Oh Boy


Woke up, fell out of bed
Dragged a comb across my head
Found my way downstairs and drank a cup
And looking up, I noticed I was late
(The Beatles, A Day In The Life)

Oh Boy 4


Manchmal ist nichts, aber auch gar nichts in Ordnung. Für Niko, einen jungen Mann Ende zwanzig, beginnt ein neuer Morgen in Berlin damit, dass er zu einem Gespräch mit einem Psychologen geladen ist, der feststellen soll ob der Prüfling geeignet ist, weiterhin einen Führerschein sein Eigen zu nennen.
oh boy 2Schon in dieser ersten längeren Szene zeigt sich Nikos Widerständigkeit gegenüber den Unbilden des Alltags. Der Psychologe fühlt sich von der Schweigsamkeit des jungen Mannes provoziert, verstrickt ihn in ein absurdes Gespräch, stellt ihm Fallen, die offensichtlich Nikos Intelligenz beleidigen und gegen die dieser sich auf seine passive Art wehrt. Zuletzt entlässt der Prüfer Nico ohne seinen Führerschein. Dies ist der Beginn eines langen Tages, an dem Niko sich in der Stadt verliert, Menschen begegnet, die ebenso verloren sind wie er und doch Sehnsucht danach haben, jemandem ihre Geschichten zu erzählen.
Oh Boy 5Er trifft seinen Vater, der sich weigert, ihn weiter finanziell zu unterstützen, nachdem er herausgefunden hat, dass Niko sein Studium schon vor langer Zeit abgebrochen hat und nun in den Tag hinein lebt. Er ist eine Enttäuschung für den glatten Geschäftsmann, der, einen ihm die Stiefel leckenden Angestellten im Schlepptau, auf dem Golfplatz Bälle schlägt und in seinem Sohn nur einen Versager sieht.
Es sind viele Menschen, auf die Niko im Laufe dieser vierundzwanzig Stunden trifft: Matze, einen erfolglosen Schauspieler, der sein Scheitern hinter großartigen Gesten versteckt, Julika, eine ehemalige Klassenkameradin Nikos, die sich nicht aus ihrer Vergangenheit als von ihren Mitschülern drangsaliertes und verachtetes Mädchen lösen kann, seinen Nachbarn, der sich seinen Kummer über seine unglückliche Ehe von der Seele redet und Niko eine Schüssel Fleischbällchen, die seine schwerkranke Frau in manischer Besessenheit zubereitet hat, aufdrängt.Oh Boy 3
In einem Café versucht er erfolglos, einen gewöhnlichen schwarzen Kaffee zu bekommen, während die Bedienung ihm in schönem Schwäbisch klarmacht, dass es so etwas Einfaches in ihrem Café nicht gibt, sondern dass er wählen müsse zwischen Capuccino, Latte oder anderen Erfindungen urbaner Hipster.

Niko lässt sich treiben durch ein Berlin, wie man es selten sieht in Filmen, die in der Hauptstadt spielen, ohne Siegessäule, Brandenburger Tor oder Checkpoint Charlie. Stattdessen schweift das Auge der Kamera über die Dächer, in der Ferne ist der Funkturm zu sehen, seltsam klein und unbedeutend, in den Straßen quietscht die S-Bahn und am Kottbusser Tor sammeln sich die Polizeimannschaftswagen.oh boy 1
Irgendwann in der Nacht strandet er in einer trostlosen Kneipe, dort, wo die Gescheiterten und Einsamen am Tresen ihre Verlorenheit mit Alkohol hinunterspülen. Ein betrunkener Alter erzählt ihm seine Geschichte, es ist eine Beichte über persönliches Versagen angesichts von Willkür und Gewalt, ein Trauma, das ihn nie verlassen hat.
Auch dieser Mann würde wieder hinaus in die Nacht verschwinden, nur eine weitere Episode dieses langen Tages, doch er bricht auf dem Bürgersteig zusammen. Niko begleitet den Bewusstlosen ins Krankenhaus, wo dieser stirbt.Oh_Boy_1

Oh Boy ist in wunderbarem Schwarzweiß gedreht, das die Tristesse der Großstadt unterstreicht, ohne klischeehaft zu wirken. Die Kamera nähert sich behutsam den Menschen, zeigt ihre Verletzlichkeit, ihre Wut, aber auch ihre Hoffnung, die Dinge möchten vielleicht eines Tages besser laufen.
Da ist Nikos Gesicht, sehr weich und sensibel, doch mit einer Eigenwilligkeit, die von den Menschen, denen er begegnet nicht wahrgenommen oder unterschätzt wird. Seine Wehrlosigkeit ist nur scheinbar, seine Passivität, die die anderen dazu verführt, sich in ihm wie in einer glatten Oberfläche zu spiegeln, verschleiern, dass da einer ist, der nicht bereit ist, sich den Zumutungen des Daseins einfach zu beugen, auch wenn er zu schwach ist für offene Rebellion.

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