Ahmar Medjel

Eine Fantasy-Geschichte


Sie trafen ihn in der Zeltstadt von Unau, in diesem Gewirr aus staubigen Gassen, wenn man sie überhaupt so nennen konnte, diese schmalen Lücken zwischen den zahlreichen verblichenen Zelten aus Ziegen- oder Kamelleder, in deren stickigen Schatten sich die Menschen flüchteten, mittags, wenn die Sonne hoch stand und die Luft vor Hitze flimmerte.
Der Kapitän des Schiffes, das sie von Khunchom den weiten Weg die Küste entlang bis nach Kannemünde gebracht hatte, schüttelte nur den Kopf, als sie den Namen des Mannes erwähnten und machte eine ablehnende Handbewegung, ein Verhalten, das ihnen noch mehrmals begegnete, wenn sie nach dem geheimnisvollen Salzgänger fragten. Das Einzige, was sie in Erfahrung brachten, war, dass niemand so genau wisse, wo er sich aufhielt, aber man solle in Unau nach ihm fragen, das nah am Chichanebi-Salzsee lag.

Und da waren sie nun. Es hatte Tage gedauert und sie einige Muwlat gekostet, bis sie endlich auf einen zahnlosen Alten trafen, der sich bei der Nennung des Namens nicht sofort abwandte oder geringschätzig vor ihren Stiefeln in den Sand spuckte wie all die anderen.

„Bist du sicher, Söhnchen, dass du das wissen willst?“,

krächzte er mit einer Stimme, die klang, als sei sie vom Sand der Wüste geschliffen.

Söhnchen! Falk unterdrückte ein Kichern. Nichts war unpassender für seinen Herrn, einen Bär von einem Mann, mit breiten Schultern und mächtigen muskelbepackten Armen und Beinen, die ganz und gar nicht zu einem Gelehrten passen wollten, und der nun mit einem Gesichtsausdruck, in dem sich Belustigung und Ungeduld mischten, auf den Greis vor sich hinabblickte.

„Würde ich sonst fragen, alter Mann?“

„Schon gut.“

Der Alte drehte die Münze, die seine Zunge beflügeln sollte, in der Hand.

„Er treibt sich öfter in der Zeltstadt herum, dort, wo die Karawanen ankommen. Frag’ nach Beruddin, dem Händler. Der Salzgänger ist sein bester Kunde.“

Ein unangenehmes Grinsen begleitete die letzten Worte des Tulamiden, und bevor der Hüne noch etwas sagen konnte, hatte der Alte sich umgedreht und war in den Schatten der Gasse verschwunden.

Sie fanden Beruddin, einen schmuddeligen, wenig Vertrauen erweckenden Mann, der sich unwillig zu ihnen umdrehte, als Magnus von Ehrenfels ihn mit einem dröhnenden „Die Zwölfe zum Gruße“ ansprach. Dieses Mal fackelte sein Herr nicht lange, seine Geduld hatte ihre Grenzen, wie Falk aus leidvoller Erfahrung wusste. Er wartete nicht einmal den Gruß des Händlers ab.

„Man sagte mir, ich fände den Salzgänger Fachim ibn Faqif ibn Fachim des Öfteren in deiner Gesellschaft.“

„Den Salzgänger? Wer sucht ihn?“

„Das geht dich nichts an.“

Wieder wechselte ein Silberstück den Besitzer, der daraufhin nur mit den Schultern zuckte und schweigend auf eines der Zelte wies.

Als sie sich unter der schweren ledernen Plane, die die Sicht auf das Innere versperrte, hindurch duckten, schlug ihnen verbrauchte, rauchgeschwängerte Luft entgegen. Im ersten Moment konnte Falk nichts erkennen, es herrschte, nach der blendenden Helligkeit draußen, ein ungewisses Dämmerlicht, an das sich seine Augen erst gewöhnen mussten, und er blieb unschlüssig stehen. Sein Herr hingegen bückte sich bereits über eine Gestalt, die reglos in einer Ecke lag, und packte sie an der Schulter.

