Der Aufzug

Variation über ein Märchen von Hans Christian Andersen


Der Junge wohnte in einem der Hochhäuser am Stadtrand, eine Gegend, die von den honorigen Bürgern gemieden wird, von der sie höchstens in den Kurzmeldungen ihrer Zeitung einmal lesen, meistens nichts Erfreuliches, Dinge, die in Polizeiberichten auftauchen als Kleinkriminalität, Vandalismus oder häusliche Gewalt. Ein sogenannter Problembezirk eben.
Für ihn bedeutete dieses Viertel Zuhaue, er war nie woanders gewesen. Als er klein war, hatte sein Vater ihm manchmal von der fernen Heimat erzählt, von der Sonne, die dort immer schien, und die unbarmherzig das Land und seine Menschen ausdörrte, vom kühlen Schatten der Lehmhäuser, in den sie sich vor der Mittagshitze flüchteten, vom ewigen Blau des Himmels, der nur manchmal von einem Sandsturm verdunkelt wurde, von der großen Familie, ihrer Familie, die sie dort zurückgelassen hatten, Großvater und Großmutter, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen. Wovon der Vater nicht sprach, waren Armut, Hunger und Krieg, die in ihrem Land herrschten, und die sie von dort vertrieben hatten.

Irgendwann war der Junge zu groß, um noch auf dem Schoß des Vaters zu sitzen und dessen Geschichten von einem unbekannten Paradies zu lauschen. Er ging nun in die Schule, lernte lesen und rechnen. Eine neue Welt tat sich vor ihm auf, voller Rätsel und Abenteuer, die es zu erforschen galt, und er stürzte sich kopfüber hinein wie ein Schwimmer, der in kühles, klares Wasser taucht. Seine Lehrerin freute sich über den Eifer, mit dem er all das Wissen in sich aufsog, das ihm angeboten wurde und ermutigte ihn. Doch bald fingen die anderen an ihn zu hänseln, nannten ihn Streber, weil er besser lesen und schreiben konnte als sie, weil er gelobt wurde und gute Noten mit nachhause brachte. Auf dem Schulhof bezog er oft Prügel, ein Anlass fand sich immer. Manchmal lauerten sie ihm auch auf dem Nachhauseweg auf, und er rannte, so schnell er konnte, flüchtete sich in den Aufzug und drückte schnell den Knopf zum elften Stockwerk. Eigentlich hatte er Angst alleine in der engen Kabine aus Stahl, in der es immer schlecht roch und die nur im Schneckentempo nach oben kroch. Einmal war er stecken geblieben und es hatte eine Ewigkeit gedauert, bis die Fahrt endlich weiterging. Noch mehr, als alleine zu fahren fürchtete er allerdings mit dem Mann aus dem achten Stock und dessen Hund auf den zwei Quadratmetern zusammengepfercht zu sein. Er drückte sich dann in die hinterste Ecke und beobachtete angelegentlich seine Fußspitzen, hoffend, dass das Tier und sein Herr keine Notiz von ihm nehmen würden.

Zuhause erzählte er nichts von alldem, niemand hätte ihm zugehört. Sein Vater ließ sich immer seltener blicken, tagsüber saß er alleine auf einer der Bänke am Spielplatz, in der Hand eine kleine Holzperlenkette, die er unablässig zwischen den Fingern hindurchlaufen ließ, in den Augen Traurigkeit. Abends ging er ins Café, spielte mit den anderen Männern dort Karten und kehrte erst spät, wenn alle schon schliefen, zurück. Die Mutter saß, wenn sie ihre Hausarbeit getan hatte stundenlang vor dem Fernseher und starrte mit leerem Blick auf die sich endlos bewegenden Bilder, ohne zu verstehen, was die Menschen auf dem Bildschirm sprachen. Der Junge gesellte sich, wenn er von der Schule kam schweigend zu ihr, und er begriff, was er da sah und lernte daraus. Nur einer, der cool war, hatte eine Chance, einer wie Jet Li zum Beispiel, klein und zäh. Von nun an setzte er alles daran, so zu werden wie die Helden in den Filmen. Er imitierte ihr Mienenspiel, lernte, eine Maske der Gleichgültigkeit zu tragen, hinter der er verbergen konnte, was in ihm vorging. Immer häufiger schwänzte er die Schule, lungerte mit anderen Jungen auf dem Spielplatz herum, die ihn nun nie mehr einen Streber schimpften. Von weitem sah er seinen Vater auf der Bank sitzen, den er verachtete wegen der Fügsamkeit, mit der er sein Schicksal hinnahm.
Doch in ihm breitete sich Leere aus, ein Vakuum, das er nicht füllen konnte. Etwas, das er besessen hatte, war verloren gegangen.

