum Leben, nur um sie erneut zu töten! Sie fügt ihr unbeschreibliche Schmerzen zu!“ Die anderen sahen mich an, als sei ich nicht bei Sinnen. Aber ich konnte ihnen doch nicht sagen, dass ich durch das Eis gesehen hatte, was geschah! Das war dunkelste Magie, abgrundtief böse! Wir beteten jetzt zusammen, Gero und Queseda ebenso wie ich.

El Sadarim stand immer noch regungslos an der Tür, scheinbar in tiefe Gedanken versunken. Dann legte er plötzlich die Hand an das Eis und sagte etwas, was keiner von uns verstand, und die Tür öffnete sich wie von selbst! Der Raum war leer, bis auf Hesidane, die in ihren Fesseln hing und von allem was um sie herum geschah nichts wahrzunehmen schien. Sie sah schrecklich aus, hatte überall auf ihrem Körper tiefe Wunden, aber sie schien sie nicht mehr zu spüren, sie sprach mit ihrer Göttin und sah uns nicht. Behutsam lösten wir die grausamen Klammern, hüllten sie in warme Felle, flößten ihr einen Trank ein und behandelten ihre Wunden mit Theriak. Thalas, den wir ganz vergessen hatten, trieb uns nun zur Eile an. „Wir müssen hier weg! Sie können uns jeden Augenblick entdecken!“ Natürlich hatte er Recht, und sobald Hesidane wieder stehen konnte, flohen wir durch das Gewirr der Gänge. Ich weiß nicht, wie wir nach draußen fanden, wahrscheinlich hat Thalas uns geführt, der uns schimpfend vorantrieb und wir fanden tatsächlich den Ausgang und ließen diesen Ort des Schreckens hinter uns. Wir hasteten weiter über das Eis und irgendwann sahen wir die Eissegler vor uns, für die Thalas’ Gefolgsleute gesorgt hatten. Ich hatte gedacht, ich könne so ein Gefährt steuern, doch ich wurde eines Besseren belehrt: was mir auf dem Weg nach Paavi wie ein Kinderspiel erschienen war, stellte sich nun als schwieriges Unterfangen heraus. Doch irgendwie gelang es uns, die Eissegler in Bewegung zu setzen und bald ließen wir die Stadt hinter uns und wurden von der uns nun schon vertrauten Einsamkeit des ewigen Winters Gloraniens empfangen.

Viele Tage vergingen, in denen wir nichts anderes sahen als eine endlose vereiste Ebene. Der Wind stach uns erbarmungslos wie mit Nadeln ins Gesicht, doch er war auch unser Freund, da er uns immer weiter von Paavi fortbrachte. Und eines Tages blieben unsere Eissegler in einer riesigen Schneewehe stecken. Es war wärmer geworden und die Kufen versanken im weichen Schnee. Wir mussten sie abmontieren und hatten nun zwei Schlitten, die wir abwechselnd zogen. Während der ganzen Fahrt wurde nicht allzu viel gesprochen, jeder tat, was getan werden musste und hing ansonsten seinen Gedanken nach. Hesidane schien immer noch entrückt, sie betete die meiste Zeit, El Sadarim schlief viel (wobei ihn fürchterliche Albträume zu quälen schienen, er wälzte sich oft unruhig im Schlaf hin und her) und wenn er wach war, schien er in eigene Grübeleien versunken. Auch mir ging es kaum anders, was ich vor der Tür im Eispalast Gloranas erlebt hatte, ließ mich nicht los.
Wir passierten ein Gebirge, das Bjarnir als „Salamandersteine“ bezeichnete, und kamen irgendwann in eine Stadt namens Tjolmar. Hier frischten wir unsere Vorräte auf und zogen dann weiter. Dank Bjarnirs Ortskenntnissen gingen wir nie fehl, es ereignete sich nichts Bemerkenswertes, nicht einmal Wölfe belästigten uns und so kamen wir nach einigen Wochen endlich in Olport an.