„He du, bist du Fachim ibn Faqif, der Salzgänger?“

Ein unwilliges Knurren war die Antwort und veranlasste den Gelehrten, den Kerl nun energischer an der Schulter zu rütteln. Der Mann richtete sich stöhnend zum Sitzen auf und Falk, der sich neugierig einen Schritt näher gewagt hatte und nun dicht hinter seinem Herrn stand, wich erschrocken zurück und murmelte ein beschwörendes „Praios steh’ mir bei!“, als er das Gesicht des Mannes im Halbdunkel erkannte. Es schien dem Jungen wie eine Ausgeburt der Niederhöllen, eine Fratze, bedeckt von merkwürdigen Zeichen, die seinen Zügen etwas Dämonisches verliehen. Der Kopf des Fremden war völlig kahl und ebenfalls bedeckt von dunklen Linien, Hautbildern, wie sie Falk schon bei den Seeleuten in Khunchom gesehen hatte. Doch nie hatten sie bei ihm eine solche Furcht erregt, wie es das Gesicht dieses Unbekannten tat. Die Augen unter den schweren Lidern irrten unruhig umher, als suchten sie einen Punkt, an dem sie sich halten könnten. Endlich schaute der Salzgänger zu dem über ihm aufragenden Mittelreicher hoch, sein Blick hakte sich regelrecht fest an ihm.

„Fachim ibn Faquif ibn Fachim, ja.“

Die Stimme war tonlos, ein heiseres Flüstern, die nächsten Worte eine Feststellung.

„Du suchst einen Führer über den See, hab ich Recht, Giaur? Und du hast gehört, dass ich der Beste bin. Der, der niemals in die Irre geht. Hat man dir auch gesagt, dass meine Dienste nicht umsonst sind?“

Ein trockenes Husten unterbrach den Redeschwall und dann folgte ein Kichern.

„Hat mein Gesicht dich erschreckt, Jüngelchen? Da bist du nicht der Erste, und wirst auch nicht der Letzte sein.“

Falk, der froh war, dass das Dämmerlicht im Zelt verhinderte, dass sein Herr oder der Fremde seine vor Scham über seine Angst knallroten Ohren sehen konnten, sagte nichts.

„Wir wollen zum Roten Turm, Salzgänger, Ahmar Medjel, wie ihr ihn nennt. Ich zahle gut – nachdem du uns dorthin gebracht hast, die erste Hälfte, wenn wir wieder hier sind, die zweite.“

„Zehn Marawedi oder Dublonen, ich nehme sogar Dukaten, wenn’s sein muss. Zwanzig. Für den Hinweg. Nochmal zwanzig, wenn ich dich lebend wieder herausgebracht habe.“

Magnus versetzte dem am Boden sitzenden Mann einen mehr beiläufigen als schmerzhaften Tritt.

„Ya Sayid. So wirst du mich anreden. Zehn Dukaten, wenn wir dort sind, noch einmal zehn bei unserer Rückkehr. Keinen Heller mehr.“

***

Seit sechs Praiosläufen waren sie nun unterwegs, der Salzgänger immer voran. Er hatte, wie nicht anders zu erwarten war, in Magnus’ großzügiges Angebot eingewilligt, und sie waren noch am gleichen Tag aufgebrochen. Der Ruf, der dem Novadi vorauseilte, hatte sich bestätigt; nie zögerte er auch nur für die Länge eines Wimperschlages, welchen Weg sie nehmen sollten, und so gab es für sie kaum eine Pause.

