Rochade

Phantasie über einen Satz von A.


Mein England… London. In der Morgendämmerung über den vollgekoteten Trafalgar Square und an der Themse neben dem Riesenrad sitzen und Musik hören. Den Obdachlosen mit dem man Schach spielte, gab es da auch…

1
Wie immer sitzt er auf der Bank nahe der Nelson-Statue. Kein schlechter Platz, hier kommen immer jede Menge Touristen vorbei, und denen sitzt das Geld locker. So wandert die eine oder andere Münze in die Dose, die er vor sich aufgestellt hat neben dem Pappschild, auf dem in ungelenken Buchstaben „Veteran bittet um Ihre Spende“ steht. Er schenkt den Vorbeigehenden wenig Aufmerksamkeit und auf das Geräusch eines Geldstücks, das seinen Weg in die Dose findet, reagiert er höchstens mit einem undefinierbaren Brummen. Um sich herum hat er seine Habseligkeiten drapiert wie einen letzten Versuch, draußen von drinnen zu trennen, was ihm allerdings nicht immer gelingt. Manchmal setzt sich irgendein unsensibler Schnösel, der meint, besonders aufgeschlossen zu sein, wenn er sich vor einem Penner nicht ekelt, dazu und erträgt tapfer und aufgeklärt eine Weile das Miasma aus Urin, Alkohol und allgemeinem Ungewaschensein, bis er es nicht mehr aushält und mit einem gemurmelten „schönen Tag dann noch“ das Weite sucht. Fred, ich habe ihn Fred genannt, keine Ahnung, ob er so heißt, aber irgendeinen Namen muss er ja haben, Fred also straft derlei ungehobeltes Verhalten mit Nichtachtung, wartet bis die Heimsuchung vorbei ist, und nur daran, dass er seine Sonnenbrille aufsetzt kann man sehen, dass er den Wunsch hat für sich zu bleiben.

Als ich hierher gezogen bin, hatte ich jeden Morgen, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit an ihm vorbeilief ein schlechtes Gewissen, hing ich doch der romantischen und überaus weltfremden Vorstellung an, dass jeder Mensch ein Dach über dem Kopf und genug zu essen haben sollte. Doch mit der Zeit gewöhnte ich mich an Freds Anwesenheit wie an die der Touristen, des Hundekots auf den Straßen und des ewig miesen Wetters, nicht schön, aber unvermeidbar, wenn man in London lebt. Ab und zu warf ich ein paar Pence in die Dose, meistens aber nahm ich den Mann auf der Bank nicht einmal mehr wahr. Ab und zu saß er mal nicht auf seiner Bank, aber auch Penner haben schließlich ein Recht auf Urlaub, finde ich. Freds Abwesenheiten dauerten aber nie länger als eine Woche, dann tauchte er mit der Zuverlässigkeit eines dicken Schädels nach einer durchsoffenen Nacht wieder auf.

Fred wurde – ohne dass ich es gewollt hätte – eine Konstante in meinem Leben. Er war da, ich hastete, schlenderte oder rannte an ihm vorbei, morgens in die eine, abends in die andere Richtung. Irgendwo musste er einen Schlafplatz haben, denn nach dem Dunkelwerden verschwand er für gewöhnlich, ich habe ihn nie auf der Bank schlafen sehen. Er stand auf, packte seine Sachen zusammen, salutierte in Richtung Lord Nelson und schlurfte die Straße hinunter Richtung Themse. Ich habe mich nie gefragt, wo er seine Nächte verbrachte, ob er vielleicht Freunde hatte oder ob er in einem der Obdachlosenasyle unterkam, die unermüdlich den menschlichen Abfall schlucken, der Londons Straßen säumt.
Das hätte ewig so weitergehen können, wenn ich nicht eines Abends kein Kleingeld gehabt, dafür aber einen Anflug meines alten schlechten Gewissens gespürt hätte. Ich war schon fast an ihm vorbei, als ich mich umdrehte und ihn fragte: „willste ne Kippe?“
Fred setzte seine Sonnenbrille auf, angesichts der bereits hereinbrechenden Dämmerung ein deutliches Signal, dass ich bitte Abstand halten solle, brummte dann aber „klar, wieso nich. Ich nehm auch zwei.“ Überrascht von so einem Wortschwall aus seinem Mund streckte ich ihm drei meiner Selbstgedrehten hin und legte sie, als er keinerlei Anstalten machte sie mir abzunehmen, in seine Dose.
„Haste auch noch n paar Streichhölzer?“
Ich kramte in meiner Manteltasche nach meinem Feuerzeug und legte es kommentarlos zu den Zigaretten. Mit einem knappen Nicken nahm er meinen Tribut an mein moralisches Empfinden zur Kenntnis. Etwas irritiert blieb ich noch einen Moment stehen, in Erwartung eines Dankes oder zumindest irgendeines weiteren Wortes, bis mir klar wurde, dass dieses Neigen des Kopfes zugleich bedeutete, dass ich entlassen sei. Ich entfernte mich so würdevoll wie möglich, konnte mich aber des Gefühls nicht erwehren, eine Lektion erhalten zu haben, die ich nicht ganz verstand.

