Zugfahrt


Als der Zug endlich einfährt, wie immer mit einer satten Verspätung, schultert sie ihre Reisetasche, diesen ledernen Anachronismus zwischen all den schwarzen Trolleys auf dem Bahnsteig, und stellt sich an den Rand einer der Menschentrauben, die sich sofort um die sich öffnenden Türen bilden.
Sie hat diesen Ansturm nie verstanden, diesen Eifer, mit dem jeder der Erste sein will, der den Zug entert und wartet geduldig, bis der Letzte vor ihr eingestiegen ist.
Drinnen herrscht ein reges Auf und Ab, überall sind Menschen, die ihr Gepäck in den zu kleinen Ablagen über den Sitzen verstauen, ärgerliches Gemurmel, Kindergeschrei. Ein Zugbegleiter versucht erfolglos, das Chaos zu ordnen, beantwortet geduldig die Fragen der Vielen und lächelt professionell dabei.
Sie hat einen Platz am Fenster gebucht, das ist ihr wichtig, das Hinaussehen, die vorbeiziehenden Dörfer, Landschaften, Bahnhöfe während der langen Fahrt. Als sie stehen bleibt, rammt ihr ein Anzugträger seinen schicken Trolley in die Hacken. Sie hegt eine ausgeprägte Abneigung gegen diese hässlichen Ungetüme, gegen das laute Klackern der Rollen, das signalisiert: Geht mir aus dem Weg! Ich habe es eilig! Also schleppt sie in einem Akt irrationalen Widerstands und gegen jede Vernunft ihre geliebte alte Tasche auf jeder Reise mit sich herum.
Und nun hilft ihr doch tatsächlich der Anzugträger, vielleicht, um seine Achtlosigkeit wieder gutzumachen, die Last nach oben zu stemmen. Dankbar lächelt sie ihm kurz zu und lässt sich dann erleichtert auf ihren Sitz fallen.
Draußen lärmt eine Schulklasse, zwei Lehrer versuchen den Überblick zu behalten über die hin -und her rennenden Kinder und gleichzeitig die Rucksäcke, die sich zu einem bunten Haufen türmen, nicht aus den Augen zu verlieren. In einer Mischung aus Mitleid und Amüsement beobachtet sie das Geschehen. Ihr Blick wandert zu der Anzeige am gegenüberliegenden Gleis. Freiburg. Geplante Ankunft 08:35 Uhr. Eine Klassenfahrt, sicher in den Schwarzwald, Hornisgrinde, da gibt es ein Schullandheim.
Ein leichtes Rucken, und der Bahnsteig beginnt sich zu bewegen. Es hat sie schon als Kind fasziniert, dieses Gefühl, nicht man selbst entferne sich, sondern die Welt draußen habe plötzlich beschlossen, nicht länger auszuharren an dem für sie vorgesehenen Ort.
Der Zug rollt schneller, der Bahnhof hat nun doch beschlossen, zurückzubleiben, Gleise laufen ineinander und nebeneinander, bunt besprühte Güterzüge auf Abstellgleisen leuchten in der Morgensonne, ein alter Wasserturm fliegt vorbei. Es folgen die Schrebergärten, das neue Gewerbegebiet, Vororte, das was sie Schlafdörfer nennt, Siedlungen ohne Gesicht.
Der Platz neben ihr ist immer noch frei, was ihr ganz recht ist. So kann sie ihren Gedanken nachhängen ohne von der zu nahen Anwesenheit eines fremden Menschen gestört zu werden. Draußen wird es grün, eine Kinderlandschaft: Bäume, sanfte Hügel, Wiesen, auf denen Kühe grasen, Bauernhöfe, und über allem ein feiner Nebel, der im Licht des frühen Morgens die Dinge weichzeichnet.
Im Wagen ist es nun stiller, jeder hat sich eingerichtet, sie hört leises Rascheln, jemand packt da wohl sein Frühstück aus, eine gedämpfte Stimme, ja, der Zug hat Verspätung, ich rufe dich an, wenn ich…
Sie verfolgt das Telefonat nicht weiter, sondern lässt sich davontragen.