Der Novize hatte den Chichanebi und die erbarmungslose Hitze, die hier herrschte, hassen gelernt. Wie kamen diese verrückten Kameltreiber nur dazu, diese Einöde aus Salz und Staub mit den vereinzelten Senken, in denen eine trübe rote Brühe stand. die die Bezeichnung Wasser wahrlich nicht verdiente, See zu nennen! Wenn Falk an das Wort See dachte, erschien in seiner Vorstellung blau glitzerndes Wasser, eingebettet in die sanften Hügel seiner Heimat. Das Wasser hier war salzig und absolut ungenießbar und Durst deshalb ihr ständiger Begleiter. Der Junge hatte ein einziges Mal versucht, heimlich von der lauwarmen Plörre zu trinken, die sie in Ziegenschläuchen mit sich führten, doch Fachim hatte ihn erwischt und ihm mit dem Rücken seiner harten Hand einen Schlag ins Gesicht verpasst, die Falk beinahe von den Beinen riss. Sein Herr hatte nichts dazu gesagt sondern den Jungen nur finster angeblickt. Überhaupt redete er nicht viel. Am Tag folgte er schweigend ihrem Führer und war offensichtlich in Gedanken versunken. Wenn sie abends endlich ihr Lager aufschlugen, vertiefte er sich in seine Schriften und Aufzeichnungen, wobei er von Zeit zu Zeit Unverständliches vor sich hin murmelte. Der Salzgänger hingegen gab sich ganz dem Genuss dessen hin, was Falks Herr einmal als ‚Teufelszeug’ verdammt hatte. Fachim steckte sich auch tagsüber immer wieder kleine Stücke davon in den Mund und kaute darauf herum, und der Junge hatte den Verdacht, dass dies die Quelle seiner schier unerschöpflichen Ausdauer war. Nach Einbruch der Dunkelheit stopfte der Salzgänger sich mit dem dunklen Harz, das er vorher zerbröselte, eine Pfeife, lehnte sich zurück, zog von Zeit zu Zeit daran und schien in einen seltsamen Zustand der Entrücktheit zu versinken. Seine Augen wurden glasig, was ihm zusammen mit den Tätowierungen ein noch gespenstischeres Aussehen verlieh. Falk rollte sich dann in seine Decke und war, sobald sein Kopf den harten Boden berührte auch schon eingeschlafen.

***

Er wäre beinahe in seinen Herrn hineingelaufen, hatte er doch nicht bemerkt, dass dieser plötzlich neben Fachim stehen geblieben war und auf einen unbestimmten Punkt in der Ferne deutete.

„Dort! Ist er das?“

Der Novize kniff angestrengt die Augen zusammen, doch er konnte beim besten Willen nicht erkennen, wovon sein Herr sprach. Es war heller Mittag, die Luft flimmerte vor Hitze, und Falks Durst war so groß, dass er kaum an etwas anderes denken konnte. Der Salzgänger jedoch nickte.

„Ahmar Medjel.”

Ahmar Medjel, ihr Ziel. Es sollte dort Wasser geben, frisches klares Wasser, Fachim hatte es versprochen. Und auch Magnus schien zum ersten Mal, seit sie von Unau aufgebrochen waren, aufgeregt zu sein, allerdings aus völlig anderen Gründen als sein Schüler.

„Wie weit noch?“

„Noch eine Nacht und eine halbe“,

antwortete der Novadi ohne zu zögern und stapfte ungerührt weiter. Eineinhalb weitere Tage! Falks Hoffnung auf das vorläufige Ende seiner Qualen, auf ein Lager im Schatten des Roten Turmes, wie Ahmar Medjel in ihrer Sprache hieß, schmolz, Doch seinem Herrn schien der Blick auf etwas, das vielleicht nur eine Luftspiegelung wie viele andere war, die sie schon genarrt hatten, zu genügen, um mit neuer Energie ihren Weg fortzusetzen. Er kümmerte sich nicht um das Murren des Novizen, der sich hinter den beiden Männern herschleppte und mit seinem Herrn und den Zwölfen haderte.

Als die Praiosscheibe hinter dem Horizont verschwand und ihr Führer endlich bereit war, ein Lager aufzuschlagen, waren sie ihrem Ziel um so viel näher gekommen, dass selbst der Junge den roten Felsen in der Ferne ohne Anstrengung erkennen konnte.

„Es ist gar kein Turm“,

meinte er ein bisschen enttäuscht.

