Lionel de Buèges


Lionel de BuègesLionel de Buèges stammt aus Okzitanien, genauer: aus einem Ort in der Nähe von Toulouse. Er ist der zweite Sohn eines ziemlich unbedeutenden Ritters, Jean de Buèges, eines Lehensmannes des Grafen von Toulouse, und somit ohne große Hoffnung auf das ohnehín nicht sehr vielversprechende Erbe. Er ist ein Träumer und ausgesprochener Leichtfuß, und das Einzige, was ihn dauerhaft zu fesseln vermag, ist seine Liebe zur Musik. Schon sehr früh erlernte er von einem durchreisenden Spielmann, der einen Winter auf der Burg von Buèges verbrachte, das Lautenspiel, für das er in der folgenden Zeit ein außerordentliches Talent zeigte. Da das zu nicht endenden Auseinandersetzungen mit seinem Vater führte, der für seinen jüngeren Sohn an eine geistliche Laufbahn gedacht hatte, verließ Lionel die elterliche Burg schon sehr früh und zog fortan durch seine okzitanische Heimat. Mit seiner etwas rauchigen Stimme, seinem immer besseren Lautenspiel und seinem Charme öffnete er sich viele Türen, spielte erst auf der Straße und in Tavernen und irgendwann auch vor den kunstsinnigen Herren und Damen des Adels. Letzteres geriet ihm dann irgendwann zum Verhängnis, da er nicht nur von Minne sang, sondern wiederholt das oberste der Leys d’ Amor übertrat, nämlich, niemals eine der Angebeteten zu berühren. Als er mit der Tochter des Herrn von Foix in wenig züchtiger Umarmung im Stroh erwischt wurde, hatte er endgültig eine Grenze überschritten, und man ließ ihm keine Wahl. Um seiner dauerhaften Entehrung zu entgehen, nahm er eine harte Strafe auf sich: er darf fünf Jahre nicht in seine Heimat zurückkehren und muss nach Jerusalem pilgern um dort am Heiligen Grab um Vergebung für seine Sünden zu beten.
Damit die Strafe nicht zu hart ausfällt und um zu verhindern, dass sein Sohn allzu früh aus der Fremde zurückkehrt, hat ihm sein Vater eine kleine Summe Geldes mit auf den Weg gegeben, die Lionel im Gürtel bei sich trägt.

Zur Zeit des Abenteuers ist er 19 Jahre alt, er ist nicht sehr groß, etwa 1 Meter 70, ist schlank und feinknochig, er trägt seine braunen, lockigen Haare kaum schulterlang, und sein Bartwuchs ist nicht sehr ausgeprägt, was ihm zusammen mit seinen dunkelbraunen Augen, der schmalen Nase und dem fein gezeichneten Mund manchmal etwas fast Mädchenhaftes verleiht.
Gekleidet ist er in ein leinenes Hemd und enge Beinkleider, darüber eine Tunika, die bis über seine Knie reicht und um die Mitte gegürtet ist. Dazu besitzt er einen wollenen Umhang, der von einer bronzenen Spange zusammengehalten wird, und die im Mittelalter übliche Kapuze. Seine Füße stecken in bis über die Knöchel mit Lederbändern geschnürten Schuhen. Er ist unbewaffnet bis auf einen Dolch, den er in einer Lederscheide an seinem Gürtel verbirgt. Außer seinem Bündel, das ihm über der Schulter hängt und in dem er seine wenigen Habseligkeiten mit sich führt, trägt er seinen wichtigsten Besitz auf dem Rücken: eine in einem gewachsten, wasserdichten Sack verborgene Laute.

