Die Eremitage


Schwer zu erreichen, tief unten im engen Tal des kleinen südfranzösischen Flusses, an einem abgeschiedenen Ort, steht eine alte Eremitage. Eine Ermitage 1kleine Kapelle von asketischer Schönheit verbirgt sich hinter den Mauern eines einfachen Hauses aus hellem Kalkstein. Wenn man den Raum betritt, ist es kühl und still. Man hört nicht einmal mehr das Rauschen der Bäume, an denen der Mistral zerrt; in diesen Mauern fühlt man sich geschützt. Manchmal liegen auf dem schmucklosen Altar kleine Gaben, hinterlassen von Wanderern oder Gottessuchern, besonders schöne Steine, verwelkte Blumen, sogar einen bunten Schmetterlingsflügel habe ich hier schon gefunden. Heruntergebrannte Kerzen in den Fensternischen und leere Teelichter auf dem Altar zeugen von der Anwesenheit anderer Besucher, Ermitage 3die man aber niemals antrifft, als lege jeder Wert darauf, hier alleine zu sein.
Es gab ein Jahr, in dem man jeden Morgen, sehr früh, in der Dämmerung, die leisen Töne einer Flöte hören konnte. Den Flötenspieler habe ich nie gesehen; er kam und ging, unsichtbar, unerkannt. Vielleicht freute er sich an der Akustik des kleinen Gewölbes, vielleicht war es seine Art zu beten.
Wenn man an der Ermitage vorbei den steinigen Weg abwärts geht, wartet unten der Fluss, grün und leise plätschernd ist er ein Versprechen auf Erfrischung in der Hitze. Der erste Eremit hat diesen Ort sorgfältig gewählt; man kann hier den Fluss überqueren, ohne schwimmen zu müssen und nur einige hundert Meter flussaufwärts gibt es eine Quelle. Eiskaltes Wasser strömt aus einer kleinen Höhle in der hoch aufragenden Felswand und vereint sich mit dem grünen Wasser des Flusses. Das Tal gehört sich selbst, keine Straße führt hier entlang. Reiher, Eisvögel, ja selbst Bieber, die ihre gut sichtbaren Spuren an den Bäumen hinterlassen, leben hier. Im Schutz der Dunkelheit kommen die Wildschweine aus dem Unterholz und wechseln auf die andere Seite, immer auf der Suche nach Futter, das die Stein-und Grüneichen ihnen bereitwillig spenden.
Am Tag, wenn die Sonne warm genug ist, findet man vereinzelt Menschen, die, jeder für sich, Stille und Einsamkeit suchen, aber auch Familien, die ein Picknick veranstalten auf den aus hellem Stein gemauerten Terrassen. Doch wenn die Sonne hinter den Bergen verschwindet, was sie früh tut in diesem engen Flusstal, dann machen sich die Menschen auf in bewohntere Gegenden und der Ort gehört wieder sich selbst.
Nur der Geist des Abbé Pierre, der letzte Eremit, der hier lebte, der neben der Kapelle in einem überraschend kleinen, engen Grab seine letzte Ruhe gefunden hat, bleibt zurück.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s