„Nein, es ist ein Felsen, eine Art Insel inmitten des Sees. Die Novadis sagen, dass es ein ganz besonderer Ort ist, in der sich eine große Kraft sammelt. Nach all meinen Forschungen in den verschiedensten Bibliotheken des Kontinentes bin ich geneigt, ihnen zu glauben. Eine Kraftlinie, die im Kloster Keshal Taref beginnt und in Brabak endet, geht mitten durch den Chichanebi-Salzsee, und wenn meine Berechnungen stimmen, auch durch den Ahmar Medjel.“

Nachdenklich trommelten die Finger des Gelehrten auf das Pergament, das er zum, wie es dem Novizen erschien, wohl hundertsten Mal, seit sie Unau verlassen hatten, ausgerollt und studiert hatte. Es war eine Zeichnung, auf der verschiedene parallele, aber auch manchmal sich kreuzende Linien verzeichnet waren, dazu Punkte, die Städte bezeichneten oder besondere Orte. An den Stellen, an denen die Linien sich kreuzten, waren kleine Sterne zu sehen, ebenso an den Anfangs -und Endpunkten der Linien.

„Jede dieser Linien hat einen Namen, doch sie sind auf dieser Karte nicht verzeichnet, und das aus gutem Grund.“

Neugierig schaute der Novize seinen Meister an, aber dieser war bereits wieder in Gedanken versunken und hatte offensichtlich die Anwesenheit seines Schülers völlig vergessen, ebenso, wie die Notwendigkeit, etwas zu essen und zu trinken jenseits seiner Erinnerung zu liegen schien.
Seufzend entrollte der Junge seine Schlafdecke und streckte sich der Länge nach darauf aus. Sein Magen knurrte vernehmlich, aber weder Magnus noch Fachim nahmen Notiz davon. Der Salzgänger hatte sich wie immer etwas abseits sein Lager bereitet, seine Pfeife geraucht und starrte nun mit glasigen Augen in den Himmel. Es schien, dass der Kaktus nicht nur Ausdauer und Unempfindlichkeit gegen die Hitze des Tages verlieh, sondern auch Hunger und Durst stillte. Unauffällig schaute Falk zu seinem Herrn, doch der murmelte leise vor sich hin, während er, tief über das Pergament gebeugt, mit dem Finger eine der Linien nachzeichnete, und beachtete den Jungen nicht. Nur ein kleines Stück. Er wird sein Fehlen gar nicht bemerken. Und ich werde morgen weder Hunger noch Durst verspüren und das Laufen wird auch nicht so schlimm sein.
Langsam, dem Gelehrten immer wieder vorsichtige Blicke zuwerfend, richtete sich der Novize wieder auf und kroch leise zu dem mit offenen Augen träumenden Salzgänger hinüber, neben dem immer noch geöffnet der kleine Beutel mit dem Cheriacha und der kleinen Meerschaum-Pfeife lag. Mit spitzen Fingern angelte er einen kleinen Brocken heraus, zögerte und nahm noch einen zweiten und einen dritten. Magnus sah nicht einmal auf, als der Junge unter seine Decke schlüpfte, sich ein Stück Kaktus in den Mund schob und kurz darauf die Augen schloss.

***

Es dämmerte. Praios’ Flammendes Auge war noch nicht zu sehen, aber der Horizont war in ein unwirkliches Rosa getaucht, als Falk erwachte. Er fühlte sich so munter wie schon lange nicht mehr, obwohl er die ganze Nacht von seltsam fremdartigen Traumbildern heimgesucht worden war, von Orten, wie er sie noch nie gesehen hatte, von Wesen, die er sich selbst niemals hätte ausdenken können. Auch die sonst allgegenwärtigen Durst- und Hungergefühle waren verschwunden und hatten einer wunderbaren Gleichmut Platz gemacht. Sonst war er immer der Letzte, der sich von seinem Lager erhob, aber an diesem Morgen war es anders. Fachim war zwar schon auf den Beinen, aber sein Herr schien noch fest zu schlafen. Als jedoch Falk begann, seine Decke zusammenzurollen, schlug er die Augen auf und starrte seinen Schüler erstaunt und erfreut an.

