Melike


Ihre erste Erinnerung ist die an rauen, nach Schaf riechenden Stoff, der an ihrer Wange kratzt. Sie hat ihren Kopf an den breiten Rücken ihres Vaters gelehnt, der sie unermüdlich, Meile um Meile durch Sonne, Regen und Wind trägt, immer dorthin, wo ein großer roter Ball hinter den Bergen verschwindet, bevor die Dunkelheit kommt.

Viel später, im dreckigen, nach Unrat stinkenden Phexcaer, wenn sie und Tamur am Straßenrand kauerten, sehnte sie sich manchmal nach diesem Duft und nach der kratzigen Wolle, die für das kleine Mädchen Inbegriff der Geborgenheit bedeuteten, doch sie waren Vergangenheit. Gegenwart war, nach Essen zu suchen, zu betteln und zu stehlen, sich abends in irgendeiner schmutzigen Ecke zum Schlafen zu legen.

Doch auch diese traurige Zeit ging vorüber. Sie fand Freunde, einflussreiche Freunde, die sie lehrten, wie man in der Stadt der Diebe und Meuchler überlebt, indem man sich einer der Banden anschließt, die die Stadt unter sich aufgeteilt hatten wie eine wehrlose Beute, und die einander im Großen und Ganzen in Ruhe ihren Geschäften nachgehen ließen. Nur manchmal gab es Ärger, zum Beispiel, wenn einer der ‚Könige’ sein Herrschaftsgebiet ausweiten wollte, was meistens dann geschah, wenn eine Bande ihren Anführer an den Galgen verlor. Nicht, dass es besonders viel Obrigkeit in dieser Stadt gegeben hätte, die paar Gardisten, die den Schein aufrecht erhalten sollten, in Phexcaer ginge alles seinen guten, praiosgefälligen Gang, waren meistens dankbar für die eine oder andere Zuwendung, hatten sie doch zuhause oft viele hungrige Mäuler zu stopfen oder gar eine anspruchsvolle Freundin, die mit Geschenken bedacht sein wollte.
Im schlimmsten Fall kam es zwischen zwei Banden zu einem richtigen ‚Krieg’ mit vielen Toten, bis erneut ein fragiler Friede geschlossen wurde – bis zum nächsten Mal.

So ein Krieg war der Grund, warum Melike nach vielen Jahren, in denen sie alles gelernt hatte was man wissen muss, um in Phexcaer geachtet zu werden, etwas überstürzt die Stadt verließ. Die Rote Marie schwamm eines Morgens tot im Bodir. War sie schon im Leben keine Schönheit gewesen, mit dem rechten Auge, das immer ein wenig an ihrem Gegenüber vorbei schielte und das zu Melikes immerwährender Faszination ein seltsames Eigenleben führte, sodass man, wenn Marie einen ihrer legendären Zornanfälle bekam, nur noch das Weiße in ihrem Auge sehen konnte, so war ihr Anblick im Tod geradezu grauenvoll. Das üppige rote Haar, dem Marie ihren Namen verdankte, und das, darüber waren sich alle einig, die sie kannten, das einzig Schöne an ihr gewesen war, sah nun aus wie die giftigen Algen, die es hier gab, und in denen sich all der Unrat fing, den der Bodir auf seinem Weg durch die dreckige Stadt mit sich nahm.
Melike, die lange zur Bande der Roten Marie gehört hatte und die der ehemaligen Anführerin auf ihre widerwillige Art Dankbarkeit und Respekt entgegen brachte, erkannte das Stündlein, das es geschlagen hatte: Zeit zu verschwinden, Melike! Die Luft wird dünn, wenn Maries schützende Hand nicht mehr über deinem Kopf schwebt. Der Schöne Jörg, ein abtrünniger Kors-Diener, hatte schon lange ein Auge auf das Mädchen geworfen, das mit seinem Katzengesicht und seiner schmächtigen Gestalt zwar vielleicht keine Schönheit war, das aber nach Ansicht des Zuhälters die bunt gemischte Truppe seiner ‚rahjagefälligen Damen’, wie er die armen Mädchen nannte, die sich mehr oder weniger freiwillig unter seinen ‚Schutz’ begeben hatten und die er nach Kräften ausbeutete, um einen eigenen spröden Akzent bereichert hätte. Die Rote Marie hatte das stets zu verhindern gewusst, und zu ihren Lebzeiten hätte der Schöne Jörg es nicht gewagt, ihr Melike abspenstig zu machen.

