Chajm und Teresa

Eine Liebesgeschichte in Fragmenten, die sich im Vogelmann bereits andeutete und sich anschließend verselbständigte


Zwei fiktive Personen

Chajm Saenger ist sechsunddreißig Jahre alt. Sein stark gelichtetes Haar und seine stets etwas ironisch blickenden, hinter einer Brille verborgenen Augen lassen ihn allerdings älter erscheinen, als er ist. Er ist nicht besonders groß und eher schlank. Gekleidet ist er während seiner Tätigkeit in der Pathologie in einen mehr oder weniger sauberen weißen Arztkittel. Außerhalb des Krankenhauses scheint er auch nicht allzu viel Wert auf Kleidung zu legen, er ist meistens dunkel gekleidet, was die ungesunde Blässe seines Gesichtes noch hervorhebt. Das Auffälligste an ihm sind seine schmalen feingliedrigen Hände, die vielleicht zu einem Musiker passen würden. Das und eine gewisse Melancholie die ihn umweht wie der immer präsente leichte Geruch nach Formalin, üben auf manche Frauen eine morbide Anziehungskraft aus, derer er sich aber nicht bewusst ist.
Er stammt aus dem ehemals österreichischen Böhmen, kam mit seinen Eltern aber bereits im Jahre 1905 nach Wien.
Als 1914 der Krieg begann, hatte er gerade seine erste Stelle als Arzt im Rothschild-Spital im 9. Bezirk angetreten. Kurz darauf wurde er einberufen und erlebte den Krieg als Stabsarzt in verschiedenen Lazaretten hinter den häufig wechselnden Fronten. Was er dort sah, hat nicht unerheblich zu seinem heutigen Charakter beigetragen. Zuerst verlor er seinen Glauben an die Menschen, dann den an seinen Gott. Eine Synagoge hat er seit Jahren nicht mehr von innen gesehen.
Das Jahr 1925 findet ihn im Allgemeinen Krankenspital im Alsergrund. Sein Reich sind die verschlungenen Gänge und Keller, die kaum ein Besucher jemals, und wenn doch, dann nie ohne guten Grund betritt. Hier befindet sich die Pathologie, wo er seit 1919 arbeitet, der Ort, an dem er in Gesellschaft der Toten so etwas wie Frieden findet, ein Gefühl, das ihm in Gesellschaft der Lebenden verwehrt ist.
Die Schrecken des Krieges und eine Verletzung die er sich in den letzten Kriegstagen zugezogen hat sind verantwortlich für seine Morphinsucht. Bisher hat er es mit eisernem Willen geschafft ihr nicht vollständig zu erliegen. Nachdem der unkontrollierte Gebrauch und das Verschreiben von Opiaten allerdings 1921 verboten wurde, wurde die Beschaffung der Droge selbst für ihn als Arzt immer schwieriger und kostspieliger, weshalb er irgendwann für einen Nebenverdienst sorgen musste. Seitdem führt er in seiner Wohnung im Karmeliterviertel heimlich Abtreibungen durch, ein durchaus lukratives, wenn auch nicht risikoloses Geschäft.
Wer ihm nun vorwirft, ein gewissenloser Zyniker zu sein, tut ihm unrecht; eher ist er ein von seinen persönlichen Gespenstern gehetzter Mann, sensibel und durchaus mitfühlend, was er aber meist hinter einer Maske aus Spott oder Ironie verbirgt. Die Tatsache, dass er Frauen aus ihrer Not hilft, ruft keinerlei moralische Bedenken bei ihm hervor, ist er doch überzeugt, dass man in diese Welt voller Grauen nicht guten Gewissens neue Menschen setzen kann.