Am Himmel kreist ein Greifvogel, ein Milan oder ein Bussard, sie weiß es nicht genau. Sie stellt sich gerne vor, sie könne durch seine Augen die Welt sehen, als Miniatur. Von Zeit zu Zeit würde sie sich hinabstürzen, einen Moment wie eine Maus ergreifen mit ihren scharfen Klauen, und wieder aufsteigen. Dann würde sie zu ihrem Horst zurückkehren und ihre Beute genießen.
„Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie an Bord des ICE Nürnberg mit Ziel Berlin über Frankfurt, Kassel, Braunschweig, Wolfsburg. Wir haben zurzeit eine fünfundzwanzigminütige Verspätung und werden uns bemühen….“

„Ist hier noch frei?“ reißt eine Stimme sie aus ihren Überlegungen. Unwillig dreht sie den Kopf dem Störenfried zu. Im Gang steht ein kleiner Mann, dessen schmale Schultern vom Gewicht einer verschossenen Jacke nach unten gedrückt werden.
„Verzeihen Sie, ich wollte nicht stören.“ Schon wendet er sich ab, um weiterzugehen.
„Nein nein, setzen Sie sich. Ich war nur in Gedanken. Ich wollte nicht unhöflich sein.“
Sie räumt ihren Mantel und das Buch zur Seite, das unaufgeschlagen auf dem Sitz liegt. Dann wendet sie sich wieder dem Fenster zu.
Draußen fliegt immer noch die Landschaft vorbei, doch die Gegenwart ihres Sitznachbarn lenkt sie ab, obwohl von ihm, nachdem er sich gesetzt hat, nichts zu bemerken ist, fast so, als sei er gar nicht da. Aus den Augenwinkeln mustert sie die Kleidung des Männleins, die Hose ist noch ein bisschen verblichener als die Jacke und an manchen Stellen fleckig. Ihr Blick bleibt an den Händen hängen, die bewegungslos auf den Oberschenkeln des Mannes ruhen. Sie sind schmal, gebräunt, als sei ihr Besitzer viel in der Sonne, und über ihren Rücken zieht sich ein Geflecht gut sichtbarer Adern. Ein alter Mann. Unauffällig betrachtet sie sein Gesicht von der Seite, die feine Kinnlinie, den schmalen Mund, auf dem ein unmerkliches Lächeln zu liegen scheint, die kühne Raubvogelnase, eine hohe Stirn, weiße, fedrige, zurückgekämmte Haare. Aristokratisch, trotz der zahlreichen Bartstoppeln. Er hat die Augen geschlossen; sie liegen tief in ihren Höhlen und die sie umgebenden zahlreichen Falten bilden einen Kranz. Und plötzlich wünscht sie sich, er möge die Augen öffnen, damit sie sehen kann, ob sie in dieses Gesicht passen.
Als habe er ihren stummen Wunsch gehört, sieht er sie an und sie ist sich nicht mehr sicher, ob er das nicht vorher schon getan hat und auch nicht, ob sie sich das lieber nicht hätte wünschen sollen. Diese Augen sind beängstigend…scharf ist das einzige Wort, das ihr dazu einfällt, die Augen eines Jägers.
„Was tätest du mit diesen erbeuteten Augenblicken? Würdest du damit spielen, um sie danach sofort zu vergessen?“
Kann dieser Alte ihre Gedanken lesen? Woher weiß er von ihrem Tagtraum?
„Oder gehörst du zu denen, die jeden Moment sezieren, bis nichts mehr davon übrig bleibt?“
Ihr läuft ein Schauer über den Rücken.
„Träumst du davon, zu fliegen, weil du weiter sehen willst als es dir zusteht? Oder weil du fern sein willst vom wahren Leben?“
Woher nimmt er sich das Recht, sie einem derartigen Verhör zu unterziehen? Er kennt sie doch gar nicht! Trotzig sieht sie ihn an.
„Komm mit! Ich werde dir etwas zeigen.“
Der Alte macht eine auffordernde Bewegung.

Die Welt um sie herum ist unendlich weit, die Luft ist klar und sie steigt höher und höher, in einem sanften Aufwind, der sie in die große Bläue trägt. Sie breitet die Schwingen aus, vertraut sich diesem warmen Luftstrom an, der um sie ist. Und zum ersten Mal ist sie frei von Wünschen, Sehnsüchten, frei von kleinlichen Ängsten, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Sie legt die Flügel an und stürzt sich hinab, überlässt sich dem freien Fall, dieser Kraft aus der Erde, die sie zurückhaben will, schlägt wenig über dem Boden kräftig mit den Flügeln und das Spiel des Aufsteigens beginnt von neuem, in einem endlosen Kreislauf, und sie ist glücklich.

„Verzeihen Sie, wenn ich störe, aber wir sind gleich in Berlin. Sie haben fest geschlafen, und da dachte ich mir, es ist besser, Sie zu wecken.“
Verwirrt öffnet sie die Augen und richtet sich auf. Neben ihr sitzt eine ältere Dame, die sie nun entschuldigend anlächelt.
„Wo ist der alte Mann?“
“Welcher alte Mann? Als ich in Braunschweig einstieg, war der Platz neben Ihnen leer. Sie haben geträumt, nicht wahr?“
Die Frau zwinkert ihr verständnisvoll zu.
„Muss ein schöner Traum gewesen sein. Sie sahen so glücklich aus.“

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