Es war Winter, ein eiskalter Regen peitschte über den zugigen Platz zwischen den Hochhäusern, der Spielplatz lag verlassen im kalten Licht der Straßenlaternen, und kaum ein Mensch ließ sich draußen blicken. Der Junge war auf dem Weg nachhause, die Schultern hochgezogen, die Hände tief in den Taschen vergraben, hastete er die Straße entlang. An den Mülltonnen bewegte sich etwas, es war die irre Alte aus dem dritten Stock, im Morgenmantel, die nackten Füße in zerschlissenen Lederschuhen kramte sie nach Essbarem. Das machte sie immer, er kannte sie, so schien es ihm zumindest, seit er denken konnte. Sein Vater hatte ihm einmal gesagt, dass es die Aufgabe eines jeden Menschen sei, den Armen und Hilflosen zur Seite zu stehen, wie der Prophet es gelehrt habe. Etwas rührte sich in ihm, doch schnell schaute er weg und ging entschlossen weiter. Er hatte heute Besseres vor, als sich um eine verwahrloste Frau zu kümmern, der sowieso nicht zu helfen war.

Das Licht im Hauseingang war wie so häufig kaputt, und er tastete im Dunkeln nach dem Knopf. Ein leises Quietschen kündigte an, dass der Aufzug kam. Der Junge hatte schon lange keine Angst mehr davor, alleine damit zu fahren, und selbst die Tatsache, dass die Kabine bis auf ein bläulich schimmerndes Notlicht dunkel war, schreckte ihn nicht. Er drückte auf die Elf, die er auch blind finden würde, die Tür schloss sich und der Aufzug setzte sich nach einem kurzen Zögern rumpelnd in Bewegung. Die Fahrt nach oben schien noch länger zu dauern als gewöhnlich, das bläuliche Licht flackerte von Zeit zu Zeit, als wolle es verlöschen. Als er endlich oben ankam, schimmerte durch einen feinen Spalt Licht, offensichtlich funktionierte die Beleuchtung hier oben, was nicht selbstverständlich war. Die Tür ging auf und blendende Helligkeit strömte herein, ein Licht, das von keiner Glühbirne der Welt stammen konnte, weiß und zugleich warm. Er schloss die Augen und als er sie wieder öffnen konnte, sah er vor sich nicht den langen, trostlosen Hausflur, den er erwartet hatte, sondern eine weite Landschaft, mit golden schimmernden Hügeln aus Sand. In der Ferne duckten sich ein paar ockerfarbene Lehmbauten in eine Senke, Palmen ragten über einem kleinen blauen See. Vorsichtig tat er einen Schritt hinaus, fühlte den warmen Sand zwischen seinen nackten Zehen. Plötzlich sah er seinen Vater neben sich, der lächelte und ihm zunickte.
„Siehst du, mein Sohn, wir werden gleich zuhause sein. Deine Großeltern und alle anderen Verwandten warten schon auf uns, es wird ein großes Fest geben zur Feier unserer Rückkehr aus der Fremde.“
Kurz blickte der Junge sich um, aber hinter ihm war nichts als unendliche Weite. Und er tat den zweiten Schritt, dann den dritten, zuletzt rannte er auf die Häuser zu.

Irgendjemand hatte sich geärgert, dass der Aufzug mal wieder stecken geblieben war und den Hausmeister angerufen. Er fand den Jungen, dessen Fuß, der in den Flur des elften Stockes hinausragte, verhindert hatte, dass die Tür sich schloss. Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht, das der Arzt, den man herbeirief, sich nicht erklären konnte. Routiniert füllte er den Totenschein aus, Überdosis, bedauerlicher Alltag am Rand der Stadt.

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