Teresa Goldstein, Chajms „Snĕhurka“ (tchech. Schneewittchen) und zeitweilige Geliebte, ebenfalls aus Prag, kam erst nach dem Krieg nach Wien, das sie aber nur als Zwischenstation auf ihrem Weg nach Palästina betrachtet. Sie ist glühende Zionistin und Anarchistin.
Sie ist klein, zart, mit immer strubbeligen halblangen, schwarzen Haaren, sehr heller, fast durchscheinender Haut und dunklen Augen, die, wenn sie diskutiert, was sie oft und gerne tut, zu glühen scheinen. Überhaupt ist sie das Gegenteil von Chajm: extrovertiert, temperamentvoll und frei von Angst, Eigenschaften, die sie ungemein attraktiv für ihn machen. Sie haben sich am Rande einer Demonstration kennen gelernt, an der er allerdings nicht teilnahm, sondern in die er nur zufällig hineingeriet. Teresa hatte einen Schlag mit einem Polizeiknüppel abbekommen; er versorgte die Platzwunde an ihrem Kopf und begleitete die junge Frau anschließend nachhause. Ihr beidseitiger Freiheitsdrang verhindert eine festere Bindung, ihre Beziehung ist problemlos, geprägt von großer gegenseitiger Wertschätzung und dem Bewusstsein, dass ihre Wege sich über kurz oder lang wieder trennen werden, was jede ihrer Begegnungen mit einem bittersüßen Geschmack von Abschied würzt.
Sie wohnt in der Kleinen Mohrengasse, nicht allzu weit von seiner Bleibe entfernt, was dazu führt, dass sie sich öfters auch zufällig über den Weg laufen.
Teresa ist die Einzige, die von Chajms „Nebentätigkeit“ weiß und diese als überzeugte Anhängerin der Freiheit des Individuums gutheißt. Zurzeit arbeitet sie in einem jüdischen Waisenhaus in der Leopoldstadt und spart jeden Schilling für ihre Überfahrt nach Palästina.


1.

Morgenlicht fällt durch das kleine, von verdunsteten Regentropfen und Staub trübe Mansardenfenster, wandert über alte Dielen, erreicht das schmale Bett mit den zerwühlten Laken in einer Ecke des Zimmers, streicht über den schmalen Körper, der sich darunter abzeichnet, über ein Bein, das sich aus der Umarmung des Stoffes befreit hat, nimmt den Weg über das zerknüllte Kopfkissen und schwarze, zerzauste Haare und kriecht eine kahle, vor langer Zeit weiße Wand entlang.

Es ist still, der Sommertag ist noch jung. Nur das hektische Summen einer Stubenfliege ist zu hören, die sich im kunstvoll gewebten Netz einer Spinne verfangen hat, das, unsichtbar für sein Opfer, den Weg in die vermeintliche Freiheit versperrt.

Die Schläferin wirft sich unruhig von einer auf die andere Seite, der Hilferuf des sich immer mehr ins Verderben zappelnden Insekts dringt in ihr Unterbewusstsein, holt sie aus den Tiefen eines Traumes an die Oberfläche.
Widerstrebend öffnet sie die Augen, starrt schlaftrunken und noch nicht bereit, die Bilder der Nacht loszulassen, blicklos an die Decke über sich, die irgendwie auf sie zuzukippen scheint.

Olivenbäume in flirrendem Sonnenlicht, das Zirpen abertausender Zikaden, der Geruch von in der Hitze verdorrtem Thymian, in der Ferne das Geschrei eines Esels, das Gebimmel unzähliger Glöckchen, das das Sich-Nähern einer Ziegenherde ankündigt.
Teresa hebt die Hand, winkt einer Gestalt zu, die im Staub den die Herde aufwirbelt nicht zu erkennen ist. Es ist Chajm. Im Traum weiß man so etwas.

Immer noch nur halb wach, tappt sie in die Küche, füllt die Waschschüssel, taucht beide Hände in das angenehm kalte Wasser, benetzt ihr Gesicht und sieht in den Spiegel, der über der Spüle hängt.
Dunkle Ringe unter den Augen, die von einer kurzen Nacht erzählen, zerzauste schwarze Locken, die widerspenstig um ihren Kopf stehen; Teresa mustert unverwandt das Bild der jungen Frau, die ihren Blick erwidert, distanziert, als handle es sich dabei um eine unbekannte Person, streckt ihr die Zunge heraus und wendet sich ab.

Sie stellt den zerbeulten Kessel auf den Herd, ein elektrischer, nicht einer der alten Holzküchenöfen, den man hier vielleicht erwartet hätte.