„So hat es dich also auch gepackt. Du willst genauso schnell an unser Ziel kommen wie ich.“

Der Novize wich dem Blick des Gelehrten aus und blickte etwas verlegen zur Seite. Es kam nicht oft vor, dass Magnus von Ehrenfels ihn lobte, und der Junge wusste, dass er dieses Mal das Lob nicht verdient hatte. Und doch, er wollte seinen Herrn nicht enttäuschen. Heute würde er nicht schlapp machen! Unauffällig schob er den zweiten Bissen Cheriacha in den Mund. Der getrocknete Kaktus schmeckte widerwärtig bitter und Falk unterdrückte den Impuls, das Zeug gleich wieder auszuspucken. Stattdessen schob er es mit der Zunge in die Backentasche und schüttelte den Kopf, als Magnus ihm den Ziegenschlauch hinhielt.

„Habt Dank, Herr! Aber wir haben nur noch so wenig, dass wir es uns besser für die heißen Stunden aufsparen.“

Wieder erntete er einen beifälligen Blick seines Herrn, aber auch einen misstrauischen des Salzgängers, der seine Worte mit angehört hatte. Falk beachtete ihn nicht, Er hatte ein schlechtes Gewissen, aber was war er dem Tätowierten schon schuldig? Der Novadi hatte in den vergangenen Tagen nichts dazu getan, seine Freundschaft zu gewinnen; er war ein bezahlter Führer, sonst nichts. Von dem unser Leben abhängt, vergiss das nicht! Der Novize schob den Gedanken zur Seite und nickte Magnus zu.

„Ich bin bereit, Herr. Heute Abend werden wir am Fuß des Roten Turmes lagern.“

Die Praiosscheibe wanderte über den Himmel, während die beiden Mittelreicher Stunde um Stunde schweigend dem Salzgänger folgten. Der rote Felsen, bei dem es sich, wie Magnus seinem Schüler erklärt hatte, in Zeiten, in denen das Wasser höher stand als jetzt, um eine Insel handelte, wuchs immer höher vor ihnen empor, doch er schien sich immer wieder zu verändern und sein Umriss wurde, je näher sie kamen, immer unschärfer. Ob das der flammenden Hitze oder dem bitteren Brocken in seinem Mund geschuldet war, konnte Falk nicht sagen. Er hing irgendwelchen Tagträumen nach, die denen der letzten Nacht nicht unähnlich und so lebhaft waren, dass er manches Mal erschrocken zusammenfuhr, wenn ihn das vermeintliche Auftauchen eines grotesken Wesens auf dem schmalen Pfad narrte, was zum Glück weder der Gelehrte noch der Novadi bemerkten, da der Novize den Schluss des kleinen Trupps bildete.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit hatten sie den Fuß des Felsens erreicht. Fachim blieb stehen und drehte sich zu den beiden anderen um. Im ungewissen Abendlicht sah sein Gesicht noch mehr aus wie das eines Dämons.

„Aîn. Die Quelle. Bei Rastullah, wir sind bald da. Folgt mir.“

Mit diesen Worten verschwand er im dunklen Schatten der schroff über ihnen aufragenden Klippen, ohne sich noch ein weiteres Mal nach ihnen umzusehen.

***

„Dieser Hurensohn! Ich hätte es wissen müssen, dass ihm nicht zu trauen ist. Ein Cheriacha-Süchtiger, einer, der bereit ist, seine Großmutter zu verkaufen, wenn es sein muss!“

Wütend sah der Gelehrte sich um. Sie irrten nun schon seit Stunden durch ein Labyrinth von Spalten, das sie immer tiefer ins Innere des geheimnisvollen Felsens zu locken schien. Mehrmals hatten sie gemeint, etwas zu hören, doch immer was es nur das Echo ihrer eigenen Schritte gewesen, das von den senkrechten Felswänden widerhallte. Eigentlich hätten sie schon längst auf der anderen Seite des Roten Turms herauskommen müssen, die Insel war kaum mehr als hundert Schritt breit und sicher auch nicht viel tiefer. Und doch hatten sie völlig die Orientierung verloren, weil tückischer Treibsand und im Nichts endende Spalten sie immer wieder zwangen die Richtung zu ändern. Es war tiefe Nacht und das Licht einer Fackel, die sie entzündet hatten, ließ lange Schatten wie Geister über die Felsen tanzen.