Als ich am nächsten Morgen das Haus verließ, befand ich mich in einer seltsam aufgekratzten Stimmung. Ich lief die Straße entlang und hielt schon von weitem nach Fred Ausschau, beinahe hätte ich ihm wie einem alten Bekannten zugewinkt, als ich näher kam und ihn wie immer auf seiner Bank sitzen sah.
„Hallo, wie geht’s?“
Keine Reaktion. Ich musste mir eingestehen, dass das auch keine besonders intelligente oder gar originelle Frage war an einem Morgen, so grau und feucht, wie er nur in London sein kann. Trotzdem fühlte ich mich peinlich berührt und bloßgestellt und fand, dass ich so eine Behandlung nicht verdient hatte, nicht nach gestern Abend, immerhin hatte ich ihm mein Feuerzeug und drei meiner Zigaretten überlassen! Ich beschloss, Fred von nun an zu ignorieren. Ich gewöhnte mir an, Kopfhörer aufzusetzen und so zu tun, als sei ich in meine Musik vertieft und bemerke ihn gar nicht, was natürlich albern war, denn je mehr ich ihn mit Nichtbeachtung strafte, desto stärker war ich mir seiner Existenz bewusst.
Nach einigen Wochen gab ich die Sache mit den Kopfhörern wieder auf, nachdem ich einmal beim Überqueren des Trafalgar Square beinahe von einem Auto, das ich wegen der lauten Musik nicht gehört hatte, überfahren worden wäre.
Seltsamerweise normalisierten sich damit die Dinge und der Zustand von vor dem, was ich für mich „die Lektion“ nannte, war wieder hergestellt.

2
„Lust auf eine Partie Schach?“ höre ich Freds tiefe Stimme. Kurz überlege ich, so zu tun, als hätte ich nichts gehört, doch meine Neugier siegt. Ich bleibe stehen, schaue mich um, als meine er nicht mich.
„Du, ja, dich mein ich.“
Tatsächlich steht neben ihm auf der Bank ein Schachbrett, darauf aufgebaut die Figuren, bereit zum Spiel. Nur zwei Bauern fehlen.
„Schwarz oder weiß?“ hält er mir beide Fäuste hin.
Ich tippe auf die Linke.
„Schwarz.“
Er stellt die Bauern zurück auf ihren Platz. Mit dem unbestimmten Gefühl, eine unsichtbare Grenze zu überschreiten, setze ich mich zu ihm auf die Bank und warte darauf, dass er etwas sagt. Schweigend schaut er auf das Brett, brummt irgendetwas, zieht einen Bauern und lehnt sich abwartend zurück. Ohne lange zu überlegen ziehe ich den Königsbauern, unverzeihlich, denke ich, doch da ist es schon zu spät. Nervös mustere ich meinen Gegner, der mir völlig entspannt gegenübersitzt, die Augen verborgen hinter der unvermeidlichen Sonnenbrille, und keine Miene verzieht. Ich weiß nicht, ob er mich ebenfalls ansieht und mir ist unbehaglich zumute. Warum habe ich mich nur auf das Spiel eingelassen?

Doch schon nach wenigen Zügen hat mich das Spiel gepackt, ich vergesse, wo ich mich befinde und sehe nur noch das Brett und die Figuren. Fred ist ein guter Spieler, effizient und rücksichtslos, jedoch niemals unbedacht. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, der Schweiß steht mir auf der Stirn, neben dem Brett liegen mehrere meiner Bauern und Offiziere, mit eiskalter Präzision aus dem Weg geräumt. Ich habe mir die Partie aus der Hand nehmen lassen, weiß, dass ich geschlagen bin, führe einen letzten Verzweiflungszug aus und schaue zum ersten Mal meinem Gegner ins Gesicht. Er setzt seine Sonnenbrille ab und erwidert meinen Blick, bevor er mir den Todesstoß gibt.
„Schachmatt.“
Behutsam legt er die Sonnenbrille auf das Brett, steht auf und blickt sekundenlang auf mich herunter. Dann wendet er sich ab und geht. Ich sehe ihm nach, wie er ohne Eile die Straße entlang schlendert und irgendwann in der Menge der Passanten verschwindet. Lord Nelson auf seiner Säule würdigt er keines Blickes.

3
Wie immer sitze ich auf der Bank nahe der Nelson-Statue. Kein schlechter Platz, hier kommen immer jede Menge Touristen vorbei, und denen sitzt das Geld locker. So wandert die eine oder andere Münze in die Dose, die ich vor mir aufgestellt habe neben dem Pappschild, auf dem in ungelenken Buchstaben „Veteran bittet um Ihre Spende“ steht.
Ich warte.
Seit einiger Zeit beobachte ich einen jungen Kerl, der jeden Tag hier vorbeiläuft. Er hat diesen gewissen Ausdruck im Gesicht, schuldbewusst irgendwie. Ich habe ihn durchschaut, ich kenne ihn so gut wie mich selbst.
Er ist keiner von denen, die sich neben mich setzen, dazu ist er zu höflich. Manchmal wirft er ein paar Pence in meine Dose, ein anderes Mal scheint er mich gar nicht wahrzunehmen. Vor ein paar Tagen hat er mir ein Bier spendiert. Er hielt es mir hin, aber ich habe ihn ignoriert; also stellte er die Flasche vor mir auf den Boden, stand noch eine Weile unschlüssig herum und ging dann weiter. Seitdem behandelt er mich wie Luft.
Ich habe Zeit. Ich warte. Geduldig wie eine Spinne in ihrem Netz.

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