Wenig später kehrt sie mit einer dampfenden Tasse in das kleine Zimmer zurück, das ihr als Schlaf- und Wohnzimmer zugleich dient, streift sich das leichte Sommerkleid über, das sie am Abend zuvor achtlos irgendwo hat fallen lassen und lächelt in Erinnerung an die vergangene Nacht vor sich hin.
Sie trinkt, am geöffneten Fenster stehend, von dem aus sie einen schönen Blick über die Dächer der benachbarten Häuser hat, ihren morgendlichen Kaffee, den Chajm abschätzig ‚Schlammbrühe’ nennt, weil sie sich nicht die Mühe macht, ihn zu filtern. Eines der vielen Dinge, die sie von ihm unterscheiden, ihre Gleichgültigkeit gegenüber der wienerischen Kaffeekultur, um die hier allenthalben ein Riesenbrimborium veranstaltet wird für das sie noch nie Verständnis aufgebracht hat.

2.

Kurz vor Morgengrauen verlässt er Teresas Wohnung, er hat sie nicht geweckt, warum auch, sie wird sowieso todmüde sein.
Er schlendert die wie ausgestorben daliegende Straße entlang, überlegt, ob er nachhause gehen soll, entscheidet sich dann aber dagegen. Er liebt diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt, seine Stadt, noch schläft. Von der Donau weht ein lauer Wind herüber und Chajm beschließt, an den Fluss hinunter zu gehen.

Dort angekommen, setzt er sich auf eine der Bänke am Ufer und schaut auf das dunkle Wasser. Er ist mit sich und der Welt im Reinen wie schon lange nicht mehr, und das hat er Teresa zu verdanken, die ihn aus der Starre geholt hat, die ihn befallen hatte wie eine üble Krankheit. Beim Gedanken an ihr erstes Zusammentreffen, das nur wenige Monate her ist, lächelt er. Wie lange scheint das zurückzuliegen!

Eine Ente nähert sich ihm, wohl in der Hoffnung, mit Brot gefüttert zu werden. Erwartungsvoll dreht sie den Kopf zur Seite, sieht den Menschen vor sich an, wartet vergeblich und entfernt sich wieder mit einem, wie ihm scheint, enttäuschten Schnattern.
Er beobachtet sie, wie sie schwerfällig über die Wiese watschelt und dann, zurück im Wasser, ihre natürliche Eleganz wiederfindet, wie schwerelos dahingleitet in ihrem ureigenen Element.
Ist es nicht das, was wir alle suchen? Das Element, das uns zu uns selbst transformiert? Das aus uns statt unbeholfen durchs Leben taumelnder Individuen himmlische Wesen macht? Ist Teresa mein Wasser? Die Quelle, aus der ich Kraft schöpfe?

Er schließt die Augen.
Teresa, wie sie nackt durchs Zimmer läuft, Teresa, wie sie einen Gendarmen beschimpft, Teresa, wie sie Chajm anlacht, ihr großer Mund, den er so gerne küsst.

Zeit zu gehen! Dein Keller wartet auf dich, und vorher brauchst du noch einen starken Kaffee.
Er steht auf, schlägt den morgendlichen Weg zur Arbeit ein, entscheidet sich spontan für das Kaffeehaus gegenüber des Spitals, um die Zeitung zu lesen und einen großen Schwarzen zu trinken. Beim Reingehen werfen die vielen Spiegel an den Wänden das Bild eines dunkelhaarigen Mannes mit schwarzen Stoppeln am Kinn und tiefen Augenringen hinter einer runden Brille zurück, ein Gesicht, das er erst nach kurzer Irritation als das seine erkennt. Er setzt sich in dieselbe Ecke wie immer, sein Blick schweift durch den Raum bevor er sich der Lektüre der Morgenzeitung widmet.

3.

Als Teresa die schwere Tür des Waisenheims in der Goldschlagstraße öffnet, empfängt sie der Geruch von kalter Kohlsuppe und Kernseife, beides Zeichen dessen, was man hier unter Fürsorge versteht: die Kinder halbwegs satt und sauber zu kriegen.

Sie hastet die Treppe hinauf, dorthin, wo sie schon die hellen Stimmen der Kinder hört und die strenge, zurechtweisende der Mutter Oberin. Es wird Ärger mit ihr geben, wegen der Verspätung, nicht zum ersten Mal und sicher auch nicht zum letzten. Sie schafft es einfach nicht, pünktlich zu sein, egal wie früh sie aufsteht.

Im Schatten einer Mauernische kauert ein Junge, die Knie eng an den Körper gezogen, die Arme wie zum Schutz fest um die Beine geschlungen, das Gesicht verborgen hinter einem Wust dunkler Haare.