„Herr! Ich höre etwas!“

Schon länger hatte Falk bemerkt, dass seine Sinne unnatürlich geschärft waren, und was er jetzt vernahm, ließ sein Herz einen freudigen Sprung tun. Wasser!

„Es kommt von dort! Vielleicht ist es die Quelle, von der Fachim sprach?“

Mit neuer Hoffnung gingen sie weiter, tasteten sich durchs Dunkel. Der Spalt erweiterte sich plötzlich und vor ihnen tauchte eine Art natürliches Tor auf, ein weiter Bogen, der die links und rechts von ihnen lotrecht aufragenden Felswände miteinander verband. Vorsichtig gingen sie weiter, passierten das Tor und sahen im Licht der hoch erhobenen Fackel vor sich etwas schimmern.

„Wir haben sie gefunden! Die Zwölfe seien gepriesen!“

Vor ihnen öffnete sich ein weites Rund, in dessen Zentrum sich ein kleiner Tümpel befand, an dessen Rand ein uralter Granatapfelbaum seine Wurzeln in den kahlen Felsen krallte. Der Ort strahlte eine Aura des Friedens aus und für einen Augenblick vergaßen beide, Meister und Schüler, dass sie ihren Führer verloren hatten, den Einzigen, der sie aus der Hölle des Chichanebi wieder hinausführen konnte. Nebeneinander beugten sie sich über den rötlichen Wasserspiegel und tauchten gleichzeitig die Hände ein um zu trinken. Das Wasser war kühl und etwas bitter, jedoch nicht salzig und nach so vielen Tagen, an denen sie nichts hatten als die abgestandene Brühe aus ihren Schläuchen, schien es ihnen, als tränken sie köstlichsten Wein von den Hängen Almadas.

„Wir werden hier bleiben. Fachim wird zurückkehren; er muss seinen Schlauch füllen, wenn nicht heute, dann morgen. Wir brauchen nur zu warten. Und in der Zwischenzeit werde ich diesen Ort prüfen, um zu sehen, ob meine Vermutungen stimmen. Doch nun ist es zu spät, um noch etwas zu arbeiten und zu dunkel, um zu lesen. Lass uns schlafen, damit wir morgen ausgeruht mit unseren Untersuchungen beginnen können.“

***

Es war tiefe Nacht, als Falk von irgendetwas geweckt wurde. Sie hatten darauf verzichtet, Wache zu halten, an diesem gottverlassenen Ort mitten im Chichanebi brauchte man überraschenden Besuch nicht zu fürchten. Während der ganzen Zeit, die sie nun schon unterwegs waren, hatten sie nicht einen Menschen getroffen und auch Tiere bekamen sie nie zu Gesicht, wenn man von Kleingetier wie Schlangen und Skorpionen einmal absah.
Der Novize warf einen Blick zu seinem Herrn, der, in seine Decke eingerollt, fest zu schlafen schien. Magnus wirkte nicht übermäßig beunruhigt, eher verärgert, dass der Salzgänger immer noch nicht wieder aufgetaucht war. Offensichtlich rechnete er fest damit, dass Fachim am nächsten Morgen wieder zu ihnen stoßen würde.
Der helle Schein des vollen Madamals, das hoch über den Felsen stand, tauchte das Rund in silbriges Licht, und nur dort, wo es nicht hinreichte, schienen schwarze Schatten drohend ihre Mäuler aufzureißen. Falk schlug leise die Decke zurück, griff nach dem Dolch, den er immer in Reichweite hatte und sah sich um. Nichts bewegte sich, kein Geräusch störte die vollkommene Stille. Der Junge stand auf, versicherte sich, dass sein Meister immer noch schlief und schlich hinunter zur Quelle. Er beugte sich über den dunklen Spiegel, um mit der hohlen Hand etwas Wasser zu schöpfen, als tief unten, auf dem Grund des Tümpels, etwas aufblitzte. Falk blinzelte, vielleicht war er noch in einem Traum gefangen? Vielleicht narrte ihn das Licht des Rades? Er kniete sich hin, sein Gesicht war nun so nah an der Wasseroberfläche, dass es sie fast berührte. Wieder leuchtete am Grund der Quelle ein helles Licht auf, es schien zu pulsieren, war einmal heller, einmal dunkler, Ihm fielen Geschichten ein, von magischen Schwertern, von Schätzen am Grund eines Sees, und sein Herz schlug schneller. Vielleicht lag dort unten etwas von unschätzbarem Wert, und er brauchte nur danach zu greifen! Er streckte die Hand aus und beugte sich noch weiter vor…

