Salih Al’Yeshinnah

„Wenn du redest, dann muss deine Rede besser sein, als dein Schweigen gewesen wäre und bedenke: am Baum des Schweigens hängt eine Frucht: der Friede. As-salâmu rastuleikum!“


Kurz fällt das grelle Licht des heißen Tages in den kühlen Halbdämmer der Taverne, als ein weiterer Gast die Taverne betritt und für einen Moment in der Tür stehen bleibt.
Er ist in die Kleidung der novadischen Wüstenkrieger gekleidet, Hosen, die locker über weiche Lederstiefel fallen, darüber ein weites Hemd und eine bestickte Weste. In der um die Hüften geschlungenen breiten Schärpe steckt vorne ein kunstvoll verzierter Waqqif, an der Seite ein Khunchomer. Um den Kopf ist ein weißes Tuch geschlungen, das auch die untere Hälfte des Gesichtes bedeckt. Seine Gestalt ist mittelgroß und auffallend schlank.
Nachdem er sich umgesehen hat, geht er auf den Tisch am Fenster zu, an dem bereits zwei Männer sitzen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

„As-salâmu rastuleikum!“,

begrüßt er die beiden am Tisch sitzenden Männer in fließendem Garethi, das nur bei genauem Hinhören einen leichten Akzent hat und zieht mit einer beiläufigen Handbewegung das Tuch unters Kinn.
Das Gesicht, das sich ihnen zeigt ist das einer Frau. Die Haut hat den kupfernen Ton eines Menschen, der immer draußen ist, um die dunklen Augen zeigen sich erste feine Fältchen, ebenso um den vollen Mund, was darauf hindeutet, dass die Frau nicht mehr ganz jung ist. Auf Stirn und Kinn sind kunstvolle Tätowierungen zu sehen, und unter dem Tuch hervor kringeln sich schwarze Locken, die von einzelnen silbernen Fäden durchzogen sind.
Die Stimme, mit der sie nun weiterspricht, klingt ein bisschen, als habe der Wüstensand sie abgeschliffen, etwas rau und für eine Frau recht tief.

„Ein Nordmann und ein Mann meines Volkes gemeinsam an einem Tisch! Bei Rastullah, welch seltener Anblick, der meine Neugier anstachelt wie der Wind das Feuer.“

Sie dreht sich zum Wirt hinter dem Tresen um und ruft ihm zu:

„Einen Tee mit Minze, und schön süß!“,

wendet sich wieder den vor ihr Sitzenden zu.

„Mein Name ist Salih al’Yeshinnah aus dem Volk der Beni Novad. Ist es erlaubt, sich zu euch zu setzen? Mehr als nach Tee durstet es mich nach Gespräch, denn ich bin lange alleine geritten.“

***

„Ich komme aus der Oase Keft, das ist der Ort, wo Rastullah, sein Name sei gepriesen!, sich unserem Volk offenbarte. Nirgendwo sonst in der Khom sind die Novadis so gläubig und verfolgen die 99 Gestze so genau wie dort. Das brachte mich schon früh in Konflikte, war ich doch ein Mädchen, das seinen Eltern oft Kummer bereitete. Ich wollte so leben wie meine Brüder, an denen ich sehr hing. Besonders meinem ältesten Bruder folgte ich heimlich auf Schritt und Tritt. So lernte ich eine ganze Menge Dinge, die einem Mädchen meines Volkes nicht erlaubt sind. Kurz,“ sie lächelt traurig, „als ich eine Frau wurde, sollte ich einen jungen Mann heiraten, den ich verachtete. Er war ein Schwächling! Ich ritt und ich kämpfte besser als er. Und diesem Kleinkind hätte ich mich unterordnen sollen!“

***

„Bei den Beni Novad ist das anders. Natürlich kann es auch bei uns zum Streit kommen, wenn wir gemeinsam feiern, aber so eine Auseinandersetzung kann zu einer blutigen Fehde führen, die sich über Jahre hinzieht. Oft geht es dabei um die verletzte Ehre eines Mannes, sei es wegen eines unbedachten Wortes oder wegen eines Blickes zur falschen Frau. Willst du so eine Geschichte hören, eine, die von Rache erzählt? Oder doch lieber eine von den unzähligen Heldentaten Nazir Al’Ankhras, des Löwen? Oder die Geschichte von Yasemin sab’el-Ashtranim, der Tochter der Sterne und ihrer unglücklichen Liebe zu Jamil esh-shahîn, dem Falken?“