Zurück in Olport

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich jemals freuen könnte, diesen langweiligen Ort wieder zu sehen, aber als ich das lang gestreckte Gebäude der Magierakademie erblickte und auf unser Klopfen die Tür von einem kleinen Jungen geöffnet wurde, fühlte ich mich fast schon ein bisschen wie zuhause. Wir betraten die Halle und sofort stürzten sich alle Anwesenden auf Bjarnir, begrüßten ihn und bestürmten ihn mit Fragen. Uns Übrige schien keiner so recht zu bemerken. Ich muss sagen, etwas mehr Beachtung hätte mir schon gut getan! Kurz darauf erschien auch Haldrundir und begrüßte den Magier; von uns nahm auch er keinerlei Notiz. Die Spannung zwischen den beiden Männern war im ganzen Raum spürbar, der Hetmann der Runajasko schien nicht unbedingt erfreut über die Rückkehr Bjarnirs nach Olport. Doch dann wandte Haldrundir sich auch an uns, hieß uns willkommen und forderte uns auf, ihn in seinen Räumen aufzusuchen, sobald wir uns etwas gestärkt hätten. Die Halle füllte sich schnell, nachdem die Nachricht von unserer Rückkehr die Runde gemacht hatte, und bald stand vor jedem von uns ein schmackhaftes Essen und ein Krug Met. Wie bei Thorwallern üblich, wurde viel getrunken und bald wurde es laut und fröhlich. Wie sehr mir das Feiern und Geschichten erzählen gefehlt hatte! So entschied ich mich, Hesidane, El Sadarim und Bjarnir allein zum Vorsteher der Akademie gehen zu lassen und noch eine Weile in dieser fröhlichen Runde zu verweilen.

In der Runajasko werden neben der Magie auch Schiffbau und Skaldenkunst gelehrt. Außerdem gibt es nirgendwo in Aventurien so kunstvolle Tätowierer. In einer Ecke saß eine junge Frau, die gerade kunstvolle Ornamente auf den Arm eines stattlichen Kämpfers tätowierte. Und da hatte ich eine Idee: Hesidane hatte von den magischen Runen gesprochen, die die Thorwaller auf ihre Schiffe malten. Wie wäre es, wenn mir einer dieser Künstler eine Rune tätowieren würde, die meinen Schwertarm stärkte? Ich ging zu der Frau und fragte sie, ob sie dazu bereit sei. Freundlich aber bestimmt schüttelte sie den Kopf. „Wenn überhaupt, kann das nur einer, Ingirvald Beornson“, und sie wies auf einen bärtigen Alten in der Ecke des Raumes, dessen Körper über und über mit Bildern bedeckt war. Ich bedankte mich bei ihr und ging zu dem Mann hinüber, begrüßte ihn und äußerte in wohlgesetzten Worten meinen Wunsch. Aber er antwortete, dass er dazu zwar in der Lage sei, dass er aber solche machtvollen Zeichen nicht so einfach einer Fremden, die zudem nicht zu seinem Volk gehöre, tätowieren könne. Ich solle Haldrundir fragen, ob er seine Erlaubnis gäbe. Unverrichteter Dinge kehrte ich zu den anderen zurück und trank noch einen kräftigen Schluck oder auch zwei oder drei. Irgendwann dachte ich mir, dass ich mir ja für ’s erste eine ganz normale Tätowierung machen lassen könnte und ging erneut zu der jungen Thorwallerin, lud sie auf einen weiteren Krug Met ein, den wir gemeinsam trinken könnten und bat sie dann, mich zu tätowieren. Leider schlug sie mir meinen Wunsch auch dieses Mal aus, weil sie zu viel getrunken habe. Wenn ich am nächsten Tag noch wolle, könne sie mir gerne ein Bild auf die Haut malen. Ich willigte ein und leerte mit ihr noch einen weiteren Becher. Wie ich dann auf meine Felle gekommen bin, weiß ich nicht mehr so genau, aber am nächsten Morgen erwachte ich mit brummendem Schädel.