***

Textfetzen

Endlich, La Serenissima! Wie viel hat er auf seinem langen Weg von Toulouse schon von dieser sagenhaften Stadt gehört! Lionel de Buèges holt einmal tief Luft, was er allerdings im selben Augenblick auch schon wieder bereut, denn der Geruch, der dem Wasser zu seinen Füßen entströmt, ist alles andere als angenehm. Er steht auf einer der vielen Brücken dieser Stadt, die er am Abend zuvor zum ersten Mal betreten hat. Er ist immer noch überwältigt von der schieren Masse an Menschen, die sich überall drängen und scheinbar alle ein Ziel haben, dass sie möglichst schnell erreichen wollen. Er hat in einer Pilgerherberge der Benediktiner übernachtet, auch dort war es voll, zu voll für seinen Geschmack, sodass er schon vor Sonnenaufgang aufgestanden ist, um diesen wenig gastlichen Ort wieder zu verlassen.
Langsam schiebt er sich durch die Menge der Menschen, bleibt immer wieder stehen, um sich alles anzusehen. Er war noch nie in einer so großen Stadt und lässt sich nun einfach treiben.

***
Irgendwann gelangt er auf einen ihm riesig erscheinenden Platz, der gesäumt ist von prachtvollen Palästen. Beherrscht wird er von einem Gebäude, das so schön ist, dass Lionel, der noch nie etwas Vergleichbares gesehen hat, obwohl auch seine Heimatstadt sich nicht verstecken muss, zielstrebig beginnt, sich durch die Menge zu drängen. Er hat nur einen Wunsch: dieses Wunder von nahem zu sehen. Er hört vereinzelt Flüche, wenn er jemanden zur Seite schiebt, aber es kümmert ihn nicht. Als er endlich vor dem riesigen Portal steht, das bis in den Himmel zu reichen scheint, sinkt er auf die Knie. Dieses Bauwerk ist Stein gewordene Musik, und er weiß, wenn er einmal ein solches Werk schaffen sollte, eine Musik, die so voller Schönheit ist, dann wird er am Ziel eines langen Weges sein.

Nach einer Weile bemerkt Lionel wieder das Leben um sich herum und auch, dass er vielleicht dem einen oder anderen im Weg ist. Er steht wieder auf und folgt den vielen Menschen, die durch das hohe Portal ins von unzähligen Kerzen erleuchtete Innere der Kirche strömen. Geblendet von all der Pracht und Größe, bleibt er einen Moment stehen. Die Gewölbe über ihm sind so hoch, dass er nicht genau sehen kann, wo sie enden. Mit zögernden Schritten geht er auf den Altar zu, ihm ist wieder als würde er Musik hören, aber vielleicht ist sie auch nur in seinem Kopf, das passiert ihm öfter. Vor dem Altar fällt er erneut auf die Knie, dieses Mal um zu beten, dafür zu danken, dass er unbeschadet bis hierher gekommen ist und um zu bitten, dass seine Pilgerreise erfolgreich sein möge. Zum ersten Mal seit er aufgebrochen ist spürt er echte Bewegung angesichts seiner ihm auferlegten Buße.

Als er sich wieder von den Knien erhebt und sich abwendet um die Kirche zu verlassen, sieht er in der Nähe einen Ritter in weißem Umhang mit schwarzem Kreuz knien, der ebenfalls ins Gebet vertieft ist. Offensichtlich ein Ordensritter, obwohl Lionel diese Ordenstracht unbekannt ist. Ob er auch ins Heilige Land zieht oder gar von dort kommt? Gerne würde er ihn fragen, vielleicht könnte er ihm das eine oder andere erzählen, aber es kommt ihm nicht zu, einen Gläubigen in seiner Andacht zu stören. Also verlässt er die Kathedrale und tritt hinaus ins helle Sonnenlicht. Geblendet schließt er kurz die Augen, dann schaut er sich nach einer ruhigeren Ecke um, wo er vielleicht auf den fremden Ritter warten kann. Er nimmt die Laute vom Rücken, holt sie aus ihrer schützenden Hülle, lehnt sich im Schatten eines der vielen steinernen Bögen an die Mauer und beginnt, ohne den Vorplatz der Kirche aus den Augen zu lassen, ein paar Saiten anzuschlagen.