„Joscha, was tust du denn hier?“

Teresa hockt sich neben die kleine Gestalt, deren schmale Schultern leise zu zucken beginnen.

„Haben sie dich wieder gehänselt?“

Schweigen, dann ein fast unmerkliches Nicken.

Sie setzt sich neben dem Jungen auf die Stufe und wartet. Du wirst noch mehr Ärger bekommen als sowieso schon. Schwester Irma ist der Ansicht, dass eine zu große Nähe die Kinder verzärtelt. Und einen weinenden Jungen trösten gehört ganz eindeutig zu dem, was sie Schmonzes nennt.

„Sei nicht traurig! Sie verstehn es eben nicht besser.“

Schweigen. Dann ein Seitenblick aus tränennassen Augen, unter einer widerborstigen Haarsträhne hindurch.

„Erzählst du mir was von Palästina? Von den Tieren dort? Und von dem großen blauen Meer?“

Teresa nickt. Von Palästina erzählen, das tut sie gerne. Was sie weiß, hat sie nur gelesen oder auf den Versammlungen der Alijah, der Bewegung der Einwanderer nach Erez Israel gehört. Sie hat die Schriften Landauers und Mühsams studiert, Martin Bubers Werke verschlungen, und nun hat sie einen Traum: dorthin zu gehen und ein freies Land aufzubauen.

„Was willst du hören? Von den Kibbuzim, wo die Menschen zusammen leben, zusammen arbeiten, aber auch zusammen feiern? Wo keiner den anderen verachtet, weil er angeblich weniger wert ist als er selbst? Nein, du willst von den Ziegen und den Schafen hören, davon, wie die Kinder sie auf die Weide treiben, um dann im Schatten eines Baumes zu sitzen, während die Tiere sich ihr Futter suchen…“

Die Erinnerung an ihren Traum steigt in Teresa auf, an das Klingen unzähliger Glöckchen, an Chajm, der ihr aus der Ferne zuwinkt. Er bemüht sich, es nicht zu zeigen, um sie nicht zu verletzen, aber sie kann es in seinen Augen sehen. Er glaubt nicht an ihre Vision, daran, dass der Mensch einst nicht mehr des Menschen Wolf sein wird, daran, dass es ein Land geben wird, in dem die Juden in Frieden mit ihren Nachbarn leben werden. Ach Chajm….

 „Warum schweigst du? Erzählst du mir von den Waisenhäusern dort?“

Joschas Stimme dringt in ihre Gedanken, ein freundlicher Ruf aus der Gegenwart in eine geträumte Zukunft.

„Oh ja, natürlich! Das heißt, nein, denn es wird keine Waisenhäuser mehr geben. Die Kinder werden in Familien leben, und die Familien in den Kibbuzim. Ich habe dir schon einmal davon…“

„Setzen Sie dem Jungen wieder Flausen in den Kopf? Als wären da nicht schon genug drin!“

Schwester Irma steht am Ende der Treppe, die Hände in die Hüften gestemmt, eine Personifikation der Missbilligung.

„Nicht nur, dass sie Tag für Tag zu spät kommen, nein, Sie halten sich nicht an die Regeln dieses Hauses! Anstatt darauf zu achten, dass die Kinder saubere Hände und Fingernägel haben, dass sie lernen, ihre Betten zu machen, kurz, anstatt ihnen beizubringen, ein nützliches Mitglied unserer Gemeinschaft zu sein, schwatzen Sie von einem Land, das es nicht gibt, wecken Wünsche, die Sie nicht erfüllen können. Alles Schmonzes! Und du, Josef, mach, dass du zu den anderen kommst! Du sollst dich nicht absondern, wie oft habe ich dir das schon gesagt!“

Die Oberin macht eine Bewegung, als wolle sie eine lästige Fliege verscheuchen, Joscha duckt sich nach einem letzten scheuen Blick zu Teresa unter der wedelnden Hand hindurch und huscht davon, die Treppe hinauf.

„Ich habe nur…“

„Ich wünsche nicht, das weiter mit Ihnen zu erörtern. Gehen Sie an ihre Arbeit, und zwar schnell!“

Versuche nicht, mit diesem Drachen zu rechten, es ist vergebliche Liebesmüh’.

 Teresa presst die Lippen zusammen und folgt dem Jungen hinauf in den Vorhof der Hölle, ohne Schwester Irma noch eines weiteren Blickes zu würdigen.

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