Wir setzten uns zusammen zum Frühstück, und El Sadarim und Hesidane berichteten von dem Gespräch mit dem Vorsteher der Akademie. Er war zwar der Meinung, dass wir unseren Auftrag nicht erfüllt hätten, zeigte sich aber auch besorgt über die Nachrichten aus Olport. Es war erneut zu Meinungsverschiedenheiten mit Bjarnir gekommen, der überzeugt war, dass das Studium der Runen helfen könne, den Feind zu besiegen, während Haldrundir das Wissen, das in den Tiefen der Bibliothek zu finden sein könnte, nicht so ohne weiteres zugänglich machen wollte. Aber er willigte ein, dass die Geweihte mit Hilfe Bjarnirs und El Sadarims ihre Studien hier beginnen könne. Wir begleiteten die drei hinunter in die Katakomben, wo die Schriften gelagert werden. Es herrschte ein ziemliches Chaos dort, überall lagen Pergamente gestapelt in Regalen, aber Hesidane schien zum ersten Mal seit ihrer Befreiung glücklich und stürzte sich sofort in die Arbeit. Sie fing an, die Bücher zu sortieren und war bald so in ihre Arbeit vertieft, dass wir übrigen (Gero, Queseda, Desmala und ich) uns ziemlich überflüssig vorkamen.

Außer der Bibliothek gibt es in den Katakomben noch einen Raum mit einem großen Becken, das gefüllt ist mit heißem sprudelndem Wasser, das aus den Tiefen der Erde zu kommen scheint. Hier kann jeder der möchte, ein wohltuendes Bad nehmen. Die Erste, die sich im Wasser tummelte, war natürlich Desmala, und auch Queseda und Gero ließen sich nicht lange bitten (natürlich nicht, wenn unsere schöne Tulamidin badet). Auch mir tat das warme Wasser gut, nach all der Kälte, die wir in den vergangenen Monaten ertragen mussten. Nur El Sadarim, der sich ja sonst nie ein schönes Bad entgehen lässt, vor allem nicht eines mit Desmala, war seltsam zurückhaltend. Er näherte sich kaum dem Becken und war nicht zu bewegen, darin einzutauchen. Stattdessen verschwand er mit Bjarnir in den Tiefen der Bibliothek. Ich hätte nie geglaubt, dass sein Wissensdurst tatsächlich den Sieg über seine Eitelkeit davontragen könnte! Später ging ich wieder zurück in die große Halle und nun ließ ich mir beide Brüste tätowieren, was ziemlich schmerzhaft war und einige Zeit dauerte, aber sie sind jetzt bedeckt mit wunderschönen Ornamenten, und ich bin mir sicher, bei meinem nächsten Bad (und nicht nur dann) große Bewunderung zu erregen.

Die Tage vergingen, wir bekamen die anderen kaum zu Gesicht. Desmala verbrachte ihre Zeit hauptsächlich im Bad, die drei Gelehrten waren in der Bibliothek verschwunden. Auch Thalas hatte sich unsichtbar gemacht, schon während der Fahrt hielt er sich immer in der Nähe seiner Kiste auf, da er scheinbar schreckliche Angst hatte, bestohlen zu werden (vielleicht deutete er einfach Geros begehrliche Blicke richtig). Überhaupt traute ich Thalas nicht, obwohl er uns in den Palast und auch wieder herausgebracht hatte, er hatte etwas Heimtückisches an sich, und er war käuflich, wie wir ja wussten.
Gero, Queseda und ich beschlossen, uns die Katakomben, die, wie wir schon festgestellt hatten, sehr viel größer waren, als man auf den ersten Blick sah, einmal genauer anzusehen; wir packten uns etwas Proviant, mehrere Fackeln und Seile ein, sagten Desmala Bescheid und zogen los. Eine steile Treppe führte geraden Wegs in die Tiefe, die von einem unbestimmten, blauen Licht erleuchtet war. Queseda hatte etwas Kreide dabei, um etwaige Abzweigungen zu markieren, was auch bald nötig wurde, den am Ende der Treppe verzweigten sich die Gänge und wir hätten sicher die Orientierung verloren. Ich werde an dieser Stelle nicht von all den Gängen berichten, von den Treppen, die sich nach unten und manchmal auch nach oben wendelten. Die Wände waren bedeckt mit Runen. Mehrere Gänge waren verschüttet, sodass wir gezwungen waren, umzukehren. Diese Katakomben mussten uralt sein, und offensichtlich wurden sie nur selten oder nie betreten. Es gibt Wunder in diesen Hallen, deren Ursprung im Dunkeln liegt (Vielleicht haben die Firnelfen einst hier gewirkt, auch jetzt leben noch einige in der Akademie). So gibt es einen Raum, in dem der Wind herrscht, einen für das Eis, einen weiteren für das Feuer und einen letzten, in dessen Mitte von Zeit zu Zeit eine Fontäne Wasser empor sprüht. Auch eine Art Versammlungsraum gibt es, in dem sieben Steinstühle im Kreis stehen. Wer in uralten Zeiten auf diesen gesessen haben mag, werden wir nie erfahren.

