Eine Osternachts-Geistergeschichte

Gewidmet R.Eisswolf, dem Autor der Romane DIE DREI HERRJE und HIN UND WEG, mit freundlichem Dank für viele Stunden Lesevergnügen, und natürlich Charles Dickens für den nur leicht abgewandelten Titel


Das Geräusch eines Blattes, das zu Boden fällt, störte die vollkommene Stille des nächtlichen Hintermwald. Das C.HAMAELEON, das seit Stunden regungslos, wie es Wesen seiner Art eigen ist, in die Dunkelheit hinausstarrte, um den Schlaf gebracht von einem Himmelsgestirn, das in dieser Nacht zwar nicht sicht-, dafür aber umso mehr fühlbar war, drehte sich um. In diesem Augenblick verzog sich eine Wolke, die eine Abwesenheit vorgaukelte, von der sich das schlaflose Echsenwesen mitnichten hatte täuschen lassen – hatte es doch einen sehr feinen, ihn regelmäßig quälenden Sinn für Kräfte, die andere schlicht für Hirngespinste eines verwirrten Geistes oder zumindest einer überempfindsamen Seele hielten – und das Licht des vollen Mondes, das selbst einen Werwolf um den ihm noch gebliebenen Verstand gebracht hätte, stahl sich ins Zimmer mit seiner kalten Gleichgültigkeit.
Nein, er erhellte nicht das gesamte Zimmer, wie es eine Neonröhre getan hätte, so plump war der Erdtrabant nicht. Er zeigte vielmehr mit einem langen, kalten Finger auf eine bestimmte Stelle, nämlich genau dorthin, wo ein kleiner Zettel auf dem Boden lag.

Das C.HAMAELEON seufzte vernehmlich und bückte sich nach dem mit einer im Mondlicht seltsam altmodisch anmutenden Schrift vollgeschriebenen Fetzen Papier, der sich dem von Müdigkeit schweren Blick des Echs schier aufdrängte. LIES MICH! schien er zu sagen, aber dem C.HAMAELEON war nicht danach. Missmutig klaubte es den Zettel vom Boden auf, pinnte ihn mit einer Nadel an seinen alten Platz an der Wand und wandte sich wieder dem Fenster zu.
Dummerweise hatte es nun das Gefühl, von zwei Seiten belagert zu werden. In seinem Rücken hörte es geradezu den aufgespießten Papierfetzen flehen: LIES MICH!, während ihn draußen vor dem Fenster die unerbittliche Anwesenheit des Vollmondes zu verspotten schien, mach doch die Vorhänge zu, zähl von mir aus Schafe, versuch’s doch! Du schaffst es nicht, einzuschlafen, wetten?
Verdammt! Dieser blöde Klumpen kalten Gesteins, der nicht einmal aus eigener Kraft leuchtete, sondern sich im Licht des Taggestirns sonnte, raubte ihm Monat um Monat, Jahr um Jahr den Schlaf! Verflucht sei er, der selbst nichts als ein Gefangener der irdischen Anziehung war und sich aufspielte wie ein…

Ein Schatten verdunkelte für den Bruchteil eines Augenblicks das helle Viereck des Fensters, doch bevor das Echsenwesen, das für gewöhnlich blitzschnell reagierte, durch den andauernden Schlafmangel allerdings mehr als beeinträchtigt war, sehen konnte, was da vorbeigehuscht war, fiel bereits wieder das verhasste kalte Licht ins Zimmer. Was vor wenigen Augenblicken noch nur einen Finger breit gewesen war, hatte nun begonnen wie eine stetig größer werdende fette weiße Spinne die Wand herauf zu kriechen, schon tastete es nach dem Zettel, der immer noch wisperte: LIES MICH!

Das C.HAMAELEON wusste, wann es verloren hatte und gab sich geschlagen. Es verließ seinen Platz am Fenster, um den harmlos wirkenden und jetzt auch stummen Zettel genauer anzuschauen. Normalerweise hätte es sich dazu nicht bewegen müssen; seine Sehkraft war legendär – leider nur am Tage. Es beugte sich vor, bis seine Nase fast das Papier berührte und las:

Osterei1
Mir gefällt das hier auch nicht, murmelte es leise, und ich will genauso wenig hier sein wie du, Felian.

„Was redest du da? Bist du jetzt schon so weit, dass du mit einer deiner Phantasiefiguren sprichst?“

Dieses Mal war sich der Echs sicher: er hatte sich die Stimme nicht eingebildet. Sie kam von hinter seinem Rücken, dort, wo vor dem Fenster der Schatten vorbeigehuscht war. Und auch das Kichern, das kurz darauf folgte, entsprang nicht seinem von Schlaflosigkeit gepeinigten Geist.

„Zeig dich, Schabenbiss und Rattenschiss!