***
Als Lionel am nächsten Morgen erwacht, brummt ihm der Schädel und selbst das Vogelgezwitscher, das durch das Fenster zu hören ist, verursacht ihm Unwohlsein. Vorsichtig öffnet er die Augen um erst einmal festzustellen, wo er sich befindet, denn leider hat er nicht die geringste Erinnerung, wie und wo der Ausflug in die Taverne geendet hat. Beim Anblick der winzigen Kammer, in der das schmale Bett steht, auf dem er liegt, fällt ihm aber wieder ein, wie er hierher gekommen ist. Als er sich aufsetzt, durchfährt ein stechender Schmerz seinen Kopf und er verzieht gequält das Gesicht. Er sieht sich um; offensichtlich ist er alleine. In der Ecke stehen seine wenigen Habseligkeiten und auch die Laute. Bei ihrem Anblick schickt er einen kurzen Dank gen Himmel und erhebt sich seufzend, um sich auf den Weg zum Hafen zu machen. Er trifft niemanden, als er das Zimmer verlässt und über die schmale Stiege, die zu dem kleinen Hinterausgang führt, durch den er wenige Stunden zuvor hinein gelangt ist, auf leisen Sohlen aus dem Haus schlüpft.
Draußen blendet ihn das helle Licht der Sonne und seine Kopfschmerzen werden schlimmer. Er braucht eine Weile, um sich zurechtzufinden, in der Nacht hat er sich einfach führen lassen und nicht auf den Weg geachtet.
Erleichtert erblickt er irgendwann die Basilica di San Marco und weiß, dass er jetzt nicht mehr allzu weit vom Hafen entfernt ist.

***
Lionel springt auf, legt die Laute behutsam auf das Bett und verlässt seine Kabine. Auf Deck herrscht reges Treiben der Seeleute, die damit beschäftigt sind, die Segel zu setzen und die Leinen zu lösen. Er spürt ein fast unmerkliches Wanken unter seinen Füßen, lehnt sich an die Reling und blickt zurück auf den Hafen, wo sich immer noch viele Menschen drängen, und auf die schöne Stadt, die ganz langsam beginnt, sich zu entfernen. Unhörbar murmelt er ein leises Gebet, in dem er den Herrn darum bittet, dass er Venedig eines Tages wiedersehen möge.

***
Er erwacht, weil er auf seinem Lager im Gegensatz zu den vorigen Nächten hin- und her geworfen wird. Er kann gerade noch verhindern, aus dem Bett zu fallen, indem er sich an der Matratze festhält. Fluchend richtet er sich auf; es ist stockdunkel in der Kabine und er tastet blind nach seinen Kleidern, die er am Abend über den Stuhl gehängt hat. Nach einer Weile findet er sie auch und zieht sich an, was nicht ganz einfach ist, da er sich immer wieder festhalten muss um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Als er es endlich geschafft hat, bewegt er sich langsam und trotzdem immer wieder torkelnd wie ein Betrunkener in Richtung Tür und öffnet diese, um einen Blick auf den Gang hinaus zu werfen.

***
Lionel mustert den Kapitän, dessen Körperumfang und etwas schwerfällige Bewegungen bei dem jungen Troubadour eine gewisse Belustigung auslösen, aber zugleich auch beruhigend wirken. Die Art, wie der Alte von seinem Schiff redet erinnert Lionel an sich selbst, wenn er von seiner Laute spricht, und die Zärtlichkeit, die darin zu spüren ist, macht ihm den Mann sympathisch. Dass er sein Schiff auf eine Sandbank steuert, weckt in ihm allerdings auch leise Zweifel an Vincencos Beteuerungen, dass Canelli der beste Kapitän auf allen Meeren sei.
„Euer Wort in Gottes Ohr! Doch nun, da ich so unsanft aus meiner Nachtruhe geholt wurde, werde ich ein wenig an Deck gehen und die gute Luft dort genießen.“
Er nickt Canelli freundlich zu „Ihr erlaubt?“ Mit diesen Worten versucht er an dem Mann vorbeizukommen, dessen Leibesfülle ihm den Zugang zum Deck versperrt. Dank seiner schmalen Gestalt gelingt ihm das auch und kurz darauf tritt er ins Freie, wo er erst einmal tief Luft holt. In seiner Kabine ist es ziemlich stickig und er genießt die frische Brise, die ihm entgegenschlägt. Dann sieht er sich neugierig um.