Wir waren schon den zweiten Tag unterwegs, als wir einen Raum betraten, der vollkommen leer war bis auf eine kleine schmucklose Bank. Queseda ließ sich darauf nieder und versank lange Zeit in Schweigen. Als er wieder aufstand, sagte er, er sehe jetzt klar. Ich wusste nicht recht, was er meinte, ich war nur müde vom langen Herumlaufen und ließ mich auf der Bank nieder. Ich dachte darüber nach, was wir tun sollten, ich dachte an meine Träume, an mein Erlebnis im Eispalast, ich sah Gloranas schönes, kaltes Antlitz, ich sah Hesidane, und dann eine Gestalt, die ich nicht erkennen konnte. Ich sah, wie der Schatten mit einem Dolch auf sie einstach. Meine Gedanken waren so klar und wohlgeordnet wie sonst nie. Ich wusste plötzlich, was zu tun war. Das war kein Traum! Das war eine Warnung! „Wir müssen zurück, Hesidane ist in großer Gefahr, sie wollen sie ermorden!“ Ich weiß nicht, was Queseda gesehen hatte, aber keiner widersprach und wir eilten so schnell wir konnten zurück, die langen Gänge entlang, die Treppen hinauf und immer weiter. Es schien mir eine endlos lange Zeit vergangen zu sein, bis wir den Raum mit dem Wasserbecken betraten. Wir liefen weiter in die Bibliothek, wo Hesidane erstaunt aufblickte, als sie uns so außer Atem hereinstürzen sah. El Sadarim saß am Tisch und übersetzte Texte, Bjarnir sortierte Pergamente und Hesidane machte sich Notizen in ihrem Buch, in dem nur sie lesen durfte. „Ihr seid in Gefahr, man will Euch töten!“ rief ich, doch wie konnten wir Hesidane überzeugen, dass es nicht nur Hirngespinste waren? Doch unsere Gefährten waren mit ganz anderen Problemen beschäftigt.

