3 Filme aus Israel


Israel leidet unter der Last eines doppelten Handicaps: der unauslöschlichen Erinnerung an die Shoah und dem Makel der Vertreibung der Palästinenser. In allen drei Filmen sind diese Traumata immer präsent, jedoch auf sehr unterschiedliche Weise.


Die Band von nebenan                  اللقاء الأخير                 ביקור התזמורת

Ein ägyptisches Polizeiorchester landet auf dem Weg zu einem palästinensischen Kulturfest durch ein Missverständnis in einem gottverlassenen israelischen Wüstenkaff. Da sie an diesem Tag keine Chance mehr haben von dort weg zu kommen, lassen sich die Männer auf die mit wenig Begeisterung ausgesprochene Einladung der Besitzerin der örtlichen Kneipe ein, bei ihr und einem ihrer Gäste zu übernachten.
Was nun folgt, ist eine Begegnung der besonderen Art: man ist sich fremd, weiß, dass man sich auf vermintem Gelände bewegt, wenn man sich auf den jeweils Anderen einlässt. Trotzdem geschehen in dieser Nacht, auf ganz unspektakuläre Weise erzählt, Dinge, die eigentlich unmöglich sind. Man redet, geht tanzen, macht Musik, singt und liebt…
Besonders zwischen Tawfiq, dem alternden Leiter des Orchesters, und Dina, der schönen Besitzerin des kleinen Restaurants, entsteht in dieser Nacht eine Nähe, die sich langsam, tastend entwickelt, eine Begegnung, in der, obwohl vieles unausgesprochen bleibt, am Ende eine große Vertrautheit steht. 
Als die Band am nächsten Morgen wieder abreist, hat sich bei den beteiligten Menschen viel verändert.
Der Film lebt von den kleinen Gesten, von Blicken, Handbewegungen. Niemals ist er plump, er trägt keine Botschaft vor sich her, er wird niemals sentimental. All das ist eine Leistung des Regisseurs und der Schauspieler, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Dazu kommen ruhige Bilder von einer atemberaubenden Schönheit, die oft von der Kargheit der Menschen und der Landschaft leben.
Man sollte diesen Film unbedingt im Original sehen. Die meiste Zeit wird ein einfaches Englisch gesprochen, da Gastgeber und Gäste keine gemeinsame Sprache haben. Umso schöner ist es, als einer der Protagonisten ein arabisches Gedicht spricht, ein besonderer Moment des Filmes.


Waltz with Bashir                 ואלס עם באשיר

Der Film ist ein mutiges Experiment des israelischen Regisseurs Ari Folman, der darin Erlebnisse aus dem Libanonkrieg von 1982 verarbeitet. Er hat dabei ein ungewöhnliches MIttel gewählt, um das Trauma des Krieges fühlbar zu machen: dokumentarische Texte, Interviews und eigene Erinnerungen wurden zuerst gefilmt, dann von verschiedenen Comic-Künstlern gezeichnet und anschließend animiert. Das gab dem Regisseur die Möglichkeit, über die rein dokumentarische Darstellung hinaus die Schrecken  dieses Krieges zu visualisieren und sie dem Zuschauer nahe zu bringen, der vielleicht durch die Bilder, die er täglich in den Nachrichten sieht, bereits abgestumpft ist. In den letzten Einstellungen kehrt der Film zu realen Bildern zurück; man wird Zeuge der Verzweiflung der Menschen nach den Massakern der libanesischen Phalange in den palästinensischen Flüchtlingslagern Saabra und Shatila, ein Ende, das kaum zu ertragen ist und den Betrachter brutal aus der bequemen Sicherheit des unbeteiligten Zuschauers reißt und zur Stellungnahme zwingt.
Im Gegensatz zu Die Band von nebenan ist dieser Film offensiv politisch; allerdings verweigert auch er sich einer einfachen Antwort auf die Frage nach der Schuld in diesem Konflikt.


Alles für meinen Vater

Alles für meinen Vater 3Ich habe überlegt, ob ich diesen Film hier mit reinnehmen soll, denn anders als die beiden anderen ist er nicht herausragend. (ich entschuldige mich in aller Form bei dem Regisseur für diese Einschätzung). Was mich bewegt hat, ist aber gerade der Regisseur, Dror Zahavi, den ich bei der Aufführung des Filmes im Kino, nach der er sich den Fragen des Publikums stellte, als engagiert und authentisch erlebt habe.
Alles für meinen Vater 2Der junge Palästinenser Tarek geht nach Tel Aviv mit dem Auftrag, sich dort auf dem Marktplatz in die Luft zu sprengen und dabei möglichst viele Israelis mit in den Tod zu reißen. Als der Zünder des Sprengsatzes versagt, versucht er, bei einem jüdischen Elektrohändler Ersatz zu beschaffen. Da aber Sabbat ist, verzögert sich die Lieferung des Ersatzteiles und so ist Tarek gezwungen in Tel Aviv zu bleiben. Er begegnet den Menschen in dem Viertel, in dem der Händler Katz und seine Frau ihr Geschäft haben, verliebt sich in Keren, die gegen die überkommenen Konventionen der Gesellschaft, in der sie lebt, rebelliert, er telefoniert mit seinem Vater, einem gebrochenen Mann, dessen Leid das Motiv für Tarek darstellt, sich zu opfern. Als das Ersatzteil eintrifft, muss Tarek sich entscheiden, für das Leben oder den Tod. Alles für meinen Vater

Man kann dem Film vorwerfen, dass die Ausgangssituation konstruiert ist, dass die Geschwindigkeit, mit der der Palästinenser vertrauten Umgang mit den beiden Alten pflegt, ja fast Freundschaft schließt, unglaubwürdig ist. Trotzdem hat er seinen Platz hier verdient: als Aufschrei gegen die unmenschlichen Bedingungen in einem zerrissenen Land.

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