***
Lionel bleibt in der Nähe eines Mastes stehen, weit genug von der Reling entfernt, um hoffentlich nicht allzu nass zu werden. Er sieht Markwardt im Aufgang stehen, aber dieser wünscht scheinbar nicht angesprochen zu werden. Der Ordensritter übt sich in außerordentlicher Zurückhaltung, genauso wie Nicholas, dessen immer ernste Miene den jungen Okzitanier davon abhält, das Gespräch mit ihm zu suchen. So hat er in den vergangenen Tagen viel Zeit mit seiner Laute alleine in seiner Kabine verbracht. Jetzt steht er in der Dunkelheit und schaut zu den Sternen empor, leise ein Lied summend, dessen Melodie ihm am Vortag in den Kopf gekommen ist. Den Text hat er schon auf dem langen Weg nach Venedig verfasst, als sein Herz noch mehr in der Heimat weilte als in der staubigen Gegenwart der Pilgerreise.
Als er jetzt in das Dunkel des Himmels schaut, erfasst ihn ein erregendes Gefühl von Freiheit und Glück, wie er es nicht einmal spürte, als er die Burg seiner Vorfahren das erste Mal verließ. Er weiß, dass er in diesem fernen, feindseligen Land den Tod finden kann, wie so viele, die nicht zurückkehren, aber in diesem Augenblick ist ihm dass völlig gleich.

Als der Troubadour endlich in seine Kabine zurückkehrt, ist bereits der Morgenstern als Künder des neuen Tages im Osten aufgetaucht. Bald wird die Sonne aufgehen und Lionel merkt plötzlich, wie müde er ist. Ohne eine Kerze zu entzünden, tastet er sich zurück, wirft sich auf sein Lager und ist kurz darauf schon fest eingeschlafen.

***
Die Tage auf dem Meer vergehen und irgendwann hört Lionel auf, sie zu zählen. Inzwischen ist ihm das stetige sich Heben und Senken des Schiffes ebenso vertraut wie die Rufe der Mannschaft und die vier Wände seiner Kabine, die er allerdings nur des Nachts aufsucht. Bei Tage sitzt er, wenn das Wetter es erlaubt, im Schatten der Segel an Deck, spielt Laute oder lässt sich von Heinrich ein paar der Lieder Walters von der Vogelweide übersetzen, die er von dem deutschen Spielmann gelernt hat. Auf diese Weise wird ihm diese Sprache, die seinen Ohren erst so rau erschien und die sich in seinem Mund sperrte, in der aber der große Minnesänger meisterhafte Texte verfasst hat, langsam etwas vertrauter.
Als eines Tages endlich der Ruf eines Matrosen vom Ausguck zu hören ist, sitzt der Troubadour wie immer an Deck, die Laute in der Hand. Voller Vorfreude springt er auf, doch die Stadt ist noch weit entfernt, sodass er sie durch den Dunst kaum sehen kann. Er sieht Bruder Franciscus, der auf die Knie sinkt um zu beten. Offensichtlich hat er diesem Mann zu Unrecht misstraut, und er bittet ihn stumm um Verzeihung dafür.
Nach einer Ewigkeit fährt das Schiff endlich in den Hafen ein. Lionel steht an der Reling und starrt wie gebannt auf das Treiben an der Anlegestelle und die vielen fremdartig aussehenden Menschen an Land. So sehen also Ungläubige aus, denkt er sich.
Suchend schaut er sich nach den anderen um, als er Vincenzo sich nähern sieht.