Während wir uns in den Katakomben aufhielten, war hier oben eine unerfreuliche Wendung eingetreten. Ein muskelbepackter, von oben bis unten tätowierter Riese, dessen Namen ich vergessen habe und den wir bisher kaum beachtet hatten, hatte uns beschuldigt, Verschwörer gegen die Akademie zu sein. Während unserer Abwesenheit hatte Hesidane beim Studium der uralten Pergamente und Folianten in der Bibliothek das Geheimnis der Runen entdeckt: es war das Wissen darum, wie man ihre Wirkung dauerhaft machte. Welche Möglichkeiten hätten sich Glorana damit erschlossen! Im Besitz dieses Wissens wären ihre Sklaven auch ohne Theriak vor den Unbillen der dämonischen Kälte geschützt, ebenso wie ihre Söldner, die zudem durch Schutzrunen schier unbesiegbar würden.
Nun verdächtigte man uns, dass wir die Geheimnisse, die Hesidane in den alten Schriften gefunden hatte, dem Feind übergeben wollten. Welch ein irrsinniger Gedanke! Wir, die wir Gefangene Gloranas gewesen waren, sollten ihre Helfer sein! Das konnten wir nicht auf uns sitzen lassen! Wir mussten mit Haldrundir sprechen und ihn davon überzeugen, wie absurd dieser Verdacht war, der auf uns lastete. Doch man hatte beschlossen, uns von der Versammlung auszuschließen, die über die Vorwürfe und unser weiteres Schicksal entscheiden würde. Nur Bjarnir als Angehörigem der Runajasko würde es erlaubt sein zu sprechen. Wir anderen sollten hier unten in der Bibliothek warten, bis man uns mitteilte, ob wir von diesem infamen Vorwurf freigesprochen wurden oder nicht. Um sicher zu gehen, dass wir die Räume nicht verlassen würden, hatte man zwei Wachen aufgestellt. Hielten sie uns für so ehrlos? Wutentbrannt stürmte Desmala die Treppe hinauf, ich hinterher. Die beiden Thorwaller, die die undankbare Aufgabe übernommen hatten, uns daran zu hindern die Bibliothek zu verlassen, waren Desmalas Zorn und Überredungskunst nicht gewachsen. Nach einigem Zögern ließ sich einer der beiden überreden, mit Haldrundir zu sprechen und kehrte kurz darauf mit der Erlaubnis für uns beide zurück, an der Versammlung teilzunehmen. Als wir in der großen Halle ankamen, waren schon alle versammelt. Entschlossen gingen wir auf den Hetmann zu und baten ihn, uns anzuhören. Etwas unwillig, da wir hatten versprechen müssen, uns nicht einzumischen, gestattete er uns, von unseren Erlebnissen in den Katakomben zu berichten und von unserem Verdacht, dass jemand Hesidane nach dem Leben trachtete. „Ihr wart in der Kammer des Orakels? Was man dort sieht, sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen! Ich werde wohl selbst hinuntergehen müssen und es befragen. Oftmals sind die Visionen, die man dort hat, vieldeutig, aber vielleicht können sie uns doch helfen, klarer zu sehen. Ihr werdet bei Euren Gefährten warten, bis ich zurückkomme und dann werden wir darüber entscheiden, ob der Verdacht, der auf euch lastet, berechtigt ist.“ Damit wandte er sich von uns ab und rief einige seiner Vertrauten, die ihn in den Raum des Orakels begleiten sollten. Desmala und ich kehrten zu den anderen zurück, um ihnen von den Ereignissen im Versammlungsraum zu berichten. Auch El Sadarim hatte beunruhigende Neuigkeiten für uns: er hatte zufällig ein Gespräch Bjarnirs mit Thalas belauscht, in dem der Magier den Thulamiden fragte, ob er alles seinen Wünschen entsprechend erledigt hätte, und Thalas hatte geantwortet, dass alles nach Plan verliefe. Sollte es etwa Bjarnir sein, der den Verrat plante? Bjarnir, der immer in der Nähe der Geweihten war, der scheinbar auf ihrer Seite stand, der aber, das erkannten wir in diesem Augenblick, seine ganz eigenen Pläne verfolgte. Aber er hatte uns immer geholfen! War sein Verrat wirklich möglich? Bjarnir oder Thalas als Verbündete Gloranas? Wir konnten ihnen nicht trauen! Sie waren diejenigen, die all die Zeit unbehelligt in Paavi gelebt hatten, und dafür musste es einen Grund geben.