***

Was Salih dem Thorwaler erzählt…

„Die Beni Novad hatten einen großen Sieg errungen und verfolgten die flüchtigen Söldner, um sie endgültig zu vernichten. Einer der Reiter, die ohne sich und ihre Pferde zu schonen, die Feiglinge verfolgten, war Nazir. Er war ein junger Mann, hatte kaum mehr als zwanzig Sommer gesehen, doch alle liebten ihn wegen der Tollkühnheit, mit der er dem Feind entgegen ritt. Doch dieses Mal hatte er es nicht mit einem Gegner zu tun, der sich dem Kampf stellte, sondern mit Memmen, die in ihrer Schwachherzigkeit gefährlich waren wie Skorpione, die sich im Wüstensand vergraben.
Nach drei Tagen, während denen die Beni Novad die Al’Anfaner vor sich her getrieben hatten, erreichten Nazir und seine Gefährten eine kleine Oase. Doch ihre Vorfreude auf frisches Wasser und den Schatten der Zelte wandelte sich in Entsetzen, als sie sahen, welche Spur der Vernichtung die Schaddai hinterlassen hatten.“

Sie spuckt auf den Boden, wie um einen schlechten Geschmack loszuwerden, und fährt dann fort.

„Die Zelte waren allesamt niedergerissen, überall lagen Tote, Alte, Frauen, Kinder, die ohne Schutz gewesen waren, als das Unheil über sie kam. Die Reiter sprangen von ihren Pferden und fielen auf die Knie. Sie bedeckten in ihrem Schmerz ihre Gesichter mit Sand und schworen ewige Rache. Nazir aber lief von einem der Toten zum anderen, sah in leblose Gesichter, die ihm einst vertraut und nun fremd waren, doch das, das er suchte, fand er nicht.

Die Himmelsscheibe berührte schon fast den Horizont, als Nazir seine Suche aufgab. Ohne etwas zu sagen, schwang er sich auf sein Pferd und nahm die Spur der Mörder auf. Rücksichtslos trieb er das Tier, das er liebte wie einen Bruder, voran. Die Nacht brach herein, doch er ritt weiter, aß nichts, trank nichts. Nach Stunden erblickte er in der Ferne Feuerschein und zügelte seinen Hengst. Im Schutz der Dunkelheit schlich er zu Fuß weiter. Als er bis auf etwa hundert Schritt herangekommen war, stolperte er beinahe über etwas, das in der Finsternis wie eine kleine Unebenheit aussah. Er hatte sie gefunden, doch kein Leben war mehr in ihr, man hatte sie weggeworfen wie Unrat.“

Sie macht eine Pause, als würde es ihr schwer fallen, weiter zu sprechen. Sie greift zu ihrem Becher, trinkt aber nicht.

„Er hob sie behutsam auf und trug sie zu seinem Pferd. Lautlos wie ein Schatten kehrte er dem Lager den Rücken und ritt zurück zur Oase. Keiner wagte ihn anzusprechen, als er die Frau, die er geliebt hatte, zum Turm des Schweigens brachte und niemand folgte ihm, als er die Oase verließ.
Zurück in der Einsamkeit der Wüste entledigte er sich seiner Gewänder und begann ein letztes Mal mit dem Schattenkampf, und sein Geist wurde klar und frei und geschärft wie eine edle Klinge, und als der Morgen dämmerte war er bereit. Ruhig saß er auf und nahm erneut die Verfolgung auf. Er kam am verlassenen Lager der Al’Anfaner vorbei und die Feuerstellen waren noch warm.
Als die Himmelsscheibe im Zenit stand, hatte er die Flüchtenden eingeholt. Sowie sie ihn erblickten, wandten sie sich zum Kampf, sahen sie doch, dass er allein war.“

Einmal mehr spiegelt sich in Salihs Gesicht einer ihrer häufigen Stimmungswechsel. Es scheint zu leuchten, als sie weiter spricht.

„Es heißt, er kam über sie wie ein Wüstensturm, sein Khunchomer sang ein Lied von Blut und Verderben und er schickte unzählige der elenden Mordbrenner in den Tod, bevor er der Übermacht erlag. Seine Gefährten fanden ihn am nächsten Tag inmitten seiner getöteten Feinde, er hatte trotz der fürchterlichen Wunden, die seinen Körper bedeckten ein Lächeln auf den Lippen und sein Antlitz war frei von Hass und Trauer.“

Sie leert den Becher in einem Zug, sieht Trollwulf mit Augen, die zu brennen scheinen, an und meint leise:

„Möge der All-Eine mir einen solchen Tod schenken!“

Wieder ruhiger endet sie:

„Nur kurze Zeit darauf kam es bei Tarfui zu einer großen Schlacht, und wie die ausging, hat man vielleicht auch in Thorwal gehört.“

***