***
Auch die anderen sind herangetreten um zu hören, was der Junge zu sagen hat. Lionel zieht amüsiert die Augenbrauen hoch, als Nicholas auf Vincenzos Worte hin fragt, ob das „Liebliche Nest“ ein angemessenes Gasthaus sei. Dem Troubadour scheint, dass dieser Name auf etwas ganz anderes hindeutet als auf eine anständige Herberge für einen Ritter auf dem Weg zum Heiligen Grab. Verstärkt wird dieser Eindruck noch von dem breiten Grinsen auf dem Gesicht des Jungen.
Lionel will gerade etwas auf Vincenzos Rede erwidern, als er ein zartes aber hartnäckiges Zupfen an seinem Ärmel spürt.
Als er sich herumdreht, um zu sehen, wer sich ohne Rücksicht auf das Gespräch so beharrlich bemerkbar zu machen sucht, sieht er ein kleines Mädchen, das ihn mit großen Augen nach seiner Mama fragt. Er betrachtet die vor Schmutz starrende Kleine erstaunt und bückt sich mit einem freundlichen Lächeln zu ihr herunter. „Ist sie schon lange weg, deine Mama?“
Etwas hilflos schaut er sich um, irgendwo muss die Mutter des Kindes ja sein, doch in dem Gewühl kann er keine Frau ausmachen, die offenkundig nach einem Kind zu suchen scheint.
Er wendet sich wieder dem Mädchen zu. „Sicher werden wir sie bald finden, Kleine, hab keine Angst! Pass auf, ich hebe dich hoch auf meine Schultern und du schaust, ob du sie entdeckst.“
Damit hängt er sich die Laute über den Rücken und streckt der Kleinen auffordernd die Hände entgegen.

***
Lachend dreht sich Lionel zu den anderen. „Messires, meine Domna wünscht, das Schiff zu verlassen, und ich bin ihr Diener. Allerdings gibt es ein Problem. In meiner Kabine wartet noch mein unbedeutender Besitz, doch ich fürchte, diese kleine Mademoiselle wird nicht die Geduld aufbringen, zu warten bis ich mein Gepäck geholt habe. Wäre es zu viel verlangt, wenn Garth meine wenigen Habseligkeiten holt, Sire? Sie liegen bereits gepackt auf meinem Lager.“ Fragend schaut er Nicholas an, der sich gerade verabschiedet um letzte Vorbereitungen für den Landgang zu treffen.
Als das Mädchen sich ohne zu zögern von ihm hochnehmen lässt, setzt er es mit einem Schwung auf seine Schultern und schaut in die Richtung, in die es deutet.
Am Kai hat sich eine kleine Schar Frauen gesammelt, die, als sie vom Schiff kam sofort von einer Gruppe Männer in Empfang genommen wurde, deren Verhalten gegenüber den Frauen rüde und respektlos ist.
Die Miene des Troubadours verfinstert sich, als er das sieht. Seine ganze Kultur hat ihn Verehrung der Frauen gelehrt, und was sich da unten abspielt, kann er nicht gutheißen.
„Was geht dort vor? Vielleicht ist die Mutter der Kleinen unter diesen Frauen?“

***
Der Troubadour fühlt sich hilflos angesichts eines kleinen einsamen Mädchens. „Nüsse oder Honig, was meinst du?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten erwidert er dem Händler „Ich nehme beides, Nüsse und Honig.“ Er hält dem Mann die Münze hin, die er immer noch in der Hand hält und hofft, dass es genug ist.
„Habt Ihr zufällig einen Trupp Frauen in Begleitung mehrer Männer gesehen?“ fügt er ohne allzu viel Zuversicht eine Antwort darauf zu erhalten hinzu. „Sie müssen vor kurzem hier vorbei gekommen sein und waren in Eile. Die Mutter der Kleinen war dabei und nun können wir sie nicht finden.“ Er setzt ein Mitleid heischendes Lächeln auf. „Ihr seht ja, wie sehr sie weint.“
Lionel legt dem Alten die Münze in die Hand und bedankt sich freundlich. Dann wendet er sich der Kleinen zu und hält ihr die Nüsse hin.
„Möchtest du diese wohlschmeckenden Früchte kosten, kleine Prinzessin? Er lacht sie verschmitzt an. „Dein Diener würde sie für dich öffnen, so du dies wünschst. Doch sag mir zuvor, wie ich dich nennen darf. Der Name deines Dieners ist übrigens Lionel.“ Damit deutet er auf sich.
Doch während er scherzt, arbeitet es in seinem Kopf fieberhaft. Dieser Mann weiß mehr, hat aber Angst zu sprechen, das ist offensichtlich. So fügt er zuletzt als rede er mit sich selbst, aber nichtsdestotrotz für den Alten gut hörbar hinzu: „Wo findet man hier denn etwas Schatten? Oder gibt es den in diesem der Sonne ausgelieferten Land nur in der Nacht?“
„Dann kehren wir wohl am besten zum Hafen zurück, Prinzessin“ meint er gleichzeitig zu dem Kind auf seinem Arm und zu dem Händler, dem er ein weiteres Geldstück in die Hand drückt, während er ihm dankend zunickt.
„Möchtest du lieber laufen, petite Colomba?“ Er setzt die Kleine auf dem Boden ab, hält aber weiterhin ihre Hand, damit sie ihm im Gedränge nicht verloren geht, und macht sich mit ihr auf den Weg zurück zum Schiff.