Da Bjarnir nicht bei uns war, konnten wir offen reden, aber wir waren uns nicht sicher, was wir tun sollten. Wenn wir nur Beweise gehabt hätten! Wir beschlossen, wachsam zu sein, vielleicht würde der Magier sich ja eine Blöße geben. Gero wollte Thalas im Auge behalten, der sich die meiste Zeit von uns absonderte. Aber eines wussten wir: Hesidane war in großer Gefahr. Wir mussten alles tun, um sie und die Aufzeichnungen zu schützen. Während der Stunden, die Haldrundir in den Tiefen der Katakomben verbrachte, begannen wir, die Aufzeichnungen der Geweihten, die Bücher und Pergamente in einen sicheren Raum der sich gut bewachen ließ zu bringen.
Als der Vorsteher der Akademie endlich zurückkehrte, hatten wir unsere Arbeit beendet. Da es nur Desmala und mir erlaubt war, an der „Verhandlung“ teilzunehmen, blieben die anderen bei Hesidane und die Hexe und ich kehrten in den Versammlungsraum zurück. Ich werde an dieser Stelle nicht alles aufschreiben, was hier besprochen wurde, nur so viel: Haldrundir erklärte, dass das Orakel wie erwartet nicht klar zu deuten war, dass er aber zu dem Schluss gekommen sei dass der Vorwurf des Verrats unbegründet sei und dass wir recht haben könnten mit unserer Befürchtung, dass Hesidane gefährdet sei und damit auch das Wissen, das sie erlangt habe. Allerdings sträubte er sich immer noch dagegen, dass die Geweihte ihre Aufzeichnungen mit nach Kuslik nehme, da die Geheimnisse der Runenmagie nun einmal hierher in diese Akademie gehörten und nur hier sicher seien. Immerhin war es uns nun wieder gestattet, uns ungehindert überall zu bewegen. Mit dieser Nachricht kehrten wir zu unseren Gefährten zurück. Von unserem Verdacht gegen Bjarnir wollten wir gegenüber Haldrundir vorerst nichts verlauten lassen, da wir ja keine Beweise hatten.
Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass es vor unserer Abreise, der ja aus Sicht der Thorwaller nichts mehr im Weg stand, ein Fest geben solle. Überall wurden Vorbereitungen getroffen und es herrschte eine freudige Stimmung, von der es schwer war, sich nicht anstecken zu lassen. Bjarnir verhielt sich so freundlich wie immer, niemand wäre auf die Idee gekommen, er könne ein Verräter sein, aber wir behielten ihn trotzdem im Auge. Gero war verschwunden, wahrscheinlich verfolgte er Thalas, der sich auch nicht blicken ließ. Bald zog der Duft nach gebratenem Fleisch durch den Raum, Fässer mit Met wurden herbeigerollt und die ersten Harfen- und Flötenklänge waren zu hören. Gegen Abend füllte sich die Halle mit ausgelassenen Menschen, es wurde getrunken und getanzt, gelacht und gestritten, wie es sich eben für ein echtes Fest unter Thorwallern geziemt. Wir allerdings blieben angespannt, ließen Bjarnir nicht aus den Augen, der allerdings keinerlei Zeichen von Nervosität zeigte.

Es war eineige Zeit vergangen, als Gero, der nur kurz aufgetaucht und schon bald nach Beginn des Festes wieder verschwunden war, schreckensbleich zurückkehrte. „Er ist tot! Thalas! Schaut ihn euch an, er liegt draußen, in Scherben wie eine Statue aus Eis, die man zerschlagen hat!“ Wir folgten Gero in den Hof und sahen, was er meinte: nur unheilige Magie konnte da am Werk gewesen sein. Etwas hatte den Tulamiden zu Eis erstarren lassen und dann in Stücke gehauen. Welch furchtbares Ende! Wir stürzten zurück in den Versammlungsraum. Wo war Bjarnir? Während wir Gero nach draußen gefolgt waren, war er geflohen. Wir suchten nach ihm, alle liefen aufgeregt durcheinander, doch wir fanden keine Spur, weder im Hof noch in seinem Quartier. Er war und blieb verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Die Aufzeichnungen! El Sadarim und Hesidane rannten hinunter in die Bibliothek und kehrten kurz darauf mit der beruhigenden Nachricht zurück, dass alles noch unberührt sei. Doch das Fest war damit vorbei, niemand dachte mehr daran zu feiern, alle waren bestürzt und zornig ob des schrecklichen Mordes der in ihren Mauern verübt worden war. Bald leerte sich die Halle und auch wir gingen zurück in unsere Gemächer um etwas Schlaf zu finden.

Heimreise

Viele Tage sind seither vergangen. Wieder einmal sitze ich an Deck eines Schiffes, das uns nach Kuslik bringen soll, dem Ausgangspunkt unserer Reise. Wie froh bin ich, endlich wieder nach Süden zu reisen und die eisigen Einöden des Nordens hinter mir zu lassen! Ich träume nachts von den grünen Hügeln Almadas, von süßem Wein und heller Sonne und von den stolzen und fröhlichen Menschen meines Volkes, die ich vermisse wie selten zuvor. Tags sitze ich mit meinen Gefährten zusammen und manchmal sprechen wir über die Abenteuer der letzten Monate. Doch oft hängt jeder seinen Gedanken nach, Hesidane arbeitet an ihren Notizen, Gero zählt seine Dukaten (heimlich natürlich, er denkt wohl, niemand bemerkt es), Queseda redet mit den Seeleuten (er hat sich inzwischen ein beträchtliches Wissen über die Seefahrt zugelegt), El Sadarim studiert irgendwelche Schriften und Desmala räkelt sich an Deck und genießt die Aufmerksamkeit der Matrosen. So habe ich Zeit, mein Tagebuch zu Ende zu führen, das jetzt, wo Kuslik schon ganz nah ist, ja wieder zu einem Brief an Wurrbusch werden kann, dem Freund, den ich nun hoffe, bald wieder sehen zu können.

