Solvej Grimlasdottir


Als sie geboren wurde, so erzählte ihr ihre Mutter Gudrun gerne immer wieder, habe am Himmel das Nordlicht geleuchtet. Schon damals habe man ahnen können, dass dieses jüngste von sieben Kindern ein feuriges Temperament sein Eigen nennen würde, der Himmel habe schier gebrannt in dieser eisigen Nacht vor nun neunundzwanzig Jahren.
Diese Voraussage bewahrheitete sich, Solvej wurde ein temperamentvolles Mädchen. Ihre älteren Geschwister lernten schon bald ihre Zornausbrüche zu fürchten und ihren Humor und ihre Lebensfreude zu lieben.
Von klein auf war sie umgeben von einer Horde riesiger, schwarzer Olporter Hunde, die ihre Eltern auf dem heimischen Hof züchteten, gutmütige, aber auch wehrhafte Tiere, die die Herden der Bauern hüteten.
Als sie älter wurde, zeigte sich, dass sie geschickt mit den Händen war, und bald schenkte ihr Vater ihr ein schönes Schnitzmesser. Von nun an sah man die Kleine des Abends am Feuer im Langhaus sitzen und schnitzen, kleine Tiere, Menschen, alles, was sie um sich herum sah. Sie war umgeben von den uralten Schnitzereien, die die schwarzen Balken der Halle zierten und die Böses vom Haus und seinen Bewohnern abhalten sollten, Fabelwesen, Figuren aus den Sagas, Ornamente. Ihre Eltern beschlossen, sie bei einem Runenschnitzer in die Lehre zu geben, träumten davon, sie vielleicht sogar Adeptin der Runajasko werden zu lassen. Doch Solvejs Temperament machte diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung. Auch wenn sie mit größter Geduld bei ihrem Lehrherrn saß, stundenlang die Bedeutung der überlieferten Runen lernte und immer besser wurde, so träumte sie doch immer öfter davon, in die Ferne zu ziehen, träumte von Ruhm und Ehre, von Kampf und Beute, kurz, die ganz gewöhnlichen Träume eines Kindes aus Thorwal. Doch der Weg zur See zu fahren war ihr versperrt durch einen Makel, den sie seit frühester Kindheit mit sich herumtrug: als ihr Großvater sie das erste Mal mit auf ein Schiff nahm, um seiner geliebten Enkelin das Meer zu zeigen und die Olportsteine, die in der Ferne aufragten, da zeigte sich, dass dieses Mädchen den Wellengang, das Auf und Ab des Schiffleibes nicht ertrug. Sie wurde erst bleich, dann grün im Gesicht und konnte ihr Essen nicht bei sich behalten. Sorgenvoll sah der Alte die Kleine an, die er besonders liebte; er wusste, dass sie es nicht leicht haben würde in ihrem Leben, wenn sie hier am Meer bleiben würde. Der Spott der Gleichaltrigen war ihr sicher, und manche würden gar munkeln, sie sei nicht von Swafnir gesegnet. So hütete er ihr Geheimnis, so lange es möglich war, nur ihre Eltern und Geschwister wussten davon.
Als ihre Lehrzeit, die sie im Alter von vierzehn Jahren angetreten hatte, zu Ende war, war sie eine fast erwachsene Frau, mit wilden roten Locken, die im Schein des Feuers wie Flammen um ihr Gesicht zu züngeln schienen, und grauen, schnell zornig blitzenden Augen, durch die alleine sie einen Widerpart im Streit bezwingen konnte. Manch einer der Nachbarsjungen sendete ihr einen Blick hinterher, wenn sie, immer begleitet von einem riesigen schwarzen Hund, auf den Klippen stand und in die lockende Ferne schaute.
Als sie eines Tages von einem ihrer immer längeren Ausflüge zurückkehrte, verkündete sie am abendlichen Herdfeuer, dass sie Olport verlassen werde. Ihre Mutter sah sie bekümmert an, doch der Großvater nickte bedächtig, und ihr Vater wusste, dass er seine Jüngste nicht würde umstimmen können.
Solvej zögerte nicht, schon wenige Tage später brach sie auf. Sie war nun achtzehn Jahre alt, und das Abenteuer lockte.
In den folgenden Jahren wanderte sie durch den Norden, lernte andere Lebensweisen kennen, zog eine Weile mit einem Norbarden, den sie unterwegs kennen gelernt hatte, weiter und weiter nach Süden, lebte vom Verkauf ihrer Schnitzarbeiten und träumte weiterhin von Ruhm und Ehre. Das Dasein eines umherziehenden Händlers war ihr auf Dauer langweilig und als sie eines Tages auf eine Gruppe Söldner auf dem Weg nach Greifenfurt traf, schloss sie sich diesen an. Den Umgang mit der Wurfaxt hatte sie oft im freundschaftlichen Wettkampf mit ihren Freunden geübt, ebenso den Umgang mit dem Dolch. Nun war es Zeit, sich einer Nahkampfwaffe zuzuwenden, und sie wählte ohne zu zögern die Orknase aus. Die Söldner waren ein rauer Haufen, doch wenn es nicht um Beute ging, hielten sie zusammen wie Pech und Schwefel. Der Älteste, Gutbrand, ein erfahrener Haudegen, der schon in vielen Schlachten gekämpft hatte, brachte ihr nun alles bei, was ein Söldner wissen muss, um zu überleben.
Dort traf sie eines Tages auch auf einen Thorwaler aus Prem, sein Name war Oluf Andersson, ein mächtiger Kämpfer und Säufer, und er lehrte sie beides, erst das eine, dann das andere, und bald lehrte er sie auch die Liebe. Sie taten sich zusammen, verdingten sich mal hier, mal dort, bei jedem, der gut zahlte und gute Beute versprach. Und irgendwann, als sie des Umherziehens müde und ihre Beutel mit Dukaten gut gefüllt waren, kehrten sie gemeinsam nach Olport zurück, um zu heiraten. Schon ein Jahr später bekam Solvej Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen, die ihre leuchtend roten Haare und Olufs blaue Augen geerbt hatten. Doch die Götter waren eifersüchtig auf so viel Glück, und im nächsten Winter, der besonders hart war, nahmen sie Oluf und Solvej beide Kinder durch ein Fieber. Oluf wurde darüber trübsinnig, immer öfter betrank er sich und suchte mit jedem Händel, und eines Tages fand man ihn am Fuße einer Klippe; ob er gesprungen oder hinuntergestürzt war, konnte man nicht sagen.
Solvej hielt es nicht mehr an diesem Ort, der nun ein Ort des Todes für sie geworden war. Sie packte ein paar wenige Sachen, dazu ihre Waffen, und kehrte ihrer Heimat für immer den Rücken, begleitet von einem riesigen schwarzen Olporter, der in der Zeit ihrer Trauer nicht von ihrer Seite gewichen war. Sie war jetzt sechsundzwanzig Jahre alt.
Sie kehrte nach Greifenfurt zurück, wo sie ihr altes Söldnerleben wieder aufnahm. begrub ihren Kummer tief in sich, und nur ein aufmerksamer Beobachter hätte in ihren Augen etwas davon finden können.
Drei Jahre und viele Kämpfe später traf sie in einer Kneipe in einem kleinen Kaff auf einen Thorwaler, der sich als Argward Leifson von den Sturmbringern vorstellte und sie zu einem Premer Schnaps einlud, wohl in der – vergeblichen – Hoffnung, Solvej später in sein Bett mitnehmen zu können. Er erzählte von der weiten Orksteppe, und tat sehr geheimnisvoll ob eines Auftrages für das Reich, wegen dem er einige Zeit in den Landen der Schwarzpelze gewesen sei.