Erleichtert überlässt Lionel die Kleine ihrer Mutter. Die überschwänglichen Dankesbezeugungen der Frau sind ihm unangenehm und er entzieht ihr freundlich lächelnd seine Hand. „Gott sei mit dir und deiner Tochter. Möget ihr in Frieden euren Weg fortsetzen.“ Er überreicht mit einer übertriebenen Verbeugung Maria die restlichen Nüsse und streicht ihr über die zerzausten Haare. „Au revoir, Prinzessin, es war schön, Euch dienen zu dürfen! Ich werde die Erinnerung an Euch immer in meinem Herzen tragen.“
Damit wendet er sich ab und dem fremden Ritter zu, der gerade Vincenzo unsanft am Kragen packt und grob anfährt. Ebenso wie Heinrich und auch Nicholas gefällt ihm das Verhalten Alberts nicht, doch für den Moment hat er genug davon, sich in fremde Angelegenheiten zu mischen. Der Matrose wird sich schon herausreden, da ist Lionel sich sicher. Auf den Mund gefallen ist der Junge nicht, doch dass die Dirne an seiner Seite seine Schwester sei, ist eine so offensichtliche Lüge, dass er schon dafür einen Tadel verdient hat. Der Troubadour verschränkt die Arme und bleibt abwartend neben den anderen stehen. Er ist sicher, dass Alberts Worte nur leere Drohungen sind.

***
Lionel gibt es auf, etwas von dem zu erhaschen, was drinnen vor sich geht; stattdessen zwinkert er der Rothaarigen zu, die sich ihm lächelnd nähert.
Er richtet sich auf und deutet eine galante Verbeugung an. „Welch eine leuchtende Perle finde ich hier an diesem tristen Ort. Ein rotes Füchslein, dessen Schönheit wohl schon in unzähligen Versen besungen wurde!“
Lionel umfasst locker das Handgelenk der Frau, führt ihre Fingerspitzen an seinen Mund und schaut ihr tief in die Augen. Seine Worte, eben noch nicht mehr als eine Schmeichelei, dahingesagt mit der Nonchalance des fahrenden Sängers, dessen Brot es ist, die Damen zu bezaubern, sagen die Wahrheit, das sieht er jetzt, da sie direkt vor ihm steht. „Deinen Liebreiz preisen und noch viel mehr“ murmelt er, „doch nicht hier, meine Schöne, und nicht jetzt. Sag mir, wo ich dich treffen kann, wenn die Nacht kommt, und ich werde dort sein.“

Lionel macht ein übertrieben betrübtes Gesicht. „Sicher sind deine Verehrer zahlreicher als die Sterne am Firmament, Füchslein; wie kann ich da hoffen, dass du auf einen armen Spielmann wartest, der sich in Liebe nach dir verzehrt.“ Er gibt vor, zu zaudern doch zuletzt hellt sich seine Miene wieder auf. „Sei’s drum, ich habe nichts Besseres vor.“ Lachend umfasst er die Taille der Dirne und lässt sich von ihr ins Innere des Hauses ziehen.