Sicher wollt Ihr nun erfahren, mein Freund, wie alles ein Ende nahm! Das ist schnell erzählt:

Am nächsten Tag trafen alle zusammen, um über die Ereignisse des Vorabends zu reden und zu entscheiden, was nun weiter geschehen solle. Niemand wusste, wohin Bjarnir verschwunden war, aber die Art des Mordes an Thalas bestätigte unseren Verdacht, dass er mit Glorana im Bunde war. Die Mitglieder der Runajasko waren über diese Neuigkeiten sehr beunruhigt, doch gleichzeitig auch erleichtert, dass es ihm nicht gelungen war Hesidanes Aufzeichnungen an sich zu bringen, was nicht zuletzt unserer Vorsicht zu verdanken war. So wurden wir, obwohl wir unseren Auftrag, der uns ja eigentlich nach Enqui hätte führen sollen, nicht erfüllt hatten, geehrt und jedem von uns wurde zum Dank eine Rune tätowiert (meine ist, finde ich, besonders schön geraten, sie schmückt meinen Rücken zwischen den Schulterblättern und dient dazu, mir den Schutz einer leichten Rüstung zu geben, auch wenn ich keinen Harnisch trage. Ihr könnt Euch vorstellen, was das für mich bedeutet!). Und noch etwas geschah: Hesidane wurde es erlaubt, einen kleinen Hesinde-Tempel in der Akademie zu gründen! Nach all dem, was sie ausgestanden hatte während ihrer Gefangenschaft in Gloranas Palast war das für sie der schönste Lohn. Sie würde hier weiter forschen können und gleichzeitig ihrer Göttin dienen! Trotzdem musste sie natürlich noch einmal nach Kuslik zurückkehren, um alles mit der Magisterin der Magister zu besprechen. Auch uns zog es dorthin zurück, nicht zuletzt deshalb, weil uns dort ja unser wohlverdienter Lohn erwartete! Hatten wir nicht unsere Aufgabe erfüllt, Hesidane zu beschützen? Wir drängten also auf baldigen Aufbruch, und es dauerte nicht lange, bis sich ein Schiff fand, das uns nach Kuslik mitnehmen würde.
Und so segeln wir endlich zurück gen Süden und vielleicht gibt es bald ein Wiedersehen mit Euch, alter Zwerg (war nicht so gemeint, ich weiß ja, dass Ihr in Eurer Sippe noch ein wahrer Jungspund seid)! Ihr werdet mich kaum wieder erkennen, die Alifa, die ich war, ist im ewigen Eis Gloraniens geblieben. Es gibt vieles, über das ich nachdenken muss (wenn das Denken auch nicht gerade meine liebste Beschäftigung ist), und vielleicht werde ich auch für eine Weile eigene Wege getrennt von meinen Gefährten gehen müssen, aber das wissen im Moment nur die Götter.

Es grüßt Euch
Alifa Saba Ayvar

Nachtrag
Ich weiß, dass mein Bericht manchmal etwas wirr erscheinen mag, verzeiht mir mein Unvermögen! Aber das, was wir erlebt haben, überstieg so manches Mal meinen Verstand. Ich hoffe, Ihr bedenkt, dass ich nur eine Zahori bin, die noch nicht allzu lange des Schreibens mächtig ist und nicht die Klugheit eines Gelehrten besitzt.

Natürlich kann ich diesen Brief (oder dieses Tagebuch) nicht abschicken, ich werde es wohl Thoran dem Schmied selbst überreichen, sobald wir in Kuslik angekommen sind, und ich hoffe, er hat Nachricht von Euch!
A.

 

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