***

Magnus schlug die Augen auf. Das Lager neben ihm war leer und Falk nirgends zu sehen. Der Gelehrte schüttelte den Kopf. Seit dem Vortag war eine Veränderung mit seinem Schüler vorgegangen, und er war sich nicht sicher, ob ihm dieser plötzliche Eifer des Jungen gefiel. Er hätte sich darüber freuen müssen, aber es passte so gar nicht zu dem sonst eher trägen Novizen. Irgendetwas war passiert; vielleicht hätte er besser auf den Jungen aufpassen müssen. Anstatt erfreut zu sein, dass dein Schüler plötzlich Interesse an deiner Arbeit zeigt, wünschst du dir den alten Falk zurück. Missmutig holte er zum vielleicht hundertsten Mal die Pergamentrolle hervor, um sie zu studieren.

„Brabak, Dunkle Halle der Geister“,

sein Finger folgte der Linie,

„Chichanebi, der große Knoten von Zamorrah, an der Gor vorbei, Keshal Taref. Temporallinie der Sündenpfuhle. Kein Nodix im Chichanebi. Aber da muss etwas sein…meine Berechnungen…“

Gedankenverloren starrte der Magister zu dem nun wieder rötlich schimmernden Tümpel hinüber. Wo der Junge sich bloß rum trieb? Und der verdammte Novadi war immer noch nicht wieder aufgetaucht. Magnus kniff die Augen zusammen. Da lag etwas. Sah aus wie Falks Dolch. Ärgerlich einen Fluch murmelnd rollte der Gelehrte das Pergament zusammen und ging hinüber zur Quelle. Nachdenklich bückte er sich zu der einfachen Waffe, um sie aufzuheben, als er einen faustgroßen, in dunklem Blau schimmernden Stein bemerkte, an dem der Dolch regelrecht zu kleben schien und spürte, wie ihn ein Schauer überlief. Magnetisch. Meteoreisen. Kein Nodix, nein, viel mehr. Er griff danach, hob den Stein auf, spürte das Pulsieren in seiner Hand, die magische Kraft, die von dem Artefakt ausging. Der Junge hat ihn aus dem Wasser geholt. Er hat unwissentlich eine Pforte geöffnet. Eine Faust packte mit eisernem Griff sein Herz. Ich kann ihn nicht allein lassen, ich muss ihm folgen. Er konzentrierte sich, fühlte, wie die Energie, die von dem tiefblauen Metallbrocken ausging, seine Arme hinaufflutete, er erzitterte unter der Macht des Artefakts, Schweiß troff ihm aus allen Poren, und dann fühlte er, wie sein Geist von einem gleißenden Blitz geblendet wurde.

Das letzte, was er hörte, war die betörend schöne Stimme einer Frau.

„Willkommen, Magnus von Ehrenfels. Ich habe auf dich gewartet.“

***


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s