***
Lionel bleibt wie angewurzelt stehen und schaut nach oben, von wo das Lachen und Klatschen kam. Im Dämmer der Gasse und gegen den hellen Himmel kann er nicht genau erkennen, wer ihn da eben angesprochen hat, er sieht nur die Umrisse einer Frau, ob alt oder jung kann er nicht sagen.
„Mon Dieu! Welch vertrauter Klang an diesem fremden Ort! Was ich nie zu hoffen gewagt hätte, eine französische Domna in Antiochia! Lionel de Buèges aus Toulouse grüßt Euch, Landsmännin!“
Er breitet die Arme aus und lacht. „Und dazu noch eine, die mit geschliffener Zunge Spott über mir ausschüttet, wie nur eine Französin es kann!„Euch schickt der Himmel, Domna, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Frauen hier verstehen mich nicht, sie zürnten mir, obwohl ich nur nach dem Weg zum Marktplatz fragte. Doch nun seid Ihr hier, eine Französin in der Fremde, die sich offensichtlich auskennt,“ er schickt einen Blick hinauf zu den Dächern, „und die ihrem Landsmann helfen wird. Und wenn meine Laute wieder in Ordnung ist, werde ich Euch unterhalten, weiße Lilie unter all den dornigen Rosen hier.“ Er würde sie gerne noch auf ganz andere Weise unterhalten, aber das behält er für sich, zumal er ja leider nicht Herr seiner Zeit ist, Nicholas und die anderen erwarten ihn am Schiff, und er ist schon viel zu lange in diesen engen Gassen herumgeirrt.

Wie gebannt von so viel weiblicher Anmut läuft Lionel neben der Fremden her, scherzt mit ihr und genießt den Klang seiner Muttersprache. Doch irgendwann scheint es ihm, als ob sie immer tiefer ins Gewirr der Gassen eintauchten und er bleibt abrupt stehen. „Ist das der Weg zum Marktplatz? Mir wurde nämlich gesagt, dass ich dort einen Lautenbauer fände. Nicht, dass ich nicht den lieben langen Tag in Eurer Gesellschaft verbringen möchte, Domna…wie ist Euer Name, mon Ange? Und seid Ihr alleine in dieser Stadt, ganz ohne männlichen Schutz? Das scheint mir doch recht gefährlich, denn trotz der Beinkleider seid ihr ein Weib, ein wunderschönes zudem und es gibt skrupellose Männer in Antiochia, die Frauen in die Sklaverei verschleppen, wisst Ihr das?“

***
Der Mann spricht ebenfalls französisch! Lionel kann es nicht fassen. „Enchanté, Monsieur Bruno,“ er lässt Moniques Hand los und deutet eine leichte Verbeugung an. „Lionel de Buèges, Troubadour aus dem fernen Okzitanien“. Dann nimmt er den Lautensack vom Rücken und schält das Instrument aus seiner Hülle, um es dem Alten zu reichen. „Ich benötige Eure fachkundige Hilfe. Mehrere Saiten sind gerissen, und, schlimmer noch, in der Decke ist ein feiner Haarriss, seht, hier.“ Der Troubadour deutet auf eine Stelle direkt neben der prächtigen Rosette, die das Schalloch bildet. „Die feuchte Luft auf dem Meer und dann die Hitze hier haben ihr sehr zugesetzt, und nun habe ich meinen Vorrat an Saiten vollständig aufgebraucht, und Knochenleim habe ich schon gar nicht bei mir.“ Hoffnungsvoll sieht er den Alten an. „Bitte, sagt, dass Ihr mir helfen könnt! Ich könnte sie einen oder zwei Tage Eurer Obhut anvertrauen, damit Ihr sie repariert. Natürlich könnte ich für neue Saiten auch zu einem Schlachter gehen, der mir sicher Schafsdarm überlassen würde, aber Katzendarm ist besser, das wisst Ihr sicherlich.“

