Ein Café in Uzès


Uzès, die Reiche, Satte, die von ihrer langen Geschichte besoffene Stadt, deren Bürger sich selbst feiern. Uzès, die Schöne, Steinerne, der Sitz der Bischöfe und Herzöge, der Makler und Tourismusexperten, die die Zuhälter geben, feilgeboten jedem, der sie besitzen möchte, und das sind viele, Holländer, Deutsche, Engländer.
Und doch gibt es hier noch Orte, die sich nicht verkauft haben und so einer ist das Café de l’Hotel, das am Ende der Ringstraße, grün überdacht von schönen alten Platanen, auf die immergleichen Gäste wartet. Seine Existenz ist ambivalent, es gibt ein Drinnen und ein Draußen, und es gibt das verborgene Herz, das nur die Eingeweihten je betreten. Vor der Tür, auf dem breiten, beschatteten Bürgersteig drängen sich kleine runde Tische, die früh am Morgen, ordentlich aufgereiht in zwei Reihen, flankiert von je zwei oder vier hölzernen Klappstühlen wie Soldaten den Tag begrüßen. Diese militärische Ordnung löst sich jedoch schnell auf, denn bald schon kommen die ersten Gäste und zerstören die künstliche Vollkommenheit. Man wird freundlich begrüßt, mancher mit Handschlag, rückt sich einen Stuhl zurecht, setzt sich, und nun beginnt das ewige Spiel des Sehens und Gesehenwerdens. Man schlürft den ersten Kaffee und betrachtet die so früh am Morgen noch nur vereinzelten Passanten und die vorbeifahrenden Autos, deren Fahrer auf Höhe des Cafés langsamer fahren, und, das Fenster heruntergekurbelt, den Arm lässig herausgehängt, Ausschau halten nach bekannten Gesichtern.
Der Patron, der entspannt in der Tür steht, ist ein Mann mit den fremden Zügen eines Zigeuners; hohe Wangenknochen, schwere Lider über dunklen Augen, eine gebogene, kühne Nase über dem vollen Mund mit der leicht hängenden Unterlippe. Sein Ausdruck hat etwas müdes, gelangweiltes, das jedoch sofort verschwindet, wenn dieses Gesicht sich zu einem Lächeln verzieht, mit dem er den einen oder anderen Gast begrüßt. Ich habe ihn noch nie anders als schwarz gekleidet gesehen, die Uniform der Existenzialisten und derer, die gleichgültig sind gegenüber ihrem Äußeren.
Betritt man nun das Café, begibt der Patron sich hinter die Bar, trocknet ein paar Gläser, sammelt leere Tassen ein und scherzt mit den ein oder zwei Gästen, die an der Theke ihren ersten Roten genießen. Es herrscht ein diffuses Halbdunkel, und die Augen müssen sich erst gewöhnen. Der Blick schweift durch den länglichen Raum auf der Suche nach einem angemessenen Platz. Links der lange Tresen aus dunklem Holz, dahinter, ebenso wie rechts entlang der Wand ledergepolsterte Bänke, davor schöne alte Kaffeehaustische, schwere Marmorplatten auf gusseisernen Füßen, flankiert von ein paar alten Holzstühlen, auf die kaum jemand sich setzt, müsste man dann doch den Anwesenden den Rücken zukehren. Doch ganz gleich, welchen Platz man erwählt, große Spiegel, die den Abschluss der dunklen Holvertäfelung bilden, die zugleich als Rückenlehne der langen Bänke dient, sorgen dafür, dass man jederzeit den Raum überblickt und sich mal hier, mal dort selbst entdeckt, was durchaus irrititerend ist.
In der hinteren, rechten Ecke, neben der Treppe, von der später noch die Rede sein wird, sitzt manchmal ein alter Mann, zu seinen Füßen ein schläfriger Hund, vor sich auf dem Tisch eine Tasse Kaffee und einen Zeichenblock, in der Hand einen Stift, mit dem er unendlich geduldig feine, fast filigrane Linien auf das Papier zaubert. Nach und nach wachsen daraus steinerne Mauern, Häuser, Bäume, eine südliche Landschaft in schwarz-weiß. Und so, vertieft in seine Arbeit, wird der Künstler zu einem Teil des Inventars.
Wenn man nun also bedachtsam seinen Platz gewählt hat, bestellt man einen Kaffee oder einen Pastis und erliegt dem Zauber des Ortes. Man verliert jedes Zeitgefühl, lässt sich einlullen vom Klang der Espressomaschine, vom Klirren der Gläser, von den Gesprächen der Anderen, meist geführt im gutturalen Französisch des Südens, mit dem gerollten ‘R’ und dem Unvermögen der Leute hier, die nasalen Laute des Nordens zu formen, was der Sprache einen warmen, etwas bäuerlichen Klang verleiht. Manch einer studiert mit gespannter Aufmerksamkeit die örtliche Zeitung, die den stolzen Namen ‘Midi Libre’ trägt, was soviel heißt wie ‘freier Süden’, sodass der Kaffee auf dem Tisch darüber kalt wird. Irgendwann springen diese Leute auf und gehen mit schnellen Schritten die Treppe hinauf um dort im Herz des Cafés zu verschwinden. Lange Zeit blieb mir verborgen, was dort oben passiert, bis mich eines Tages ein menschliches Bedürfnis zwang, ebenfalls die vielleicht zehn Stufen hinauf zu gehen. Diese ausgetretene hölzerne Treppe, nein, dieses Versprechen, denn um nichts anderes handelt es sich hier, ist ein Jugendstiltraum: ein doppeltes Geländer führt in
elegantem Schwung beidseitig nach oben, dort, wo sich rechts hinter einer kleinen Tür das winzige stille Örtchen befindet, das zu beschreiben durchaus lohnend wäre, worauf ich hier jedoch verzichte, denn geradeaus geht es in das versprochene Paradies. Hier landen sie also, all die Hoffenden, die Armen, die ewigen Verlierer. Hier geben sie ihre Wetten auf das nächste Rennen ab, von dem sie sich sicher sind, damit reich zu werden und ihren trüben Alltag hinter sich lassen zu können. Über der Tür nährt ein verblasstes Schild die unausrottbare Sehnsucht: “Hier gewann 2008 einer 600 000 Euro!” Der Raum ist enttäuschend nüchtern, die Gäste dort oben sind absorbiert von dem fernen Geschehen auf der Rennbahn, das sie auf den zahlreichen Bildschirmen mitverfolgen können. von Zahlen, die dort flimmern.
Enttäuscht, dass das Herz manchmal so ein unpoetischer Ort sein kann, kehrte ich zurück an meinen Tisch und bestellte noch etwas zu trinken.

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