Solvej Grimlasdottir ist eine mit 186 Halbfingern für eine Thorwalerin nicht allzu große, schlanke, aber durchtrainierte Frau mit wilden roten Haaren, die nur von einem grünen Tuch gebändigt werden, das sie um die Stirn gebunden hat. Ihre Augen unter den starken Brauen sind grau wie das Meer, wenn der Nebel darüber liegt, und leicht schräg gestellt, was ihnen etwas Wölfisches verleiht; vielleicht gab es unter ihren Vorfahren einen oder mehrere Nivesen. Eine Narbe teilt die linke Braue in zwei Hälften, als habe sie irgendwann eine Schnittwunde erlitten. Der große Mund unter der kurzen, geraden Nase ist energisch und wenn Solvej in ihr schallendes Lachen ausbricht, was oft passiert, sieht man eine Reihe starker weißer Zähne.
Ihre Kleidung ist zweckmäßig, Leder überwiegt, sowohl Wams als auch Hose sind aus diesem Material, dazu trägt sie ein paar bunt bestickte Stiefel aus Karenleder, deren Machart auf nivesischen Ursprung deutet. Im Winter wirft sie sich einen reich bestickten Umhang über, der innen mit Fell gefüttert und an den Rändern kunstvoll bestickt ist und von einer fein ziselierten bronzenen Spange in Form eines stilisierten Pottwales zusammengehalten wird. Dazu trägt sie eine ebenfalls verzierte Pelzkappe. Alles ist nicht mehr allzu neu, aber man kann sehen, dass der Thorwalerin ihr Äußeres durchaus nicht gleich ist. An ihrem Gürtel trägt sie eine Wurfaxt und einen Dolch, deren Griffe kunstvoll geschnitzt sind. Ihre Hauptwaffe ist eine beeindruckende Orknase, eine reich verzierte Waffe, die trotz der Schönheit, mit der sie gearbeitet ist, wahrlich nicht nach einem Spielzeug aussieht.
Auch ihr Rüstzeug – Krötenhaut, lederne Armschienen und ein Drachenhelm (ohne Drachen) – zeigt Spuren von vergangenen Kämpfen, ist aber gut gepflegt.

Begleitet wird sie von Wolf, ihrem Hund, einem Schwarzen Olporter, der wie ein zweiter Schatten immer in ihrer Nähe zu finden ist.

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