Der Troubadour lässt Bruno nicht aus den Augen, wartet, bis der Alte die Laute fertig untersucht hat und nickt erleichtert zu dessen Worten. „Meine Dankbarkeit ist Euch sicher, Monsieur, und ebenso das eine oder andere Goldstück. Was den Sack betrifft, so danke ich Euch, doch der meinige ist eigentlich gar nicht so schlecht, er ist aus gewachstem Leinen, sodass er die Feuchtigkeit abhält.“ Er reicht dem Lautenbauer die Leinenhülle und fährt fort „Aber natürlich kann ich das Instrument nicht gänzlich vor Witterungseinflüssen schützen, es sei denn, ich spielte nicht mehr darauf. Und das, Monsieur, kann nicht sein, so lange es so schöne Frauen gibt wie Monique hier.“ Er grinst vergnügt. „Dann also bis morgen Abend, Monsieur Bruno“, er verbeugt sich, „Domna Monique“, er wirft ihr einen langen Blick zu, in dem ein feuriges Versprechen zu lesen ist. „Die Tage fern von Euch werden mir lang werden, doch welch schöner Lohn harrt meiner am Ende, Euch wiederzusehen und meine Laute für Euch erklingen zu lassen.“
Mit einer erneuten schwungvollen Verbeugung verabschiedet er sich und verlässt gut gelaunt die Werkstatt.
Draußen bleibt er einen Moment stehen, und geht dann zurück zum Hafen, wo er Ausschau nach seinen Gefährten hält. Die Sonne ist weitergewandert, es muss einige Zeit vergangen sein, seit er sich auf die Suche nach dem Lautenbauer gemacht hat, und Lionel hofft, dass die anderen nicht auf ihn warten mussten. Seine Gedanken verweilen noch etwas bei der schönen Französin, doch dann konzentriert er sich auf das vor ihnen liegende Abenteuer. Er freut sich auf den ersten Ritt in diesem fremden Land, auch wenn der Anlass eher unerfreulich ist. Er überlegt, was mitzunehmen ist und was er auf dem Schiff lassen soll, aber ohne seine Laute sind seine Besitztümer merklich geschrumpft, sodass er beschließt, alles mitzunehmen, was er bei sich hat.

***
Fremdartig ist diese Landschaft, merkwürdige Bäume, Lionel kennt sie nur von Illustrationen, das müssen Palmen sein, deren lange, gefiederte Blätter das Volk dem Herrn zu Füßen legte an dem Tag, an dem er auf einer kleinen Eselin in Jerusalem einritt.
In der Ferne sieht der Troubadour Hügel, gelblichbraun, kahl und unfruchtbar sieht es dort aus. Nun weiß er, woher dieses Wort kommt, wüst. Schon jetzt ziehen ihn die wenigen Brunnen, an denen sie vorbeireiten, magisch an, er ahnt, dass es nicht allzu viel Wasser gibt, dort draußen, wohin sie reiten.
Die Stute ist ein sanftes Tier, sie lässt sich leicht lenken, und Lionel, der schnell merkt, dass die Luft am Schluss des kleinen Trupps staubig werden wird, schließt auf zu den anderen, dirigiert sein Pferd an ihre Seite, hält aber Abstand. Ungewöhnlich schweigsam reitet er neben den Rittern her. Irgendwann zieht er den kleinen Zettel aus seinem Ärmel, entfaltet ihn und liest.
Was ist das für ein Gekritzel? Eine Geheimschrift? Oder ist das die Schrift dieses Landes? Lionel ist sich nicht sicher, aber eines ist offensichtlich: Jemand hat die Namen verschiedener Frauen notiert, vielleicht, um zu sagen, diese seien geeignet, in die Sklaverei verkauft zu werden. Grübelnd reitet er neben den anderen her. Gerade, als er sich entschließt, Walter den Zettel zu zeigen, zügelt dieser sein Ross und deutet warnend auf eine Stelle in der Nähe.
Der Spielmann schaut genauer hin, kann aber nichts entdecken, was irgendwie gefährlich aussieht. Aber der Ritter kennt das Land, er wird schon wissen warum er sie warnt. Lionel steckt den Zettel wieder in seinen Ärmel, er wird den Mann später ansprechen, wenn sich eine bessere Gelegenheit bietet.
„Treibsand? Was bedeutet das?“

***

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