Nun aber war sie tot, mausetot, und für die kleine Diebin war es Zeit, Phexcaer zu verlassen. Sie packte ihre wenigen Habseligkeiten zusammen, und mit Tamur, ihrem Raben auf der Schulter machte sie sich auf den Weg den Bodir abwärts in Richtung Thorwal. Sie hatte schon einiges gehört von der Stadt am Meer, doch als sie viele Wochen später dort eintraf, war sie überwältigt von ihrem Anblick. Für Melike war Phexcaer immer die Welt gewesen, doch nun erkannte sie, dass ihre Heimatstadt ein Dorf war im Vergleich zu dieser vor Leben überquellenden Stadt. Und das Meer! Als sie es zum ersten Mal sah, hatte das Mädchen geweint, so schön erschien es ihr. Der salzige Wind zerrte an ihren Haaren, es roch nach Fisch und das Wasser glitzerte im Licht der Praiosscheibe. Sie hatte sich in den Sand gesetzt, während Tamur krächzend zum Himmel aufstieg, ein immer kleiner werdender schwarzer Punkt vor endlosem Blau. Sie hatte in die Helle geblinzelt, um den Raben nicht aus den Augen zu verlieren, und fürchtete schon, er könne der Verlockung der Freiheit dort draußen nicht widerstehen. Doch er war zu ihr zurückgekehrt, landete sanft auf ihrer Schulter und begann sorgfältig sein Gefieder zu putzen, als sei nichts gewesen.

Thorwal war anders als ihre Heimatstadt, denn wenn auch die Nordmänner ein raues Volk sind, so sind sie doch herzlich und fröhlich, und Melike lernte ein neues Leben kennen. Nicht, dass sie dem listigen Gott abgeschworen hätte, nein, eher das Gegenteil war der Fall. Wo in Phexcaer brutaler Egoismus und skrupellose Gier regierten, gab es hier Regeln des Zusammenlebens, die es zu beachten galt. Sie betrat den Tempel des Phex und hielt lange, von zähen Verhandlungen geprägte innige Zwiesprache mit dem Herrn der Nacht und versprach, sich in Zukunft an seine Gesetze zu halten, wenn er sie dafür mit Glück und Reichtum segne. Und als habe er sie erhört, schienen die nächsten Monde geprägt von Erfolg. Melike erbeutete eine ansehnliche Menge an Münzen, von denen sie Phex regelmäßig den ihm zustehenden Anteil abgab, doch es reichte immer aus, sich ein zwar einfaches, aber doch angenehmes Leben zu sichern. Es reichte sogar für bessere Kleidung, und als sie erkannte, dass ein gewisses Maß an Sauberkeit und ordentliche Gewandung das natürliche Misstrauen der Menschen einschläfert, erstand sie eines Tages auf dem Markt von einem fremdartig aussehenden Händler mit merkwürdig schmalen Augen ein Kleid aus einem glänzenden, edlen Stoff, das aus ihr scheinbar eine richtige Frau zu machen schien, zumindest begannen sich die Männer nach ihr herum zu drehen und pfiffen ihr hinterher.
Mit der Zeit eignete sie sich eine gewisse Art des Redens an, wie sie sie manchmal in den besseren Tavernen der Stadt aufschnappte, und bald gelang es ihr ganz passabel, wie eine Dame aufzutreten. Das eröffnete neue Möglichkeiten. Sie war nun nicht mehr angewiesen auf Taschendiebstahl oder Einbrüche, sondern lernte, dass die Menschen, vor allen Dingen die Männer, mehr als leichtgläubig sind, wenn man harmlos aussieht und sich zu benehmen weiß. Wer bezweifelt schon das auffällige Spielglück einer hübschen jungen Frau, die so bezaubernd die Lider über die grünen Katzenaugen zu senken weiß? Sie legte sich fortan wohlklingende Namen zu, verkehrte mit reichen Männern, die nur allzu bereit waren, für die Ehre, die anregende Gesellschaft einer vollkommen unverdient in Armut gestoßenen Erbin eines großen Besitzes in den besetzten Landen zu teilen, sich gerne großzügig zeigten, um sie über ihr Unglück hinweg zu trösten. Melike lernte, ihre ‚Einkünfte’ stiegen, und es hätte so weitergehen können, doch immer öfter befiel sie eine merkwürdige Rastlosigkeit, die sie sehnsüchtig den Schiffen nachschauen ließ, die täglich den großen Hafen verließen, und die ihr von Tag zu Tag drängender zuzuflüstern schienen: ‚Dere ist zu groß, um auf ewig an diesem Ort zu verweilen! Sieh nur all die Menschen, die ausfahren und mit den exotischsten Schätzen zurückkehren!’

Als sie eines Morgens nach einer langen Nacht, die sie an der Seite eines sie mit Hundeaugen anschmachtenden und unendlich langweiligen Bürgersöhnchens verbracht hatte, das sie nur unter Aufbietung ihres gesamten unschuldigen Charmes auf Abstand hatte halten können, übermüdet am Hafen saß und sehnsüchtig einer gerade ausfahrenden Schivone nachsah, beschloss sie, Thorwal zu verlassen. Wenige Tage später befand sie sich als Gast eines überaus ritterlichen und zudem reichen tulamidischen Händlers auf einer Galeere, die Kurs auf Meridiana nahm. Sie stand an der Reling und würdigte Thorwal, das sie mit offenen Armen empfangen und vieles gelehrt hatte, keines Blickes. Alle ihre Gedanken waren auf die Metropole des Südens gerichtet, als sie, nur für den Raben hörbar, der reglos auf ihrer Schulter verharrte und wie sie unverwandt aufs Meer starrte, in den Wind flüsterte: ‚Al’Anfa, ich komme!’

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