Oh Mann, jetzt redete er schon wie Felian! Er war DAS C.HAMAELEON!

„Also komm schon raus, ich hab dich sowieso gesehen, ich weiß, dass du da bist!“,

versuchte er es etwas freundlicher (es hörte ihn ja niemand, wie er mit einem Phantom redete), und zu seiner Überraschung tauchte auf der Fensterbank, sozusagen aus dem Nichts, eine schattenhafte Gestalt auf. Sie hatte einen merkwürdig spitzen Hut auf dem Kopf und ebensolche Ohren, eine Silhouette, die der Echs jederzeit wiedererkannt hätte. Sie starrte einem in Hintermwald nämlich von sprichwörtlich jedem Baum, jeder Hauswand, jeder Werbetafel und was sich sonst noch anbot, dort ein Plakat zu befestigen, entgegen.

„LIPPOLINO?“

Er schloss die schweren Lider, doch als er sie wieder öffnete, war das Maskottchen immer noch da und grinste ihn an. Moment mal, das ist nur ein Rattenschiss, ähm, Schattenriss, du kannst gar nicht sehen, ob es grinst. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und räusperte sich.

„Was machst du hier?“

Eine saublöde Frage an eine Figur, die sich irgendein Werbefritze ausgedacht hatte, die nicht real war.

„Ich bin ein Waldkobold.“

Die Stimme Lippolinos klang leicht gekränkt, und der Echs konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese… dieser Kobold seine Gedanken lesen konnte.

„Stimmt. Kann ich. Du findest mich idiotisch, kann das sein? Überflüssig? Betrachtest mich als  Kommerzscheiß?“

Dem Echs troff inzwischen der Schweiß aus allen Poren. Warum redete das Ding mit ihm? Wie lange hatte er jetzt eigentlich schon kein Auge zugetan? Sechsunddreißig Stunden? Siebenunddreißig? Hieß es nicht, dass Schlafmangel Halluzinationen verursacht? Einfach nicht beachten. Auch eine Fata Morgana soll man besser ignorieren.

„Gib dir keine Mühe. Wie ich schon sagte, ich bin ein Waldkobold. Und nicht etwa ein Elf, wie du irgendwann mal zu jemandem gesagt hast. Warum bloß meint jeder, alles was spitze Ohren sein Eigen nennt, sei ein Elf? Sind Kaninchen Elfen? Oder etwa Waldohreulen?“

Der Kobold klang nun unüberhörbar aggressiv.

„Also, nimm es hin. Ich bin kein Elf und ich bin keine Ausgeburt deiner Phantasie. Und ich habe einen Wunsch.“

Die Art, wie das Maskottchen Wunsch sagte, machte deutlich, dass es darauf nur eine Antwort geben konnte.

„Dein Wunsch sei mir Befehl.“

Das C.HAMAELEON bereute es sofort, doch es war zu spät. Zufrieden nickte der verdammte Waldkobold mit dem Kopf, was den spitzen Hut bedenklich wackeln ließ, und erwiderte leicht von oben herab,

„Ich habe nichts anderes erwartet. Aber kommen wir zur Sache. Du bist ein Schriftsteller. Und deshalb wirst du mich in deinem nächsten Roman auftauchen lassen. Wie war noch der Titel? Irgendwas wie DIE RÜCKKEHR DER GEFÄHRTEN ZU DEN TÜRMEN DER DREI KÖNIGE, oder?“

„Zwei Könige“, murmelte der Echs erschöpft, „es sind nur zwei.“

„Auch gut, ist mir egal. Jedenfalls will ich da auftauchen. Ich dachte an eine herzergreifende Szene mit einem Einhorn. Ich finde es nämlich ziemlich ungerecht, dass du dem Vieh in deinem letzten Buch Tränen und was weiß ich noch alles angedichtet hast, während kein einziger Waldkobold auftaucht. Im ganzen Buch nicht ein einziger! Dabei sind wir ziemlich zahlreich. Wenn ich jetzt pfeifen würde…“

„Nein, ist nicht nötig, ich glaube dir das auch so.“

Der Echs machte eine zittrige Handbewegung.

„Gut, dann sind wir uns also einig? Ich komme nächsten Vollmond mal wieder vorbei. Du bist ja wach. Carpe noctem oder so.“

Wieder dieses Kichern, das dem Echs durch Mark und Bein ging. Als er sich wieder einigermaßen gefasst hatte stellte er fest, dass er alleine war. Er knipste das Licht an, schloss den Vollmond aus und drehte sich zu der mit Zetteln übersäten Wand um. Ein Schauer überlief ihn, als er zwischen den Notizen das vertraute Bild eines Koboldes entdeckte, der ihn herausfordernd angrinste.
Das C.HAMAELEON schlurfte hinüber zu seinem Schreibtisch und fuhr den Computer hoch.

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